Zora del Buono

Zora del Buono war acht Monate alt, als ihr Vater 1963 bei einem Autounfall starb. Der tote Vater war die grosse Leerstelle der Familie. Mutter und Tochter sprachen kaum über ihn. Wenn die Mutter ihn erwähnte, brach die Tochter mit klopfendem Herzen das Gespräch ab. Sie konnte den Schmerz der Mutter nicht ertragen. Jetzt, inzwischen sechzig geworden, fragt sie sich: Was ist aus dem damals erst 28-jährigen E.T. geworden, der den Unfall verursacht hat? Wie hat er die letzten sechzig Jahre gelebt mit dieser Schuld?

Zora del Buono: Seinetwegen, C.H. Beck 2024.

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Saša Stanišić: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Giesskanne mit dem Ausguss nach vorne

Was wäre, wenn man nicht diese eine Entscheidung getroffen hätte, sondern jene andere? Was wäre, hätte man der Erwartung getrotzt?

Saša Stanišić führt uns an Orte, an denen das auf einmal möglich ist: den schwierigeren Weg zu gehen, eine unübliche Wahl zu treffen oder die eine gute Lüge auszusprechen.

So wie die Reinigungskraft, die beschliesst, mit einer Bürste aus Ziegenhaar in der Hand, endlich auch das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. So wie der Justiziar, der bereit ist zu betrügen, um endlich gegen seinen achtjährigen Sohn im Memory zu gewinnen. Und so wie der deutsch-bosnische Schriftsteller, der zum ersten Mal nach Helgoland reist, nur um dort festzustellen, dass er schon einmal auf Helgoland gewesen ist.

Am besten wäre ja, man könnte ein Leben probeweise erfahren, bevor man es wirklich lebt.

Saša Stanišić: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Giesskanne mit dem Ausguss nach vorne, Luchterhand 2024.

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Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein

Der Roman «Im Menschen muss alles herrlich sein» von Sasha Marianna Salzmann erzählt von der Suche nach Gemeinsamkeit, Liebe und Identität in Umbruchzeiten. Dabei treffen die Perspektiven zweier Mütter und ihrer Töchter aufeinander. Am längsten und zunächst chronologisch bleibt die Erzählstimme bei Lena, später wird der Roman – durch eine grossartig zusammengefügte Montage – um drei weitere Perspektiven ergänzt.

Zu den wenigen sorglosen Momenten gehören die Sommer, die Lena Anfang der 1970er Jahre bei ihrer Grossmutter in der Haselnusssiedlung in Sotschi verbringt. Hier hat Lena einen Wohlfühlort, ein Zimmer für sich allein, und eine wichtige Aufgabe: mit Grossmutter Haselnüsse zu verkaufen.

Später ersetzen die Eltern die Ferien bei Grossmutter kurzerhand durch das Pionierlager «Kleiner Adler». Wütend und betrübt über diese Entscheidung begegnet Lena dann Aljona mit den zwiebelgoldgelben Augen. Gemeinsam lernen die beiden, sich dem Kollektiv möglichst zu entziehen, und sie geniessen die kleinen Freiheiten, die man sich als Aussenseiter*in erlauben kann. Zwischen Lena und Aljona entsteht eine innige Zuneigung und Verbundenheit. Nach Jahren wird Lena erfahren, dass sich die Spuren ihrer Freundin in der Zwangspsychiatrie verloren haben.

Feinfühlig und präzise spürt Sasha Marianna Salzmann den Lebensrealitäten der letzten zwei Jahrzehnte sowjetischer Herrschaft in der heutigen Ostukraine nach: das Gefühl der Beengtheit, das beim generationsübergreifenden Zusammenwohnen in einer winzigen Plattenbauwohnung entsteht; die Zermürbung durch das stundenlange Schlangestehen früh am Morgen; die schmerzhafte Erkenntnis, dass die beachtlichen Summen an Bestechungsgeldern überhaupt nichts bewirkt hatten.

«Fleischwolfzeit» nennt Lena das, was in den Jahren der Perestrojka um sie herum geschieht. Immer mehr Menschen leben in sichtbarer Armut. Auf ihrem Arbeitsweg sieht Lena, wie unter der Brücke täglich mehr Pappkartonsiedlungen entstehen. Gleichzeitig stellen andere ihren Reichtum extravagant zur Schau. Die Korruption, die Lena einst so wütend und ohnmächtig gemacht hat, holt sie wieder ein. Nun ist sie diejenige, der unauffällig Fellhandschuhe, Bernsteingemälde oder Umschläge mit Geldscheinen zugesteckt werden. Sie kann sich nicht entziehen, zu sehr hat die Gesellschaft Bestechung verinnerlicht.

