Munin oder Chaos im Kopf

Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf.
S. Fischer 2018

Eine Auftragsarbeit über den dreissigjährigen Krieg, die in der Bekanntschaft mit dem Tagebuch von Peter Hagendorf mündet. Ein nachbarschaftlicher Kleinkrieg über eine „verhaltensauffällige“ Frau, die auf dem Balkon ihre Gesangsübungsstunden (Sopran) abhält. Eine Begegnung mit einer einbeinigen Krähe, die die Protagonistin in nächtlich-philosophische Gespräche über Gott und die Welt verwickelt. Das sind die drei Handlungsstränge, deren Geschichten zunehmend zu Parameter, Gleichnis und Konstante werden für die Antriebe zu Kriegen, aber auch für ein anderes Verstehen von Wesen und Vernunft des Menschen.

Die Arbeit über den dreissigjährigen Krieg betrachtet im Besonderen die Vorkriegszeit, das Tagebuch des ehemaligen Müllersohns Peter Hagendorf, der zum Söldner wurde, weil er die Mühle seines Vaters nicht erben konnte und das Schicksal von Herzog Christian, mit dem die Protagonistin durch das Schlachtenepos von Annette von Droste-Hülshoff bekannt wurde. Aufgrund dieser drei Quellen kann die Protagonistin am besten in die Motivationen von Kriegen Einsicht gewinnen; immer weniger erkennt sie diese in politischen und religiösen Machtstrukturen und immer mehr in existentiellen Grundzügen und solchen des Menschenwesens. In den Gesprächen mit der Krähe findet der Erkenntnisvorgang indes seinen eigentlichen Austragungsort. Natürlich sind es einerseits Aggression (Feindbilder), Ehrgeiz (Machtansprüche, Landnahme) und Fanatismus (religiöser, politischer, ideologischer), die zu Kriegen führen. Andererseits jedoch bewirken Begehren und Mangel an existentiellen Ansprüchen, Betrug an und Herrschaft über das einzelne Leben und schliesslich die Zugrundelegung der menschlichen Unvollkommenheit resp. die Schaffung eines Gottes mächtige und unbeherrschbare Antriebe für aggressive, ehrgeizige und fanatische Handlungen.

Die Krähe begleitet seit Menschengedenken die Geschichte des Menschen, vor allem ist sie als aufmerksame Beobachterin präsent in Kriegen und im Alltag. Munin, die Krähe, steht für dieses Menschheitsgedenken und spricht von dessen Geschichten. Sie setzt dem Gott der Menschen das Gesetz entgegen und der Vernunft die Co-Existenz von Wesen und Existenz. – Es obliegt indes (dem Willen) der Protagonistin, dieser Stimme Gehör zu schenken. – Nun hat Monika Maron aus diesen Gesprächen mit der Krähe einen Roman geschrieben.

Olga

Bernhard Schlink: Olga.
Diogenes 2018

Bernhard Schlink – bekannt als Verfasser des Romans Der Vorleser – legt mit Olga eine Lebensgeschichte einer Frau vor und lässt diese vor dem immer wieder angedeuteten aber kaum konkretisierten Hintergrund der deutschen Geschichte spielen, die als Orientierung und ebenso als Beleg dafür fungiert, dass die Erzählung (und das Leben) voranschreitet. Im Zentrum steht die dem Buch den Titel gebende Olga und ihre Liebe zu Herbert. Diese beiden finden schon in Jugendjahren zueinander und lassen sich auch nicht vom vorherrschenden Standesdenken, das um 1900 eine solche Beziehung noch als unerwünscht kategorisiert, abhalten. Obwohl diese Liebe in späteren Jahren v.a. durch Herberts zahlreiche Abwesenheiten und schliesslich durch sein Verschollen auf einer Expedition geprägt ist, ist sie in Olgas Leben zentral. Nicht nur haben sie einen gemeinsamen Sohn (von dem Herbert nichts weiss), sondern auch nach seinem endgültigen Fernbleiben lässt sie nicht von ihm ab und schreibt immer wieder Briefe an ihn, die am ursprünglichen Ausgangspunkt von Herberts Expedition gesammelt werden. Diese dort gesammelten Briefe bilden schliesslich den Abschluss und letzten Abschnitt des Buches und werden sozusagen dort „abgedruckt“.

