Rezension: Ernst Hubeli – Die neue Krise der Städte: Zur Wohnungsfrage im 21. Jahrhundert

Rotpunktverlag, Zürich 2020

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Diese Rezension enstand im Rahmen des Bands Nr. 75 des Widerspruch Magazins.

Die romantische Sehnsucht nach der selbstbestimmten Stadt

Am 23. April 2020 wurde nach zwei Tagen Diskussionen im Grossen Rat von Basel-Stadt eine verwässerte Umsetzung der Wohnschutzinitiative vom Juni 2018 angenommen. Die Sozialdemokratische Partei, das Grüne Bündnis und der Mieter*innenverband Basel kündigten unmittelbar darauf ein Referendum an, da die Umsetzung ihrer Meinung nach nicht den Forderungen der von 61.9 Prozent der Stimmbevölkerung angenommenen Initiative entspricht. Die Annahme selbst war bereits eine willkommene Überraschung und zeigt, dass die Wohnungsnot mittlerweile in grossen Teilen der städtischen Bevölkerung angekommen ist. Oder zumindest auch jene, die sich bis anhin vor Mieterhöhungen und Massenkündigungen geschützt sahen, erkennen, dass die Wohnungskrise nicht vor dem sogenannten Mittelstand halt macht.

Eine etwas progressivere Ausprägung desselben Wandels zeigt sich in Berlin, seit Jahren ein Brennpunkt von Immobilienspekulation und Wohnungskrise. Die Enteignung, das ehemalige Schreckgespenst der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, ist mit der Bewegung „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Auch hier ist der Berliner Senat nicht so bewegungsfähig wie die Bevölkerung: einen Monat nach dem Basler Grossratsentscheid, am 18. Mai, reichte die Enteignungs-Initiative Klage gegen den Berliner Senat ein, weil die Prüfung des mit 77’000 Unterschriften eingereichten Volksbegehrens nunmehr bereits fast ein Jahr dauert.

Dass in Deutschland offen über Enteignung diskutiert und in der Schweiz per Initiative das „Recht auf Wohnen“ in der Kantonsverfassung Basels verankert wird, zeigt: die Wohnungsfrage hat eine neue Dringlichkeit erreicht. Doch das Problem ist keineswegs neu und so sind auch die Lösungen, die heute vorgeschlagen werden, bereits vielfach diskutiert worden. 1872/73 veröffentlichte Friedrich Engels seine Analyse der damals grassierenden Wohnungsnot als eine Replik auf eine Reihe von Artikeln in der Zeitung Volksstaat. Er kritisiert die Vorstellung, die Wohnungsfrage isoliert von den kapitalistischen Produktionsverhältnissen lösen zu können, da das Wohnen untrennbar mit unserer Vorstellung von Gesellschaft und mit den bestehenden Eigentums-, Produktions- und Arbeitsverhältnissen verbunden ist. „Erst durch die Lösung der sozialen Frage“, schreibt Engels (2015: 77), „wird zugleich die Lösung der Wohnungsfrage möglich gemacht. […] Zunächst wird aber jede soziale Revolution die Dinge nehmen müssen, wie sie sie findet.“

In diesem Sinne ist auch das Buch des Architekten und Städteplaner Ernst Hubeli, Die neue Krise der Städte, geschrieben, welches sich bereits im Untertitel als eine Aktualisierung von Engels’ Text zu erkennen gibt. Hubeli versucht, die Dinge, wie er sie findet, auszuloten und betrachtet dabei nicht nur die aktuellen Eigentumsverhältnisse am Wohnungsmarkt, sondern zunächst ganz allgemein die Vorstellung vom Wohnen in unserer Gesellschaft. Und die damit einhergehenden Träume vom Eigenheim, die in krassem Gegensatz nicht nur zur Realität einer Bevölkerung stehen, die zum überwiegenden Grossteil aus Mieter*innen besteht, sondern auch zur ökonomischen Realität. Denn in dieser geht mit dem Besitz des Eigenheims nicht Selbstbestimmung einher, sondern ein „Schuldenberg, der zum eigenen Gefängnis wird“ (S. 32). Das über Hypotheken finanzierte Eigenheim der Mittelklasse gliedert diese ins eigentumsideologische Geschäftsmodell ein, in die Armee aller Eigentümer*innen, die die Interessen der grossen Eigentümer*innen verteidigen soll. Die Subprime-Krise, die 2008 zur Weltwirtschaftskrise führte, machte freilich klar, dass die „Gemeinschaft der Eigentümer“ eine eingebildete war, deren Interessen letztlich vor allem institutionellen Grossanlegern dienten.

