Melancholische Billeteure

Günther Freitag: Melancholische Billeteure.
Wieser 2017.

Von singenden Gebissen, toten autoritären Vätern und kriminellen Bewährungshelfern: «Melancholische Billeteure» ist ein Buch für Menschen, die gerne ins Theater (oder in die Oper) gehen, für Menschen, die gerne beissenden schwarzen (Wiener) Humor haben, und für Menschen, die gerne skurrile, aber liebenswürdige Figuren mögen.

Günther Freitag, von Haus aus Autor für das Theater («Drei Traumkongruenzen», 1990 und «Rost», 2010) und Romancier (zuletzt «Die Entführung der Anna Netrebko», 2015), gelingt ein grossartiges, aberwitziges Buch. Im Zentrum des Romans stehen drei Figuren: Edwin, Dora und Viktor. Edwin und Dora sind Billeteure am Burgtheater in Wien – und zwar mit Leib und Seele. Als «Kenner» sind sie für das linke Parkett zuständig, da sitzen nämlich die Leute, die die Stücke sehen wollen, während rechts die Leute sitzen, die gerne im Theater gesehen werden wollen. Edwin und Dora richten ihr Leben nach dem Spielplan im Theater, sie bereiten sich akribisch auf Vorproben, Hauptproben und Generalproben vor, schreiben jede noch so kleine Veränderung im Spiel auf, urteilen über das Regiekonzept und über die Leistung der Schauspielenden. Wobei natürlich immer die Regie schlecht wegkommt (oder der neue Intendant), die Schauspielenden dagegen sind wie Götter für sie. An «der Burg» spielen ja auch nur die Grossen, versteht sich. Edwin und Dora glauben, dass sie als Billeteure entscheidend mitverantwortlich sind für den Erfolg oder Misserfolg eines Theaterabends. Wenn die Leute auf der linken Seite merken würden, dass zwischen ihnen etwas nicht stimmt, dann würde das Unruhe im Parkett geben, die bis über den Bühnenrand in den Bühnenraum schwappen würde und die Schauspielerinnen und Schauspieler würden sich nicht konzentrieren können und folglich schlecht spielen. Die Harmonie unter den Billeteuren gilt es also zu erhalten! Freitag gelingt eine Schilderung des Theaterbetriebs, wie man sie selten liest. Auch wenn alles mit einem grossen Augenzwinkern geschrieben ist, findet man dennoch einige Körnchen Wahrheit in der absurden Welt des Theaters und kann sich ab und an ein lautes Lachen nicht verkneifen.

Doch die Harmonie zwischen Edwin und Dora gerät je länger desto mehr ins Wanken. Denn Viktor, der Exfreund von Dora, wird aus dem Gefängnis entlassen und kehrt ins Leben von Dora zurück. Obwohl sie ihn verachtet, fühlt sie sich stark zu ihm hingezogen und lässt sich wieder auf ihn ein. Edwin, der heimlich in Dora verliebt ist, bemerkt ihre «Affäre» mit diesem «Taugenichts» (wenn «die Burg» das wüsste…) und stellt ihr nach. Dass dies nichts Gutes für «die Burg» heisst, sei hier nur angedeutet.

Als ob dies noch nicht genug Sprengstoff bieten würde, verschachtelt sich der Roman immer mehr. Nebst den drei Hauptfiguren lernen wir nämlich auch die Mütter von Edwin (eine reiche, schnöselige alte Dame mit einem Papagei, den sie mehr liebt als ihren Sohn) und Viktor (eine senile alte Dame die behauptet, ihre Pflegerin wolle sie ermorden) sowie die «Frau Kammersängerin» kennen, die Dora in ihrer Freizeit betreut. Die «Frau Kammersängerin», die Dora «Maman» nennen muss, ist so ziemlich verrückt. Seit sie an ihrer ersten Premiere (vor rund 50 Jahren) keinen Ton herausgebracht hat, hat ihr Sohn es geschafft, sie in eine Scheinwelt zu retten. Er liess Zeitungsartikel fälschen, die von ihren grossen Auftritten schwärmen, hat ihr in ihrer Wohnung eine «Garderobe» gebaut, in der sie in ihrer erfundenen Vergangenheit schwelgen kann. Doch damit nicht genug: Für jede grosse Sopran-Rolle hat ihr Sohn, von Beruf Zahnarzt, ein Gebiss angefertigt (das «Donna-Anna-Gebiss» oder das «Tosca-Gebiss» etc.), die alle feinsäuberlich aufgeräumt in ihrer «Garderobe» darauf warten, eingesetzt zu werden. Gerade die Szenen mit «Maman» sind gleichzeitig so absurd und herzerwärmend komisch, dass man gar nicht mehr aufhören will zu lesen.

