Benjamin von Wyl: GROSSWERDEN UND EINKNICKEN

Jona träumt davon, ins Innerste der Welt zu tauchen? Wenn er in den Sommerferien aufs Meer blickt. Wenn er am freien Schulnachmittag zwischen Schlingpflanzen im See taucht. Wenn er bei seiner grossen Schwester Annina Dokumentarfilme über die Tiefsee schaut. Im Mittelpunkt der Erde drehen sich leuchtende Tiere im Strudel des Wassers. Jona saugt alles auf, was er über diese magische Tiefe in Erfahrung bringt. Er will dorthin reisen, seit er weiss, dass fast alles Wasser unterirdisch verbunden ist.    
Dieses Ziel gibt ihm Halt. Vieles ist ihm ungeheuer in seinem Leben: die Scheidung der Eltern, der neue Partner der Mutter, sogar sein Freund Petrit. Die anderen Kinder an der Schule sind für Jona fern wie andere Planeten. 

Doch als Jona älter wird und lernt, wie die Menschen mit der Welt umgehen, trifft er eine Entscheidung. Denn der leuchtende Wirbel ist in Gefahr.

Benjamin von Wyl: Grosswerden und Einknicken, Verlag die Brotsuppe 2024.

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Michelle Steinbeck: Favorita

»Es tut mir leid, deine Mutter wurde getötet.« Mit diesen Worten beginnt Filas Odyssee zwischen Lebenden und Toten: Von der Schweiz, in der sie aufgewachsen ist, nach Italien, das ihre Grossmutter als junge Frau verlassen hat und wohin ihre Mutter verschwunden ist. Fila zeichnet die Wege der beiden Frauen nach, begleitet von den Gestalten, denen sie unterwegs begegnet: revolutionäre Amazonen, faschistische Deserteure und der Geist einer jungen Bäuerin mit durchschnittener Kehle. Der Roadtrip auf den Spuren ihrer geheimnisvollen Mutter führt sie zum mutmasslichen Mörder – und mitten ins Herz des Zirkels, der das Land kontrolliert. Fila sitzt in der Falle. Aber sie ist nicht allein.

Michelle Steineck: Favorita. park x ullstein 2024.

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Islam Alijaj: Wir müssen reden

Islam Alijaj hat mit der Zerebralparese eine schwere, gut sicht- und hörbare Behinderung. Er ist ein Secondo mit Wurzeln im Kosova. Und er heisst ausgerechnet Islam. Das sind alles Eigenschaften, die für die Parlamentspolitik nicht unbedingt Erfolg versprechen. Dennoch will er in der Schweiz Nationalrat werden. Eigentlich eine Mission Impossible – wenn Islam Alijaj nicht Islam Alijaj wäre. Und die Zeit nicht reif für einen wie ihn.

2022 wurde Alijaj überraschend in den Zürcher Gemeinderat gewählt. Der 36-jährige Politiker beweist nicht nur Intelligenz und Charme, er ist ausgesprochen hartnäckig, ehrgeizig, machtbewusst und manchmal sogar «grössenwahnsinnig». Sein Ziel: das Behindertenwesen in der Schweiz umkrempeln, als Behinderter die Führung übernehmen, damit diejenigen zu Wort kommen, die wissen, wovon sie sprechen. «Nichts über uns ohne uns» soll die Gesellschaft künftig Politik machen können. Und tatsächlich wird er 2023 in den Nationalrat gewählt, als erster Schweiz-Albaner.

Islam Alijaj: Wir müssen reden. Limmat Verlag 2023.

Mareike Fallwickl: Und alle so still

An einem Sonntag im Juni gerät die Welt aus dem Takt: Frauen liegen auf der Strasse. Reglos, in stillem Protest. Hier kreuzen sich die Wege von Elin, Nuri und Ruth. Elin, Anfang zwanzig, eine erfolgreiche Influencerin, der etwas zugestossen ist, von dem sie nicht weiss, ob es Gewalt war. Nuri, neunzehn Jahre, der die Schule abgebrochen hat und versucht, sich als Fahrradkurier und Barkeeper über Wasser zu halten. Ruth, Mitte fünfzig, die als Pflegefachkraft im Krankenhaus arbeitet und deren Pflichtgefühl unerschöpflich scheint.

Es ist der Beginn einer Revolte, bei der Frauen nicht mehr das tun, was sie immer getan haben. Plötzlich steht alles infrage, worauf unser System fusst. Ergreifen Elin, Nuri und Ruth die Chance auf Veränderung?

Mareike Fallwickl: Und alle so still. Rowohlt 2024.

Haska Shyyan: Hinter dem Rücken

Die Ukraine in den Zeiten des Krieges: (vielleicht) eine Liebesgeschichte. Er meldet sich an die Front, sie geht nach Paris. Hält eine Liebe so etwas aus? Der Angriffskrieg gegen die Ukraine begann nicht erst am 24. Februar 2022; schon seit 2014 hat der Kreml dafür gesorgt, dass russische Kräfte den Osten des Landes im Kriegszustand hielten. Haska Shyyan erzählt aus jener Zeit vom Leben einer jungen Frau, die etwas will, die sich von den Umständen nicht unterkriegen lässt. Eine Geschichte von einem Alltag in den Städten, den es so schon gar nicht mehr gibt. Ein Roman über eine Europäerin und ihr Land.