Hubeli erkennt darin ein Auseinanderdriften der Begriffe Wohnen und Gesellschaft, welches sich auch in den Wohnungen selbst offenbart, in der „Diskrepanz zwischen heterogenen Lebensformen und homogenen Wohnformen“ (S. 37–38). Im Segment der leistbaren Wohnungen führt das chronische Unterangebot zum Bau immer derselben, anachronistischen Raumkombinationen – „Wo Knappheit herrscht, ist alles begehrt.“ (S. 43) Und die Knappheit wird nicht weniger werden – seit Jahrzehnten ist die Zuwanderung zu den Städten konstant und aus der Gesamtoptik gibt es heute weltweit keine Alternative zu den Städten. Wie also ist die Stadt zu gestalten?

Zunächst ist diese Frage im Grunde nicht trennbar von der Wohnungsfrage. Allgemein kann gesagt werden: wichtig ist ein gesundes Stadtgefüge, das Richtungen festlegt aber weich genug ist, um sich seinen Bewohner*innen anzupassen. Hier gibt Hubeli einige interessante städtebauliche Betrachtungen und legt beispielsweise dar, wie mit Mikroverdichtungen in Baukostenmiete eine weitaus geeignetere Form der Wohnungsbeschaffung zur Verfügung steht als bei Wohnbauförderprogrammen für grosse Neubauprojekte in der Agglomeration.

Es folgt ein Abschnitt des Buches zur Frage der Enteignung, um neuen, leistbaren Wohnraum zu schaffen oder zu erhalten. Am Beispiel Berlins zeichnet Hubeli die diskurshistorische Wende nach, die letztlich dazu geführt hat, dass in Berlin die Enteignung von grossen Immobilienfirmen mehrheitsfähig geworden ist. Daran schliesst sich die Frage an, in welche Hände die so dem Markt entzogenen Wohnungen überführt werden sollen. Ein solidarisches Wohnungswesen kann nicht einfach jenen gehören, die die Immobilien zufällig bewohnen, denn „ohne rechtlich bindende Gemeinwohlorientierung gibt es keine Pflicht zum sozialen Vermieten“ (S. 107). Ein Blickwinkel, unter welchem es sich lohnen würde, auch das hiesige Wohngenossenschaftswesen mit seiner Gemeinnützigkeit einmal näher zu betrachten. Die Enteignungsbestrebungen in Berlin haben den weiteren Vorteil, dass sie privaten Boden rekommunalisieren und daher der Spekulation entziehen würden. Das ist vor allem in innerstädtischen Lagen relevant, wo die Bodenpreissteigerung ein Vielfaches mehr an Rendite verspricht als die Mieteinnahmen, was zu unbewohnten Luxuswohnungen in Stadtzentren führt, die lichterlos auf ihre Wertsteigerung warten. Neben einem mittlerweile in Berlin eingeführten Mietendeckel, der den Markt automatisch entlastet, spricht sich Hubeli hier auch für eine hohe Besteuerung von Bodeneigentum aus, dessen Wertzuwachs Eigentümer*innen heute leistungsfrei abschöpfen.

Der letzte Abschnitt des Buches trägt den Titel „Aneignung,“ und versucht das Wesen des Wohnens zu ergründen, das als Grundlage für eine geistige Rückeroberung der Städte dienen soll. Der Abschnitt enthält eine Fülle an Verweisen, von Lukács „transzendentaler Obdachlosigkeit“ zu Netflix’ Reality-TV-Show „Aufräumen mit Marie Kondo“ und ist etwas schwerer zu fassen als die Kapitel, die sich konkreteren Beispielen widmen. Dennoch macht es eine der grossen Stärken des Buches deutlich: Hubeli ist als Autor nie nur Architekt oder nur Städteplaner; er ist in seinen Ausführungen immer auch Soziologe und Philosoph. Das macht sein Buch auch dann interessant, wenn es bereits Bekanntes zusammenfasst und verleiht dem Text eine Spannung, die grundsätzlich anhält, wenngleich sie in den verschiedenen Abschnitten unterschiedlich ausgeprägt ist. Durch diese Art zu schreiben und zu denken wird Hubelis Buch mehr zu einer Streitschrift als zu einer Analyse. Und es gibt den Leser*innen Denkanstösse, die sich nicht im Bereich der Realisierungschancen, im gesetzlich oder ökonomisch Machbaren aufhalten, sondern die die Stadt und das Wohnen in einem offeneren, poetischen Rahmen denken lassen. Oder in Hubelis Worten: „Die romantische Sehnsucht erhellt die Grenzen der Vernunft. Sie stellt den ungebrochenen Glauben an das Machbare und Beherrschbare infrage; das Vernünftige wird gewissermassen verunreinigt, kommt zu sich selbst und kann sich verweltlichen.“ (S. 127)

