Mensch und Massnahme – zur aktuellen ausserordentlichen Situation

Woher nehmen sich die aktuellen Massnahmen das Recht, mehr Recht zu haben als das geltende normative Recht und mehr Recht zu haben als die unveräusserlichen Menschenrechte.

Unser aktuelles Schaufenster soll Anregung sein für die in der nächsten Zeit notwendigen Diskurse zu den Massnahmen der ausserordentlichen Situation.

Das Buch von Jonas Heller, der in Basel Philosophie studiert und in Frankfurt promoviert hat, ist aus seiner Doktorarbeit entstanden und vor zwei Jahren (2018) beim Velbrück Verlag erschienen. Seine Thesen sind nicht nur aktuell, sondern grundlegend, um das Spektrum der jetzt notwendig werdenden Diskurse abzudecken.

Die beiden Grundpfeiler dieser Arbeit bestehen aus den «zwei zentralen Phänomenen der modernen rechtsstaatlichen Ordnung»: Ausnahmezustand und Menschenrechte. Ihr Verhältnis bildet ein «unvereinbarer Widerstreit», denn „sobald Ausnahmezustände erklärt [, werden] staatlich oder zwischenstaatlich garantierte Rechte eingeschränkt oder ausgesetzt […].“  Beide behaupten, dass sie grundlegend seien für die rechtsstaatliche Ordnung, die Menschenrechte, insofern mit ihrer Verwirklichung der Zweck der rechtsstaatlichen Ordnung zu erreichen, der Ausnahmezustand, insofern er das absolute Mittel zur Herstellung der rechtsstaatlichen Ordnung ist. «Ohne dieses Fundament [fehlt der demokratisch-rechtsstaatlichen Ordnung] entweder das Mittel oder sie verfehlt ihren Zweck.»

Das Buch macht es sich zur Aufgabe, aus der genaueren Analyse ihres Gegensatzes vielmehr die Komplementarität der beiden rechtlichen Phänomene herauszuarbeiten. Seine kritische Frage lautet, «inwieweit das emanzipatorische Potential der Menschenrechte durch die Komplementarität mit dem Ausnahmezustand blockiert wird.»

Hausarrest und Blockierung unserer Freiheiten erleben wir aktuell durch staatlich verordnete Massnahmen, die in ihrer jeweiligen Ausübung und Durchsetzung europa- und weltweit auch den jeweiligen demokratischen Gehalt der Rechtsstaaten demonstrieren.

U.J. Wenzel: ZEIT – in Gedanken erfasst

Philosophische Glossen. – Schwabe Verlag, Basel 2020

Was heisst Philosophieren? Kann man Philosophieren lernen oder lehren?

Die im neuen Band von UJW versammelten Essays – es sind ausgewählte Feuilleton Beiträge aus seiner NZZ-Zeit, die er hier „Glossen“ nennt – machen genau dies: sie philosophieren.

Lesen wir diese syntaktisch und gedanklich perfekt gestalteten Texte genauer, dann vermögen wir, natürlich im Modus des  Als-Ob, nachvollziehen oder sogar selbst vollziehen, wie wir in der Philosophie, gemeint ist, in der Durchquerung der Philosophie fortschreiten, wie die Philosophie durch ihre Geschichte fortschreitet und mit (jeweils) ihrer ‚Contemporaneität‘  immer wieder neu anhebt.

Am Beispiel eines Essays (hier S. 43ff: „Besitzt der Mensch die Tugend – oder besitzt sie ihn?“) könnte das Philosophieren wie folgt beschrieben werden:

Klassische Positionen der Philosophie fungieren als Grundbausteine für das Gebäude einer philosophischen Idee oder eines philosophischen Begriffs. Sie bilden eine Norm und bilden zugleich keine Norm, indem mit ihrer Setzung oder Behauptung ihre Entgegensetzung oder Verneinung gegeben wird [„Tugend neigt zur Dummheit“]. In der weiteren Untersuchung der Entgegensetzung erweisen sich Elemente ihrer Bildung als Bedingung oder sogar als Ursache zur Bestimmung der (ersten) Setzung. Die Tugend besitze den Menschen und nicht umgekehrt, woraus dann folgt, dass der tugendhafte Mensch keine Wahl habe. Diese Neu-Setzung dient dazu, die Verneinung zu verneinen [„Dumm – soll der [tugendhafte] Mensch hinwiederum auch nicht sein“]. Als Begründung dient wiederum ein Grundbaustein (philosoph. Idee oder Begriff) – [‚Die Freiheit zur vernünftigen Selbstbestimmung‘]. Nun erfolgt eine neue Definition: „Die Tugend ist immer im Fortschreiten und hebt doch auch immer von vorne an“. Damit erhebt sich die Tugend in eine gleichsam immerwährende Form, der sofort ihre Grenze im Als-Ob gewiesen wird [Es ist denn doch nur so, als-ob die Tugend den Menschen besitze]. In kritischen Situationen weiss auch die Tugend nicht weiter. Die neue Antinomie verweist die Tugend auf den Menschen. In der Beschränkung auf die Conditio Humana gilt, dass der Mensch die Tugend besitzt, indem die Tugend ihn (doch) nicht besitzt.

