Ich kann dich hören

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören
Wagenbach Verlag 2019

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Der Zauber des Zuhörens

Drohendes Verstummen
Die Welt des angehenden Cellisten Osman Engels gerät aus den Fugen, als sein Vater einen schweren Unfall erleidet und sich arbeitslos meldet. Osmans Tante Elide holt den Sohn deswegen von Hamburg zurück nach Essen, wo er den Dämonen seiner Kindheit in einer zerrütteten Familie begegnet, in der die Mutter davonlief und der Vater, ebenfalls Musiker, sich von seinen Söhnen weg in den Beruf flüchtete. Osmans Tante gab damals ihren Lebenstraum für ihn und seinen Bruder auf und zog die beiden gross. Eine Mauer des Schweigens und des Unglücks trennte die Familienmitglieder voneinander: Elide resignierte, die Söhne gingen so weit weg wie möglich, einer nach Kanada, der andere in eine Hamburger WG und in die Musik, auch der Kontakt zum Vater brach ab. In Hamburg kämpft Osman weiterhin mit Schweigen und Einsamkeit; ihm, dessen Verbindung zur Familie schon lange brach liegt, entgleitet nun auch der Draht zur Musik sowie zu seiner Mitbewohnerin, für die er Gefühle hegt, die er nicht in Worte fassen kann. Eines Tages findet Osman im Zug ein Diktiergerät, auf dem die spezielle Geschwisterbeziehung zwischen Ella und Jo aufgezeichnet ist.

Vom Schweigen zum Dialog
Der Roman setzt an der Stelle ein, an der verschiedene Figuren gegen ihre Situation rebellieren und damit Bewegung in ihr Leben und die gesamte Personenkonstellation um sie herum bringen. So lebt Elide endlich wieder ihr eigenes Leben, zieht nach Paris und stellt Osmans Vater damit unsanft auf dessen eigene Beine. Auch Osmans Mitbewohnerin ergreift unbeholfen die Initiative und bringt ihn in Zugzwang. Er weicht jedoch aus, arbeitet sich vergeblich an seinem Cello ab, bleibt frustriert und stumm und flüchtet zu Ellas Stimme im Diktiergerät. Diese hat Gespräche mit ihrer gehörlosen Schwester, Jo, auf Band gespielt. Auch Jo befindet sich in einem Emanzipationsprozess, dem Ella bloss hilflos zusehen kann. In Ella findet Osman endlich jemanden, der er sich nicht entziehen kann. Er ist völlig in ihrem Bann, muss ihre Gespräche mit Jo immer wieder anhören. Schliesslich beginnt er, auch sich selber und den Menschen um ihn herum wieder zuzuhören. Mit dem Gehör kommen auch Musikalität und Sprache zurück, und Osman schafft es, seine Vergangenheit

Kommunikation als Lebenselixier
Die 1991 geborene Katharina Mevissen, die für ihren Roman 2016 das Bremer Autorenstipendium erhielt, legt eine feinfühlige und intime Reportage vor über Menschen, die mitsamt ihrer jeweiligen Sprache nicht nur ihre Mitmenschen, sondern auch sich selbst aus den Augen verlieren und um diese Beziehungen ringen. Die Autorin versteht es meisterhaft, sowohl Sprachlosigkeit als auch verschiedene Ausdrucksformen – Deutsch, Türkisch, Musik, Geräusch – in ihren Text zu bringen. Den Soundtrack zum Buch, sowie Übersetzungen der Türkischen Passagen, sind dem Roman als Anhang beigefügt, es empfiehlt sich, die angegebene Musik beim Lesen auch zu hören. 
Jeder Figur gibt Mevissen eine ganz eigene Stimme, an der sie deren Charakterentwicklungen zeigt. Zu Beginn des Buches leiden alle Figuren spürbar an Kommunikationsproblemen, die nach und nach aufgelöst werden. So beginnt Elide, neben Osman die zweite Ich-Erzählerin, plötzlich wieder Türkisch statt ihrem fehlerhaften, spät im Leben gelernten Deutsch zu sprechen, als sie beschliesst, ihr Leben zu ändern. Suat hingegen lässt Mevissen nur widerwillig und in unfertigen Sätzen sprechen, genauso wie von seinen Mitmenschen scheint er sich von der Sprache jeweils auf halbem Weg zurückzuziehen. Erst sehr spät kommt er überhaupt zu Wort. Auch Osman kann sich zu Beginn des Romans vor allem durch die Musik ausdrücken, deren Sprache er ausgeliefert ist und in der sich sein Gemüt wohl oder übel zeigt. Osmans Worte hingegen sind ungelenk, fehl an Platz, seine Zerrissenheit zwischen verschiedenen sozialen Milieus und seine Unerfahrenheit gegenüber tiefen emotionalen Beziehungen scheinen durch. Zum vielleicht ein wenig kitschigen Ende der Erzählung hin findet sich Osman aber doch in der Musik wie auch in seiner nun flüssigen und fröhlicheren Sprache zurecht. Die kommunikativ wohl interessanteste Figur ist jedoch die gehörlose Jo, die nur als abwesende Gesprächspartnerin Teil der Geschichte ist. Ihre Worte finden sich einmal aus Osmans Perspektive, der nur Geräusche und Silben wahrnimmt, unterlegt mit Ellas Kommentaren, die mit Jo streitet. Am Ende des Buches wird dieselbe Passage aus Ellas Sicht beschrieben und erhält mit ihrer Übersetzung Sinn. Der Autorin, die sich im Literaturprojekt «Poesie Handverlesen» für gebärdensprachliche Literatur einsetzt, gelingt mit den Schwestern Ella und Jo eine eindrückliche Darstellung der nicht-lautlichen Sprache und der umso intensiveren Kommunikation.   
«Ich kann dich hören» ist ein kurzes, kunstvoll komponiertes Büchlein. Es hinterlässt trotz seiner leisen Worte einen bleibenden Eindruck und erinnert das Lesepublikum daran, wie schön das Leben sein kann, wenn man es teilt, wenn man miteinander in Verbindung steht und füreinander da ist.