«Im Menschen muss alles herrlich sein» – das sind in Fiktion verpackte Alltagserfahrungen, wobei die Autor*in die Mikroebene von Geschichte und Gegenwart auslotet. Grundlage des Romans bilden Erfahrungsberichte von Frauen, die im Gebiet der heutigen Ostukraine aufgewachsen und später als sogenannte «Kontingentflüchtlinge» nach Deutschland gekommen sind. Sasha Marianna Salzmann hat sie interviewt, ihnen zugehört, und mit ihren Stimmen entstanden die sorgfältig herausgearbeiteten Romanfiguren.

Nicht zuletzt ruft der Roman an einigen Stellen in Erinnerung, dass die Ostukraine sich nun seit zehn Jahren im Krieg befindet. Die Städte und Orte der Kindheit von Lena und Tatjana haben massivst gelitten. Aktuell befinden sich Gorlowka und Mariupol unter russischem Besatzungsregime.

Die Gewalt, die sich in die einzelnen Biographien des Romans eingeschrieben hat, stammt aus einer anderen Zeit. Es sind individuelle und kollektive Traumata, die an einigen Stellen durchdrücken, beispielsweise die Erinnerung an den Holodomor, den lange totgeschwiegenen Hungerkrieg Stalins. Die gesamten Ernten, alles Korn und Vieh wurden gewaltsam nach Moskau abtransportiert, und die Menschen vor Ort verhungerten. Anderswo kommen die Verachtung und Gewalt zur Sprache, der schwangere und gebärende Frauen in sowjetischen Spitälern ausgesetzt waren. «Ein bisschen so wie bei allen» benennt eine Frau ihre eigene Erfahrung, als sie ihrer schwangeren Tochter zum ersten Mal davon erzählt.

Eine besondere Stärke des Romans ist die empathische und treffende Darstellung von Mütter-Töchter-Beziehungen. Sasha Marianna Salzmann beschreibt, wie Mütter ihre Töchter lieben und was sie alles für sie tun würden. Auch die Töchter möchten von ihren Müttern gesehen und geliebt werden. Doch sie schauen aneinander vorbei und finden nicht die Worte, um Gemeinsamkeit wiederherzustellen. Diese Sprachlosigkeit zwischen den Generationen ist dort besonders stark, wo die Töchter eine komplett andere Sozialisierung als die Mütter erfahren haben.

Mit Lenas Tochter Edi betritt eine zaghafte Draufgängerin und queere Berlinerin die Bühne. Sie versucht, ihr Leben in geordnete Bahnen zu bringen und Journalistin zu werden. Sie liest gerade Oksana Sabuschkos Buch «Feldstudien über ukrainischen Sex» und macht sich Gedanken, wie sie sich der Geburtstagsfeier ihrer Mutter – eine glanzvolle Fete in der jüdischen Community von Jena – möglichst entziehen kann. Schliesslich werden dann auf dieser Party die Wege der vier Frauen zusammenführen, deren Biographien Sasha Marianna Salzmann mit sprachlicher Brillanz und erzählerischer Genauigkeit verwebt. Die Bilder sind atmosphärisch spürbar und die einzelnen Szenen und Dialoge grossartig aufgebaut und leicht nachzuempfinden. Es ist ein bisschen wie mit der Giraffe des georgischen Künstlers Niko Pirosmani: Auch wenn wir etwas nicht gesehen haben, können wir uns ein Bild davon machen.

Eine Rezension von Luzia Böni

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Vincent O. Carter: Amerigo Jones

Amerigo Jones liebt seine Eltern Rutherford und Viola, die selbst noch Teenager sind, als er zur Welt kommt, und er ist ein grosser Träumer. Doch viele seiner Träume werden ein Leben lang unerfüllt bleiben, nicht wegen seiner Person, sondern wegen seiner Hautfarbe.

«Amerigo Jones» ist die Geschichte einer Kindheit und Jugend im Kansas City der 1920er- und 1930er-Jahre, das einerseits als Zentrum des Jazz von einer lebendigen Musikszene, andererseits von Rassentrennung geprägt war. Im Mittelpunkt stehen Amerigos Schilderungen der urbanen Welt, in der er selbst seinen Weg finden muss.

Vincent O. Carter hat einen unvergesslichen und musikalischen Roman geschrieben über die Geschichte Schwarzer Menschen in Amerika, über den Kampf für Gleichberechtigung und über ein starkes Gefühl von Familie und Gemeinschaft.

Vincent O. Carter: Amerigo Jones, Limmat 2024.