Jürgen Buchinger

Buchempfehlung: Helmut Lethen – Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug – Erinnerungen

Rowohlt, Berlin 2020

Helmut Lethen ist vor allem bekannt geworden mit seinen «Verhaltenslehren der Kälte». Diese sind eine Untersuchung zu Verhaltensstrategien zwischen den Weltkriegen, im politischen Spannungsfeld einer aufsteigenden ungeheuren totalitären Macht, in dem der Einzelne nichts zählt und der Mensch nur insofern er der Macht dient. Der Mensch muss lernen, vom Menschlichen abzusehen und mit einer glaubhaften politischen Maske zu agieren, die sein Überleben – vielleicht – ermöglicht.

In Lektüren von Brecht, Benjamin und Carl Schmitt stösst H.L. auf Baltasar Graciàns Handorakel, das, zwar vor mehr als 300 Jahren geschrieben, zu einem aktuellen «Ratgeber für das Verhalten auf vermintem Gelände [wird], auf dem man keinen Schritt tun darf, ohne vorher zu prüfen, wo man den Fuss hinsetzt.  Moral dient in solchen Situationen nicht als innerer Kompass. In einem Milieu, in dem jeder bedroht ist, empfiehlt es sich, von Moral abzusehen und taktische Regeln zu beachten.»(251) In seinen weiteren Bezugnahmen von einer Anthropologie der Neuen Sachlichkeit bis zu Plessners «Grenzen der Gemeinschaft» wird das Buch mehr und mehr zu einer Abhandlung über Geist und Politik im 20. Jahrhundert.

In solchem Sinn sind auch die soeben erschienen «Erinnerungen» von Lethen zu lesen, die seine zum Teil vaterlose Kindheit im Zweiten Weltkrieg, seine Jahre als studentischer Unruhestifter in Berlin (Lethen erhielt deswegen in Deutschland nicht nur Berufsverbot, er wurde auch aus der KPD/AO ausgeschlossen), seine ‘Exiljahre’ in Holland, seine Dozentur in Utrecht beleuchten und beschreiben. Dieses Buch macht aber auch deutlich, wie sehr er von seinem eigenen Werk geprägt ist, das für die Pluralität seiner Subjektivität gleichsam ein Kontinuum bildet. Dabei verdankt sich dieses Werk einer radikalen Kritik eines bestimmenden, herrschaftlichen Kontinuums. (156-169) In Nicht-Zugehörigkeiten zu sich, zu Nation, zu Parteien, zu Heimat etc. entwickelt sich H.L. auch als ein ‘étranger’ des 20. Jahrhunderts, der in solcher Stimmung indes Handke liest und dessen beinah quietistischen Satz aus «Das Gewicht der Welt» zu seiner Maxime macht, die alle Taktiken und Strategien durchdringt: «In die blaue Luft vor sich schauen nach einem Halt.» (192)

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Büchertisch «Mensch und Massnahme»

Der Büchertisch aus unserer Veranstaltung im Stellwerk am 9. Oktober zur Krisenbewältigung angesichts von Corona nimmt seinen Ausgangspunkt mit der vor zwei Jahren im Velbrück Verlag publizierten Dissertation von Jonas Heller (Uni Frankfurt) «Mensch und Massnahme». Das Buch hinterfragt die Dialektik von Ausnahmezustand und Menschenrechte. Es ist ein grosser rechtsphilosophischer Diskurs in der Auseinandersetzung der beiden Denker Carl Schmitt und Giorgio Agamben.