Olga selbst kommt aus einfachen Verhältnissen und arbeitet sich durch Beständigkeit, Beharrlichkeit und Autodidaktik zur Lehrerin hoch. Diesem Beruf geht sie viele Jahre mit viel Freude und Einsatz trotz widriger Umstände nach. Auch nachdem sie ihren Beruf aufgrund ihrer aufgetreten Gehörlosigkeit aufgeben muss, bleibt sie auf eigenen Füssen stehen und sorgt mit Näharbeiten für ihr Auskommen. Olga ist eine selbstständige, selbstbewusste und unabhängige Frau uns entsprach somit nicht dem gängigen Frauenbild ihrer Zeit. Obwohl der Roman das ganze Leben Olgas abhandelt und über dreihundert Seiten lang ist, bleibt die Geschichte als solche und Olga im Speziellen überraschenderweise eher flach. Die Erzählung ist insgesamt zu seicht und es fehlt ihr an Tiefenschärfe in vielerlei Hinsicht. Nach der Lektüre könnte man sagen: „Ganz nett“, viel mehr aber auch nicht, denn insgesamt bleibt dieser doch zeitlich wie biographisch gross angelegte Roman zu blass. Daran ändern auch die zahlreichen Briefe, die Olga über die Jahre an ihren Herbert schreibt und am Ende des Buches versammelt sind, sowie der immer wieder von Olga kritisierte deutsche Grössenwahn (dem auch Herbert und ihr Sohn anheim fallen) wenig.

Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen

Dana Grigorcea: Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen.
Dörlemann 2018

In der Novelle Dana Grigorceas dreht sich alles um die Liebschaft zwischen der nicht mehr ganz jungen Balletttänzerin Anna und dem jüngeren Gärtner Gürkan. In einem Kaffee versucht Gürkan das sonst im Buch kaum vorkommende, aber immerhin den Titel prägende maghrebinische Hündchen von Anna anzulocken. Aus diesem ersten Aufeinandertreffen ergibt sich eine Affäre. Für Anna ist das vorerst nichts Aussergewöhnliches, hatte sie im Laufe ihres Lebens doch schon zahlreiche Liebschaften. Die ehemalige Primaballerina ist mit einem Arzt verheiratet, der offensichtlich nicht ganz zur kunstaffinen Anna passen will. Es ist vielsagend, wenn er ohne Namen bleibt und nur als ihr Mann bezeichnet wird. Im Buch als auch in Annas Leben spielt er offensichtlich nur eine Nebenrolle.

Nachdem Gürken, der eigentlich im Aargau wohnt und für einen Auftrag in Zürich gärtnert, mit der Arbeit in der Limmatstadt fertig ist, kommt es zum Ende der Romanze. Für Anna beginnt mit dem Sommer eine Zeit, in der sie sich trotz Parties und einer Reise nach Venedig zunehmends alleine und unruhig fühlt (sie kann nicht mehr gut schlafen) und dann feststellen muss, dass Gürkan mehr ist, als eine kurze Liebelei, denn sie vermisst ihn sehr.

Schliesslich macht sie sich auf zu seinem Wohnort und passt ihn dann an einem Flohmarkt ab. Obwohl er sich sehr erschrickt (wohl mehr aufgrund der Angst, dass er mit ihr gesehen wird und die ganze Sache auffliegen könnte), freut er sich sehr, sie zu sehen und auch Anna ist glücklich, ihn wieder vor sich zu haben. Für die beiden beginnt nun eine schöne und harmonische Zeit. Sie spazieren unzählige Male durch Zürich und kehren immer wieder in der Rio Bar ein. Ist es Zufall, dass diese Bar gegenüber der sogenannten «Gessnerallee Zürich» liegt, einem Haus, in dem Kunst (u.a. auch Theater) einen Platz hat und wo auch ein Teil der Zürcher Hochschule der Künste (u.a. die Schauspielschule) untergebracht ist? Die Beziehung zu Gürkan haucht Anna neue Lebensfreude ein (Stichwort: Herbstzeitlose) und sie nimmt am Ballett sogar wieder eine Hauptrolle an, obwohl sie in der letzten Zeit v.a. eher Nebenrollen übernahm, die nicht mehr zu intensivem Tanzen verpflichteten. Auch Gürkan lebt auf, ist er doch in seiner Ehe eher unglücklich und unzufrieden.