Auch die Väter, die eigentlich schon alle tot sind, geistern im Buch herum. Autoritäre Figuren, in ihrem Extremismus (sowohl der Sozialist wie auch der Faschist) total lächerlich und trotzdem gefährlich. Viktor und Edwin hatten keine einfache Kindheit, denn diese waren jeweils geprägt von Vorwürfen und Erniedrigungen durch die Väter.

Eine weitere wichtige Figur ist der Bewährungshelfer von Viktor, der ihn dazu nötigt, seine Verlobte zu beschatten, weil er denkt, sie habe eine Affäre. Da er ihn in der Hand hat, muss sich Viktor fügen. Dass die Verlobte tatsächlich eine Affäre hat, und zwar mit dem Sohn der «Frau Kammersängerin», ist nur eines der vielen Beispiele dafür, wie geschickt und undurchsichtig dieser ganze Roman gesponnen ist.

Klappt man am Ende das Buch zu, weiss man eigentlich nicht so recht, um was es im Roman wirklich ging. Vielmehr hat man einzelne wunderbare Szenen im Kopf, die sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Es bleibt das schale Gefühl, dass keine der Figuren am Ende ihr Glück finden wird, und dass dies fatale Folgen für «die Burg» haben wird.

Frauen & Macht. Ein Manifest

Mary Beard: Frauen & Macht. Ein Manifest.
Fischer, 2018.

«Frauen & Macht» ist die gedruckte Version zweier Vorträge der bekannten britischen Antikenhistorikerin Mary Beard aus den Jahren 2014 und 2017 (inkl. Nachwort und aktuellen Kommentaren dazu).

In beiden Vorträgen setzt sich Beard mit den Strukturen auseinander, die Frauen von Macht fernhalten. Als Antikenhistorikerin beginnt sie in der griechischen Literatur und führt verschiedene Beispiele an, von Penelope über Lucrezia bis hin zur US-Senatorin Elisabeth Warren, in denen Frauen die öffentliche Rede, ein Zeichen von Männlichkeit und Autorität, verboten wird und zeigt im ersten Vortrag, wie sehr der Ausschluss der Frauen von Macht von den Anfängen der westlichen Kultur bis heute verankert ist.

Der zweite Vortrag handelt davon, wie mit Frauen, die schon Macht und Einfluss besitzen, umgegangen wird. Hier spannt Beard den Bogen von der hässlichen und todeswürdigen Medusa und den androgynen Amazonen über Elizabeth I. zu Angela Merkel und Theresa May (die beide im Internet übrigens recht oft mit Medusa verglichen werden), und legt dar, wie Mechanismen wie Diffamierung und Absprechung der Weiblichkeit von der Antike bis heute misogyne Wirkung haben und Gewalt gegen Frauen normalisieren.

Mit ihrer Medien- und vor allem Internetpräsenz hat Beard die perfideren Versuche, mit denen Frauen im Netz zum Schweigen und um eine Plattform gebracht werden sollen – von allseitiger Reduktion auf ihr Äusseres und Shitstorms nach tagespolitischen Voten bis zu Mord- und Vergewaltigungsdrohungen in Wort und Bild – , zur Genüge selber erlebt, wodurch ihre Vorträge auch ein Bericht über persönlicher Erfahrungen und Strategien sind.

Die Vorträge sind inhaltlich dicht und trotzdem leicht zu lesen, eingängig, erhellend, an den richtigen Stellen mit Humor und Illustrationen gewürzt und sowohl Laien als auch Akademiker_innen werden ihnen etwas abgewinnen können. Zudem ist Beard im Umgang mit genderspezifischer öffentlicher Gewalt, ein gerade im Internet gesetzlich unterrepräsentiertes und oft kleingeredetes Probelm, ein absolutes Vorbild für Frauen in der Öffentlichkeit, in der Akademie und auf Social Media.

Indifferenz und Wiederholung – Freiheit in der Moderne

Frank Ruda: Indifferenz und Wiederholung – Freiheit in der Moderne. Konstanz University Press 2018.

Das Problem der Indifferenz, eines der wichtigsten Themen in der Geschichte der Philosophie, besonders in derjenigen des 20. Jahrhunderts, erfährt nur wenige Behandlungen. Mit seinem neuen Buch „Indifferenz und Wiederholung“ unternimmt der an der schottischen ‚University of Dundee’ lehrende ‚Senior Lecturer for Philosophy’ Frank Ruda einen umfassenden und konzisen Versuch, Indifferenz als grundlegendes philosophisches Problem zu erfassen.