Am Seil

Erich Hackl: Am Seil. Eine Heldengeschichte.
Diogenes 2018

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Die Erzählung Erick Hackls erinnert an Anne Franks Schicksal. Wie letztere in Amsterdam, so verstecken sich Lucia und ihre Mutter Regina Steinig in Wien während der für Juden lebensbedrohlichen Phase des Nationalsozialismus in der Werkstatt eines Freundes. Dieser Freund – Reinhold Duschka – und sein selbstloses und für ihn selbstverständliches Schutzgewähren geben dem Buch den Untertitel «Heldengeschichte». Für Aussenstehende mag diese Zuschreibung der Heldentat durchaus zutreffen, Duschka aber, der für seine Hilfe auch von Yad Vashem ausgezeichnet wird, sieht das gar nicht so. Für ihn ist es völlig klar, seiner Freundin und deren Tochter Unterschlupf zu gewähren.

Die Bedrückung, die die in der Werkstatt Eingesperrten aushalten müssen, die ständige Angst, entdeckt werden zu können, kommen durchaus zum Tragen, hätten aber der Eindringlichkeit halber noch deutlicher gezeichnet werden dürfen. So bleibt eher eine leise Ahnung davon, wie sich Regina und Lucia sowie unzählige andere verstecke Juden gefühlt haben müssen. Sehr schön gelungen ist aber diesbezüglich jene Szene, die eines der wenigen Male schildert, während denen die Versteckten – hier die Tochter Lucia – nach draussen kommen. Reinhold und Lucia machen einen kleinen Ausflug auf den oberhalb der Stadt gelegenen Cobenzl. Da rennt Lucia eine halbe Stunde lang hin und her, ein Zeichen der Freude darüber, wieder mal draussen sein zu dürfen. Die Begeisterung ist so gross, dass Lucia nicht anders kann, als eben dieser durch Hin- und Herlaufen Ausdruck zu verleihen. Hackl evoziert nicht nur ein starkes Bild, sondern vermittelt die Freude durch den blossen Beschrieb von Bewegung und kann so die Gefühle Lucias eindrucksvoll widergeben, vermutlich sogar überzeugender, als wenn er bloss geschrieben hätten, dass sich Lucia unglaublich über diese kurze Freiheit freuen würde. Obwohl Hackl für den Beschrieb dieses Vorgangs Worte bemüht, kommt er hier sozusagen ohne Worte aus.

Der Titel der Geschichte «Am Seil» beschreibt die Erzählung in ihrem wesentlichen Kern. Nicht nur greift er die Tatsache auf, dass Duschka passionierter Bergsteiger ist, sondern umschreibt auch das Verhältnis, das während des Versteckens zwischen Helfer und Versteckten besteht. Lucia und Regina sind auf Duschka essentiell angewiesen, hängen sozusagen an seinem Seil – die einzige Sicherheit, die sie haben –  und bilden mit ihm eine dem Bergsteigen analoge Seilschaft: Vertrauen, Verlässlichkeit, Abhängigkeit und Sicherheit zählen sowohl für Gipfelstürmer als auch für die in der Werkstatt Untergebrachten und deren Behüter.

Die Erzählung beruht auf wahren Begebenheiten und ist so oder ganz ähnlich wirklich vorgefallen. Ein weiterer von Erich Hackl literarisierter Tatsachenbericht, dieses Mal über einen Helden, der keiner sein wollte.

Dostojewskij. Eine Biographie.