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Claire Keegan: Reichlich spät

Freitag, der 29. Juli in Dublin. Das Wetter ist wie vorhergesagt, die Stadt vor Cathals Bürofenster liegt in gleissendem Sonnenschein. Nach einem scheinbar ereignislosen Tag mit Budgetlisten und Bürokaffee nimmt Cathal den Bus nach Hause. Die Landschaft zieht an ihm vorüber, die waldigen Hügel, auf denen er noch nie gewesen ist, und er denkt an Sabine. Die ein bisschen schielt und die gut kochen kann, die auch im Winter barfuss am Strand spazieren geht, die die Hügel besteigt. Die zu viel Geld ausgibt und zu viel Raum einnimmt und zumindest über die Hälfte von allem bestimmen will. Die Frau, mit der er hätte sein Leben verbringen können, wäre er ein anderer Mann gewesen.

Claire Keegan: Reichlich spät. Steidl 2024.

Sanora Babb: Namen unbekannt

Julia und Milt betreiben mit ihren Töchtern eine Farm im unwirtlichen Westen Oklahomas. Als das Überleben dort nach mehrjähriger Dürre und verheerenden Staubstürmen immer schwieriger wird, versuchen die beiden wie so viele in den 1930er Jahren, sich als Wanderarbeiter in Kalifornien durchzuschlagen. Sanora Babb erzählt eine einfühlsame Geschichte von Armut und Ausbeutung, aber auch von Freundschaft und Solidarität. Seinerzeit durch den übermächtigen Erfolg von John Steinbecks Früchten des Zorns am Erscheinen gehindert, erhält ihr Werk erst heute die verdiente Anerkennung.

Sanora Babb: Namen unbekannt, Reclam 2024.

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Sabrina Janesch: SIBIR

Furchterregend klingt das Wort, das der zehnjährige Josef Ambacher aufschnappt: Sibirien. Die Erwachsenen verwenden es für alles, was im fernen, fremden Osten liegt. Dorthin werden Hunderttausende deutscher Zivilisten – es ist das Jahr 1945 – von der Sowjetarmee verschleppt, unter ihnen auch Josef. Kasachstan ist das Ziel. Dort angekommen, findet er sich in einer harten, aber auch wundersamen, mythenvollen Welt wieder – und er lernt, sich gegen die Steppe und ihre Vorspiegelungen zu behaupten. 

Mühlheide, 1990: Josef Ambacher wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert, als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine Woge von Aussiedlern die niedersächsische Kleinstadt erreicht. Seine Tochter Leila steht zwischen den Welten und muss vermitteln – und das zu einem Zeitpunkt, an dem sie selbst den Spuk der Geschichte zu begreifen und zu bannen versucht.

Sabrina Janesch: SIBIR. Rowohlt 2023.

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Gabriel Garcia Marquez: Wir sehen uns im August

Aus dem Nachlass des Nobelpreisträgers:

Jedes Jahr fährt Ana Magdalena Bach im August mit der Fähre zu einer Karibikinsel, um dort auf das Grab ihrer Mutter einen Gladiolenstrauss zu legen. Jedes Jahr geht sie danach in ein Touristenhotel und isst abends allein an der Bar einen Käse-Schinken-Toast. Dieses Mal jedoch wird sie von einem Mann zu einem Drink eingeladen. Es entspricht weder ihrer Herkunft oder Erziehung noch ihrer Vorstellung von ehelicher Treue, doch geht sie dennoch auf seine Avancen ein und nimmt den Unbekannten mit auf ihr Zimmer … 

Gabriel Garcia Marquez: Wir sehen uns im August. Kiepenheuer & Witsch 2024.

Tania Raich: Frei sein

Es klingt paradox: Ausgerechnet die Freiheit ist ein umkämpfter Begriff. Sie ist der kleinste gemeinsame Nenner unserer Gesellschaft, und sie ist der Ursprung der grössten Konflikte.
Gut also, dass die Freiheit im Grundgesetz verankert ist. Nur: Wir meinen sehr unterschiedliche Sachen damit. Das gleiche Wort, inbrünstig gerufen aus unterschiedlichen Kehlen: von Abgeordneten sämtlicher Parteien, von Demonstrierenden jeglicher Gesinnung, von sehr vielen Menschen mit sehr unterschiedlichen Zielen. Haben wir die «Freiheit, frei zu sein» (Hannah Arendt)? Was bedeutet Freiheit für das Individuum wirklich? Und welche Rückschlüsse lassen sich daraus für die Gesellschaft ziehen? Die Autor*innen dieses Bandes begeben sich auf Spurensuche in ihrem eigenen Leben und gewähren überraschende Einblicke in zentrale Aspekte wie Konsum, Körper, Populismus, Arbeit, Klasse, Literatur und Liebe.

Tanja Raich (Hg.): Frei sein, Kein & Aber 2024.

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