Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds.

In einer langsam voranschreitenden Erzählung schildert Melitta Breznik die letzten Tage ihrer Mutter: Vom Zerfall des Körpers, den inneren Kämpfen von Mutter und Tochter, aber auch vom immer wieder aufblitzenden Schalk der Sterbenden sowie vom gemeinsamen Erinnern an ein gutes als auch schlechtes Früher. Stimmungsvoll fängt Breznik die Szenerie ein und wird dem Thema mehr als gerecht. Die Lektüre vermittelt sachte die zunehmende Langsamkeit und Schwäche des Körpers, die sich bemerkbar machen. Genauso wie dem physischen wird auch dem psychischen Aspekt gedacht. Ängste, Gewissensbisse und Stress, die nur allzu gut nachvollziehbar sind, werden eindrucksvoll geschildert. Und dennoch kippt das Ganze nie in etwas Effekthascherisches. Die Wirkung ist auch so gegeben. Die vermittelte ruhige Art und Weise ist es schliesslich, die am Ende der Lektüre dazu führen kann, dass trotz des schweren Themas etwas Gutes bleibt: Trost.

Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds. Luchterhand 2020.

Patrik Svensson – Das Evangelium der Aale

Hanser, München, 2020

Diese sehr persönlich geprägte Geschichte des Aals versammelt vier verschiedene Umgangsweisen mit ‚Naturgeschichte‘.

(1) Eine autobiografische: Die Beziehung des Autors zum Vater erschliesst ihm die Beziehung zum Aal und der Natur, der Natur am Ort seines Vaters. Und umgekehrt bestimmt dann seine intensive Beschäftigung mit der Geschichte des Aals die Beziehung zum Vater.

(2) Eine historische: Alle Quellen einer wissenschaftlichen und literarischen Beschäftigung mit dem Aal, von Aristoteles über Freud und Günter Grass zu Boris Vian, sind erwähnt und ausführlich beschrieben; sie tragen wesentlich zur Geschichte des Aals bei.

(3) Eine philosophische: Der Philosoph Thomas Nagel verneint ein identifizierendes Bewusstsein zweier verschiedener Wesen. Ich kann mir erklären, wie ein anderes Wesen wahrnimmt, aber unmöglich vorstellen wie das ist und sich anfühlt. Insofern kann der Aal für den Menschen auch immer etwas Geheimnisvolles bewahren.

(4) Eine anthropomorphische: Im Gegensatz zu Thomas Nagel versuchte die Wissenschaftlerin Rachel Carson eine Methode, die eher der Fabel und dem Märchen eignen, eine Art Verpersönlichung des anderen Wesens. Nicht der analytische Verstand, sondern eine vermenschlichende Einbildungskraft ermöglicht, IN den Aal hineinzudenken und dann aus ihm die Welt wahrzunehmen – ihm näher zu kommen.

Die Erfahrungen und Erlebnisse des Aalbiografen Patrik Svensson gingen hingegen stets ins Gegenteilige. Je näher er dem Aal gekommen zu sein glaubte, desto mehr hat sich der Aal entzogen, solange, bis der Autor selbst ihn schliesslich ins Unerforschliche ziehen liess.

Aktuell er- und verhärtet sich diese Tendenz zur Tatsache. Der Aal stirbt aus und entschwindet (uns).

Der Titel des Buchs indes weist auf eine noch andere Geschichte – gleichsam auf eine geheime und mögliche Wiederkunft des Aals. Und es sind der Ton und der Stil dieser anderen Geschichte, in denen uns Patrik Svensson mit dem Aal vertrauter macht.

Katya Apekina: Je tiefer das Wasser

Der Roman handelt von einem mittelmässigen Autor autobiografischer Romane: Ich resp. mein Leben kommen in all meinen Büchern vor, aber natürlich bin Ich NICHT der Protagonist.  Die Beschreibungen und Charakterisierungen werden von allen als Verrat empfunden. Ein betroffener Jugendfreund beschuldigt ihn gar des «emotionalen Vampirismus». Doch umgekehrt ermöglicht gerade dieser das Aufbrechen und Eindringen in tiefere Schichten einer Familiengeschichte, die symptomatisch steht für die Mentalität einer amerikanischen Generation, die im Rassenhass und -wahn gross geworden ist.