Andreas Guski: Dostojewskij. Eine Biographie.
C.H. Beck 2018

Andreas Guski, emeritierter Basler Slawistik-Professor, lässt in seiner dicht und elegant geschriebenen Biographie den grossen russischen Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski wiederaufleben. Er versucht diesen mit nüchternem Blick aus seiner Zeit heraus zu begreifen und jeglichen Formen der Verklärung entgegenzuwirken. Wie Guski im Vorwort schreibt, wird die Figur Dostojewskijs gerade jetzt von erstarkenden völkischen und orthodoxen Kräften in Russland wiederentdeckt. Nach der Lektüre der Biographie muss man zunächst eingestehen: keine gänzlich abwegige Bezugnahme. Guski macht jedoch klar, dass Dostojewskij ein Meister der Provokation war und es liebte, seine Thesen bis aufs Äusserste zuzuspitzen. Im Gegenzug hatte er auch keinerlei Hemmungen, umstandslos von vorgängig formulierten Thesen abzurücken oder ihnen völlig gegenläufige entgegenzuhalten. Dies zeigt sich in den dichten und präzisen Textinterpretationen Guskis, welche den Zugang zum Inhalt einzelner Erzählungen erleichtern und darüber hinaus reich an erhellenden Einblicken in die Schreib- und Gestaltungstechniken Dostojewskijs sind. Das Resultat ist eine gelungene Mischung aus Biographie und Exegese, die sogar bekennenden Fans blinde Flecken der Verklärung vorzuhalten vermag.

Das Schlüsselereignis

1821 geboren, landet Dostojewskij nach dem Tod seiner Mutter im Internat; er ist dreizehn Jahre alt. Bald darauf beginnt er die Ausbildung zum Leutnant an der militärischen Ingenieursschule. Vom Militärischen hält er nicht viel und widmet sich in dieser Zeit der Literatur. 1844 bittet er schliesslich um die Entlassung aus dem Staatsdienst. Nur ein Jahr später verhilft ihm sein Briefroman «Arme Leute» zum literarischen Senkrechtstart. Um 1848, inmitten der Wirren der europäischen Revolutionsjahre, schliesst sich Dostojewskij den «Petraschewzen» an, einem vom französischen Frühsozialisten Charles Fourier inspirierten revolutionären Zirkel. Im Jahr darauf werden Dostojewskij und einige weitere Mitglieder verhaftet und zum Tode durch Erschiessen verurteilt. Am 22. Dezember 1849 wird er in einer vom Zaren inszenierten Scheinhinrichtung zum Schafott geführt und wenige Augenblicke vor dem Schiessbefehl begnadigt. Das Urteil lautet nun vier Jahre Arbeitslager und weitere sechs Jahre sibirisches Exil. Dieses erschütternde Erlebnis wird zum Schlüsselereignis seines Lebens. Dostojewskij selbst beschreibt es als «Wiedergeburt» und Guski sieht darin nicht zuletzt auch eine Wende «vom linken Westler zum orthodoxen Slawophilen, vom Intellektuellen zum Volksfreund, vom Revolutionär zum Nationalkonservativen».

Die vier Jahre Arbeitslager in Sibirien gleichen einem Abstieg in die Hölle. Dostojewskij bringt die schrecklichen Zustände später in seinen «Aufzeichnungen aus dem Totenhaus» zu Papier. Die sechs Jahre Exil verbringt er als Soldat in der Garnisonsstadt Semipalatinsk. Auch dank eines Schreibens an die Zarin – über weite Strecken ein Musterbeispiel der Anbiederung – erlangt er schliesslich 1857 das Publikationsrecht wieder und kann nun damit beginnen, die vielen in der Zwischenzeit entstandenen Erzählungen zu veröffentlichen. Mit seinem Bruder gründet er die Zeitschrift «Die Zeit», in der von nun an seine Texte erscheinen. In den 1860er-Jahren, einer Phase gesellschaftlicher Öffnung im Russland des 19. Jahrhunderts – Abschaffung der Leibeigenschaft, Lockerung der Zensur –, trifft das Magazin den konservativen Nerv der Zeit. Insbesondere das Credo der «Bodenständigkeit», einen Kompromiss zwischen Slawophilen und Westlern anstrebend, verschafft den Brüdern Dostojewskij viele Leser*innen und Abonnent*innen.

Europa und die Spielsucht

1862 begibt sich Dostojewskij auf seine erste Europareise. Seine Empfindungen und Einsichten hält er in «Winternotizen über Sommereindrücke» fest. Die Schilderung von Städten wie Berlin, Paris und London zur Zeit der Weltausstellung sind eindrückliche Beispiele seines literarischen Könnens. Vor allem aber sind sie Vorboten der von nun an in seinem Werk stets präsenten Kritik an Kapitalismus, bürgerlicher Gesellschaft, Fortschrittsglauben und moderner Konsumgesellschaft. Dem Träumen vom gesichtslosen «universalen Allgemeinmenschen», das er sowohl Kapitalisten wie Sozialisten anlastet, stellt er die Bedeutung historischer, ja völkischer Verankerung entgegen; dem materialistischen Denken, die Fähigkeit des Einzelnen, sich aus eigener Kraft zu ändern. Auf diese Weise begegnet er dem von ihm als Gefahr erkannten, aufklärerischen Denkens westlicher Prägung entspringenden Nihilismus.

Gleichzeitig erliegt er den Reizen Europas. Während er unglücklich verliebt seiner verehrten Polina nachreist, macht er Bekanntschaft mit den in Europa legalen Spielbanken. Dostojewskij, ebenso leidenschaftlicher wie erfolgloser Spieler, wird von da an und bis kurz vor seinem Tode von Schulden und Gläubigern verfolgt. Er bezieht jeweils Vorschüsse, die er dann in Form von Druckbögen auf Termin zurückzahlen muss. Das Geld ist zu diesem Zeitpunkt meist bereits ausgegeben oder verspielt. So entstehen unter enormem Zeitdruck die Bücher «Aufzeichnungen aus dem Kellerloch», «Der Spieler» sowie «Schuld und Sühne». Bei der Niederschrift von «Der Spieler» – er hat drei Wochen Zeit dafür! – hilft ihm seine zukünftige Frau Anna Snitkina.