Die Demokratie, die die Möglichkeit von Souveränität noch in ihrer Verfassung enthält, muss angesichts der aktuellen Situation kritisch in Frage gestellt werden. Souveränität kann und darf den Ausnahmezustand verhängen – über den Souverän: das Volk. Der Ausnahmezustand setzt Massnahmen anstelle des Rechts. Dadurch werden die Grund- und Menschenrechte des Einzelnen suspendiert. Eine Rechtsordnung als souveräne Verordnung ignoriert die natürliche Freiheit des Menschen und ist nicht rechtens.

Mit diesen In-Frage-Stellungen präsentiert der Büchertisch Titel zu Demokratie, Globalisierung, Nationalismus, Faschismus, Totalitarismus, Menschenrechte, Staat, Souveränität, Recht, Macht u.a., aber auch Belletristik wie Julie Zeh, Jürg Federspiel und Hermann Broch.

Werner Busch – Die Künstleranekdote

‘Anekdote’ meint wörtlich das ‘Nicht-Herausgegebene’, das bewusst Zurückgehaltene. Sie ist also nicht eine öffentliche, sondern eher eine private und intime Mitteilung, nicht eine allgemeine Aussage, sondern ein geheimes Bekenntnis, nicht eine Norm-, sondern eine Gegendarstellung. In diesem Sinne gehört die Anekdote eher zur Biografik als zu einer Geschichtsdarstellung.

Mit Biografischem befasst sich die Künstleranekdote im 18. Jahrhundert – Thema und Inhalt des neuen Werks von Werner Busch (u.a. «Das sentimentalische Bild»). Die Anekdote beschreibt «den geglückten unmittelbaren Naturzugriff des Künstlers» (8), ganz in der Tradition von Plinius. Zugleich jedoch steht sie im Wandel einer Geschichtsauffassung, die sich im 18. Jahrhundert ablöst vom ‘Exemplum’, hin zu einer Geschichtsschreibung, die von einem Studium der Quellen ausgeht. Darstellung und Beschreibung von geschichtlichen Ereignissen sind in der Folge konstruierbar, der Wahrheitsgehalt der historischen Erkenntnis ist relativiert. (8)

Die Anekdote ist also ein kleines Stück Dichtung und Wahrheit, das sich historischer Daten bedient, nur um etwas Richtiges und Wahres über die Person in ihrer Zeit auszusagen. (23)

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Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds.

In einer langsam voranschreitenden Erzählung schildert Melitta Breznik die letzten Tage ihrer Mutter: Vom Zerfall des Körpers, den inneren Kämpfen von Mutter und Tochter, aber auch vom immer wieder aufblitzenden Schalk der Sterbenden sowie vom gemeinsamen Erinnern an ein gutes als auch schlechtes Früher. Stimmungsvoll fängt Breznik die Szenerie ein und wird dem Thema mehr als gerecht. Die Lektüre vermittelt sachte die zunehmende Langsamkeit und Schwäche des Körpers, die sich bemerkbar machen. Genauso wie dem physischen wird auch dem psychischen Aspekt gedacht. Ängste, Gewissensbisse und Stress, die nur allzu gut nachvollziehbar sind, werden eindrucksvoll geschildert. Und dennoch kippt das Ganze nie in etwas Effekthascherisches. Die Wirkung ist auch so gegeben. Die vermittelte ruhige Art und Weise ist es schliesslich, die am Ende der Lektüre dazu führen kann, dass trotz des schweren Themas etwas Gutes bleibt: Trost.

Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds. Luchterhand 2020.

Patrik Svensson – Das Evangelium der Aale

Hanser, München, 2020

Diese sehr persönlich geprägte Geschichte des Aals versammelt vier verschiedene Umgangsweisen mit ‚Naturgeschichte‘.

(1) Eine autobiografische: Die Beziehung des Autors zum Vater erschliesst ihm die Beziehung zum Aal und der Natur, der Natur am Ort seines Vaters. Und umgekehrt bestimmt dann seine intensive Beschäftigung mit der Geschichte des Aals die Beziehung zum Vater.

(2) Eine historische: Alle Quellen einer wissenschaftlichen und literarischen Beschäftigung mit dem Aal, von Aristoteles über Freud und Günter Grass zu Boris Vian, sind erwähnt und ausführlich beschrieben; sie tragen wesentlich zur Geschichte des Aals bei.

(3) Eine philosophische: Der Philosoph Thomas Nagel verneint ein identifizierendes Bewusstsein zweier verschiedener Wesen. Ich kann mir erklären, wie ein anderes Wesen wahrnimmt, aber unmöglich vorstellen wie das ist und sich anfühlt. Insofern kann der Aal für den Menschen auch immer etwas Geheimnisvolles bewahren.

