Die Bücherschmuggler von Timbuktu

Charlie English: Die Bücherschmuggler von Timbuktu. Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes.
Hoffmann und Campe 2018.

Charlie English, der für dieses Buch seine Stelle als Auslandsredaktor bei der Zeitung «The Guardian» aufgegeben hat, erzählt die Geschichte dieser Manuskripte, von deren – aus europäischer Sicht – Entdeckung durch die Engländer, deren Bekanntmachung in der Forschung durch einen der gegenwärtigen Bibliothekare und schliesslich von deren Rettung vor den Eroberern Timbuktus 2013.
English führt die Leserschaft durch die dilettantisch-abenteuerlichen Exkursionen der Engländer im 19. Jahrhundert ins afrikanische Inland, die alle nicht wieder heimkehren, deren letzter, Alexander Gordon Laing, 1826 aber immerhin ein Brief aus Timbuktu schreiben kann, in dem er angibt, er sei «…vollauf damit beschäftigt, Aufzeichnungen in der Stadt zu suchen, die reichlich vorhanden sind…» (Sehr zum Ärger des British Empire ist es ein Franzose, der wenige Jahre nach Laings Tod als erster Timbuktu erreicht, lebend von der Expedition zurückkommt, das Preisgeld der «Royal Geographic Society» einstreicht und damit eine diplomatische Krise auslöst.) Für die Geschichte und Quellen Westafrikas interessiert sich aber erst der Deutsche Forscher Heinrich Barth, der 1853-54 in Timbuktu ist und sowohl in der Stadt als auch auf dem Weg dorthin historische Werke zusammenfasst, teilweise kopiert und so Europäern zugänglich machte, wenn seine Reisebereichte denn gelesen worden wären.
Diese höchst amüsanten historischen Romanepisoden lässt English geschickt parallel laufen mit Reportagen aus dem 21. Jahrhundert über einen Chefbibliothekar und Manuskriptbeschaffer, der im Alleingang abertausende alter Schriften zusammenträgt, über die Ergriffenheit eines amerikanischen Professors ob dieser grossartigen Quellen, über Unabhängigkeitsbestrebungen und Erstarken des westafrikanischen Al Quaida-Ablegers, und schliesslich über die Besetzung Timbuktus, der immer extremeren Durchsetzung der Scharia, der Unterdrückung der Bevölkerung, der Zerstörung aller Kultur, die nicht ins Weltbild der Salafisten passt. Und vom Mut und Erfindergeist all der – bei Weitem nicht perfekten – Menschen, die das Erbe ihrer Stadt unter Einsatz ihres Lebens Kiste für Kiste aus Timbuktu herausschleusten.

«Die Bücherschmuggler von Timbuktu» ist eine gelungene Mischung aus Reportage, historischer Einführung, Abenteuerroman und Polit-Krimi, die gut unterhält und viele Denkanstösse liefert.

«Ich will dich an der Hand führen, um dir die Wunder der Welt zu zeigen…».

Franz und Maria Marc: Briefe. «Ich will dich an der Hand führen, um dir die Wunder der Welt zu zeigen…».
Hg. und kommentiert von Annegret Hoberg. C.H. Beck 2018.

Der expressionistische Maler Franz Marc und Maria Franck lernen sich 1905 bei einem Bauernball in Schwabing kennen und werden bald darauf ein Liebespaar. In den Jahren 1905 bis 1911 und 1914 bis 1916 schreiben sie sich hunderte Briefe und Postkarten. Sie zeugen eindrücklich und sprachgewaltig von der zärtlichen, innigen Liebe des Paares zueinander, aber auch von den Schwierigkeiten, seelischen Tiefs und schliesslich vom schrecklichen Kriegsgeschehen des Ersten Weltkrieges, dem Franz Marc 1916 zum Opfer fiel. Maria schrieb ihren letzten Brief an Franz am Tage seines Todes. Das wunderschön gestaltete Büchlein der textura-Reihe beim Beck Verlag versammelt diese berührenden Schriftzeugnisse, viele davon als Erstveröffentlichung. Annegret Hoberg führt mit kurzen Zwischenkommentaren gekonnt und unaufgeregt durch die chronologisch angeordneten Briefe und liefert damit den nötigen Kontext. Ein Nachwort und eine kurze Doppelbiographie runden den gelungenen Band ab.