Gleich nach der Hochzeit im Jahr 1867 verlassen sie zusammen erneut die russische Heimat. Der vierjährige Europaaufenthalt wird zu einer eigentümlichen Mischung aus Hochzeitsreise und Flucht vor den Gläubigern, aus exzessivem Schreiben und verheerenden Ausflügen an den Spieltisch. Dank gütiger Mithilfe Annas entsagt Dostojewskij schliesslich dem Glückspiel und die mittlerweile dreiköpfige Familie kehrt nach Russland zurück. Er arbeitet für slawophile Magazine, nimmt immer öfter und dezidiert zu aktuellen politischen Themen Stellung und bringt seine letzten beiden Romane zu Papier. 1880 hält er die berühmt gewordene Puschkin-Rede, in welcher er diesen als Erwecker des russischen Selbstbewusstseins deutet und als gleichsam völkischen wie universellen Dichter preist. Im Anschluss wird er von der Menge als Prophet gefeiert und stirbt auf dem Höhepunkt seines Ruhmes wenige Monate später in seiner Petersburger Wohnung.

Munin oder Chaos im Kopf

Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf.
S. Fischer 2018

Eine Auftragsarbeit über den dreissigjährigen Krieg, die in der Bekanntschaft mit dem Tagebuch von Peter Hagendorf mündet. Ein nachbarschaftlicher Kleinkrieg über eine „verhaltensauffällige“ Frau, die auf dem Balkon ihre Gesangsübungsstunden (Sopran) abhält. Eine Begegnung mit einer einbeinigen Krähe, die die Protagonistin in nächtlich-philosophische Gespräche über Gott und die Welt verwickelt. Das sind die drei Handlungsstränge, deren Geschichten zunehmend zu Parameter, Gleichnis und Konstante werden für die Antriebe zu Kriegen, aber auch für ein anderes Verstehen von Wesen und Vernunft des Menschen.

Die Arbeit über den dreissigjährigen Krieg betrachtet im Besonderen die Vorkriegszeit, das Tagebuch des ehemaligen Müllersohns Peter Hagendorf, der zum Söldner wurde, weil er die Mühle seines Vaters nicht erben konnte und das Schicksal von Herzog Christian, mit dem die Protagonistin durch das Schlachtenepos von Annette von Droste-Hülshoff bekannt wurde. Aufgrund dieser drei Quellen kann die Protagonistin am besten in die Motivationen von Kriegen Einsicht gewinnen; immer weniger erkennt sie diese in politischen und religiösen Machtstrukturen und immer mehr in existentiellen Grundzügen und solchen des Menschenwesens. In den Gesprächen mit der Krähe findet der Erkenntnisvorgang indes seinen eigentlichen Austragungsort. Natürlich sind es einerseits Aggression (Feindbilder), Ehrgeiz (Machtansprüche, Landnahme) und Fanatismus (religiöser, politischer, ideologischer), die zu Kriegen führen. Andererseits jedoch bewirken Begehren und Mangel an existentiellen Ansprüchen, Betrug an und Herrschaft über das einzelne Leben und schliesslich die Zugrundelegung der menschlichen Unvollkommenheit resp. die Schaffung eines Gottes mächtige und unbeherrschbare Antriebe für aggressive, ehrgeizige und fanatische Handlungen.

Die Krähe begleitet seit Menschengedenken die Geschichte des Menschen, vor allem ist sie als aufmerksame Beobachterin präsent in Kriegen und im Alltag. Munin, die Krähe, steht für dieses Menschheitsgedenken und spricht von dessen Geschichten. Sie setzt dem Gott der Menschen das Gesetz entgegen und der Vernunft die Co-Existenz von Wesen und Existenz. – Es obliegt indes (dem Willen) der Protagonistin, dieser Stimme Gehör zu schenken. – Nun hat Monika Maron aus diesen Gesprächen mit der Krähe einen Roman geschrieben.

Olga

Bernhard Schlink: Olga.
Diogenes 2018

Bernhard Schlink – bekannt als Verfasser des Romans Der Vorleser – legt mit Olga eine Lebensgeschichte einer Frau vor und lässt diese vor dem immer wieder angedeuteten aber kaum konkretisierten Hintergrund der deutschen Geschichte spielen, die als Orientierung und ebenso als Beleg dafür fungiert, dass die Erzählung (und das Leben) voranschreitet. Im Zentrum steht die dem Buch den Titel gebende Olga und ihre Liebe zu Herbert. Diese beiden finden schon in Jugendjahren zueinander und lassen sich auch nicht vom vorherrschenden Standesdenken, das um 1900 eine solche Beziehung noch als unerwünscht kategorisiert, abhalten. Obwohl diese Liebe in späteren Jahren v.a. durch Herberts zahlreiche Abwesenheiten und schliesslich durch sein Verschollen auf einer Expedition geprägt ist, ist sie in Olgas Leben zentral. Nicht nur haben sie einen gemeinsamen Sohn (von dem Herbert nichts weiss), sondern auch nach seinem endgültigen Fernbleiben lässt sie nicht von ihm ab und schreibt immer wieder Briefe an ihn, die am ursprünglichen Ausgangspunkt von Herberts Expedition gesammelt werden. Diese dort gesammelten Briefe bilden schliesslich den Abschluss und letzten Abschnitt des Buches und werden sozusagen dort „abgedruckt“.