Ob diese Liebesbeziehung zu einem Ende kommt, obwohl Gürkan Anna sehr liebt und eigentlich mit ihr leben will, bleibt am Ende offen. Auch Anna ist von ihrem schönen Gärtner sehr angetan und fühlt innig für ihn, aber die letzten Zeilen lassen erahnen, dass diese Bekanntschaft nicht mehr sehr lange dauern wird. Dies wird nicht nur durch Annas Gedanken klar, sondern auch durch die zeitliche Struktur, die Grigorcea der Novelle zugrunde legt. Die Liaison beginnt im Frühling, wird im Sommer kurzzeitig unterbrochen und findet ihren (letzten?) Höhepunkt im Herbst. Gibt der Text nun nicht vor, liegt es nicht in dessen Anlage, dass die beiden auseinander gehen müssen? Zumindest deutet einiges darauf hin.

Anna Grigorceas Buch ist nicht nur eine Hommage an Anton Tschechows «Die Damen mit dem Hündchen», sondern auch die Geschichte einer Liebe zweier ungleicher Menschen, so leicht wie das Ballett. Für diesen Pas de deux scheinen sich die richtigen gefunden zu haben. Doch wie jede Aufführung kommt auch dieser Liebestanz zu einem Ende, nur dass die Erzählung aufhört, bevor der Vorhang fällt. So können sich alle Lesenden den Ausgang dieses hier gegebenen Stückes selbst erdichten.

Melancholische Billeteure

Günther Freitag: Melancholische Billeteure.
Wieser 2017.

Von singenden Gebissen, toten autoritären Vätern und kriminellen Bewährungshelfern: «Melancholische Billeteure» ist ein Buch für Menschen, die gerne ins Theater (oder in die Oper) gehen, für Menschen, die gerne beissenden schwarzen (Wiener) Humor haben, und für Menschen, die gerne skurrile, aber liebenswürdige Figuren mögen.

Günther Freitag, von Haus aus Autor für das Theater («Drei Traumkongruenzen», 1990 und «Rost», 2010) und Romancier (zuletzt «Die Entführung der Anna Netrebko», 2015), gelingt ein grossartiges, aberwitziges Buch. Im Zentrum des Romans stehen drei Figuren: Edwin, Dora und Viktor. Edwin und Dora sind Billeteure am Burgtheater in Wien – und zwar mit Leib und Seele. Als «Kenner» sind sie für das linke Parkett zuständig, da sitzen nämlich die Leute, die die Stücke sehen wollen, während rechts die Leute sitzen, die gerne im Theater gesehen werden wollen. Edwin und Dora richten ihr Leben nach dem Spielplan im Theater, sie bereiten sich akribisch auf Vorproben, Hauptproben und Generalproben vor, schreiben jede noch so kleine Veränderung im Spiel auf, urteilen über das Regiekonzept und über die Leistung der Schauspielenden. Wobei natürlich immer die Regie schlecht wegkommt (oder der neue Intendant), die Schauspielenden dagegen sind wie Götter für sie. An «der Burg» spielen ja auch nur die Grossen, versteht sich. Edwin und Dora glauben, dass sie als Billeteure entscheidend mitverantwortlich sind für den Erfolg oder Misserfolg eines Theaterabends. Wenn die Leute auf der linken Seite merken würden, dass zwischen ihnen etwas nicht stimmt, dann würde das Unruhe im Parkett geben, die bis über den Bühnenrand in den Bühnenraum schwappen würde und die Schauspielerinnen und Schauspieler würden sich nicht konzentrieren können und folglich schlecht spielen. Die Harmonie unter den Billeteuren gilt es also zu erhalten! Freitag gelingt eine Schilderung des Theaterbetriebs, wie man sie selten liest. Auch wenn alles mit einem grossen Augenzwinkern geschrieben ist, findet man dennoch einige Körnchen Wahrheit in der absurden Welt des Theaters und kann sich ab und an ein lautes Lachen nicht verkneifen.