Nur in der Dichtung gibt es den Neuen, den von und aus Tugenden geschaffenen Menschen, während „der alte, freie Mensch noch die Demut am Arm [spürt]“.

Podcast: Uwe Justus Wenzel «Zeit – in Gedanken erfasst »

Die Tonaufnahme der Veranstaltung vom 28.02.2020 finden Sie nun auf folgendem Link:

https://drive.google.com/file/d/1Z9IeuU7r1WexX-PCRUjvi3YFzJ85ijVp/view?usp=sharing

Wie kann philosophisches Denken den Zeitgeist erkunden? Eine Antwort beginnt bei der Beobachtung, dass das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung in Zeiten beschleunigten Wandels ein Überangebot an Zeitdiagnosen hervorbringt. Im Accelerando werden stets neue So-und-so-Generationen und So-und-so- Gesellschaften ausgerufen. Die thematischen Brennpunkte der Glossen, die das Buch von Uwe Justus Wenzel versammelt, sind vielfältig: Das Spektrum reicht von der Psychopathologie des Alltagslebens bis zum Erdzeitalter namens «Anthropozän», vom Hass bis zur Liebe. Im Gespräch zwischen dem Autor und Andreas Cremonini werden zentrale Themen des Buches aufgegriffen und erörtert.

Dr. Uwe Justus Wenzel war im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung verantwortlich für Geisteswissenschaften und Zeitdiagnostik. Derzeit arbeitet er in einem philosophischen Forschungsprojekt an der ETH Zürich. Ebenfalls im Schwabe Verlag ist erschienen: Von Adorno bis Wittgenstein: Philosophische Profile.

Dr. Andreas Cremonini unterrichtet Philosophie am Gymnasium am Münsterplatz in Basel und ist als Dozent der Universität Zürich im Rahmen der philosophischen Weiterbildung für Fachleute aus Medizin und Psychotherapie tätig.

Podcast: Buchvernissage Joachim Küchenhoff: «Verständigung und Selbstfindung»

Die Tonaufnahme der Veranstaltung vom 12.02.2020 finden Sie nun auf folgendem Link:

https://drive.google.com/file/d/1wC0ccFOmIFEObS4TQ5zvA3SvMm9m8d7O/view

Nur im Zusammensein mit anderen kann sich der Einzelne entwickeln – Verständigung und Selbstfindung gehören zusammen. In schweren psychischen Krisen sind die Möglichkeiten des eigenen Denkens und des Austausches mit anderen aber gefährdet, die Sprache kann verloren gehen. Doch selbst in Extremsituationen wie dem psychotischen Erleben und nach traumatischen Ereignissen werden Erfahrungen repräsentiert und mitgeteilt. Der Andere muss sie hören und aufgreifen können. Dann können wieder Erwartungen an die Zukunft entstehen, Vergangenes und Gegenwärtiges können sich voneinander scheiden, sodass ein gelingendes und gutes Leben wieder möglich wird. In der Verschränkung von therapeutischen Erfahrungen und Konzepten einerseits und philosophischen Reflexionen andererseits erkundet Joachim Küchenhoff den komplexen Zusammenhang zwischen der Sprachfähigkeit, der Beziehung mit anderen, der Öffnung des Zeiterlebens und einer befriedigenden Lebensführung.

GOTT ESSEN

GOTT ESSEN von Anselm Schubert, erschienen 2018 im Verlag C.H. Beck, München

Riten sind ein Bestandteil im Leben vieler Menschen, ob in der Kirche oder im Alltag. Sie sind Geistes- und Seelennahrung, geben Halt und Zuversicht. Gläubige Christen nehmen am Abendmahl in der Kirche teil. Der Leib und das Blut Christi in Form einer Hostie und einem Schluck roten Weines versinnbildlichen das Leben und Wirken von Jesus Christus.

In seinem Buch „GOTT ESSEN“ geht der Autor, Anselm Schubert, evangelischer Theologe und Professor für Kirchengeschichte an der Universität Erlangen, dem heutigen Abendmahl aus kulinarischer Sicht nach.