Olga selbst kommt aus einfachen Verhältnissen und arbeitet sich durch Beständigkeit, Beharrlichkeit und Autodidaktik zur Lehrerin hoch. Diesem Beruf geht sie viele Jahre mit viel Freude und Einsatz trotz widriger Umstände nach. Auch nachdem sie ihren Beruf aufgrund ihrer aufgetreten Gehörlosigkeit aufgeben muss, bleibt sie auf eigenen Füssen stehen und sorgt mit Näharbeiten für ihr Auskommen. Olga ist eine selbstständige, selbstbewusste und unabhängige Frau uns entsprach somit nicht dem gängigen Frauenbild ihrer Zeit. Obwohl der Roman das ganze Leben Olgas abhandelt und über dreihundert Seiten lang ist, bleibt die Geschichte als solche und Olga im Speziellen überraschenderweise eher flach. Die Erzählung ist insgesamt zu seicht und es fehlt ihr an Tiefenschärfe in vielerlei Hinsicht. Nach der Lektüre könnte man sagen: „Ganz nett“, viel mehr aber auch nicht, denn insgesamt bleibt dieser doch zeitlich wie biographisch gross angelegte Roman zu blass. Daran ändern auch die zahlreichen Briefe, die Olga über die Jahre an ihren Herbert schreibt und am Ende des Buches versammelt sind, sowie der immer wieder von Olga kritisierte deutsche Grössenwahn (dem auch Herbert und ihr Sohn anheim fallen) wenig.

Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen

Dana Grigorcea: Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen.
Dörlemann 2018

In der Novelle Dana Grigorceas dreht sich alles um die Liebschaft zwischen der nicht mehr ganz jungen Balletttänzerin Anna und dem jüngeren Gärtner Gürkan. In einem Kaffee versucht Gürkan das sonst im Buch kaum vorkommende, aber immerhin den Titel prägende maghrebinische Hündchen von Anna anzulocken. Aus diesem ersten Aufeinandertreffen ergibt sich eine Affäre. Für Anna ist das vorerst nichts Aussergewöhnliches, hatte sie im Laufe ihres Lebens doch schon zahlreiche Liebschaften. Die ehemalige Primaballerina ist mit einem Arzt verheiratet, der offensichtlich nicht ganz zur kunstaffinen Anna passen will. Es ist vielsagend, wenn er ohne Namen bleibt und nur als ihr Mann bezeichnet wird. Im Buch als auch in Annas Leben spielt er offensichtlich nur eine Nebenrolle.

Nachdem Gürken, der eigentlich im Aargau wohnt und für einen Auftrag in Zürich gärtnert, mit der Arbeit in der Limmatstadt fertig ist, kommt es zum Ende der Romanze. Für Anna beginnt mit dem Sommer eine Zeit, in der sie sich trotz Parties und einer Reise nach Venedig zunehmends alleine und unruhig fühlt (sie kann nicht mehr gut schlafen) und dann feststellen muss, dass Gürkan mehr ist, als eine kurze Liebelei, denn sie vermisst ihn sehr.

Schliesslich macht sie sich auf zu seinem Wohnort und passt ihn dann an einem Flohmarkt ab. Obwohl er sich sehr erschrickt (wohl mehr aufgrund der Angst, dass er mit ihr gesehen wird und die ganze Sache auffliegen könnte), freut er sich sehr, sie zu sehen und auch Anna ist glücklich, ihn wieder vor sich zu haben. Für die beiden beginnt nun eine schöne und harmonische Zeit. Sie spazieren unzählige Male durch Zürich und kehren immer wieder in der Rio Bar ein. Ist es Zufall, dass diese Bar gegenüber der sogenannten «Gessnerallee Zürich» liegt, einem Haus, in dem Kunst (u.a. auch Theater) einen Platz hat und wo auch ein Teil der Zürcher Hochschule der Künste (u.a. die Schauspielschule) untergebracht ist? Die Beziehung zu Gürkan haucht Anna neue Lebensfreude ein (Stichwort: Herbstzeitlose) und sie nimmt am Ballett sogar wieder eine Hauptrolle an, obwohl sie in der letzten Zeit v.a. eher Nebenrollen übernahm, die nicht mehr zu intensivem Tanzen verpflichteten. Auch Gürkan lebt auf, ist er doch in seiner Ehe eher unglücklich und unzufrieden.

