Helon Habila: Öl auf Wasser

Die Farben sind glühend, wenn der junge Reporter Rufus und die Journalistenlegende Zaq in einem alten Fischerkahn durch die apokalyptisch anmutende, labyrinthische Gegend rudern. Kaputte Pipelines winden sich schlangengleich durch die schlammige Landschaft, üble Gerüche sind allgegenwärtig. Die Handlung spielt im Nigerdelta, in dem die Erdölindustrie jegliche Lebensgrundlage zerstört hat. Die Menschen, die hier noch wohnen, kämpfen als kleine Fischer*innen ums Überleben.

Rufus und Zaq sind auf der Suche nach der entführten Gattin eines hochrangigen Tiers der Erdölindustrie. Mit dem Lösegeld in der Tasche und einer guten Story im Blickfeld geraten sie in eine unübersichtliche

Konstellation: Rebellengruppen, brutale Regierungssoldat*innen und dazwischen die verzweifelten Dorfbewohnenden.

Helon Habilas Roman «Öl auf Wasser» entführt die Leser*innen in eine der grössten Umweltkatastrophen des Planeten und verweist auf die weltumspannende Zerstörung von Lebensräumen durch multinationale Konzerne. Übersetzung aus dem Englischen: Thomas Brückner.

Helon Habila: Öl auf Wasser, Unionsverlag 2022.

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Gün Tank: Die Optimistinnen

Mit 22 Jahren kommt Nour in Deutschland an. Sie hatte sich alles viel grösser und moderner vorgestellt und nun fällt sie auf im Dorf mit ihrem kurzen Rock und ihren langen, schwarzen Haaren. Sie ist eine der vielen Arbeiterinnen, die in den 1970er Jahren aus Spanien, Italien, Griechenland, Jugoslawien oder aus der Türkei nach Deutschland kamen. Sie sind es, die im Minirock ausgehen und täglich in die Fabrik stiefeln, während viele der oberpfälzischen Frauen ein Kopftuch tragen und Hausfrauen sind. Weil die Arbeitsbedingungen in der Fabrik fragwürdig sind und die Entlohnung nicht gerecht, beginnen Nour und ihre Freundinnen, zu kämpfen.
Die Autorin Gün Tank geht in ihrem Debütroman der Geschichte der Generation ihrer Mutter nach. Sie erzählt von einer Gruppe Migrantinnen, die als Erste kamen, also vor den Männern. Es ist eine Geschichte von Mut, Tatkraft und Optimismus. Für alle, die der Autorin gerne zuhören möchten: Auf Deutschlandfunk Kultur ist sie im Gespräch mit Andrea Gerk.

Gün Tank: Die Optimistinnen. Roman unserer Mütter. S. Fischer Verlag 2022.

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Martina Clavadetscher: Vor aller Augen

Sie schreibt für ein Zuhören im Hinschauen: Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge, die Dame mit dem Hermelin, Frauen auf weltberühmten Gemälden von Leonardo da Vinci, Vermeer, Rembrandt, Courbet, Schiele, Munch. Wir sehen ihre Körper, ihre Blicke, ihre Kleidung, gebannt oder verbannt in einen ewigen Augenblick.
Doch wer waren sie ausserhalb dieses Moments? Martina Clavadetscher ist den Hinweisen ihrer Leben nachgegangen, lässt die Frauen erzählen und gibt ihnen so eine Stimme zurück.

Martina Clavadetscher: Vor aller Augen, Unionsverlag 2022.

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In Koli Jean Bofane: Sinusbögen überm Kongo

Célio lebt in Kinshasa und arbeitet hart, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Freunde nennen ihn Célio Mathématik, denn dieser Disziplin gilt seine ganze Liebe. Vor dem schwierigen Alltag flüchtet er in die Welt der Theoreme und Axiome und denkt sich eine eigene Formelwelt aus, mit der er die komplexe Situation im Kongo zu erklären versucht. Célios Bemühungen, das gesellschaftliche Ungleichgewicht in eine Balance und die institutionalisierte Wirrnis in eine geregelte Bahn zu lenken, haftet natürlich etwas Komisches an. Dies schlägt sich im Stil des Autoren nieder, der den Rhythmus des Alltags auf den Strassen Kinshasas bildreich und voller Melodie schildert.

In Koli Jean Bofane greift in seinem Schreiben gesellschaftliche und politische Themen auf. Eine Literatur nach der Diktatur müsse wie ein Schrei sein. Nur durch die Übertreibung werde man gehört, so der Autor. «Sinusbögen überm Kongo» ist in der deutschen Übersetzung vergriffen. Da ein Buchtipp ohne Buch nur begrenzt Sinn macht, liegt im Labyrinth ein gebrauchtes Exemplar zum Verkauf bereit. In unserem Schaufenster stehen ab heute weitere Bücher kongolesischer Schriftsteller*innen. Viele der Texte haben gemeinsam, dass sie «schreien, um gehört zu werden». Unsere Empfehlung ist es, sie wahrzunehmen. Es lohnt sich!