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Benjamin von Wyl: GROSSWERDEN UND EINKNICKEN

Jona träumt davon, ins Innerste der Welt zu tauchen? Wenn er in den Sommerferien aufs Meer blickt. Wenn er am freien Schulnachmittag zwischen Schlingpflanzen im See taucht. Wenn er bei seiner grossen Schwester Annina Dokumentarfilme über die Tiefsee schaut. Im Mittelpunkt der Erde drehen sich leuchtende Tiere im Strudel des Wassers. Jona saugt alles auf, was er über diese magische Tiefe in Erfahrung bringt. Er will dorthin reisen, seit er weiss, dass fast alles Wasser unterirdisch verbunden ist.    
Dieses Ziel gibt ihm Halt. Vieles ist ihm ungeheuer in seinem Leben: die Scheidung der Eltern, der neue Partner der Mutter, sogar sein Freund Petrit. Die anderen Kinder an der Schule sind für Jona fern wie andere Planeten. 

Doch als Jona älter wird und lernt, wie die Menschen mit der Welt umgehen, trifft er eine Entscheidung. Denn der leuchtende Wirbel ist in Gefahr.

Benjamin von Wyl: Grosswerden und Einknicken, Verlag die Brotsuppe 2024.

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«Technology, my Love»

Vom 29. Mai bis 2. Juni findet in Basel das BILDRAUSCH Filmfest statt. Mit seinem vielsagenden Titel hat es auch uns hinter den Bücherstapeln hervorgelockt und neugierig gemacht.

Immerhin scheint Technologie heutzutage fast alle überallhin und jederzeit zu begleiten. Computer, Mobiltelefone und Apps sind unverzichtbar und selbstverständlich. Die Algorithmen kennen uns und lenken unsere Suche nach Büchern, Wissen, Zuversicht und Zugehörigkeit.

Machen uns die Maschinen zu besseren Menschen? Sind sie uns vielleicht sogar überlegen? Und was machen die endlosen Datenströme mit unseren Beziehungen?

So wie das diesjährige BILDRAUSCH diesen Überlegungen im Film nachgeht, so suchen wir zuweilen zwischen zwei Buchdeckeln nach Antworten. Oft ist das hilfreich, doch es bleibt verflixt verwirrend und manchmal auch unheimlich. Wie geht es Ihnen damit? Das Labyrinth nimmt sich vor, sich für einige Tage vom Bildrausch erfassen zu lassen. Um nicht mit leeren Händen vor der Leinwand zu stranden, haben wir eine breite Auswahl an Büchern zusammengestellt, die wir mitnehmen. Kommen Sie gerne vorbei, wir freuen uns darauf.

Kurz vor Festivalsbeginn teilen wir hier die Zeiten, zu denen unser Büchertisch am Bildrausch Filmfest geöffnet hat.

Haska Shyyan: Hinter dem Rücken

Die Ukraine in den Zeiten des Krieges: (vielleicht) eine Liebesgeschichte. Er meldet sich an die Front, sie geht nach Paris. Hält eine Liebe so etwas aus? Der Angriffskrieg gegen die Ukraine begann nicht erst am 24. Februar 2022; schon seit 2014 hat der Kreml dafür gesorgt, dass russische Kräfte den Osten des Landes im Kriegszustand hielten. Haska Shyyan erzählt aus jener Zeit vom Leben einer jungen Frau, die etwas will, die sich von den Umständen nicht unterkriegen lässt. Eine Geschichte von einem Alltag in den Städten, den es so schon gar nicht mehr gibt. Ein Roman über eine Europäerin und ihr Land.

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Lena Andersson: Der gewöhnliche Mensch

Rezension von Julia Rüegger

Der Titel ist Programm: Ragnar Johansson ist ein durch und durch gewöhnlicher Mensch, und das bedeutet vor allem: einer, der sich Mühe gibt, gewöhnlich zu sein und ja nicht zu viel vom Leben zu erwarten. Denn: «Von Grösse zu träumen, hiess, das Normale für untauglich zu erklären, und das wollte er nicht.» (26) Geboren wurde er sieben Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in einem kleinen Vorort von Stockholm, wo er im Schoss des nationalen «Volksheims» zu einem soliden Bürger herangezogen wird. Und «Volksheim» (auf Schwedisch folkhemmet) bezeichnet als politische Metapher des schwedischen Wohlfahrtsstaates weit mehr als nur ein Regierungssystem: Es benennt eine ganze Ära und mit ihr das Versprechen, der schwedischen Gesellschaft durch eine Mischung von Leistungsdenken und Gemeinwohl, Fleiß und Rationalität in einen Zustand glückseliger Modernität zu verhelfen, die dem Leben seiner BürgerInnen umfassend Sinn und Struktur verleiht.