Der Roman besteht aus Stimmen, aus tagebuchartigen Kundgebungen, die vor allem im ersten Teil sehr genau und authentisch aus der jeweiligen persönlichen und zeitlichen Perspektive wiedergegeben sind. Im zweiten Teil bleiben die Stimmen zwar persönlich, werden jedoch zeitlich ausgreifender, werden reflexiv und erinnernd.

Nach dem Selbstmordversuch der Mutter [1997] sind die beiden Töchter aus dem  Süden zu ihrem Vater nach New York gekommen. Die Mutter befindet sich in einer Nervenheilklinik. Der Vater hat die Familie vor Jahren verlassen [1985], was die ältere Tochter, jetzt 16jährig, ihm nicht verziehen hat. Obwohl der Vater nun alles für das Wohl seiner Töchter tut, kann er nicht verhindern, dass die ältere zurückgeht.

Im ersten Teil sind die Konturen der Figuren noch gewahrt, obgleich mit dem Selbstmordversuch der Mutter schon ihre Auflösung in Gang gesetzt worden ist. Und je weiter diese fortschreitet, desto klarer wird, dass diese Entgrenzung des Ich, der Identität, die conditio der Personen ist. Verursacht wird diese mit der Fiktionalisierung durch die autobiografischen Romane des Vaters. Die Übergriffe des Vaters erfolgten stets mit dem Schreibstift.

Mit dem zweiten und den folgenden Teilen entsteht der neue Roman des Protagonisten-Autors und mit ihm eine gesteigerte Vereinnahmung der jüngeren Tochter. Immer mehr übernimmt sie die Rolle ihrer Mutter. Sie kann ihre Identität beinah beliebig mit derjenigen ihrer Mutter auswechseln, um in dieser Rolle weiterhin die Muse für den Vater-Autor und seinen Roman sein zu können. Doch wie sie behauptet, ihre Identität wechseln zu können, bleibt unklar, ob ihre Vorstellungen nicht bereits Wahnvorstellungen sind.

Diese Zone der Entgrenzung des Ich ist und bleibt sehr komplex. Und nicht messbar ist beim autobiografischen Roman auch die Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität messbar. Ihre Klammer besteht aus den beiden Positionen: (i) Die Andern erkennen sich wieder in den Romanen, (ii) die Romane entstehen nur dank der innigen Beziehung des Autors zu seiner Frau. Doch für den Autor gibt es in dieser Beziehung eine Quelle, die etwas Anderes ist als autobiografischer Stoff. Sie ermöglicht sein Schreiben – und schliesslich: sie konsumiert sein Schreiben. Der Roman ist dann nur das positive Produkt aus dieser Konsumation.

Der Schreibprozess hat den Autor in seiner Macht (‘er muss schreiben’) und in der Folge zieht er alle mitbetroffenen Leben in den Prozess hinein – und in die fiktive Welt. Sie werden für ihre Fiktionalisierung vereinnahmt. Sie dienen dem gelingenden Schreiben des Autors, dem gelingenden Entstehen des Buchs.

Damit legt die Fiktionalisierung die Grundlage zur Psychose, zur Selbstentfremdung und Selbstzerstörung. Doch umgekehrt gilt auch: die Selbstzerstörung ist der Ausweg aus der selbstentfremdenden Psychose.

Am Grunde dieses psychotischen Schreibprozesses stehen die Zeit und das Erleben des Rassenhasses und -wahns. Wie ist Mentalitätsbildung aufgrund solcher Erlebnisse möglich? Und wie sind Werte wie ‘Familie’, ‘Ehrfurcht’, ‘Treue’, ‘Verantwortung’ etc. möglich? – Sie sind möglich, das beweist das Leben des Jugendfreundes des Protagonisten-Autors. – Angesichts dieser Wahrheit wird der Verrat, den die Fiktionalisierung begeht, zu einem Verrat an sich selbst, also an der Literatur, und in eigener Sache.

Lettre International – Europas Kulturzeitung

Seit nunmehr 25 Jahren gibt es sie auf Französisch. Im Mai 1988 wurde – am Schriftstellerkongress mit dem bezeichnenden Titel Ein Traum für Europa – die erste deutsche Ausgabe der Lettre International vorgestellt. Als „interdisziplinäres intellektuelles Forum“ sieht sie sich „keiner politischen Programmatik“ verpflichtet. Anders als in der dezidiert linken Le Monde diplomatique werden unterschiedlichste Perspektiven gedruckt. Die Kombination von „Neugier und Risikobereitschaft, Genauigkeit und Phantasie, Reflexion und literarischem Vermögen“ ist oberstes Gebot.