High Notes

Gay Talese: High Notes.
Tempo bei Hoffmann & Campe 2018

«Sex, Crime and Video» – so könnte man die Reportagen von Gay Talese betiteln. Einerseits genügt es ihm, kurz hinzuschauen. Ein schneller Blick und er weiss, wie die Geschichte läuft. Andererseits braucht er das langzeitige, begleitende und nahe Hinschauen vielseitig, vielfältig, um Gespräche, Ängste und Alltäglichkeiten «auf den Schirm» zu kriegen. Die berühmtesten und berüchtigsten Reportagen von Talese – über Frank Sinatra, über die Mafia oder über Harold Rubin – sind hier neu auf- und vorgelegt. Die Lesenden sind eingeladen, diese Berichte wie Krimis von Raymond Chandler zu lesen und dabei in atemberaubende und spannende Szenen und Geschichten einzutauchen, die Moral, Gesetz und Wahrheit wie Öl, das nicht hätte auslaufen dürfen, obenauf schwimmen lassen.

Die Abstiegsgesellschaft

Oliver Nachtwey – Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne.
Suhrkamp. 2016

Oliver Nachtwey liefert mit seinem Buch „Die Abstiegsgesellschaft“ ein Fundament für zeitnahe Gesellschaftskritik. Er erläutert den Weg vom sozialen Aufstieg der Nachkriegszeit hin zum Status quo wachsender Prekarisierung. Mit den Methoden der Kritischen Theorie analysiert er die Gegenwart und wirft ein Licht auf aktuelle Formen des Aufbegehrens.

Wie Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ – eine autobiographische Erzählung aus der französischen Arbeiter*innenklasse des letzten Jahrhunderts – wurde auch Oliver Nachtweys „Die Abstiegsgesellschaft“ rasch zum Bestseller. Das mag daran liegen, dass sich die beiden doch sehr unterschiedlichen Bücher in ihrer Diagnose der Gesellschaft ähneln. Beide münden in die Aufforderung an die Linke sich wieder vermehrt dem Begriff der Klasse anzunehmen. In Zeiten, in welchen die strukturell bedingte Chancenungleichheit ansteigt und sich ein guter Teil der davon Betroffenen rechtspopulistischen Parteien zuwendet, scheint dieser Aufruf auf fruchtbaren Boden zu fallen.

Nun ist Nachtweys Buch keineswegs bloss das deutsche Pendant zu Eribons soziologisch gehaltvoller Erzählung. Während Eribon sein Buch autobiographisch aufzieht, bleibt Nachtwey ganz und gar klassischer Soziologe. Anstatt beim Erlebten zu beginnen, knüpft Nachtwey an Daten und Erhebungen an. Das mag auch biographische Gründe haben. Während Eribon als homosexueller Unterschichtsjunge sowohl klassenbedingte wie genderspezifische Diskriminierung am eigenen Leibe zu spüren bekam – und es schliesslich dennoch auf journalistischen Umwegen und entgegen allen Statistiken zum Soziologieprofessor gebracht hat –, wirkt der Lebenslauf von Oliver Nachtwey eher konform. Geboren 1975 im beschaulichen Unna (NRW), 2003 in Hamburg zum Volkswirt diplomiert, promovierte er 2008 in Göttingen zur Frage der Legitimität einer Marktsozialökonomie. Danach arbeitete er einige Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Jena, Trier und Darmstadt, sowie als Fellow am geschichtsträchtigen Frankfurter Institut für Sozialforschung. Ab August dieses Jahres tritt er die Professur für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel an.

Neben der Form unterscheidet die beiden Bücher auch der geographische Fokus. Eribon verbindet seine Studie eng mit dem Unterschichtsmilieu der französischen Vorstadt Reims, welchem er selber entstammt. Auf beeindruckende Weise verdeutlicht er, wie sich in diesem Kontext die Grenzen zwischen den Klassen verstärkt haben und deutet an, weshalb sich die Betroffenen von linken Parteien, die sie früher gewählt haben, verraten fühlen. Nachtwey dagegen nimmt vor allem die Verhältnisse in Deutschland in den Blick. Das Verdikt bleibt – wie gesagt – ein Ähnliches: Bei den westlichen Gesellschaften von heute handelt es sich um im Abstieg begriffene.