Ob diese Liebesbeziehung zu einem Ende kommt, obwohl Gürkan Anna sehr liebt und eigentlich mit ihr leben will, bleibt am Ende offen. Auch Anna ist von ihrem schönen Gärtner sehr angetan und fühlt innig für ihn, aber die letzten Zeilen lassen erahnen, dass diese Bekanntschaft nicht mehr sehr lange dauern wird. Dies wird nicht nur durch Annas Gedanken klar, sondern auch durch die zeitliche Struktur, die Grigorcea der Novelle zugrunde legt. Die Liaison beginnt im Frühling, wird im Sommer kurzzeitig unterbrochen und findet ihren (letzten?) Höhepunkt im Herbst. Gibt der Text nun nicht vor, liegt es nicht in dessen Anlage, dass die beiden auseinander gehen müssen? Zumindest deutet einiges darauf hin.

Anna Grigorceas Buch ist nicht nur eine Hommage an Anton Tschechows «Die Damen mit dem Hündchen», sondern auch die Geschichte einer Liebe zweier ungleicher Menschen, so leicht wie das Ballett. Für diesen Pas de deux scheinen sich die richtigen gefunden zu haben. Doch wie jede Aufführung kommt auch dieser Liebestanz zu einem Ende, nur dass die Erzählung aufhört, bevor der Vorhang fällt. So können sich alle Lesenden den Ausgang dieses hier gegebenen Stückes selbst erdichten.

Melancholische Billeteure

Günther Freitag: Melancholische Billeteure.
Wieser 2017.

Von singenden Gebissen, toten autoritären Vätern und kriminellen Bewährungshelfern: «Melancholische Billeteure» ist ein Buch für Menschen, die gerne ins Theater (oder in die Oper) gehen, für Menschen, die gerne beissenden schwarzen (Wiener) Humor haben, und für Menschen, die gerne skurrile, aber liebenswürdige Figuren mögen.

Günther Freitag, von Haus aus Autor für das Theater («Drei Traumkongruenzen», 1990 und «Rost», 2010) und Romancier (zuletzt «Die Entführung der Anna Netrebko», 2015), gelingt ein grossartiges, aberwitziges Buch. Im Zentrum des Romans stehen drei Figuren: Edwin, Dora und Viktor. Edwin und Dora sind Billeteure am Burgtheater in Wien – und zwar mit Leib und Seele. Als «Kenner» sind sie für das linke Parkett zuständig, da sitzen nämlich die Leute, die die Stücke sehen wollen, während rechts die Leute sitzen, die gerne im Theater gesehen werden wollen. Edwin und Dora richten ihr Leben nach dem Spielplan im Theater, sie bereiten sich akribisch auf Vorproben, Hauptproben und Generalproben vor, schreiben jede noch so kleine Veränderung im Spiel auf, urteilen über das Regiekonzept und über die Leistung der Schauspielenden. Wobei natürlich immer die Regie schlecht wegkommt (oder der neue Intendant), die Schauspielenden dagegen sind wie Götter für sie. An «der Burg» spielen ja auch nur die Grossen, versteht sich. Edwin und Dora glauben, dass sie als Billeteure entscheidend mitverantwortlich sind für den Erfolg oder Misserfolg eines Theaterabends. Wenn die Leute auf der linken Seite merken würden, dass zwischen ihnen etwas nicht stimmt, dann würde das Unruhe im Parkett geben, die bis über den Bühnenrand in den Bühnenraum schwappen würde und die Schauspielerinnen und Schauspieler würden sich nicht konzentrieren können und folglich schlecht spielen. Die Harmonie unter den Billeteuren gilt es also zu erhalten! Freitag gelingt eine Schilderung des Theaterbetriebs, wie man sie selten liest. Auch wenn alles mit einem grossen Augenzwinkern geschrieben ist, findet man dennoch einige Körnchen Wahrheit in der absurden Welt des Theaters und kann sich ab und an ein lautes Lachen nicht verkneifen.

Doch die Harmonie zwischen Edwin und Dora gerät je länger desto mehr ins Wanken. Denn Viktor, der Exfreund von Dora, wird aus dem Gefängnis entlassen und kehrt ins Leben von Dora zurück. Obwohl sie ihn verachtet, fühlt sie sich stark zu ihm hingezogen und lässt sich wieder auf ihn ein. Edwin, der heimlich in Dora verliebt ist, bemerkt ihre «Affäre» mit diesem «Taugenichts» (wenn «die Burg» das wüsste…) und stellt ihr nach. Dass dies nichts Gutes für «die Burg» heisst, sei hier nur angedeutet.