Dabei geht er aus von Heideggers Position, Indifferenz sei die Vergessenheit des Seins, d.h. der ontisch-ontologischen Differenz zwischen Sein und Seiendem. Diese Vergessenheit nehme ihren Ausgang mit Platon, wo nach Heidegger die Geschichte des Rationalismus ansetze, und werde mit Descartes, Kant und Hegel weitergeführt, um schliesslich mit der Philosophie der Technik im 20. Jahrhundert zu ihrem Höhepunkt zu finden. Die zentrale These behauptet, dass mit dem Verlust der ontisch-ontologischen Differenz nicht nur das Denken des Seins abhanden komme, sondern damit überhaupt das Denken. In der Folge könne die Vergessenheit der Differenz, d.i. die Gleichgültigkeit nicht mehr gedacht werden und werde selbst indifferent: „…die These der Indifferenz (wird) zu einer indifferenten These.“ (S. 10)

Genau an dieser Stelle setzt die Arbeit von Frank Ruda ein, die andersherum mit einer modernen Philosophie des Rationalismus (S. 15) auf das Problem der Indifferenz zugeht und dieses „direkt und wesentlich“ (S. 14) als ein Problem der Freiheit angeht. Freiheit wurde als Wahlfreiheit verstanden und dieses Missverständnis, nachdem es als solches erkannt wurde,  auszulegen und im Weiteren zu untersuchen, macht sich das vorliegende Buch zur Aufgabe.

Es ist eine Kritik der Freiheit, im Speziellen eine Ideologiekritik, die in der Geschichte der Philosophie unter Zuhilfenahme des modernen Rationalismus jene blinden Flecken aufspürt, in denen Freiheit als bereits bestimmte unser Handeln und Denken formt. Das moderne Denken muss beständig „ihre eigene Gründungsbewegung“ (S. 21) wiederholen, um Kritik und damit Ideologiekritik betreiben zu können.

Kind der Aare

Hansjörg  Schneider: Kind der Aare.
Diogenes 2018.

Was liegt zwischen Basel und Zürich? Genau, der Aargau. Dort ist der Schweizer Autor Hansjörg Schneider aufgewachsen. In seiner Autobiographie «Kind der Aare» taucht Schneider in seine Vergangenheit ein und wir dürfen «zuhören». Denn der Text liest sich stellenweise wie ein Transkript einer mündlichen Erzählung. Und wie es bei Mündlichkeit gang und gäbe ist, so schiebt auch Schneider in seine Lebensgeschichte allerhand ein. Das erinnert dann stark an einen Erzählenden, dem sich bei bestimmten Themen Assoziationen aufdrängen, die er sich im Moment des Aufkommens auch gleich von der Seele sprechen muss. Manchmal wirkt diese Vorgehensweise etwas hektisch, da sie den Erzählfluss bricht. Dennoch gelingt es Schneider beispielsweise gut, seine Kindheit sphärisch wiederzugeben und uns an einer Schweiz während des Zweiten Weltkriegs und vor allem nach 1945 teilhaben zu lassen. Da ist beispielsweise vom Leben in Zofingen die Rede, von seinem Elternhaus oder von den unterschiedlich guten Lehrern an der Kantonsschule in Aarau. Ebenso durchstreift man seine Studentenzeit in Basel und kann das Werden des Schriftstellers (u.a. an den vielen Hinweisen, welche Texte er in seinem Leben alle gelesen hat; sicherlich keine vollständige Liste) verfolgen. Besonders lesenswert sind Schneiders Ausführungen über seine Erfahrung als Stückeschreiber: wie er die Stadttheater erlebte, welchen Skandal Sennentuntschi auslöste oder wie es zu den sogenannten Landschaftstheatern kam.

An manchen Stellen beklagt sich Schneider über diverse Ungerechtigkeiten, die er in seinem Leben von unterschiedlicher Seite erfahren hat. Diese wenigen und durchaus kurz gehaltenen Beschwerden wirken, auch wenn sie nachvollziehbar sind, in ihrer Art etwas kleinlich und hinterlassen den Eindruck, dass der Autor diese Stiche noch nicht überwunden zu haben scheint. Für Schneider ist es offensichtlich wichtig, diese Begebenheiten aus seiner Sicht richtig- oder zumindest darzustellen. Zugleich lässt sich aber auch fragen, wo, wenn nicht in einer Autobiographie, könnte man sowas loswerden?

Für Aargauer/innen und solche, die es erst gerade wurden oder bald sein werden oder vielleicht irgendwann mal sein möchten, ist die Lektüre insbesondere des ersten Teils ein Herantasten der anderen Art. Eine literarische, eine sehr persönliche Annäherung an Argovia. Allen anderen ist das Buch insofern empfohlen, als dass sie ein Interesse am Autor selbst oder an einer schweizerischen Vergangenheit haben oder mehr über das angebliche Nichts inter Basilea Turicumque wissen wollen.

nichts, was uns passiert

Bettina Wilpert: nichts, was uns passiert.
Verbrecher Verlag 2018.