In Koli Jean Bofane: Sinosbögen überm Kongo, Horlemann 2013.

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Maria Barbal: Die Zeit, die vor uns liegt

Elena und Armand begegnen sich bei einem Yogakurs in Barcelona. Sie kennen sich kaum und sind doch bald einander grösster Halt. Zusammen verschwindet auf einmal die Distanz, die sie zwischen sich und der Welt empfinden. Zusammen fühlen sie sich schwerelos. Und trotzdem dauert es nicht lang, bis die lauten und leisen Katastrophen der vergangenen Jahrzehnte in ihre Beziehung einbrechen. Die Zweifel und Widerstände. Da ist der Ehemann, über den Elena schweigt. Der Sohn, von dem sich Armand entfremdet hat. Werden Elena und Armand sich die Freiheit nehmen, das Glück in seiner ganzen Fülle auszukosten?

Maria Barbal: Die Zeit, die vor uns liegt. Diana 2022.

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Juri Andruchowytsch: Radio Nacht

»Ich habe immer davon geträumt, einen Roman zu schreiben, der klingt.« Das meint Juri Andruchowytsch – Autor, Sänger und Vollblutmusiker – zu seinem neuesten Roman.  

Die Hauptfigur Josip Rotsky unterstützt als »Barrikadenpianist« die Revolution in seinem Heimatland. Ins Exil gezwungen, verdient er seinen Lebensunterhalt als Salonmusiker und so kommt es, dass er in einem Schweizer Hotel vor dem Diktator seines Landes auftritt. Er wirft ein Ei nach ihm und tötet ihn versehentlich. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zieht sich Rotsky in die Karpaten zurück, wird aber dort wieder verfolgt. Mit seiner Geliebten Animé und dem Raben Edgar flieht er nach Griechenland. Erst auf der Gefängnisinsel am Null-Meridian ist Schluss. Dort sendet sein »Radio Nacht« nun rund um die Uhr Musik, Poesie und Geschichten in die sich verfinsternde Welt. Den Roman aus dem Ukrainischen übersetzt hat Sabine Stöhr.  

Juri Andruchowytsch: Radio Nacht, Suhrkamp 2022.

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Katerina Poladjan: Zukunftsmusik

Die Geschichte eines Aufbruchs: In der sibirischen Weite, tausende Kilometer östlich von Moskau, leben in einer Kommunalka auf engstem Raum Grossmutter, Mutter, Tochter und Enkelin. Alle gehen ihrem Alltag nach. Der Ingenieur von nebenan versucht, sein Leben in Kästchen zu sortieren, Warwara hilft einem Kind auf die Welt, Maria träumt von der Liebe, Janka will am Abend in der Küche singen. Es ist der 11. März 1985, Beginn einer Zeitenwende, von der noch niemand etwas ahnt.

Am 27. September liest Katerina Poladjan im Literaturhaus Basel aus ihrem neuesten Roman.
Beginn: 19.00
Moderation: Felix Münger

Katerina Poladjan: Zukunftsmusik, S. Fischer 2022.

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Camille Laurens: Es ist ein Mädchen

»Haben Sie Kinder?«, wird der Vater gefragt. »Nein, ich habe zwei Mädchen«, antwortet er. – Diese Szene ist eine der ersten Erinnerungen einer Frau, die um 1960 in gutbürgerlichen Verhältnissen in Rouen aufwächst. Was folgt, ist ein Leben, wie es exemplarisch scheint für ihre Generation: Laurence befreit sich aus der Enge des Elternhauses, erlebt sexuelle Freiheit, aber auch Gewalt, sie verliert einen Sohn bei der Geburt und bringt eine Tochter zur Welt. Und mit dieser Tochter, die sich allen Rollenzuschreibungen entzieht, öffnet sich etwas – auch für Laurence und ihr Leben als Frau.

Camille Laurens: Es ist ein Mädchen. Dtv, 2022.

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Felix Philipp Ingold

Anlässlich seines 80. Geburtstags haben wir eine Auswahl an Büchern des vielfach ausgezeichneten Autoren, Publizisten und Übersetzers Felix Philipp Ingold zusammengestellt, der seinerzeit in Basel studiert hatte.

Auch sein neuestes Werk, der Essayband «Denken im Abseits» ist in der Buchhandlung Labyrinth eingetroffen. Gerne teilen wir hier unsere Rezension mit Ihnen:

Felix Philipp Ingold: Denken im Abseits. Privatphilosophien der Moderne. Klagenfurt und Graz: Ritter, 2022.