Ragnar geht in diesem Glauben voll und ganz auf. Er verwehrt sich dagegen, das Kutschereigeschäft des Vaters zu übernehmen, das seiner Meinung nach bald der Vergangenheit angehören wird, und wird Werklehrer an einer neugegründeten Schule. Kurz darauf trifft er Elisabeth, «knapp über dreissig, psychisch stabil und von unabhängigem Wesen» (67), die im ländlichen Norrbotten aufwuchs und in der Schule dazu angehalten wurde, Standardschwedisch zu sprechen. Sie wird trotz Einnahme der Pille schwanger, und so kommen kurz nacheinander Erik und Elsa zur Welt, die Ragnar im vollen Einklang mit seinen Werten zu erziehen versucht. Da passt es äusserst gut, dass die junge Familie bald in eine Neubausiedlung umziehen kann, die als Wohnraum der Zukunft und Inkarnation des Volksheims gepriesen wird: «Hier sollte die neue Zeit beginnen, leuchtend und strahlend.» (93) Neben kommunalen Sport- und Spielplätzen gab es allerlei «kommunale Räumlichkeiten, in denen man sich treffen konnte, um sich im demokratischen Prozedere zu üben und gleichzeitig Spass zu haben.» (92)

In dieser neuen Welt angekommen, dem Ballast der Vergangenheit enthoben, kann sich Ragnar ganz dem Sport widmen und seiner emphatischen Idee davon, was Moderne, Staat und ein gelingendes Leben bedeuten. Während sich der heranwachsende Sohn den Prinzipien des Vaters bald zu entziehen beginnt, versucht die Tochter als begnadete Skirennläuferin beinahe zwanghaft, ihrem Vater zu gefallen und seiner Leistungserwartung zu entsprechen. So vergehen Jahre, in denen Vater und Tochter jede freie Stunde beim Training oder einem Wettkampf in der schwedischen Provinz verbringen – bis zu dem Tag, an dem Olof Palme, der Premierminister und Garant des sozialdemokratischen Volksheim-Idylls, ermordet wird. Diese Tragödie, die ganz Europa erschütterte, markiert auch für Ragnars eigenes Leben eine Zeitenwende. Insgeheim wünscht er sich, wie seine Frau zuhause zu bleiben und das Staatsbegräbnis im Fernsehen mitzuverfolgen, anstatt auf einen weiteren anonymen Wettkampf zu fahren. Von nun an beginnt seine Prinzipientreue zu bröckeln, und als Elsa kurz darauf verkündet, mit dem Sport aufzuhören, scheint ihm das den Todesstoss zu versetzen. «Wenn er sich innerlich nicht so leer gefühlt hätte, hätte er geweint, aber das hätte ein lebendiges Herz verlangt, und seines schien tot.» (255)

Als Elsa sich mit Haut und Haar der Welt der Literatur und Philosophie zuwendet, fürchtet Ragnar, dass sie in «befremdliche Schichten» (262) aufsteigen könnte und fühlt sich zunehmend nutzlos und allein. Aber vielleicht hat es genau diese Desillusionierung gebraucht, damit Ragnar selbst noch einmal aus seinem zum Panzer gewordenen Weltverständnis ausbrechen kann. Er scheint zu erkennen, dass er sich jetzt als alternder Mann noch einmal selbst modernisieren muss, und das heisst vor allem: in seinen Werten und Gewohnheiten flexibler zu werden. Bei einer Schulfahrt in Paris kommt er einer Lehrerkollegin näher, geht eine Weile mit ihr fremd und trennt sich dann offiziell von Elisabeth, für die das Ende dieser eher zweckhaften Ehe wohl auch keinen Untergang bedeutet.

Zuletzt stirbt Mutter Svea, der an einem Herbsttag zwei Jahre vor Ende des 20. Jahrhunderts der Tod als «vorteilhafte Alternative» (281) erscheint. Mit ihr endet ein Jahrhundert voller Kriege und Traumata, aber auch ein Jahrhundert, in dem Schweden den Wohlfahrtsstaat bekam und Ragnar glauben konnte, Teil einer realen gesellschaftlichen Utopie zu sein (und eines Tages Vater einer Olympia-Siegerin).  Zwar hat Elsa gerade erfolgreich ihre Dissertation in Linguistik abgeschlossen, doch davon versteht Ragnar nicht das Geringste und weiss bei der Abschlussfeier auch nicht so recht, wohin mit sich. Aber immerhin: Er erkennt, dass Elsa ihren Weg gehen wird, in eine Zukunft, von der er nur noch einen kleinen Teil erleben wird.