Es ist Sommer 2014; der Sommer, in welchem Deutschland Fussballweltmeister wird. Anna und Jonas begegnen sich zum ersten Mal im Mai, so erinnert sich Anna, auf den Stufen der Universitätsbibliothek Leipzig. Jonas dagegen berichtet, dass es im Juni war, in einer Kneipe. Auf jeden Fall laufen sich die beiden erneut über den Weg. Sie ziehen zusammen um die Häuser, trinken Wodka, unterhalten sich über Literatur und über Annas Geburtsstadt Winnyzja in der Ukraine, die Jonas, der einen längeren Auslandsaufenthalt in Kiew verbrachte, vage kennt. Betrunken und hungrig landen die beiden schliesslich in Jonas` WG und schlafen miteinander. Um beiden ein peinliches Frühstück zu ersparen, verlässt Anna die WG früh morgens.

Als sie Jonas ein paar Tage später fragt, ob er noch zu ihr kommen will, lehnt er verlegen ab und verweist auf die gerade erst beendete Beziehung mit Lisa. Anna, die keinen Moment an etwas Ernstes dachte, fühlt sich vor den Kopf gestossen und die beiden gehen sich aus dem Weg. Als Annas bester Freund, Hannes, seinen dreissigsten Geburtstag in Jonas’ Garten feiert, ignorieren sich Anna und Jonas erst, kommen dann aber doch ins Gespräch. Anna wird immer betrunkener bis sie schliesslich kaum mehr stehen kann. Hannes und Jonas bringen sie in Jonas’ Zimmer. «Anna sagte, sie hatte einen Filmriss, aber keinen durchgehenden. […] Sie konnte sich erinnern: Dass sie auf Jonas’ Bett lag. Dass er ihre Hose auszog. Sie registrierte erst nicht was passierte. Als sie es merkte, wehrte sie sich, aber er war stärker, drückte sie an den Handgelenken in die Matratze.»

«Jonas sagte, dass es einvernehmlicher Sex war.» Schliesslich hätte er ein Kondom benutzt und sie hätte sich nicht gewehrt. Annas und Jonas’ Aussagen stehen auf derselben Seite des Buches und bilden den dramaturgischen Knotenpunkt des Romans. Dahinter steht die geschickte Wahl der Erzählperspektive. Die Erzählperson – von der man praktisch nichts erfährt – hat mit den Figuren des Romans Interviews geführt und gibt nun das Ausgesagte wieder. Das für sexualisierte Gewalt typische Fehlen nicht beteiligter Zeugen wird so direkt in der Erzählstruktur abgebildet. Zudem wird man als Leser*in implizit in die Beurteilung des Geschehens hineingezogen, da man stets dazu gedrängt wird, in der Sache Stellung zu beziehen. Bettina Wilpert scheint es jedoch nicht darum zu gehen, den Anspruch auf Objektivität durch indirekte Rekonstruktion des Geschehenen zu unterlaufen; was hier geschildert wird, ist real und stets in beklemmender Weise präsent.

Anna zieht sich zurück, verlässt ihre Wohnung über Wochen kaum noch. Erst nachdem sie an einer Familienfeier einen Zusammenbruch hat, bricht sie das Schweigen und spricht mit ihrer Schwester Daria. Diese rät ihr, Jonas anzuzeigen. Anna ist dagegen, die Polizei einzuschalten, sie will in erster Linie, dass Jonas einsieht, was er getan hat und sich entschuldigt. Nach einer zufälligen, für Anna verstörenden Begegnung fährt sie dennoch zur Polizei und erstattet Anzeige. Damit kommt «der Fall», wie Anna selbst ihn zuweilen nennt, in gesellschaftlicher Hinsicht ins Rollen.

An Annas bestem Freund Hannes beispielsweise zeigt Wilpert eindrücklich, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es naheliegender ist zu glauben, dass das Opfer lügt, als sich einzugestehen, dass ein normaler Mensch – gar ein nahestehender – zum Vergewaltiger werden kann. Doch nicht nur im nahen Umfeld machen sich Abgründe auf. Es gibt beinahe kein anderes Thema mehr «als den gewalttätigen Vergewaltiger und das schutzlose Opfer. Die junge Frau, die betrunken mit einem Mann Sex gehabt und nicht aufgepasst hat.» Alle scheinen gezwungen, Stellung zu beziehen und es kursieren die verschiedensten Anschuldigungen. Schliesslich werden Annas und Jonas’ Namen bekannt und Jonas wird von seinen ehemaligen Mitstreiter*innen der M16, einem linken Kollektiv, ausgeschlossen. Anna wird von einer Awareness-Gruppe angeboten dafür zu sorgen, dass Jonas an weiteren Orten Hausverbot erhält. Ob sie über ihr Erlebnis sprechen möchte, so eine Frage. «Anna war sprachlos. Erlebnis? Erfahrung, das traf es vielleicht. Vergewaltigung war auf jeden Fall der richtige Begriff, sexualisierte Gewalt – auch gut, aber Erlebnis?»