Doch die Harmonie zwischen Edwin und Dora gerät je länger desto mehr ins Wanken. Denn Viktor, der Exfreund von Dora, wird aus dem Gefängnis entlassen und kehrt ins Leben von Dora zurück. Obwohl sie ihn verachtet, fühlt sie sich stark zu ihm hingezogen und lässt sich wieder auf ihn ein. Edwin, der heimlich in Dora verliebt ist, bemerkt ihre «Affäre» mit diesem «Taugenichts» (wenn «die Burg» das wüsste…) und stellt ihr nach. Dass dies nichts Gutes für «die Burg» heisst, sei hier nur angedeutet.

Als ob dies noch nicht genug Sprengstoff bieten würde, verschachtelt sich der Roman immer mehr. Nebst den drei Hauptfiguren lernen wir nämlich auch die Mütter von Edwin (eine reiche, schnöselige alte Dame mit einem Papagei, den sie mehr liebt als ihren Sohn) und Viktor (eine senile alte Dame die behauptet, ihre Pflegerin wolle sie ermorden) sowie die «Frau Kammersängerin» kennen, die Dora in ihrer Freizeit betreut. Die «Frau Kammersängerin», die Dora «Maman» nennen muss, ist so ziemlich verrückt. Seit sie an ihrer ersten Premiere (vor rund 50 Jahren) keinen Ton herausgebracht hat, hat ihr Sohn es geschafft, sie in eine Scheinwelt zu retten. Er liess Zeitungsartikel fälschen, die von ihren grossen Auftritten schwärmen, hat ihr in ihrer Wohnung eine «Garderobe» gebaut, in der sie in ihrer erfundenen Vergangenheit schwelgen kann. Doch damit nicht genug: Für jede grosse Sopran-Rolle hat ihr Sohn, von Beruf Zahnarzt, ein Gebiss angefertigt (das «Donna-Anna-Gebiss» oder das «Tosca-Gebiss» etc.), die alle feinsäuberlich aufgeräumt in ihrer «Garderobe» darauf warten, eingesetzt zu werden. Gerade die Szenen mit «Maman» sind gleichzeitig so absurd und herzerwärmend komisch, dass man gar nicht mehr aufhören will zu lesen.

Auch die Väter, die eigentlich schon alle tot sind, geistern im Buch herum. Autoritäre Figuren, in ihrem Extremismus (sowohl der Sozialist wie auch der Faschist) total lächerlich und trotzdem gefährlich. Viktor und Edwin hatten keine einfache Kindheit, denn diese waren jeweils geprägt von Vorwürfen und Erniedrigungen durch die Väter.

Eine weitere wichtige Figur ist der Bewährungshelfer von Viktor, der ihn dazu nötigt, seine Verlobte zu beschatten, weil er denkt, sie habe eine Affäre. Da er ihn in der Hand hat, muss sich Viktor fügen. Dass die Verlobte tatsächlich eine Affäre hat, und zwar mit dem Sohn der «Frau Kammersängerin», ist nur eines der vielen Beispiele dafür, wie geschickt und undurchsichtig dieser ganze Roman gesponnen ist.

Klappt man am Ende das Buch zu, weiss man eigentlich nicht so recht, um was es im Roman wirklich ging. Vielmehr hat man einzelne wunderbare Szenen im Kopf, die sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Es bleibt das schale Gefühl, dass keine der Figuren am Ende ihr Glück finden wird, und dass dies fatale Folgen für «die Burg» haben wird.

Frauen & Macht. Ein Manifest

Mary Beard: Frauen & Macht. Ein Manifest.
Fischer, 2018.

«Frauen & Macht» ist die gedruckte Version zweier Vorträge der bekannten britischen Antikenhistorikerin Mary Beard aus den Jahren 2014 und 2017 (inkl. Nachwort und aktuellen Kommentaren dazu).

In beiden Vorträgen setzt sich Beard mit den Strukturen auseinander, die Frauen von Macht fernhalten. Als Antikenhistorikerin beginnt sie in der griechischen Literatur und führt verschiedene Beispiele an, von Penelope über Lucrezia bis hin zur US-Senatorin Elisabeth Warren, in denen Frauen die öffentliche Rede, ein Zeichen von Männlichkeit und Autorität, verboten wird und zeigt im ersten Vortrag, wie sehr der Ausschluss der Frauen von Macht von den Anfängen der westlichen Kultur bis heute verankert ist.