Vom Fahrstuhl zur Rolltreppe

Eine eingängige Metapher verbildlicht diese Diagnose: Die aktuelle Gesellschaft, so Nachtwey, gleicht einer nach unten verlaufenden Rolltreppe. Diese Metapher gewinnt an Kontur, wenn man sie dem Begriff des Fahrstuhleffekts gegenüberstellt. Diese spezifisch deutsche Umschreibung der ökonomischen Trickle-down-Theorie wurde von Ulrich Beck geprägt und besagt, dass in den ersten dreissig Jahren der Nachkriegszeit – trotz zuweilen grosser Unterschiede zwischen Arm und Reich – letztlich alle gesellschaftlichen Schichten vom Aufschwung profitierten. Alle nahmen Platz im Aufzug des Wirtschaftswunders. Zudem ging der wirtschaftliche Aufstieg meist mit sozialem Aufstieg einher. Die soziale Mobilität war hoch, soziale Klassenschranken wurden abgetragen, Bildungschancen nahmen zu, der Sozialstaat wurde ausgebaut und war weithin akzeptiert.

Ab Mitte der 70er Jahre begann die Wirtschaft zu schrumpfen und der Wille zur sozialen Integration schwand zunehmend. Die zunehmende Implementierung von Markt- und Wettbewerbsmechanismen führte zu Privatisierung, Abbau des Sozialstaates und Beschneidung von Bürgerrechten. Es wurden vermehrt befristete und prekäre Arbeitsverhältnisse institutionalisiert, womit schwindende Aufstiegschancen und sinkende Mobilität zwischen den sozialen Klassen einhergingen. So fand sich die untere Mittelschicht auf einer nach unten verlaufenden Rolltreppe wieder. Nicht mehr der Fahrstuhl nach oben, sondern die Tendenz des sozialen Abstiegs, versinnbildlicht das Selbstverständnis grösserer Teile der aktuellen Gesellschaft.

Empirisches Fundament, dialektische Umsicht

Nachtweys Diagnose ist nicht neu. Was sein Buch aber besonders lesenswert macht, ist die Ausgewogenheit zwischen Weitblick und Präzision. Grobe Entwicklungsstriche werden durch umfassende Statistiken und Literaturverweise gestützt, ohne dass sich Nachtwey in den Daten verheddert. In schnörkelloser Sprache verknüpft er so unterschiedliche Themengebiete wie statistische Wirtschaftswissenschaft, die Geschichte der Gewerkschaften und sozialpsychologische Studien zur Autorität; all dies in einer Weise, die auch dem soziologisch ungeschulten Auge einen Überblick erlaubt. Damit unterscheidet er sich, was die sprachliche Form angeht, von vielen seiner Vorgänger am Institut für Sozialforschung. Man denke etwa an die verwickelten Sätze eines Adorno oder an jene von Walter Benjamin. Methodisch dagegen ist das Erbe dieser Denker stets präsent. Eine an Hegel und Marx geschulte, ideologiekritische Gesellschaftsanalyse bildet den Hintergrund von Nachtweys Studie. Neben dem steten Rückbezug auf die Empirie hat das Buch einen durchaus dialektischen Ton; der Einfluss der gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Theoriebildung wird stets mitgedacht.

Die dialektische Versiertheit Nachtweys zeigt sich etwa an der Frage, weshalb neoliberale Ideen in den achtziger Jahren in weiten Teilen der Bevölkerung derart grossen Zuspruch fanden. Den neoliberalen Strömungen sei es etwa gelungen, Aspekte der linken Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft und am kapitalistischen System für sich zu nutzen. Beispielsweise wurde das Gefühl des Eingeschränkt-seins in der individuellen Selbstentfaltung geschickt mit der These verknüpft, dass verstärkte staatliche Regulierungen Ursache dieser Einschränkungen seien. So wurde eine Komplizenschaft geschaffen zwischen dem individuellen Streben nach mehr Autonomie und der flächendeckenden Einführung von Marktmechanismen in beinahe allen Lebensbereichen. Die Teufelsmühle dieser Komplizenschaft offenbart sich nun, indem scheinbar flexible Arbeitsverhältnisse sich in zunehmend prekäre verwandeln und mit bisweilen perfiden Formen der Selbstausbeutung einhergehen.