In ihrem Roman schildert Bettina Wilpert die gesellschaftlichen Auswirkungen, die sexualisierte Gewalt nach sich zieht. Sie legt mögliche Affekte und Reaktionen der unmittelbar Betroffenen dar und macht Strukturen und Dynamiken kenntlich. Wilpert beleuchtet zudem juristische Aspekte und verweist nicht zuletzt auf die Tatsache, dass es in den allermeisten Fällen sexueller Straftaten nicht zur Anklage kommt und bei diesen nur in den allerwenigsten zu einem Schuldspruch. Trotz des breit angelegten Unterfangens gelingt es Wilpert, das Urteil über die Tat nicht zu verwässern.

Die Bücherschmuggler von Timbuktu

Charlie English: Die Bücherschmuggler von Timbuktu. Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes.
Hoffmann und Campe 2018.

Charlie English, der für dieses Buch seine Stelle als Auslandsredaktor bei der Zeitung «The Guardian» aufgegeben hat, erzählt die Geschichte dieser Manuskripte, von deren – aus europäischer Sicht – Entdeckung durch die Engländer, deren Bekanntmachung in der Forschung durch einen der gegenwärtigen Bibliothekare und schliesslich von deren Rettung vor den Eroberern Timbuktus 2013.
English führt die Leserschaft durch die dilettantisch-abenteuerlichen Exkursionen der Engländer im 19. Jahrhundert ins afrikanische Inland, die alle nicht wieder heimkehren, deren letzter, Alexander Gordon Laing, 1826 aber immerhin ein Brief aus Timbuktu schreiben kann, in dem er angibt, er sei «…vollauf damit beschäftigt, Aufzeichnungen in der Stadt zu suchen, die reichlich vorhanden sind…» (Sehr zum Ärger des British Empire ist es ein Franzose, der wenige Jahre nach Laings Tod als erster Timbuktu erreicht, lebend von der Expedition zurückkommt, das Preisgeld der «Royal Geographic Society» einstreicht und damit eine diplomatische Krise auslöst.) Für die Geschichte und Quellen Westafrikas interessiert sich aber erst der Deutsche Forscher Heinrich Barth, der 1853-54 in Timbuktu ist und sowohl in der Stadt als auch auf dem Weg dorthin historische Werke zusammenfasst, teilweise kopiert und so Europäern zugänglich machte, wenn seine Reisebereichte denn gelesen worden wären.
Diese höchst amüsanten historischen Romanepisoden lässt English geschickt parallel laufen mit Reportagen aus dem 21. Jahrhundert über einen Chefbibliothekar und Manuskriptbeschaffer, der im Alleingang abertausende alter Schriften zusammenträgt, über die Ergriffenheit eines amerikanischen Professors ob dieser grossartigen Quellen, über Unabhängigkeitsbestrebungen und Erstarken des westafrikanischen Al Quaida-Ablegers, und schliesslich über die Besetzung Timbuktus, der immer extremeren Durchsetzung der Scharia, der Unterdrückung der Bevölkerung, der Zerstörung aller Kultur, die nicht ins Weltbild der Salafisten passt. Und vom Mut und Erfindergeist all der – bei Weitem nicht perfekten – Menschen, die das Erbe ihrer Stadt unter Einsatz ihres Lebens Kiste für Kiste aus Timbuktu herausschleusten.

«Die Bücherschmuggler von Timbuktu» ist eine gelungene Mischung aus Reportage, historischer Einführung, Abenteuerroman und Polit-Krimi, die gut unterhält und viele Denkanstösse liefert.

«Ich will dich an der Hand führen, um dir die Wunder der Welt zu zeigen…».

Franz und Maria Marc: Briefe. «Ich will dich an der Hand führen, um dir die Wunder der Welt zu zeigen…».
Hg. und kommentiert von Annegret Hoberg. C.H. Beck 2018.

Der expressionistische Maler Franz Marc und Maria Franck lernen sich 1905 bei einem Bauernball in Schwabing kennen und werden bald darauf ein Liebespaar. In den Jahren 1905 bis 1911 und 1914 bis 1916 schreiben sie sich hunderte Briefe und Postkarten. Sie zeugen eindrücklich und sprachgewaltig von der zärtlichen, innigen Liebe des Paares zueinander, aber auch von den Schwierigkeiten, seelischen Tiefs und schliesslich vom schrecklichen Kriegsgeschehen des Ersten Weltkrieges, dem Franz Marc 1916 zum Opfer fiel. Maria schrieb ihren letzten Brief an Franz am Tage seines Todes. Das wunderschön gestaltete Büchlein der textura-Reihe beim Beck Verlag versammelt diese berührenden Schriftzeugnisse, viele davon als Erstveröffentlichung. Annegret Hoberg führt mit kurzen Zwischenkommentaren gekonnt und unaufgeregt durch die chronologisch angeordneten Briefe und liefert damit den nötigen Kontext. Ein Nachwort und eine kurze Doppelbiographie runden den gelungenen Band ab.