Der zweite Vortrag handelt davon, wie mit Frauen, die schon Macht und Einfluss besitzen, umgegangen wird. Hier spannt Beard den Bogen von der hässlichen und todeswürdigen Medusa und den androgynen Amazonen über Elizabeth I. zu Angela Merkel und Theresa May (die beide im Internet übrigens recht oft mit Medusa verglichen werden), und legt dar, wie Mechanismen wie Diffamierung und Absprechung der Weiblichkeit von der Antike bis heute misogyne Wirkung haben und Gewalt gegen Frauen normalisieren.

Mit ihrer Medien- und vor allem Internetpräsenz hat Beard die perfideren Versuche, mit denen Frauen im Netz zum Schweigen und um eine Plattform gebracht werden sollen – von allseitiger Reduktion auf ihr Äusseres und Shitstorms nach tagespolitischen Voten bis zu Mord- und Vergewaltigungsdrohungen in Wort und Bild – , zur Genüge selber erlebt, wodurch ihre Vorträge auch ein Bericht über persönlicher Erfahrungen und Strategien sind.

Die Vorträge sind inhaltlich dicht und trotzdem leicht zu lesen, eingängig, erhellend, an den richtigen Stellen mit Humor und Illustrationen gewürzt und sowohl Laien als auch Akademiker_innen werden ihnen etwas abgewinnen können. Zudem ist Beard im Umgang mit genderspezifischer öffentlicher Gewalt, ein gerade im Internet gesetzlich unterrepräsentiertes und oft kleingeredetes Probelm, ein absolutes Vorbild für Frauen in der Öffentlichkeit, in der Akademie und auf Social Media.

Indifferenz und Wiederholung – Freiheit in der Moderne

Frank Ruda: Indifferenz und Wiederholung – Freiheit in der Moderne. Konstanz University Press 2018.

Das Problem der Indifferenz, eines der wichtigsten Themen in der Geschichte der Philosophie, besonders in derjenigen des 20. Jahrhunderts, erfährt nur wenige Behandlungen. Mit seinem neuen Buch „Indifferenz und Wiederholung“ unternimmt der an der schottischen ‚University of Dundee’ lehrende ‚Senior Lecturer for Philosophy’ Frank Ruda einen umfassenden und konzisen Versuch, Indifferenz als grundlegendes philosophisches Problem zu erfassen.

Dabei geht er aus von Heideggers Position, Indifferenz sei die Vergessenheit des Seins, d.h. der ontisch-ontologischen Differenz zwischen Sein und Seiendem. Diese Vergessenheit nehme ihren Ausgang mit Platon, wo nach Heidegger die Geschichte des Rationalismus ansetze, und werde mit Descartes, Kant und Hegel weitergeführt, um schliesslich mit der Philosophie der Technik im 20. Jahrhundert zu ihrem Höhepunkt zu finden. Die zentrale These behauptet, dass mit dem Verlust der ontisch-ontologischen Differenz nicht nur das Denken des Seins abhanden komme, sondern damit überhaupt das Denken. In der Folge könne die Vergessenheit der Differenz, d.i. die Gleichgültigkeit nicht mehr gedacht werden und werde selbst indifferent: „…die These der Indifferenz (wird) zu einer indifferenten These.“ (S. 10)

Genau an dieser Stelle setzt die Arbeit von Frank Ruda ein, die andersherum mit einer modernen Philosophie des Rationalismus (S. 15) auf das Problem der Indifferenz zugeht und dieses „direkt und wesentlich“ (S. 14) als ein Problem der Freiheit angeht. Freiheit wurde als Wahlfreiheit verstanden und dieses Missverständnis, nachdem es als solches erkannt wurde,  auszulegen und im Weiteren zu untersuchen, macht sich das vorliegende Buch zur Aufgabe.

Es ist eine Kritik der Freiheit, im Speziellen eine Ideologiekritik, die in der Geschichte der Philosophie unter Zuhilfenahme des modernen Rationalismus jene blinden Flecken aufspürt, in denen Freiheit als bereits bestimmte unser Handeln und Denken formt. Das moderne Denken muss beständig „ihre eigene Gründungsbewegung“ (S. 21) wiederholen, um Kritik und damit Ideologiekritik betreiben zu können.

Kind der Aare

Hansjörg  Schneider: Kind der Aare.
Diogenes 2018.