Formen des Aufbegehrens

Im letzten Kapitel seines Buches kommt Nachtwey auf unterschiedliche Formen des Aufbegehrens zu sprechen. Es kommen Phänomene wie die Protestbewegung Podemos in Spanien, die rechtsextremen Pegida, die Occupy-Bewegung der Nullerjahre, Demonstrationen gegen den neuen Bahnhof in Stuttgart und Hartz IV oder die Tarifstreiks der Gewerkschaften zur Sprache. Ohne in diese Phänomene vertieft einzutauchen, vermag Nachtwey doch, sie nach Ziel und Triebkräften zu differenzieren. Linken Bewegungen attestiert er durchaus das Potenzial zu Klassenbewegungen zu werden, momentan seien sie jedoch noch weit davon entfernt. Was ihnen vor allem fehle, sei ein Narrativ; eine Vision. Gefragt wäre also ein linker Populismus? Ja, meint Nachtwey im Interview mit der Wochenzeitung (Woz 49/2016), aber ein demokratisch fundierter und sich selbst reflektierender. Und vor allem: ein faktentreuer. Nachtweys Buch liefert dafür ein solides Fundament.

Der Freund der Toten

Jess Kidd – Der Freund der Toten
DuMont Buchverlag , 2017
übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Wir schreiben das Jahr 1976: Der 26-jährige Mahony, ein Dubliner Grossstädter mit langen Haaren und noch weiteren Hosen, macht sich auf ins verschlafene Dorf Mulderrig, um mehr über seine Herkunft zu erfahren. Denn laut einem Schreiben, das dem Waisenkind Mahony nach dem Tod einer Schwester des Ordens, der ihn aufgezogen hat, übergeben wurde, stammte seine leibliche Mutter aus eben diesem Dorf. Seine Mutter hiess Orla Sweeney, und ihren Sohn nannte sie Francis. Sie und ihr kleiner Junge verschwanden 1950 spurlos. Was ist damals geschehen?

Bereits auf der ersten Seite wird klar, dass Mahonys Mutter nicht mehr am Leben ist. Die damals 16-jährige Orla starb eines gewaltsamen Todes – sie wurde vom Vater ihres Kindes getötet und ihre Leiche auf einer geheimnisvollen Insel im Fluss des Waldes oberhalb des Dorfes verscharrt. Wie durch ein Wunder wurde der kleine Junge gerettet – der Wald hatte ihn unsichtbar werden lassen.

Das nächste Kapitel spielt 26 Jahre später und wir kommen mit Mahony in Mulderrig an. Herrlich wird die überschaubare und auch etwas beengende Dorfszenerie mitsamt ihren (Un-)Gestalten von Jess Kidd beschrieben; wir lernen Tadgh, den fettleibigen, furzenden Schankwirt, kennen, die Betreiberin des Lebensmittelgeschäfts, den griesgrämigen, schleimigen Priester und einige weitere denkwürdige Figuren mehr. Alle glauben sich zu kennen, und der Alltag des Dorfes ist mehr als voraussehbar geworden. Doch mit Mahonys Ankunft ändert sich dies schlagartig: Denn der gutaussehende junge zieht nicht nur die bewundernden Blicke der unverheirateten (und verheirateten) Frauen des Dorfes auf sich, sondern auch der Toten. Der Autorin gelingt es, die überraschende Tatsache, dass der junge Mann die Toten sehen und sogar mit ihnen reden kann, so feinfühlig und so nebenbei einzuführen, dass sie ganz natürlich erscheint. Er tut dies nämlich völlig unaufgeregt, ohne Angst und voller Respekt. Die Schatten der Verstorbenen sind omnipräsent, und sie freuen sich ungemein, endlich mal wieder von jemandem „gesehen“ zu werden. Dass Mahony diese Gabe von seiner Mutter geerbt hat, wird man erst im Lauf der Geschichte erfahren.

Mahony verschweigt erst einmal, dass er der Sohn von Orla Sweeney ist. Denn schon bald merkt er, dass das Dorf gar nicht gut auf dieses düstere Kapitel der Geschichte Mulderrigs zu sprechen ist. In den letzten 26 Jahren hatte sich das Dorf darauf geeinigt, die Ereignisse aus dem Jahr 1950 zu vergessen. Man war sich einig, dass ihr Verschwinden für die Dorfgemeinschaft das Beste war, denn schliesslich hatte so eine unverschämte, gottlose und unzüchtige Person in ihren Reihen nichts verloren. Als Mahony mit Hilfe der äusserst charmanten alten Mrs. Cauley, einer ehemaligen berühmten Schauspielerin mit einem grossen Herzen und einem ebenso losen Mundwerk, seiner treuen Gastgeberin Shauna und des toten Mädchens Ida anfängt, Ermittlungen aufzunehmen, wird gehörig Staub aufgewirbelt und nicht nur die lebenden, sondern auch die toten Menschen des Dorfes und die ganze Natur geraten in Unordnung. Voller Spannung springt man als Leser_in zwischen den Jahren 1950 und 1976 hin und her, erfährt in Rückblenden, warum seine Mutter im Dorf so unbeliebt, ja gehasst wurde, und zum Schluss auch, wer Mahonys Mutter getötet hat (und damit, wer sein Vater war).