Felix Philipp Ingold hat eine Anthologie vorgelegt mit etwa zwei Dutzend Portraits von Philosophen, die ausserhalb der Universität als «Selbstdenker» eine eigene Philosophie entwickelt haben. «Privat» heisst hier unbeugsam und eigensinnig, unabhängig von der «schul- und traditionsbildenden Grossmacht der klassischen Philosophie», dabei aber durchaus auf Veröffentlichung zielend. Die Autoren müssen sich nicht unbedingt selber als Philosophen bezeichnet haben, sondern mit den letzten Fragen umgegangen sein, wie etwa Franz Hohler, Hugo Ball und Edmond Jabès. Darüber hinaus sind die meisten der Vorgestellten weitgehend unbekannt oder vergessen; wir begegnen also nicht zum wiederholten Mal Nietzsche oder Blanchot, Cioran oder Walter Benjamin, sondern Benjamin Fondane, Anatol Rapoport, Albert O. Hirschmann und dem famosen Manlio Sgalambro. Am ehesten kennt man Siegfried Kracauer, Fritz Mauthner und Michail Bachtin – aber der Bruder des letzteren, Nicholas Bakhtin, ist unbekannt geblieben.  

Das Buch wird eingeleitet von einem ausführlichen Vorwort, das die Ziele und Grenzen der Unternehmung erläutert. Dort wird auch begründet, warum neben all den Männern keine einzige Autorin präsentiert wird. Das Ganze ist die Prosa eines nun achtzigjährigen Lyrikers, Romanciers und Philologen. Sie ist ebenso dicht wie klar, nie überladen, sondern bleibt durchgängig – sit venia verbo – süffig.

Die Essays sind zwischen zehn und zwanzig Seiten lang und werden jeweils mit einer schwarzweissen Portraitphotographie eröffnet; sie «sollen die Problem- und Formenvielfalt selbsttätigen Philosophierens  vor Augen führen» und «sind so angelegt, dass Biographie und Werk der Autoren in konsequenter Engführung dargestellt und in ihrer jeweils spezifischen Wechselbeziehung erhellt werden». Das gelingt in vollem Umfang. Schlüsselstellen werden ausführlich zitiert und präzise kommentiert, historische Kontexte – immer wieder die grausamen Wirren der Weltkriege – werden aufgerufen, Beziehungen zu anderen Autoren und Künstlern genannt, und dem etwas kleiner gedruckten Block mit bibliographischen Hinweisen jeweils am Ende der Stücke ist zu entnehmen, dass Ingold zu manchen dieser Autoren bereits vor Jahrzehnten wissenschaftlich publiziert hat. Also wird aus der Fülle der Werkkenntnis heraus immer auch interpretiert, präzise spekuliert und schlussendlich wohlbegründet gewürdigt – und manchmal auch lehrreich geurteilt. Ingold findet zuverlässig eine Perspektive, aus der auch noch so Abseitiges fruchtbar betrachtet werden kann. 

Die Essays sind zwischen zehn und zwanzig Seiten lang und werden jeweils mit einer schwarzweissen Portraitphotographie eröffnet; sie «sollen die Problem- und Formenvielfalt selbsttätigen Philosophierens  vor Augen führen» und «sind so angelegt, dass Biographie und Werk der Autoren in konsequenter Engführung dargestellt und in ihrer jeweils spezifischen Wechselbeziehung erhellt werden». Das gelingt in vollem Umfang. Schlüsselstellen werden ausführlich zitiert und präzise kommentiert, historische Kontexte – immer wieder die grausamen Wirren der Weltkriege – werden aufgerufen, Beziehungen zu anderen Autoren und Künstlern genannt, und dem etwas kleiner gedruckten Block mit bibliographischen Hinweisen jeweils am Ende der Stücke ist zu entnehmen, dass Ingold zu manchen dieser Autoren bereits vor Jahrzehnten wissenschaftlich publiziert hat.

Also wird aus der Fülle der Werkkenntnis heraus immer auch interpretiert, präzise spekuliert und schlussendlich wohlbegründet gewürdigt – und manchmal auch lehrreich geurteilt. Ingold findet zuverlässig eine Perspektive, aus der auch noch so Abseitiges fruchtbar betrachtet werden kann. 

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Viele andere Werke von Felix Philipp Ingold warten im hinteren Schaufenster des Labyrinths auf Leser*innenschaft.

Thomas Hürlimann: Der Rote Diamant

»Pass dich an, dann überlebst du«, bekommt der elfjährige Arthur Goldau zu hören, als ihn seine Mutter im Herbst 1963 im Klosterinternat hoch in den Schweizer Bergen abliefert. Hier, wo schon im September der Schnee fällt und einmal im Jahr die österreichische Exkaiserin Zita zu Besuch kommt, wird er zum »Zögling 230« und lernt, was schon Generationen vor ihm lernten.
Doch das riesige Gemäuer birgt ein Geheimnis: Ein immens wertvoller Diamant aus der Krone der Habsburger soll hier versteckt sein. Während Arthur mit seinen Freunden der Spur des Diamanten folgt, die tief in die Katakomben des Klosters und der Geschichte reicht, bricht um ihn herum die alte Welt zusammen.

Thomas Hürlimann: Der rote Diamant. S. Fischer, 2022

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