Was liegt zwischen Basel und Zürich? Genau, der Aargau. Dort ist der Schweizer Autor Hansjörg Schneider aufgewachsen. In seiner Autobiographie «Kind der Aare» taucht Schneider in seine Vergangenheit ein und wir dürfen «zuhören». Denn der Text liest sich stellenweise wie ein Transkript einer mündlichen Erzählung. Und wie es bei Mündlichkeit gang und gäbe ist, so schiebt auch Schneider in seine Lebensgeschichte allerhand ein. Das erinnert dann stark an einen Erzählenden, dem sich bei bestimmten Themen Assoziationen aufdrängen, die er sich im Moment des Aufkommens auch gleich von der Seele sprechen muss. Manchmal wirkt diese Vorgehensweise etwas hektisch, da sie den Erzählfluss bricht. Dennoch gelingt es Schneider beispielsweise gut, seine Kindheit sphärisch wiederzugeben und uns an einer Schweiz während des Zweiten Weltkriegs und vor allem nach 1945 teilhaben zu lassen. Da ist beispielsweise vom Leben in Zofingen die Rede, von seinem Elternhaus oder von den unterschiedlich guten Lehrern an der Kantonsschule in Aarau. Ebenso durchstreift man seine Studentenzeit in Basel und kann das Werden des Schriftstellers (u.a. an den vielen Hinweisen, welche Texte er in seinem Leben alle gelesen hat; sicherlich keine vollständige Liste) verfolgen. Besonders lesenswert sind Schneiders Ausführungen über seine Erfahrung als Stückeschreiber: wie er die Stadttheater erlebte, welchen Skandal Sennentuntschi auslöste oder wie es zu den sogenannten Landschaftstheatern kam.

An manchen Stellen beklagt sich Schneider über diverse Ungerechtigkeiten, die er in seinem Leben von unterschiedlicher Seite erfahren hat. Diese wenigen und durchaus kurz gehaltenen Beschwerden wirken, auch wenn sie nachvollziehbar sind, in ihrer Art etwas kleinlich und hinterlassen den Eindruck, dass der Autor diese Stiche noch nicht überwunden zu haben scheint. Für Schneider ist es offensichtlich wichtig, diese Begebenheiten aus seiner Sicht richtig- oder zumindest darzustellen. Zugleich lässt sich aber auch fragen, wo, wenn nicht in einer Autobiographie, könnte man sowas loswerden?

Für Aargauer/innen und solche, die es erst gerade wurden oder bald sein werden oder vielleicht irgendwann mal sein möchten, ist die Lektüre insbesondere des ersten Teils ein Herantasten der anderen Art. Eine literarische, eine sehr persönliche Annäherung an Argovia. Allen anderen ist das Buch insofern empfohlen, als dass sie ein Interesse am Autor selbst oder an einer schweizerischen Vergangenheit haben oder mehr über das angebliche Nichts inter Basilea Turicumque wissen wollen.

nichts, was uns passiert

Bettina Wilpert: nichts, was uns passiert.
Verbrecher Verlag 2018.

Es ist Sommer 2014; der Sommer, in welchem Deutschland Fussballweltmeister wird. Anna und Jonas begegnen sich zum ersten Mal im Mai, so erinnert sich Anna, auf den Stufen der Universitätsbibliothek Leipzig. Jonas dagegen berichtet, dass es im Juni war, in einer Kneipe. Auf jeden Fall laufen sich die beiden erneut über den Weg. Sie ziehen zusammen um die Häuser, trinken Wodka, unterhalten sich über Literatur und über Annas Geburtsstadt Winnyzja in der Ukraine, die Jonas, der einen längeren Auslandsaufenthalt in Kiew verbrachte, vage kennt. Betrunken und hungrig landen die beiden schliesslich in Jonas` WG und schlafen miteinander. Um beiden ein peinliches Frühstück zu ersparen, verlässt Anna die WG früh morgens.

Als sie Jonas ein paar Tage später fragt, ob er noch zu ihr kommen will, lehnt er verlegen ab und verweist auf die gerade erst beendete Beziehung mit Lisa. Anna, die keinen Moment an etwas Ernstes dachte, fühlt sich vor den Kopf gestossen und die beiden gehen sich aus dem Weg. Als Annas bester Freund, Hannes, seinen dreissigsten Geburtstag in Jonas’ Garten feiert, ignorieren sich Anna und Jonas erst, kommen dann aber doch ins Gespräch. Anna wird immer betrunkener bis sie schliesslich kaum mehr stehen kann. Hannes und Jonas bringen sie in Jonas’ Zimmer. «Anna sagte, sie hatte einen Filmriss, aber keinen durchgehenden. […] Sie konnte sich erinnern: Dass sie auf Jonas’ Bett lag. Dass er ihre Hose auszog. Sie registrierte erst nicht was passierte. Als sie es merkte, wehrte sie sich, aber er war stärker, drückte sie an den Handgelenken in die Matratze.»