Dieses Buch ist viel mehr als ein Kriminalroman. Es ist ein Buch über die Suche nach der eigenen Identität, über Freundschaft, über die Liebe, und auch darüber, dass wir auf dieser Welt vielleicht doch nicht so allein sind, wie wir das gerne glauben würden. Jess Kidd schreibt in einer wunderbar leichten, bilderreichen Sprache, und es gelingt ihr, mit Mahony und der alten Miss Cauley besonders liebenswerte Charaktere zu schaffen, die man im Lauf der Lektüre wirklich gern bekommt. Ausserdem ist es beeindruckend, wie sie eine Welt zu beschreiben vermag, in der nicht nur die lebenden Menschen eine Seele haben, sondern auch die Bäume, der Wind, die Tiere und die Toten, die auch als Schatten nicht von uns weichen. Was für ein wunderschönes Buch!

Lokalbericht

Hermann Burger – Lokalbericht.
Edition Voldemeer, Zürich.
De Gruyter, 2016

Mit der grossen Werkausgabe aus dem Jahr 2014 rückte Hermann Burger 25 Jahre nach seinem Tod wieder auf die literarische Bühne zurück. Die Edition Voldemeer brachte bereits 2009 mit „Der Lachartist“ eine Erzählung aus Burgers Nachlass heraus. Nun wird ein weiterer, bislang unveröffentlichter Fund zugänglich gemacht: „Der Lokalbericht“. Der Titel klingt zunächst eher nach einer Mischung aus Zeitungsressort und Wettervorhersage und in der Tat spielt die provinzielle „Kulturhochburg“ Aarau eine Hauptrolle in diesem „Lokalbericht“. Doch Burgers Prosastück von 1970 ist weitaus mehr, als nur eine bitterböse Persiflage auf die Provinzschweiz und ihr verknorztes Sittenleben, sondern ein faszinierender „Metaroman“, eine Schreibwerkstatt und Wirklichkeitsfabrik, in welcher der Autor ein meisterhaftes Vexierspiel mit sich selbst treibt.

Doch worum gehts? Hauptprotagonist Günter Frischknecht arbeitet eigentlich an seiner Dissertation über Günter Grass, sowie als Lehrer an der Kantonsschule Aarau. Viel interessanter ist für ihn jedoch das Vorhaben, einen eigenen Roman zu schreiben. Im ersten Teil des Buches wird in den Schilderungen Frischknechts die literaturwissenschaftliche Akademia mit bissigem und spöttischem Humor aufgerieben. Nie verfällt das Buch jedoch dem erregt-wütenden Gestus eines Thomas Bernhard, sondern zeichnet viel lieber urkomisch-fantastische Szenen, etwa als die versammelte Autorengilde von Goethe bis Thomas Mann in der Universitätsbibliothek gegen die interpretierenden Jungstudenten rebelliert. Die Lesegemeinschaft Legissima, die alte Bibliotheksbestände auffrischt, indem sie diese einer Lektürekur unterziehen, sind dabei ebenso kurios wie der Buchhändler Laubschad, der seine Bücher vor der lesegierigen Kundschaft zu schützen versucht. Deutlich kristallisiert sich dabei als Hauptthema das Zusammen- und Wechselspiel von Literatur und Wirklichkeit heraus. Günter Frischknecht klopft seine Lebenswelt daraufhin ab, wie sie literarisiert und zur von ihm angestrebten „Germanistenprosa“ verwandelt werden könnte. Burger vermeidet jedoch gekonnt ein völliges Abdriften in endlose Reflexionsschlaufen. Sein „Metaroman“ weiss diese Untiefen spielerisch und gelenkig zu nutzen. Die Selbstthematisierungen der Schreibversuche von Frischknecht führen im zweiten Teil sodann ins titelgebende Herzstück des „Lokalbericht“: die Erinnerung an das Aarauer Jugendfest. Die Beschreibung der tumultarischen Ereignisse ist nun völliges Zentrum des Textes und versammelt in schreiend-komischen Szenen ein Personal von grotesken Dorfgestalten. In deren Mitte ist der 18-jährige Günter Frischknecht. Voller Liebeskummer malädeit er auf dem „Toilettenungemach“ des Stockturms, während um ihn herum die karnevaleske Dorfszenerie tobt. Zugespitzt wird diese Episode in der Binnenerzählung „Die Illusion“. Der junge Frischknecht wohnt darin einem Zaubertrick bei, in welchem eine junge Frau in zwei Stücke zersägt wird. Bildhaft wird hier die Frage nach Schein und Sein der Wirklichkeit inszeniert und der Roman erneut auf seinen eigenen Konstruktionscharakter hin beleuchtet.