High Notes

Gay Talese: High Notes.
Tempo bei Hoffmann & Campe 2018

«Sex, Crime and Video» – so könnte man die Reportagen von Gay Talese betiteln. Einerseits genügt es ihm, kurz hinzuschauen. Ein schneller Blick und er weiss, wie die Geschichte läuft. Andererseits braucht er das langzeitige, begleitende und nahe Hinschauen vielseitig, vielfältig, um Gespräche, Ängste und Alltäglichkeiten «auf den Schirm» zu kriegen. Die berühmtesten und berüchtigsten Reportagen von Talese – über Frank Sinatra, über die Mafia oder über Harold Rubin – sind hier neu auf- und vorgelegt. Die Lesenden sind eingeladen, diese Berichte wie Krimis von Raymond Chandler zu lesen und dabei in atemberaubende und spannende Szenen und Geschichten einzutauchen, die Moral, Gesetz und Wahrheit wie Öl, das nicht hätte auslaufen dürfen, obenauf schwimmen lassen.

Die Abstiegsgesellschaft

Oliver Nachtwey – Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne.
Suhrkamp. 2016

Oliver Nachtwey liefert mit seinem Buch „Die Abstiegsgesellschaft“ ein Fundament für zeitnahe Gesellschaftskritik. Er erläutert den Weg vom sozialen Aufstieg der Nachkriegszeit hin zum Status quo wachsender Prekarisierung. Mit den Methoden der Kritischen Theorie analysiert er die Gegenwart und wirft ein Licht auf aktuelle Formen des Aufbegehrens.

Wie Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ – eine autobiographische Erzählung aus der französischen Arbeiter*innenklasse des letzten Jahrhunderts – wurde auch Oliver Nachtweys „Die Abstiegsgesellschaft“ rasch zum Bestseller. Das mag daran liegen, dass sich die beiden doch sehr unterschiedlichen Bücher in ihrer Diagnose der Gesellschaft ähneln. Beide münden in die Aufforderung an die Linke sich wieder vermehrt dem Begriff der Klasse anzunehmen. In Zeiten, in welchen die strukturell bedingte Chancenungleichheit ansteigt und sich ein guter Teil der davon Betroffenen rechtspopulistischen Parteien zuwendet, scheint dieser Aufruf auf fruchtbaren Boden zu fallen.

Nun ist Nachtweys Buch keineswegs bloss das deutsche Pendant zu Eribons soziologisch gehaltvoller Erzählung. Während Eribon sein Buch autobiographisch aufzieht, bleibt Nachtwey ganz und gar klassischer Soziologe. Anstatt beim Erlebten zu beginnen, knüpft Nachtwey an Daten und Erhebungen an. Das mag auch biographische Gründe haben. Während Eribon als homosexueller Unterschichtsjunge sowohl klassenbedingte wie genderspezifische Diskriminierung am eigenen Leibe zu spüren bekam – und es schliesslich dennoch auf journalistischen Umwegen und entgegen allen Statistiken zum Soziologieprofessor gebracht hat –, wirkt der Lebenslauf von Oliver Nachtwey eher konform. Geboren 1975 im beschaulichen Unna (NRW), 2003 in Hamburg zum Volkswirt diplomiert, promovierte er 2008 in Göttingen zur Frage der Legitimität einer Marktsozialökonomie. Danach arbeitete er einige Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Jena, Trier und Darmstadt, sowie als Fellow am geschichtsträchtigen Frankfurter Institut für Sozialforschung. Ab August dieses Jahres tritt er die Professur für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel an.

Neben der Form unterscheidet die beiden Bücher auch der geographische Fokus. Eribon verbindet seine Studie eng mit dem Unterschichtsmilieu der französischen Vorstadt Reims, welchem er selber entstammt. Auf beeindruckende Weise verdeutlicht er, wie sich in diesem Kontext die Grenzen zwischen den Klassen verstärkt haben und deutet an, weshalb sich die Betroffenen von linken Parteien, die sie früher gewählt haben, verraten fühlen. Nachtwey dagegen nimmt vor allem die Verhältnisse in Deutschland in den Blick. Das Verdikt bleibt – wie gesagt – ein Ähnliches: Bei den westlichen Gesellschaften von heute handelt es sich um im Abstieg begriffene.

Vom Fahrstuhl zur Rolltreppe

Eine eingängige Metapher verbildlicht diese Diagnose: Die aktuelle Gesellschaft, so Nachtwey, gleicht einer nach unten verlaufenden Rolltreppe. Diese Metapher gewinnt an Kontur, wenn man sie dem Begriff des Fahrstuhleffekts gegenüberstellt. Diese spezifisch deutsche Umschreibung der ökonomischen Trickle-down-Theorie wurde von Ulrich Beck geprägt und besagt, dass in den ersten dreissig Jahren der Nachkriegszeit – trotz zuweilen grosser Unterschiede zwischen Arm und Reich – letztlich alle gesellschaftlichen Schichten vom Aufschwung profitierten. Alle nahmen Platz im Aufzug des Wirtschaftswunders. Zudem ging der wirtschaftliche Aufstieg meist mit sozialem Aufstieg einher. Die soziale Mobilität war hoch, soziale Klassenschranken wurden abgetragen, Bildungschancen nahmen zu, der Sozialstaat wurde ausgebaut und war weithin akzeptiert.