Während der ersten hundert Jahre des Christentums trafen sich die Gläubigen rituell zu gemeinschaftlichen Mahlzeiten. Sie brachten das zubereitete Essen mit in die Kirche, alle assen davon. Auch Bedürftige und Notleidende waren eingeladen und konnten sich satt essen.

Jesus war und ist das Sinnbild der christlichen Kirche für den Brauch des gemeinsamen Essens. Aber erfunden haben es nicht die Christen, auch andere Religionen pflegten schon vor Christus den Brauch des Teilens von Essen oder der rituellen Opferung von Nahrung, bis heute.

Der Weg vom Gemeinschaftmahl bis zum heutigen Kultmahl war ein Jahrhunderte dauernder Prozess. Ansichten, Dogmen, Thesen prallten aufeinander. Nahrungsmittel waren, je nach Region und Land, auch Milch, Honig, Olivenöl, Salz, um nur die wichtigsten zu nennen. Am Ende dieses langen Prozesses gibt’s eine zur Hostie geweihte Oblate aus Weizenmehl und ein Schluck Wein.

Der Autor liess das heutige Abendmahl von Fachleuten auf seinen Geschmack testen. Das Ergebnis fiel vernichtend aus. Ist der Kirche Leib und Blut Christi nicht mehr wert als ein geschmackloses Stückchen Weizenfladen und ein Schluck ungeniessbar schmeckenden Weines? So die Frage des Autors nach dem  Urteil der Fachleute.

Anselm Schubert ging jedoch auch den rituellen Bräuchen am Rande Europas und anderen Kontinenten nach, wo mangels Weizen und Wein andere Nahrungsmittel Verwendung fanden.

Der Autor erzählt die Geschichte des Abendmahls und lässt den Leser die heiligsten Handlungen des Christentums mit anderen Augen sehen.

Publikationen aus ‘Germanistik – Unibas’

Mit den folgenden Werken zeigen wir in unserem ‘Bücherfenster’ ein vielfältiges und überraschendes Spektrum aus zugleich sehr individuellen und überblickenden Publikationen von Autoren_Innen, die aktuell an der Uni Basel lehren oder früher hier studiert und gelehrt haben.

  • Nicola Gess: Primitives Denken
  • Wolfram Malte Fues: Zweifel
  • Davide Giuriato / Sabine Schneider (Hg.): Stifters Mikrologien
  • Justin Vollmann (Hg.): Eberhard der Deutsche „Laborintus“
  • Alexander Honold / Irmgard M.Wirtz (Hg.): Rilkes Korrespondenzen
  • Nicola Gess / Anges Hoffmann / Annette Kappeler (Hg.) Belebungskünste
  • Ulrich Stadler: Kafkas Poetik
  • Nicole A. Sütterlin: Poetik der Wunde

Quasi angeführt wird der ‘Reigen’ von der derzeitigen Preisträgerin für «Geisteswissenschaften International» Nicola Gess und ihrer Publikation «Primitives Denken», weiter geführt von «Belebungskünste» (Nicola Gess/Agnes Hoffmann), «Poetik der Wunde» (Nicole Sütterlin). Werkchronologisch quasi startet dieser Reigen mit Justin Vollmanns Übersetzungsarbeit. Er hat eine der sechs lateinischen Poetiken des Mittelalters («Laborintus») übersetzt, womit es «nicht primär darum (ging), vorhandene Texte zu analysieren, sondern neue Texte zu verfertigen.» (S.11)

Hier sind nicht nur neue Werke entstanden, sondern neue Perspektiven, um bereits entstandene Texte, Gattungen, Epochen neu lesen zu können. Damit erfährt die Neue Deutsche Literatur eine Re-Contemporalisierung, die sie für die kommenden Leser_Innen unwiderstehlich macht.

Unserer Zusammenstellung haftet etwas Zufälliges. Sollten wir weitere Publikationen aus demselben Umfeld nicht berücksichtigt haben, bitten wir um Ergänzung an dieser Stelle.

Weihnachtstisch

Unser Weihnachtstisch ist bestückt mit wunderschönen Büchern, interessanten Bildbänden und anderen potentiellen Weihnachts-Geschenken! Von Charles Dickens bis hin zu Peter Bichsel werden Sie Autoren aller Epochen antreffen. Wir freuen uns auf Ihren Besuch

Reduzierte Bücher

Über den Sommer stehen bei uns Bücher schon ab 1.- Franken auf den Tischen. Klassiker der Theorie und Belletristik, alte Reclam-Bändli und Fachliteratur können hier beim Stöbern gefunden werden.