«Jonas sagte, dass es einvernehmlicher Sex war.» Schliesslich hätte er ein Kondom benutzt und sie hätte sich nicht gewehrt. Annas und Jonas’ Aussagen stehen auf derselben Seite des Buches und bilden den dramaturgischen Knotenpunkt des Romans. Dahinter steht die geschickte Wahl der Erzählperspektive. Die Erzählperson – von der man praktisch nichts erfährt – hat mit den Figuren des Romans Interviews geführt und gibt nun das Ausgesagte wieder. Das für sexualisierte Gewalt typische Fehlen nicht beteiligter Zeugen wird so direkt in der Erzählstruktur abgebildet. Zudem wird man als Leser*in implizit in die Beurteilung des Geschehens hineingezogen, da man stets dazu gedrängt wird, in der Sache Stellung zu beziehen. Bettina Wilpert scheint es jedoch nicht darum zu gehen, den Anspruch auf Objektivität durch indirekte Rekonstruktion des Geschehenen zu unterlaufen; was hier geschildert wird, ist real und stets in beklemmender Weise präsent.

Anna zieht sich zurück, verlässt ihre Wohnung über Wochen kaum noch. Erst nachdem sie an einer Familienfeier einen Zusammenbruch hat, bricht sie das Schweigen und spricht mit ihrer Schwester Daria. Diese rät ihr, Jonas anzuzeigen. Anna ist dagegen, die Polizei einzuschalten, sie will in erster Linie, dass Jonas einsieht, was er getan hat und sich entschuldigt. Nach einer zufälligen, für Anna verstörenden Begegnung fährt sie dennoch zur Polizei und erstattet Anzeige. Damit kommt «der Fall», wie Anna selbst ihn zuweilen nennt, in gesellschaftlicher Hinsicht ins Rollen.

An Annas bestem Freund Hannes beispielsweise zeigt Wilpert eindrücklich, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es naheliegender ist zu glauben, dass das Opfer lügt, als sich einzugestehen, dass ein normaler Mensch – gar ein nahestehender – zum Vergewaltiger werden kann. Doch nicht nur im nahen Umfeld machen sich Abgründe auf. Es gibt beinahe kein anderes Thema mehr «als den gewalttätigen Vergewaltiger und das schutzlose Opfer. Die junge Frau, die betrunken mit einem Mann Sex gehabt und nicht aufgepasst hat.» Alle scheinen gezwungen, Stellung zu beziehen und es kursieren die verschiedensten Anschuldigungen. Schliesslich werden Annas und Jonas’ Namen bekannt und Jonas wird von seinen ehemaligen Mitstreiter*innen der M16, einem linken Kollektiv, ausgeschlossen. Anna wird von einer Awareness-Gruppe angeboten dafür zu sorgen, dass Jonas an weiteren Orten Hausverbot erhält. Ob sie über ihr Erlebnis sprechen möchte, so eine Frage. «Anna war sprachlos. Erlebnis? Erfahrung, das traf es vielleicht. Vergewaltigung war auf jeden Fall der richtige Begriff, sexualisierte Gewalt – auch gut, aber Erlebnis?»

In ihrem Roman schildert Bettina Wilpert die gesellschaftlichen Auswirkungen, die sexualisierte Gewalt nach sich zieht. Sie legt mögliche Affekte und Reaktionen der unmittelbar Betroffenen dar und macht Strukturen und Dynamiken kenntlich. Wilpert beleuchtet zudem juristische Aspekte und verweist nicht zuletzt auf die Tatsache, dass es in den allermeisten Fällen sexueller Straftaten nicht zur Anklage kommt und bei diesen nur in den allerwenigsten zu einem Schuldspruch. Trotz des breit angelegten Unterfangens gelingt es Wilpert, das Urteil über die Tat nicht zu verwässern.