Die Frage nach der Wirklichkeit des Literarischen ist damit ebenso Thema, wie das Literarische der Wirklichkeit. In einem umfangreichen und äussert erkenntnisreichen Kommentar wird die Entstehungsgeschichte des „Lokalbericht“ vom Herausgeber Simon Zumsteg beleuchtet. Burgers Sujets, so wird klar, sind oftmals aus Zeitungsartikeln und anderen Quellen heraus entstanden. Die Trennlinie zwischen Wirklichkeit und Literatur wird zunehmend flüssig, ebenso wie diejenige zwischen Autor und Figur. Wohin dieses Spiegelkabinett schlussendlich hingesteuert wäre, darüber lässt sich nur spekulieren. Der letzte Teil verstummt nach wenigen Seiten. Die letzte Szene des Buches bildet ein Gespräch zwischen Frischknecht und dem Literaturkritiker Felix Neidthammer, der das von Frischknecht vorgelegt Manuskript zerpflückt. Sein Schlusscredo lautet: „Wenn sie mich schon fragen, lieber Günter Frischknecht, ich würde diesen Roman nicht schreiben, vorläufig nicht.“ Dieser letzte Ratschlag wird im fragmentarischen Abbrechen des Buches pointiert Folge geleistet.

Mit Burgers „Lokalbericht“ liegt ein Buch vor, bei dem man den NachlasswühlerInnen gütlichst dankbar sein muss. Wunderbar ediert und mit skurriler Komik gespickt gilt es Burger nochmals neu zu entdecken.

Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation

Thomas Kaufmann,
Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation
C.H. Beck, 2017

Mit dem Jahr 2017 blicken die protestantischen Konfessionen, insbesondre die lutherische, auf eine 500-jährige Entwicklung zurück, die sich vom öffentlichen Auftreten Martin Luthers 1517 als einem von vielen chronologischen Anhaltspunkten ausbreitet. Die Reformationen des 16. Jahrhunderts, die freilich bereits im späten Mittelalter aufblühen, sind tiefgreifende kulturelle Wandlungen der lateinisch-europäischen Gesellschaft, die sich im religiösen Selbstempfinden der Menschen und damit in ihrer vollständigen Welterfahrung niederschlagen. Diese Wandlung ist einer der essentiellen Grundsteine für unsere heutige abendländische Gesellschaft. Damit ist der Begriff „Reformation“ ein äusserst komplexes Phänomen, das eine theologisch-kulturhistorisch Aufarbeitung erfordert, welche sich der Vielfältigkeit und dem Pluralismus „Reformationen“ zu stellen vermag. 2017 markiert das 500-jährige Jubiläum der Reformation und bietet Gelegenheit, mit der Vielzahl der Publikationen sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln dem Thema anzunähern: von detailgenauen und spezialisierten Fallstudien bis zu Biographien und grossen Überblickswerken. Unter letzteres fällt auch Thomas Kaufmanns „Erlöste und Verdammte“. Darin beschliesst Kaufmann das Phänomen der Reformation von seiner kulturhistorischen Dimension her zu beschreiben und erlangt durch diese Fragestellung nach dem grundlegenden und religiösen Selbstverständnis der Menschen dieser Zeit einen tiefen Einblick in das Wesen der Akteure und die sie einbindenden historischen Ereignisse. Wie ein Leitmotiv verortet Kaufmann die Reformation dabei in der Polarität von Erlösung und Verdammnis. Neben einer sympathischen selbstkritischen Historik wie aber auch dem Mut, greifbare Thesen zu formulieren überzeugt er insbesondere auch durch eine damit verbundene evidente Sprache, welche das Buch gut zugänglich macht ohne dass dabei theologisch-systematische wie historische Aspekte vernachlässigt werden. Der kulturhistorische Ansatz wird gekrönt, indem der Text durch eine grosse Anzahl an im Buch matt abgedruckter bildlicher Kunst aus und zu dieser Epoche begleitet wird. Besonders diese Gestaltung macht das Buch zu einem wahren Vergnügen für den Kulturhistoriker.