Ab Mitte der 70er Jahre begann die Wirtschaft zu schrumpfen und der Wille zur sozialen Integration schwand zunehmend. Die zunehmende Implementierung von Markt- und Wettbewerbsmechanismen führte zu Privatisierung, Abbau des Sozialstaates und Beschneidung von Bürgerrechten. Es wurden vermehrt befristete und prekäre Arbeitsverhältnisse institutionalisiert, womit schwindende Aufstiegschancen und sinkende Mobilität zwischen den sozialen Klassen einhergingen. So fand sich die untere Mittelschicht auf einer nach unten verlaufenden Rolltreppe wieder. Nicht mehr der Fahrstuhl nach oben, sondern die Tendenz des sozialen Abstiegs, versinnbildlicht das Selbstverständnis grösserer Teile der aktuellen Gesellschaft.

Empirisches Fundament, dialektische Umsicht

Nachtweys Diagnose ist nicht neu. Was sein Buch aber besonders lesenswert macht, ist die Ausgewogenheit zwischen Weitblick und Präzision. Grobe Entwicklungsstriche werden durch umfassende Statistiken und Literaturverweise gestützt, ohne dass sich Nachtwey in den Daten verheddert. In schnörkelloser Sprache verknüpft er so unterschiedliche Themengebiete wie statistische Wirtschaftswissenschaft, die Geschichte der Gewerkschaften und sozialpsychologische Studien zur Autorität; all dies in einer Weise, die auch dem soziologisch ungeschulten Auge einen Überblick erlaubt. Damit unterscheidet er sich, was die sprachliche Form angeht, von vielen seiner Vorgänger am Institut für Sozialforschung. Man denke etwa an die verwickelten Sätze eines Adorno oder an jene von Walter Benjamin. Methodisch dagegen ist das Erbe dieser Denker stets präsent. Eine an Hegel und Marx geschulte, ideologiekritische Gesellschaftsanalyse bildet den Hintergrund von Nachtweys Studie. Neben dem steten Rückbezug auf die Empirie hat das Buch einen durchaus dialektischen Ton; der Einfluss der gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Theoriebildung wird stets mitgedacht.

Die dialektische Versiertheit Nachtweys zeigt sich etwa an der Frage, weshalb neoliberale Ideen in den achtziger Jahren in weiten Teilen der Bevölkerung derart grossen Zuspruch fanden. Den neoliberalen Strömungen sei es etwa gelungen, Aspekte der linken Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft und am kapitalistischen System für sich zu nutzen. Beispielsweise wurde das Gefühl des Eingeschränkt-seins in der individuellen Selbstentfaltung geschickt mit der These verknüpft, dass verstärkte staatliche Regulierungen Ursache dieser Einschränkungen seien. So wurde eine Komplizenschaft geschaffen zwischen dem individuellen Streben nach mehr Autonomie und der flächendeckenden Einführung von Marktmechanismen in beinahe allen Lebensbereichen. Die Teufelsmühle dieser Komplizenschaft offenbart sich nun, indem scheinbar flexible Arbeitsverhältnisse sich in zunehmend prekäre verwandeln und mit bisweilen perfiden Formen der Selbstausbeutung einhergehen.

Formen des Aufbegehrens

Im letzten Kapitel seines Buches kommt Nachtwey auf unterschiedliche Formen des Aufbegehrens zu sprechen. Es kommen Phänomene wie die Protestbewegung Podemos in Spanien, die rechtsextremen Pegida, die Occupy-Bewegung der Nullerjahre, Demonstrationen gegen den neuen Bahnhof in Stuttgart und Hartz IV oder die Tarifstreiks der Gewerkschaften zur Sprache. Ohne in diese Phänomene vertieft einzutauchen, vermag Nachtwey doch, sie nach Ziel und Triebkräften zu differenzieren. Linken Bewegungen attestiert er durchaus das Potenzial zu Klassenbewegungen zu werden, momentan seien sie jedoch noch weit davon entfernt. Was ihnen vor allem fehle, sei ein Narrativ; eine Vision. Gefragt wäre also ein linker Populismus? Ja, meint Nachtwey im Interview mit der Wochenzeitung (Woz 49/2016), aber ein demokratisch fundierter und sich selbst reflektierender. Und vor allem: ein faktentreuer. Nachtweys Buch liefert dafür ein solides Fundament.