Auch ich wusste beim Lesen streckenweise nicht so recht, wohin mit der Geschichte von diesem gewöhnlichen Menschen. Erzählt uns Andersson mit Ragnar die Geschichte einer Epoche, die in ihm nur personifiziert wird, oder doch eher die Geschichte eines Individuums, das zur befremdlichen bis tragischen Überidentifikation mit der damaligen Mentalität neigt? Oder will die Autorin ausleuchten, wie jemand altert, dessen Welt sich nicht in der vorgesehenen Richtung entwickelt, und der sich auf seine alten Tage zwischen Ratlosigkeit, Verwunderung und Scham neu erfinden muss? Oder ist der Roman der Abgesang auf eine Zeit, in der der Glaube an ein besseres Leben, an gute Bildung und Aufstiegschancen für alle noch mehrheitsfähig war?

Trotz guter Unterhaltung liess mich die Lektüre etwas ratlos zurück. Es fällt mir schwer, ein Porträt mehrerer Jahrzehnte zu lesen, ohne nach Anzeichen brodelnder Krisenherde Ausschau zu halten, wie sie uns heute auf Schritt und Tritt begleiten. Vielleicht aber wollte Andersson genau diese Empfindung heraufbeschwören und den Kontrast aufzeigen, der sich zwischen jener Zeit, in der man glauben konnte, es werde schon alles gut ausgehen, und unserer polarisierten, krisengeschüttelten Gegenwart aufgetan hat.

Zwar hätte ich von der Journalistin Andersson, die eine ausgewiesene Kritikerin ihres Landes ist, einen schärferen, dezidierter politischen Roman erwartet und gehofft, durch die Lektüre ein klareres Gefühl dafür zu bekommen, was das Volksheim für weniger privilegierte Menschen als Ragnar bedeutet hat, z.B. für Menschen, die dem Leistungsimperativ nicht ohne weiteres entsprechen konnten oder die in jenen Jahren nach Schweden migrierten und dort auf Fremdenfeindlichkeit stiessen (weshalb selbst der moderate Ragnar bei der Schulleitung dafür plädiert, die aufgenommenen Asylsuchenden besser aufs gesamte Land zu verteilen). Vielleicht müsste ich aber auch selbst Schwedin sein, um zu verstehen, dass in dem Roman doch mehr Schärfe und Doppelbödigkeit verborgen sind, als ich erkenne.

Lesenswert ist die Bekanntschaft mit dem «gewöhnlichen Menschen» und die Lektüre all der treffenden Situationsbeschreibungen und minutiös geschilderten inneren Vorgänge allemal. Nicht zuletzt deshalb, weil sich das Porträt einer Gesellschaft, die sich eine Zeitlang um Optimismus und sozialen Fortschrittsglauben versammeln konnte, trotz aller Differenzen auch auf andere westeuropäische Länder übertragen lässt – zumal auf ein Land wie die Schweiz, das ja ebenfalls seine Ragnars hat(te), auch wenn sie hierzulande eher Ueli oder Peter heissen.

Rezension von Julia Rüegger

Basel, 12.03.24

Verlage stellen sich vor: Der Psychosozial-Verlag

Der Psychosozial-Verlag publiziert psychologische, förderpädagogische und sozialwissenschaftliche Bücher und Zeitschriften. Die Schwerpunkte liegen auf den Gebieten Psychoanalyse, Psychotherapie, Beratung, Pädagogik und – wie der Name schon andeutet – auf der Verbindung zwischen psychologischen und sozialen Fragestellungen. 2019 wurde das psychotherapeutische Programm durch die Übernahme des Buch- und Zeitschriftenprogramms des Verlags CIP-Medien ergänzt. 
Entgegen dem herrschenden Trend zur fachspezifischen Einengung des Blickwinkels hat sich der Psychosozial-Verlag zum Ziel gesetzt, den Dialog zwischen den »Psycho-« und den »Sozio-Wissenschaften« und zwischen den verschiedenen helfenden Berufen neu zu beleben. Die Zusammenschreibung von »psychosozial« im Namen des Verlages hat kritisch-programmatischen Charakter.
Der Psychosozial-Verlag möchte mit seinen Publikationen einen Beitrag zur psychosozialen Versorgung sowie zur Inklusion, Anerkennung und Teilhabe leisten. Neben Praxisbüchern für klinische Psychologie, Förderpädagogik, sexuelle Bildung und Beratungswissenschaften stehen deshalb gesellschaftskritische und sozialpsychologische Publikationen – häufig mit emanzipatorischer Zielsetzung.