Als ob dies noch nicht genug Sprengstoff bieten würde, verschachtelt sich der Roman immer mehr. Nebst den drei Hauptfiguren lernen wir nämlich auch die Mütter von Edwin (eine reiche, schnöselige alte Dame mit einem Papagei, den sie mehr liebt als ihren Sohn) und Viktor (eine senile alte Dame die behauptet, ihre Pflegerin wolle sie ermorden) sowie die «Frau Kammersängerin» kennen, die Dora in ihrer Freizeit betreut. Die «Frau Kammersängerin», die Dora «Maman» nennen muss, ist so ziemlich verrückt. Seit sie an ihrer ersten Premiere (vor rund 50 Jahren) keinen Ton herausgebracht hat, hat ihr Sohn es geschafft, sie in eine Scheinwelt zu retten. Er liess Zeitungsartikel fälschen, die von ihren grossen Auftritten schwärmen, hat ihr in ihrer Wohnung eine «Garderobe» gebaut, in der sie in ihrer erfundenen Vergangenheit schwelgen kann. Doch damit nicht genug: Für jede grosse Sopran-Rolle hat ihr Sohn, von Beruf Zahnarzt, ein Gebiss angefertigt (das «Donna-Anna-Gebiss» oder das «Tosca-Gebiss» etc.), die alle feinsäuberlich aufgeräumt in ihrer «Garderobe» darauf warten, eingesetzt zu werden. Gerade die Szenen mit «Maman» sind gleichzeitig so absurd und herzerwärmend komisch, dass man gar nicht mehr aufhören will zu lesen.

Auch die Väter, die eigentlich schon alle tot sind, geistern im Buch herum. Autoritäre Figuren, in ihrem Extremismus (sowohl der Sozialist wie auch der Faschist) total lächerlich und trotzdem gefährlich. Viktor und Edwin hatten keine einfache Kindheit, denn diese waren jeweils geprägt von Vorwürfen und Erniedrigungen durch die Väter.

Eine weitere wichtige Figur ist der Bewährungshelfer von Viktor, der ihn dazu nötigt, seine Verlobte zu beschatten, weil er denkt, sie habe eine Affäre. Da er ihn in der Hand hat, muss sich Viktor fügen. Dass die Verlobte tatsächlich eine Affäre hat, und zwar mit dem Sohn der «Frau Kammersängerin», ist nur eines der vielen Beispiele dafür, wie geschickt und undurchsichtig dieser ganze Roman gesponnen ist.

Klappt man am Ende das Buch zu, weiss man eigentlich nicht so recht, um was es im Roman wirklich ging. Vielmehr hat man einzelne wunderbare Szenen im Kopf, die sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Es bleibt das schale Gefühl, dass keine der Figuren am Ende ihr Glück finden wird, und dass dies fatale Folgen für «die Burg» haben wird.

Frauen & Macht. Ein Manifest

Mary Beard: Frauen & Macht. Ein Manifest.
Fischer, 2018.

«Frauen & Macht» ist die gedruckte Version zweier Vorträge der bekannten britischen Antikenhistorikerin Mary Beard aus den Jahren 2014 und 2017 (inkl. Nachwort und aktuellen Kommentaren dazu).

In beiden Vorträgen setzt sich Beard mit den Strukturen auseinander, die Frauen von Macht fernhalten. Als Antikenhistorikerin beginnt sie in der griechischen Literatur und führt verschiedene Beispiele an, von Penelope über Lucrezia bis hin zur US-Senatorin Elisabeth Warren, in denen Frauen die öffentliche Rede, ein Zeichen von Männlichkeit und Autorität, verboten wird und zeigt im ersten Vortrag, wie sehr der Ausschluss der Frauen von Macht von den Anfängen der westlichen Kultur bis heute verankert ist.

Der zweite Vortrag handelt davon, wie mit Frauen, die schon Macht und Einfluss besitzen, umgegangen wird. Hier spannt Beard den Bogen von der hässlichen und todeswürdigen Medusa und den androgynen Amazonen über Elizabeth I. zu Angela Merkel und Theresa May (die beide im Internet übrigens recht oft mit Medusa verglichen werden), und legt dar, wie Mechanismen wie Diffamierung und Absprechung der Weiblichkeit von der Antike bis heute misogyne Wirkung haben und Gewalt gegen Frauen normalisieren.

Mit ihrer Medien- und vor allem Internetpräsenz hat Beard die perfideren Versuche, mit denen Frauen im Netz zum Schweigen und um eine Plattform gebracht werden sollen – von allseitiger Reduktion auf ihr Äusseres und Shitstorms nach tagespolitischen Voten bis zu Mord- und Vergewaltigungsdrohungen in Wort und Bild – , zur Genüge selber erlebt, wodurch ihre Vorträge auch ein Bericht über persönlicher Erfahrungen und Strategien sind.

Die Vorträge sind inhaltlich dicht und trotzdem leicht zu lesen, eingängig, erhellend, an den richtigen Stellen mit Humor und Illustrationen gewürzt und sowohl Laien als auch Akademiker_innen werden ihnen etwas abgewinnen können. Zudem ist Beard im Umgang mit genderspezifischer öffentlicher Gewalt, ein gerade im Internet gesetzlich unterrepräsentiertes und oft kleingeredetes Probelm, ein absolutes Vorbild für Frauen in der Öffentlichkeit, in der Akademie und auf Social Media.

Indifferenz und Wiederholung – Freiheit in der Moderne

Frank Ruda: Indifferenz und Wiederholung – Freiheit in der Moderne. Konstanz University Press 2018.

Das Problem der Indifferenz, eines der wichtigsten Themen in der Geschichte der Philosophie, besonders in derjenigen des 20. Jahrhunderts, erfährt nur wenige Behandlungen. Mit seinem neuen Buch „Indifferenz und Wiederholung“ unternimmt der an der schottischen ‚University of Dundee’ lehrende ‚Senior Lecturer for Philosophy’ Frank Ruda einen umfassenden und konzisen Versuch, Indifferenz als grundlegendes philosophisches Problem zu erfassen.