(4) Eine anthropomorphische: Im Gegensatz zu Thomas Nagel versuchte die Wissenschaftlerin Rachel Carson eine Methode, die eher der Fabel und dem Märchen eignen, eine Art Verpersönlichung des anderen Wesens. Nicht der analytische Verstand, sondern eine vermenschlichende Einbildungskraft ermöglicht, IN den Aal hineinzudenken und dann aus ihm die Welt wahrzunehmen – ihm näher zu kommen.

Die Erfahrungen und Erlebnisse des Aalbiografen Patrik Svensson gingen hingegen stets ins Gegenteilige. Je näher er dem Aal gekommen zu sein glaubte, desto mehr hat sich der Aal entzogen, solange, bis der Autor selbst ihn schliesslich ins Unerforschliche ziehen liess.

Aktuell er- und verhärtet sich diese Tendenz zur Tatsache. Der Aal stirbt aus und entschwindet (uns).

Der Titel des Buchs indes weist auf eine noch andere Geschichte – gleichsam auf eine geheime und mögliche Wiederkunft des Aals. Und es sind der Ton und der Stil dieser anderen Geschichte, in denen uns Patrik Svensson mit dem Aal vertrauter macht.

Lisa Taddeo, Three Women – Drei Frauen

Aus dem Amerikanischen von Maria Hummitzsch. Piper 2020, 416 Seiten

Lisa Taddeo erzählt in ihrem Roman die Geschichten der drei Frauen Sloane, Lina und Maggie: Um sich selbst und ihren Mann zu befriedigen, geht Sloane mit anderen Männern ins Bett und filmt sich dabei. Lina löst sich aus ihrer leidenschaftslosen Ehe mit Ed, um sich in eine heisse Affäre mit ihrer Jugendliebe Aidan zu stürzen. Maggie verliebt sich als Siebzehnjährige in ihren High-School-Lehrer Aaron Knodel, der mit ihr ein Verhältnis beginnt. Vier Jahre später zeigt sie ihn an wegen Verführung Minderjähriger – und der «Lehrer des Jahres» wird in allen Anklagepunkten freigesprochen.

Ganz ehrlich: Zeitweise würde man das Buch gerne weglegen, weil die Erzählungen nichts auslassen und teilweise tieftraurig und abscheulich sind. Und doch fesseln die Worte Taddeos ganz ungemein. Ihr ist es gelungen, in ihren Kapiteln drei ganz unterschiedliche Erzählstile zu gestalten, so gelingt es einem noch besser, sich in die Frauen hineinzuversetzen.

Nochmals: Nein, das sind keine angenehmen Geschichten zum Lesen, und doch zeigen sie auf erschreckende Weise exemplarisch auf, wie sehr das weibliche Begehren und die Sexualität dieser drei Frauen geprägt ist von ihren Biografien, den damit verbundenen Abhängigkeiten und der Bewertung der Gesellschaft – und zwar gleichermassen von Männern wie von Frauen!

Das Buch wurde seit seinem Erscheinen sehr kontrovers diskutiert: Manchen war es nicht divers genug (keine homoerotische Beziehung), für manche nicht feministisch genug (2x Klitoris, 23x Penis), für manche bedeutete es gar ein Rückschritt in Sachen Emanzipation. Ich persönlich finde, dass es ein wichtiges Buch ist. Es ist ein Weckruf, ein Zeichen, dass in Sachen Gleichstellung und Solidarität unter Frauen tatsächlich noch einiges zu tun ist. Besonders erschreckend ist vielleicht, dass Sloane, Lina und Maggie vor allem von anderen Frauen für ihr Begehren verurteilt und nicht gesehen werden. Taddeo schreibt im Epilog: «Selbst wenn Frauen Gehör finden, müssen es die richtigen Frauen sein, damit man ihnen zuhört. Weisse Frauen. Reiche Frauen. Schöne Frauen. Junge Frauen. Am besten all das in einem.» Und: «Wir dürfen sagen: Wir wollen vögeln, wen wir wollen. Wir dürfen aber nicht sagen: Und wir glauben, dass uns das glücklich macht.» Ja, das ist unbequem. Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken!

Michael Hampe: Die Wildnis, die Seele, das Nichts. Über das wirkliche Leben

Hanser

Die Welt befindet sich im Ausnahmezustand. