Werner Busch – Die Künstleranekdote

‘Anekdote’ meint wörtlich das ‘Nicht-Herausgegebene’, das bewusst Zurückgehaltene. Sie ist also nicht eine öffentliche, sondern eher eine private und intime Mitteilung, nicht eine allgemeine Aussage, sondern ein geheimes Bekenntnis, nicht eine Norm-, sondern eine Gegendarstellung. In diesem Sinne gehört die Anekdote eher zur Biografik als zu einer Geschichtsdarstellung.

Mit Biografischem befasst sich die Künstleranekdote im 18. Jahrhundert – Thema und Inhalt des neuen Werks von Werner Busch (u.a. «Das sentimentalische Bild»). Die Anekdote beschreibt «den geglückten unmittelbaren Naturzugriff des Künstlers» (8), ganz in der Tradition von Plinius. Zugleich jedoch steht sie im Wandel einer Geschichtsauffassung, die sich im 18. Jahrhundert ablöst vom ‘Exemplum’, hin zu einer Geschichtsschreibung, die von einem Studium der Quellen ausgeht. Darstellung und Beschreibung von geschichtlichen Ereignissen sind in der Folge konstruierbar, der Wahrheitsgehalt der historischen Erkenntnis ist relativiert. (8)

Die Anekdote ist also ein kleines Stück Dichtung und Wahrheit, das sich historischer Daten bedient, nur um etwas Richtiges und Wahres über die Person in ihrer Zeit auszusagen. (23)

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Buchempfehlung: Zeitsprünge – Basler Geschichte in Kürze

Das Historische Museum Basel feierte im letzten Jahr sein 125-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass wurde die gleichnamige Ausstellung mit vielen eindrücklichen Exponaten eröffnet.

Aber das Buch ist nicht nur Begleiter dieser Ausstellung, sondern ein ganz besonderes Werk für Alle an Basels Geschichte Interessierten.

Das Besondere ist die Art der Präsentation. In beeindruckenden Bildern auf jeder Seite und angenehm kurz gehaltenen Beschreibungen wird die Geschichte unserer Stadt in Schlaglichtern, im Überblick von frühen menschlichen Spuren bis in die heutige Zeit, dargestellt.

„Zeitsprünge“ ist kein Geschichtsbuch im herkömmlichen Sinne, es verfolgt keine chronologische Abfolge. Der Schwerpunkt liegt, nach kurzen Rückblicken auf die ferne Vergangenheit, eher auf der jüngeren Zeit, der politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, und städtebaulichen Entwicklung unserer Stadt während der letzten zwei Jahrhunderte. Kurz gefasst, spannend und aufschlussreich!

Esther Stich, Hofstetten, 02.10.2020

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Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds.

In einer langsam voranschreitenden Erzählung schildert Melitta Breznik die letzten Tage ihrer Mutter: Vom Zerfall des Körpers, den inneren Kämpfen von Mutter und Tochter, aber auch vom immer wieder aufblitzenden Schalk der Sterbenden sowie vom gemeinsamen Erinnern an ein gutes als auch schlechtes Früher. Stimmungsvoll fängt Breznik die Szenerie ein und wird dem Thema mehr als gerecht. Die Lektüre vermittelt sachte die zunehmende Langsamkeit und Schwäche des Körpers, die sich bemerkbar machen. Genauso wie dem physischen wird auch dem psychischen Aspekt gedacht. Ängste, Gewissensbisse und Stress, die nur allzu gut nachvollziehbar sind, werden eindrucksvoll geschildert. Und dennoch kippt das Ganze nie in etwas Effekthascherisches. Die Wirkung ist auch so gegeben. Die vermittelte ruhige Art und Weise ist es schliesslich, die am Ende der Lektüre dazu führen kann, dass trotz des schweren Themas etwas Gutes bleibt: Trost.

Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds. Luchterhand 2020.

Patrik Svensson – Das Evangelium der Aale

Hanser, München, 2020

Diese sehr persönlich geprägte Geschichte des Aals versammelt vier verschiedene Umgangsweisen mit ‚Naturgeschichte‘.

(1) Eine autobiografische: Die Beziehung des Autors zum Vater erschliesst ihm die Beziehung zum Aal und der Natur, der Natur am Ort seines Vaters. Und umgekehrt bestimmt dann seine intensive Beschäftigung mit der Geschichte des Aals die Beziehung zum Vater.

(2) Eine historische: Alle Quellen einer wissenschaftlichen und literarischen Beschäftigung mit dem Aal, von Aristoteles über Freud und Günter Grass zu Boris Vian, sind erwähnt und ausführlich beschrieben; sie tragen wesentlich zur Geschichte des Aals bei.

(3) Eine philosophische: Der Philosoph Thomas Nagel verneint ein identifizierendes Bewusstsein zweier verschiedener Wesen. Ich kann mir erklären, wie ein anderes Wesen wahrnimmt, aber unmöglich vorstellen wie das ist und sich anfühlt. Insofern kann der Aal für den Menschen auch immer etwas Geheimnisvolles bewahren.

(4) Eine anthropomorphische: Im Gegensatz zu Thomas Nagel versuchte die Wissenschaftlerin Rachel Carson eine Methode, die eher der Fabel und dem Märchen eignen, eine Art Verpersönlichung des anderen Wesens. Nicht der analytische Verstand, sondern eine vermenschlichende Einbildungskraft ermöglicht, IN den Aal hineinzudenken und dann aus ihm die Welt wahrzunehmen – ihm näher zu kommen.

Die Erfahrungen und Erlebnisse des Aalbiografen Patrik Svensson gingen hingegen stets ins Gegenteilige. Je näher er dem Aal gekommen zu sein glaubte, desto mehr hat sich der Aal entzogen, solange, bis der Autor selbst ihn schliesslich ins Unerforschliche ziehen liess.

Aktuell er- und verhärtet sich diese Tendenz zur Tatsache. Der Aal stirbt aus und entschwindet (uns).

Der Titel des Buchs indes weist auf eine noch andere Geschichte – gleichsam auf eine geheime und mögliche Wiederkunft des Aals. Und es sind der Ton und der Stil dieser anderen Geschichte, in denen uns Patrik Svensson mit dem Aal vertrauter macht.

Lisa Taddeo, Three Women – Drei Frauen

Aus dem Amerikanischen von Maria Hummitzsch. Piper 2020, 416 Seiten

Lisa Taddeo erzählt in ihrem Roman die Geschichten der drei Frauen Sloane, Lina und Maggie: Um sich selbst und ihren Mann zu befriedigen, geht Sloane mit anderen Männern ins Bett und filmt sich dabei. Lina löst sich aus ihrer leidenschaftslosen Ehe mit Ed, um sich in eine heisse Affäre mit ihrer Jugendliebe Aidan zu stürzen. Maggie verliebt sich als Siebzehnjährige in ihren High-School-Lehrer Aaron Knodel, der mit ihr ein Verhältnis beginnt. Vier Jahre später zeigt sie ihn an wegen Verführung Minderjähriger – und der «Lehrer des Jahres» wird in allen Anklagepunkten freigesprochen.

Ganz ehrlich: Zeitweise würde man das Buch gerne weglegen, weil die Erzählungen nichts auslassen und teilweise tieftraurig und abscheulich sind. Und doch fesseln die Worte Taddeos ganz ungemein. Ihr ist es gelungen, in ihren Kapiteln drei ganz unterschiedliche Erzählstile zu gestalten, so gelingt es einem noch besser, sich in die Frauen hineinzuversetzen.

Nochmals: Nein, das sind keine angenehmen Geschichten zum Lesen, und doch zeigen sie auf erschreckende Weise exemplarisch auf, wie sehr das weibliche Begehren und die Sexualität dieser drei Frauen geprägt ist von ihren Biografien, den damit verbundenen Abhängigkeiten und der Bewertung der Gesellschaft – und zwar gleichermassen von Männern wie von Frauen!

Das Buch wurde seit seinem Erscheinen sehr kontrovers diskutiert: Manchen war es nicht divers genug (keine homoerotische Beziehung), für manche nicht feministisch genug (2x Klitoris, 23x Penis), für manche bedeutete es gar ein Rückschritt in Sachen Emanzipation. Ich persönlich finde, dass es ein wichtiges Buch ist. Es ist ein Weckruf, ein Zeichen, dass in Sachen Gleichstellung und Solidarität unter Frauen tatsächlich noch einiges zu tun ist. Besonders erschreckend ist vielleicht, dass Sloane, Lina und Maggie vor allem von anderen Frauen für ihr Begehren verurteilt und nicht gesehen werden. Taddeo schreibt im Epilog: «Selbst wenn Frauen Gehör finden, müssen es die richtigen Frauen sein, damit man ihnen zuhört. Weisse Frauen. Reiche Frauen. Schöne Frauen. Junge Frauen. Am besten all das in einem.» Und: «Wir dürfen sagen: Wir wollen vögeln, wen wir wollen. Wir dürfen aber nicht sagen: Und wir glauben, dass uns das glücklich macht.» Ja, das ist unbequem. Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken!

Michael Hampe: Die Wildnis, die Seele, das Nichts. Über das wirkliche Leben

Hanser

Die Welt befindet sich im Ausnahmezustand. Draussen herrscht Chaos, die Versorgungslage ist prekär, die Zukunft ungewiss. Aaron Fisch, Verleger und Liebhaber der schönen Künste und des guten Essens, sitzt in seinem Haus fest, die Vorratskammer hat er in weiser Voraussicht mit Nahrungsmitteln vollgestopft. Nun versucht er sich an einer Biographie über seinen verstorbenen Freund und Dichter Moritz Brandt. Dabei kann er auf die Hilfe seiner intelligenten Computersoftware Kagami zählen. Sie hat nicht nur Zugriff auf ein enzyklopädisches Archiv, sondern auch auf Brandts Nachlass, bestehend aus Tagebucheinträgen, Notizen und drei ausführlichen philosophischen Essays.

Die oft sehr ausgreifenden Dialoge zwischen Aaron und Kagami werden von den drei Themen angestossen, die sowohl dem Buch als auch den drei Essays von Brandt den Titel geben. In unterschiedlichen Phasen seines Lebens hat sich Brandt ausführlich mit der Wildnis, der Seele und dem Nichts auseinandergesetzt. Von Hampe im Nachwort als «philosophischen Roman» bezeichnet, verbindet das Buch geschickt Erzählung und reflektierte Vertiefung. Da sind beispielsweise Tagebuchnotizen Brandts aus der Zeit, als er in Cambridge bei der berühmten Philosophin Dorothy Cavendish studiert. In Gegenüberstellung mit Notaten Cavendishs und den Essays ergeben diese ein detailreiches Bild der beteiligten Charaktere und machen Dringlichkeit und Triebkräfte der jeweiligen Denkwege nachvollziehbar.

Im Verlauf des Buches wird mehr und mehr klar, dass Brandts Schreiben von der Frage nach dem wirklichen Leben motiviert war. Was versprechen sich Menschen von der Konfrontation mit der Wildnis? Welchen Ursprungs ist die Vorstellung einer Seele? Wie geht man mit der Unausweichlichkeit des Todes um? Hinter all diesen Fragen steckt das Bedürfnis sich zu verändern und die Vorstellung, es müsste so etwas wie ein echtes, authentisches Leben geben. Doch – so eine implizite These Hampes – genau dieses Bedürfnis hält uns oft davon ab, unser wirkliches Leben zu meistern. Denn, so die ebenso implizite These: Unsere Gedankenausflüge sind immer in der uns umgebenden Welt und unserem Charakter verankert.

Hampes Buch ist unterhaltsam und ernst zugleich. Und obwohl philosophische Positionierung und Wertung weitgehend in die Figuren gelegt wird, offenbaren sich bei der Lektüre doch gewisse Ansichten über Philosophie oder zumindest deren akademische Formen. So zeigt sich der Konflikt unvereinbarer Positionen – der Kampfplatz endloser Streitigkeiten – als scheinbar grundlegende Konstellation philosophischer Auseinandersetzung. Oder wie Brandt in einem seiner Essays sagt: «Philosophie wird da interessant, wo es um unvereinbare Grundvoraussetzungen des Denkens, Handelns und Bewertens geht. Denn genau an solchen Stellen gerät sie an die Grenzen der Argumentation.» Die argumentativ abgestützte Behauptung kann hier nichts mehr beitragen.

Ein ähnlicher Gedanke findet sich bereits in vorangegangenen Büchern Hampes; so etwa im systematischer angelegten «Die Lehren der Philosophie – Eine Kritik». In Abgrenzung zu einer doktrinären Philosophie, wie sie an den Universitäten verbreitet ist, wird dort eine narrative Philosophie vorgeschlagen. Hampes neues Buch ist in dieser Hinsicht eine gelungene Probe aufs Exempel. Gelungen auch deshalb, weil der allzu menschliche Drang nach Vereindeutigung ebenfalls zu seinem Recht kommt. Denn selbst wenn, wie Aaron Fisch nahelegt, der Chor daraus entspringender (Selbst-)Behauptungen meist einem Jahrmarkt der Eitelkeiten gleichkommt, so scheint doch klar, dass das nicht zwingend so sein müsste.

Mensch und Massnahme – zur aktuellen ausserordentlichen Situation

Woher nehmen sich die aktuellen Massnahmen das Recht, mehr Recht zu haben als das geltende normative Recht und mehr Recht zu haben als die unveräusserlichen Menschenrechte.

Unser aktuelles Schaufenster soll Anregung sein für die in der nächsten Zeit notwendigen Diskurse zu den Massnahmen der ausserordentlichen Situation.

Das Buch von Jonas Heller, der in Basel Philosophie studiert und in Frankfurt promoviert hat, ist aus seiner Doktorarbeit entstanden und vor zwei Jahren (2018) beim Velbrück Verlag erschienen. Seine Thesen sind nicht nur aktuell, sondern grundlegend, um das Spektrum der jetzt notwendig werdenden Diskurse abzudecken.

Die beiden Grundpfeiler dieser Arbeit bestehen aus den «zwei zentralen Phänomenen der modernen rechtsstaatlichen Ordnung»: Ausnahmezustand und Menschenrechte. Ihr Verhältnis bildet ein «unvereinbarer Widerstreit», denn „sobald Ausnahmezustände erklärt [, werden] staatlich oder zwischenstaatlich garantierte Rechte eingeschränkt oder ausgesetzt […].“  Beide behaupten, dass sie grundlegend seien für die rechtsstaatliche Ordnung, die Menschenrechte, insofern mit ihrer Verwirklichung der Zweck der rechtsstaatlichen Ordnung zu erreichen, der Ausnahmezustand, insofern er das absolute Mittel zur Herstellung der rechtsstaatlichen Ordnung ist. «Ohne dieses Fundament [fehlt der demokratisch-rechtsstaatlichen Ordnung] entweder das Mittel oder sie verfehlt ihren Zweck.»

Das Buch macht es sich zur Aufgabe, aus der genaueren Analyse ihres Gegensatzes vielmehr die Komplementarität der beiden rechtlichen Phänomene herauszuarbeiten. Seine kritische Frage lautet, «inwieweit das emanzipatorische Potential der Menschenrechte durch die Komplementarität mit dem Ausnahmezustand blockiert wird.»

Hausarrest und Blockierung unserer Freiheiten erleben wir aktuell durch staatlich verordnete Massnahmen, die in ihrer jeweiligen Ausübung und Durchsetzung europa- und weltweit auch den jeweiligen demokratischen Gehalt der Rechtsstaaten demonstrieren.