Das vierteljährlich erscheinende Heft wird so zum „geistesgegenwärtiger Seismograph der Welt“, der sich mit dem Anspruch „grenzüberschreitende Wachheit und Interpretationsfähigkeit“ der demokratischen Öffentlichkeit verschrieben hat. Gerade in einer Epoche beschleunigter Internationalisierung bei gleichzeitigen Tendenzen zur Fragmentierung wird die Welt abgebildet, wie sie ist; „in ihrer Zersplitterung und im Zusammenspiel ihrer Kulturen – deren Gewissheiten wie Erschütterungen.“ Die Vielstimmigkeit und Breite spiegelt sich in der Breite der Themen und Sparten des grossformatigen Heftes. Lettre International bietet qualitativ hochstehende Auseinandersetzungen mit Themen wie Literatur und Theater, Musik und Kunst, Religion und Philosophie, Weltpolitik und Geschichte, Ökologie oder Ökonomie bis hin zu Fragen des Lebensstils. Absolut empfehlenswert für alle politisch und künstlerisch interessierten Menschen dieses Kontinents, die sich den Genuss auch etwas ausführlicherer Artikel weiterhin leisten wollen.

Die Zitate – teilweise grammatikalisch abgewandelt – stammen allesamt aus der Selbstbeschreibung der Herausgeberschaft. https://www.lettre.de/

Ann Cotten: Lyophilia

«Du bist Teil eines Versuchs, nämlich, es geht genau darum, was Menschen unter idealen Bedingungen schaffen. Was für eine Welt sie sich bauen. Wie die ausschaut.» (S. 181)

Was passiert hier, was halten wir in den Händen, wer spricht hier, und wo führt das noch hin –  das sind Fragen, die einerm als Leserni dieses Buches verwirren können. Dier geneigtre Lesereni könnte sich ausserdem fragen, wieso immer wieder solche Rechtschreibefehler auftauchen, hierbei handelt es sich allerdings nicht um orthographische Schnitzer, sondern um die Umsetzung einer zur Disposition gestellten, gendergerechten Sprache. Ann Cotten nennt dies «Polnisches Gendering», dabei werden «[a]lle für alle Geschlechter nötigen Buchstaben in beliebiger Reihenfolge ans Wortende» gestellt. So entsteht eine im ersten Moment befremdliche, bei ein bisschen Übung aber sehr lesefreundliche, inklusive Wortvariante. (Die auch in dieser Rezension weiterhin (im Kursiv) verwendet wird.)

«Ich bin auch die Erzählerin, ja. Kann ich was dafür? Es schleudert mich, es reisst mich. Ich glaubte immer, es sind die Drogen, manchmal bin ich mir nicht sicher.» (S. 359)

Es geht bunt zu und her in der Welt, die uns Lyophilia eröffnet, es ist tatsächlich alles Erdenkliche möglich, um nicht zu sagen, alles Erdenkliche ist wahrscheinlich. Als Lesende werden wir mitgeschleudert, finden uns an bekannten und unbekannten Orten wieder. Über weite Strecken  begleiten wir Zladko, ein Wiener Saxophonist, der sich – meist betrunken oder verkatert – durchs Leben treiben lässt, bis er gemeinsam mit seiner Geliebten Ganja in einem Paralleluniversum landet, in dem alles Gedachte sich sofort materialisiert. Später werden die Lesenden in die Weisheiten der Putztruppe des kosmischen Wartungsdienstes eingeführt, oder werden zu Zaungästen «in einer Kneipe im All», um schliesslich wieder fast 200 Seiten lang die Bevölkerung von «Amore Kafun», einer Asteroid-Kolonie, die einst von einer – mittlerweile bankrotten – Firma betrieben wurde, kennen zu lernen. «Die Anekdoten vom Planeten Amore (KAFUN)» werden einerseits durch die neu implementierte Erzählfigur namens Eien, andererseits durch die Texte welche die Bewohnernnnie an den (von Eien veranstalteten) offenen Literaturclubs vorlesen. Dazu kommen dann noch etwas galaktischer Roadmovie, Zeitreisen durch Gefriertrocknung des Geistes (Lyophilisation) und ein Lebenspartner «im Halbplural». Man sollte sich von diesen wirr anmutenden Handlung aber nicht abschrecken lassen.