Die Bücherschmuggler von Timbuktu

Charlie English: Die Bücherschmuggler von Timbuktu. Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes.
Hoffmann und Campe 2018.

Charlie English, der für dieses Buch seine Stelle als Auslandsredaktor bei der Zeitung «The Guardian» aufgegeben hat, erzählt die Geschichte dieser Manuskripte, von deren – aus europäischer Sicht – Entdeckung durch die Engländer, deren Bekanntmachung in der Forschung durch einen der gegenwärtigen Bibliothekare und schliesslich von deren Rettung vor den Eroberern Timbuktus 2013.
English führt die Leserschaft durch die dilettantisch-abenteuerlichen Exkursionen der Engländer im 19. Jahrhundert ins afrikanische Inland, die alle nicht wieder heimkehren, deren letzter, Alexander Gordon Laing, 1826 aber immerhin ein Brief aus Timbuktu schreiben kann, in dem er angibt, er sei «…vollauf damit beschäftigt, Aufzeichnungen in der Stadt zu suchen, die reichlich vorhanden sind…» (Sehr zum Ärger des British Empire ist es ein Franzose, der wenige Jahre nach Laings Tod als erster Timbuktu erreicht, lebend von der Expedition zurückkommt, das Preisgeld der «Royal Geographic Society» einstreicht und damit eine diplomatische Krise auslöst.) Für die Geschichte und Quellen Westafrikas interessiert sich aber erst der Deutsche Forscher Heinrich Barth, der 1853-54 in Timbuktu ist und sowohl in der Stadt als auch auf dem Weg dorthin historische Werke zusammenfasst, teilweise kopiert und so Europäern zugänglich machte, wenn seine Reisebereichte denn gelesen worden wären.
Diese höchst amüsanten historischen Romanepisoden lässt English geschickt parallel laufen mit Reportagen aus dem 21. Jahrhundert über einen Chefbibliothekar und Manuskriptbeschaffer, der im Alleingang abertausende alter Schriften zusammenträgt, über die Ergriffenheit eines amerikanischen Professors ob dieser grossartigen Quellen, über Unabhängigkeitsbestrebungen und Erstarken des westafrikanischen Al Quaida-Ablegers, und schliesslich über die Besetzung Timbuktus, der immer extremeren Durchsetzung der Scharia, der Unterdrückung der Bevölkerung, der Zerstörung aller Kultur, die nicht ins Weltbild der Salafisten passt. Und vom Mut und Erfindergeist all der – bei Weitem nicht perfekten – Menschen, die das Erbe ihrer Stadt unter Einsatz ihres Lebens Kiste für Kiste aus Timbuktu herausschleusten.

«Die Bücherschmuggler von Timbuktu» ist eine gelungene Mischung aus Reportage, historischer Einführung, Abenteuerroman und Polit-Krimi, die gut unterhält und viele Denkanstösse liefert.

«Ich will dich an der Hand führen, um dir die Wunder der Welt zu zeigen…».

Franz und Maria Marc: Briefe. «Ich will dich an der Hand führen, um dir die Wunder der Welt zu zeigen…».
Hg. und kommentiert von Annegret Hoberg. C.H. Beck 2018.

Der expressionistische Maler Franz Marc und Maria Franck lernen sich 1905 bei einem Bauernball in Schwabing kennen und werden bald darauf ein Liebespaar. In den Jahren 1905 bis 1911 und 1914 bis 1916 schreiben sie sich hunderte Briefe und Postkarten. Sie zeugen eindrücklich und sprachgewaltig von der zärtlichen, innigen Liebe des Paares zueinander, aber auch von den Schwierigkeiten, seelischen Tiefs und schliesslich vom schrecklichen Kriegsgeschehen des Ersten Weltkrieges, dem Franz Marc 1916 zum Opfer fiel. Maria schrieb ihren letzten Brief an Franz am Tage seines Todes. Das wunderschön gestaltete Büchlein der textura-Reihe beim Beck Verlag versammelt diese berührenden Schriftzeugnisse, viele davon als Erstveröffentlichung. Annegret Hoberg führt mit kurzen Zwischenkommentaren gekonnt und unaufgeregt durch die chronologisch angeordneten Briefe und liefert damit den nötigen Kontext. Ein Nachwort und eine kurze Doppelbiographie runden den gelungenen Band ab.