Der Freund der Toten

Jess Kidd – Der Freund der Toten
DuMont Buchverlag , 2017
übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Wir schreiben das Jahr 1976: Der 26-jährige Mahony, ein Dubliner Grossstädter mit langen Haaren und noch weiteren Hosen, macht sich auf ins verschlafene Dorf Mulderrig, um mehr über seine Herkunft zu erfahren. Denn laut einem Schreiben, das dem Waisenkind Mahony nach dem Tod einer Schwester des Ordens, der ihn aufgezogen hat, übergeben wurde, stammte seine leibliche Mutter aus eben diesem Dorf. Seine Mutter hiess Orla Sweeney, und ihren Sohn nannte sie Francis. Sie und ihr kleiner Junge verschwanden 1950 spurlos. Was ist damals geschehen?

Bereits auf der ersten Seite wird klar, dass Mahonys Mutter nicht mehr am Leben ist. Die damals 16-jährige Orla starb eines gewaltsamen Todes – sie wurde vom Vater ihres Kindes getötet und ihre Leiche auf einer geheimnisvollen Insel im Fluss des Waldes oberhalb des Dorfes verscharrt. Wie durch ein Wunder wurde der kleine Junge gerettet – der Wald hatte ihn unsichtbar werden lassen.

Das nächste Kapitel spielt 26 Jahre später und wir kommen mit Mahony in Mulderrig an. Herrlich wird die überschaubare und auch etwas beengende Dorfszenerie mitsamt ihren (Un-)Gestalten von Jess Kidd beschrieben; wir lernen Tadgh, den fettleibigen, furzenden Schankwirt, kennen, die Betreiberin des Lebensmittelgeschäfts, den griesgrämigen, schleimigen Priester und einige weitere denkwürdige Figuren mehr. Alle glauben sich zu kennen, und der Alltag des Dorfes ist mehr als voraussehbar geworden. Doch mit Mahonys Ankunft ändert sich dies schlagartig: Denn der gutaussehende junge zieht nicht nur die bewundernden Blicke der unverheirateten (und verheirateten) Frauen des Dorfes auf sich, sondern auch der Toten. Der Autorin gelingt es, die überraschende Tatsache, dass der junge Mann die Toten sehen und sogar mit ihnen reden kann, so feinfühlig und so nebenbei einzuführen, dass sie ganz natürlich erscheint. Er tut dies nämlich völlig unaufgeregt, ohne Angst und voller Respekt. Die Schatten der Verstorbenen sind omnipräsent, und sie freuen sich ungemein, endlich mal wieder von jemandem „gesehen“ zu werden. Dass Mahony diese Gabe von seiner Mutter geerbt hat, wird man erst im Lauf der Geschichte erfahren.

Mahony verschweigt erst einmal, dass er der Sohn von Orla Sweeney ist. Denn schon bald merkt er, dass das Dorf gar nicht gut auf dieses düstere Kapitel der Geschichte Mulderrigs zu sprechen ist. In den letzten 26 Jahren hatte sich das Dorf darauf geeinigt, die Ereignisse aus dem Jahr 1950 zu vergessen. Man war sich einig, dass ihr Verschwinden für die Dorfgemeinschaft das Beste war, denn schliesslich hatte so eine unverschämte, gottlose und unzüchtige Person in ihren Reihen nichts verloren. Als Mahony mit Hilfe der äusserst charmanten alten Mrs. Cauley, einer ehemaligen berühmten Schauspielerin mit einem grossen Herzen und einem ebenso losen Mundwerk, seiner treuen Gastgeberin Shauna und des toten Mädchens Ida anfängt, Ermittlungen aufzunehmen, wird gehörig Staub aufgewirbelt und nicht nur die lebenden, sondern auch die toten Menschen des Dorfes und die ganze Natur geraten in Unordnung. Voller Spannung springt man als Leser_in zwischen den Jahren 1950 und 1976 hin und her, erfährt in Rückblenden, warum seine Mutter im Dorf so unbeliebt, ja gehasst wurde, und zum Schluss auch, wer Mahonys Mutter getötet hat (und damit, wer sein Vater war).

Dieses Buch ist viel mehr als ein Kriminalroman. Es ist ein Buch über die Suche nach der eigenen Identität, über Freundschaft, über die Liebe, und auch darüber, dass wir auf dieser Welt vielleicht doch nicht so allein sind, wie wir das gerne glauben würden. Jess Kidd schreibt in einer wunderbar leichten, bilderreichen Sprache, und es gelingt ihr, mit Mahony und der alten Miss Cauley besonders liebenswerte Charaktere zu schaffen, die man im Lauf der Lektüre wirklich gern bekommt. Ausserdem ist es beeindruckend, wie sie eine Welt zu beschreiben vermag, in der nicht nur die lebenden Menschen eine Seele haben, sondern auch die Bäume, der Wind, die Tiere und die Toten, die auch als Schatten nicht von uns weichen. Was für ein wunderschönes Buch!