Hool

Philipp Winkler
aufbau, 2016

Winkler’s Debutroman gibt uns einen Einblick in die Welt der Hooligans in Deutschland. Der Roman beginnt mit einem klaren, detaillierten Bericht eines Kampfes zwischen den “Hannovern” und den “Kölnern”. Zu den Hannovern gehört auch Heiko, der Protagonist. Man durchlebt mit ihm die Emotionen vor, während und nach dem Kampf. Und man will unbedingt weiterlesen.

Philipp Winkler schafft es, Heiko menschlich und fast sympathisch darzustellen und dadurch die Leser in die Welt der Hooligans einzuführen. Nicht nur das Schicksal des Protagonisten macht hierbei den Roman so interessant, sondern auch Winklers gewandte Sprache. Metaphern sind nie Metaphern aus der uns gewohnten Literatursprache, sondern Metaphern aus der Welt der Protagonisten: aus “todernst“ wird “bierernst”, aus “eiskalt” wird “kalt wie zwischen den Beinen einer einbeinigen Nutte”. Das Buch handelt von Loyalität, Familie, Nicht-Familie, Brutalität und Realität und vor allem von der Angst, alleine zu sein. Es bringt den Leser zum Lachen und zum Heulen zugleich.

Freiheit und Langeweile

Thomas Stangl
Literaturverlag Droschl, 2016

Der österreichische Schriftsteller Thomas Stangl stellt in seinem Essayband ‚Freiheit und Langeweile’ die Frage, was Literatur heute noch vermag. Seine Antwort: Literatur ist ein dichtes Gedankengewebe, abgerungen einem ernsten Spiel mit Widersprüchen – stets schwankend zwischen Scheitern und Aufbruch, zwischen Ästhetik und Widerstand.

Da ist erstmal eine Reihe mit der schlichten Bezeichnung Essays; beim hier vorliegenden Band handelt es sich um die Nummer 67. Herausgegeben wird die Reihe vom österreichischen Literaturverlag Droschl mit Sitz in Graz und spezialisiert auf avantgardistische Gegenwartsliteratur. Inhalt sind sechs Texte von Thomas Stangl, manche bereits in Zeitungen wie der FAZ oder der Standard veröffentlicht, oder in Zeitschriften erschienen. Zudem das bisher unveröffentlichte Manuskript eines Vortrags, den Stangl 2014 zum Verhältnis zwischen Religion und Literatur an der Universität Frankfurt gehalten hat.

Erzählen trotz Literaturbetrieb
Im titelgebenden Essay Freiheit und Langeweile setzt sich der Romanautor Stangl mit den Mechanismen des Literaturbetriebs auseinander. Er beschreibt dabei zwei Welten mit unvereinbaren Gesetzen. Auf der einen Seite „Maschinerien, die Material verlangen und durch ihre Raster schieben und verschlingen, bis es nach einen halben Jahr fast spurlos verschwunden ist; auf der anderen Seite irgendwelche Irre, die, mit mehr oder weniger Naivität, aber letztlich immer nach Kriterien, die diesen Rastern völlig unzugänglich sind, etwas Eigenes, fast Lebendiges in dem sehen, was sie doch nur für diese Maschinerie produzieren.“
Das klingt nach Kulturpessimismus und zunächst wenig ermunternd. Doch Stangl hält dagegen. Er betont, dass Literatur durch das Erzählen von Geschichten Möglichkeitsräume eröffnen kann. Dabei versteht er die grenzüberschreitende Kraft der Literatur keinesfalls als Selbstzweck; es geht ihm nicht darum, den Bruch, die Differenz an sich zu preisen. Vielmehr hält er – mit dem Gespür für das Nicht-Darstellbare – an der Suche nach dem Wahren fest. Literatur ist für ihn Ausdruck dieser Suche. Sie ist das Kreisen um einen ungewissen Kern. Im Unwissen darüber ob da überhaupt etwas ist, ohne aber auszuschliessen, dass da etwas sein könnte. Im Essay Eine Leere, ein Surren – über den Raum der Literatur schreibt er etwa: „Die Kluft zwischen Sätzen und Bildern, Gegenwart und Vergangenheit bleibt offen, eine Leere, ein Nichts“, um unmittelbar zu ergänzen: „Die Wahrheit ist eine fragile, notwendige Konstruktion über Abgründen; ohne die Leere, das Nichts wäre sie weniger wahr.“