«Die Vernunft ist ohnmächtig in dieser neuen, notdürftig von Idee zu Idee aufgespannten Welt.» (S. 317)

Nicht die grobschlächtig anmutenden Geschichten, die sich wie Genre-Parodien lesen, sind es, was hier fasziniert, sondern das freudige Sezieren und Weiterentwickeln der Sprache, aber auch ein sinnliches Feiern ihrer. Ann Cottens Sätze tragen weit, sie schliessen aber auch kurz. Es gilt, all dies mit dem eigenen Kopf zu entdecken, die ungeheuren Tiefen, die sich bisweilen auftun, die möglichen Verzweigungen, Anspielungen und Metaphern. Dabei erlaubt die Verortung der Geschehnisse in einer unbestimmten Zukunft Ann Cotten auch, einen Blick zurück zu werfen. Es handelt sich bei Lyophilia also nicht um einen Roman über eine dystopische Zukunft, sondern in seiner Zukunftsvision viel eher um einen Spiegel, in welchem das Dystopische unserer Gegenwart vermutet werden kann. All dies begleitet von einem Humor, der vom Ironischen auch mal ins Herzliche abrutscht. Die disperse Struktur der verschiedenen Texte, dessen Teile weder in derselben Zeit, noch auf demselben Himmelskörper spielen, werden auf wundersame Weise zusammengehalten, sei es durch irgendeine interne Logik, einen Sprachkosmos, oder vielleicht auch nur durch das sich beständig ausdehnende Universum. Es bleibt jederm selbst überlassen, ob sier Lyophilia als Sammlung einzelner Erzählungen lesen möchte, oder die versammelten Texte vielmehr als ein Gesamtes, als gehöriges Stück Prosa, als ein Textwerk, das so fluid ist, wie die Geschlechter, Persönlichkeiten und Zustände seiner Figuren und Sprache selbst. Es scheint dies die konsequente Umsetzung der Vorstellung zu sein, wie eine Welt aussehen könnte, in der räumlich-zeitliche, gesellschaftliche und logische Umstände nichts Verpflichtendes mehr an sich haben. Ein Kunststück, das vielleicht nur der Literatur gelingen kann.

David Diop: Nachts ist unser Blut schwarz

Ein Stück Literatur über den Ersten Weltkrieg – ein weiteres in einer langen Reihe. Und dennoch beleuchtet es etwas, das am Rande steht. Hauptfigur ist Alfa Ndiaye, ein sogenannter Senegalsoldat, der auf der Seite Frankreichs gegen die Deutschen in den Schützengräben kämpft. Dabei werden auf eindrückliche Weise die Schrecknisse des Krieges, der Verlust eines geliebten Menschen, Rassismus sowie Herkunft behandelt. Das Repetitive der Erzählung transportiert ansehnlich das Innenleben Alfas, der nach dem Tod seines Seelenbruders, wie er seinen Freund Mademba Diop nennt, in einem Strudel von Rache- und Schuldgefühlen versinkt, die sich immer wieder artikulieren. Der Text zeichnet das Bild eines Getriebenen, dessen Leben aus den Angeln gehoben wird. Und auch das Cover lässt nichts Gutes erahnen: Nicht nur zeigt es die durch den Krieg zerfurchte Landschaft, vielmehr scheint das Blut der Schlachten direkt auf Cover gespritzt zu sein.

Aufbau 2019. ISBN: 978-3-351-03791-8

Ich kann dich hören

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören
Wagenbach Verlag 2019

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Katharina Mevissen erzählt in ihrem Debut «Ich kann dich hören» vom Verlorensein ihrer Figuren und deren Suche nach zwischenmenschlichen Beziehungen und Wegen, miteinander zu kommunizieren. Wenn der Roman auch auf den ersten Blick ein wenig unscheinbar und leise daherkommt, zeigt er doch Mevissens beeindruckendes Gespür für Sprache und Textkomposition, die dieses kleine Büchlein zu einem grossen Lesegenuss machen.