Dabei geht er aus von Heideggers Position, Indifferenz sei die Vergessenheit des Seins, d.h. der ontisch-ontologischen Differenz zwischen Sein und Seiendem. Diese Vergessenheit nehme ihren Ausgang mit Platon, wo nach Heidegger die Geschichte des Rationalismus ansetze, und werde mit Descartes, Kant und Hegel weitergeführt, um schliesslich mit der Philosophie der Technik im 20. Jahrhundert zu ihrem Höhepunkt zu finden. Die zentrale These behauptet, dass mit dem Verlust der ontisch-ontologischen Differenz nicht nur das Denken des Seins abhanden komme, sondern damit überhaupt das Denken. In der Folge könne die Vergessenheit der Differenz, d.i. die Gleichgültigkeit nicht mehr gedacht werden und werde selbst indifferent: „…die These der Indifferenz (wird) zu einer indifferenten These.“ (S. 10)

Genau an dieser Stelle setzt die Arbeit von Frank Ruda ein, die andersherum mit einer modernen Philosophie des Rationalismus (S. 15) auf das Problem der Indifferenz zugeht und dieses „direkt und wesentlich“ (S. 14) als ein Problem der Freiheit angeht. Freiheit wurde als Wahlfreiheit verstanden und dieses Missverständnis, nachdem es als solches erkannt wurde,  auszulegen und im Weiteren zu untersuchen, macht sich das vorliegende Buch zur Aufgabe.

Es ist eine Kritik der Freiheit, im Speziellen eine Ideologiekritik, die in der Geschichte der Philosophie unter Zuhilfenahme des modernen Rationalismus jene blinden Flecken aufspürt, in denen Freiheit als bereits bestimmte unser Handeln und Denken formt. Das moderne Denken muss beständig „ihre eigene Gründungsbewegung“ (S. 21) wiederholen, um Kritik und damit Ideologiekritik betreiben zu können.

Kind der Aare

Hansjörg  Schneider: Kind der Aare.
Diogenes 2018.

Was liegt zwischen Basel und Zürich? Genau, der Aargau. Dort ist der Schweizer Autor Hansjörg Schneider aufgewachsen. In seiner Autobiographie «Kind der Aare» taucht Schneider in seine Vergangenheit ein und wir dürfen «zuhören». Denn der Text liest sich stellenweise wie ein Transkript einer mündlichen Erzählung. Und wie es bei Mündlichkeit gang und gäbe ist, so schiebt auch Schneider in seine Lebensgeschichte allerhand ein. Das erinnert dann stark an einen Erzählenden, dem sich bei bestimmten Themen Assoziationen aufdrängen, die er sich im Moment des Aufkommens auch gleich von der Seele sprechen muss. Manchmal wirkt diese Vorgehensweise etwas hektisch, da sie den Erzählfluss bricht. Dennoch gelingt es Schneider beispielsweise gut, seine Kindheit sphärisch wiederzugeben und uns an einer Schweiz während des Zweiten Weltkriegs und vor allem nach 1945 teilhaben zu lassen. Da ist beispielsweise vom Leben in Zofingen die Rede, von seinem Elternhaus oder von den unterschiedlich guten Lehrern an der Kantonsschule in Aarau. Ebenso durchstreift man seine Studentenzeit in Basel und kann das Werden des Schriftstellers (u.a. an den vielen Hinweisen, welche Texte er in seinem Leben alle gelesen hat; sicherlich keine vollständige Liste) verfolgen. Besonders lesenswert sind Schneiders Ausführungen über seine Erfahrung als Stückeschreiber: wie er die Stadttheater erlebte, welchen Skandal Sennentuntschi auslöste oder wie es zu den sogenannten Landschaftstheatern kam.

An manchen Stellen beklagt sich Schneider über diverse Ungerechtigkeiten, die er in seinem Leben von unterschiedlicher Seite erfahren hat. Diese wenigen und durchaus kurz gehaltenen Beschwerden wirken, auch wenn sie nachvollziehbar sind, in ihrer Art etwas kleinlich und hinterlassen den Eindruck, dass der Autor diese Stiche noch nicht überwunden zu haben scheint. Für Schneider ist es offensichtlich wichtig, diese Begebenheiten aus seiner Sicht richtig- oder zumindest darzustellen. Zugleich lässt sich aber auch fragen, wo, wenn nicht in einer Autobiographie, könnte man sowas loswerden?

Für Aargauer/innen und solche, die es erst gerade wurden oder bald sein werden oder vielleicht irgendwann mal sein möchten, ist die Lektüre insbesondere des ersten Teils ein Herantasten der anderen Art. Eine literarische, eine sehr persönliche Annäherung an Argovia. Allen anderen ist das Buch insofern empfohlen, als dass sie ein Interesse am Autor selbst oder an einer schweizerischen Vergangenheit haben oder mehr über das angebliche Nichts inter Basilea Turicumque wissen wollen.