Revolutionär Einfaches
Was es bedeuten könnte, heute noch Literatur zu betreiben, verdeutlicht Stangl im Essay Revolution und Sehnsucht, in welchem er sich mit dem „vielleicht letzten revolutionären Schriftsteller der deutschen Literatur“ auseinandersetzt; mit Peter Weiss. Im angesprochenen Essay zeichnet er Weiss` Versuch nach, die antagonistischen Konzepte Ästhetik und Widerstand zu vereinen und kommt zum Schluss, dass es keine Revolution ohne Scheitern gibt. „Alles“, so fährt er fort, was „den Wert der Revolutionen ausmacht, ist der Anteil des Scheiterns, in der Gleichzeitigkeit mit der unerfüllten und vielleicht nie ganz erfüllbaren Sehnsucht nach dem (wie Peter Weiss es formuliert) `Einfachen, Freundlichen, Gerechten, über das man nicht verschiedener Meinung zu sein braucht.`“ Hier kommt die, wohlgemerkt absolut unbegründete Hoffnung zum Ausdruck, dass beim dialektischen Zusammenspiel zwischen Aufbrechen und Scheitern, am Ende etwas Beständiges, etwas Wirkliches herausfällt.
Stangl meint also, dass es für das Erkennen des Einfachen, Freundlichen, Gerechten, über das man nicht verschiedener Meinung zu sein braucht, stets den Bruch oder vielmehr das Aufbrechen ins Ungewisse, ins Unbekannte braucht. Und zwar deshalb, weil wir zum Einen in Zeiten leben, in denen das Falsche so sehr zur alles umgreifenden Realität geworden ist, dass wir kaum mehr das Richtige erkennen können und zum Andern, weil das scheinbar Richtige immer gleich Gefahr läuft zum Falschen zu werden. Hier kann nun Literatur etwas entgegenhalten. Sie kann Widerstand leisten, ohne selber dogmatisch zu werden, sich in Zwischenräume wagen, ohne diese heilig zu sprechen.

Sogartige Gedankengänge
Stangls Ausführungen sind stets ausgreifend und vielseitig. Im Essay Treffende Worte, Unendlichkeit wird – unter anderem anderen – die Frage nach der Erkennbarkeit literarischer Qualität gestellt. So kann etwa die Qualität eines literarischen Textes daran gemessen werden, ob lediglich behauptet und beschrieben wird, oder aber etwas entsteht. An anderer Stelle spricht er daran anknüpfend von „verästelnder Genauigkeit“, die entgegen der wissenschaftlichen, pragmatischen Genauigkeit, das Einzelne im Widerstand gegen das Allgemeine der Definitionen und Kategorien erst zum Einzelnen macht.

Stangls Gedankengänge haben dabei stets etwas Faszinierendes und die Ab- und Umwege der Essays scheinen geradezu geleitet von einem beinahe mystischen Drang. Stets lauernd auf den Moment der Erkenntnis greifen die Sätze nach etwas nicht Benennbarem, ja möglicherweise nicht einmal Existierendem. Diese Bewegung ist es, die die Gedankengänge zusammenhält, ihnen den Anschein des Festgefügten gibt und bei der Lektüre eine sogartige Wirkung erzeugt.

Der Kupferstecher und der Philosoph

H.-J. Rheinberger.
Diaphanes, Berlin 2016.

Der Kupferstecher Albert Flocon und der Wissenschaftsphilosoph Gaston Bachelard treffen sich im Paris des Surrealismus. Eine Kunst und ein Denken, die den (cartesianischen) Rationalismus überschreiten und „sich selbst bei der Hand resp. bei der Sprache nehmen“, verbinden die Forschungen der beiden.

Besonders die Essays von Bachelard über die Imaginationen der Elemente faszinierten Flocon. In der Folge schreibt Bachelard Texte zu Gravuren Flocons, dieser wiederum schafft Stiche aus dem Denk-Handwerk von Bachelard. – Ein hervorragendes Buch über die Wahlverwandtschaft von Naturwissenschaft und Kunst.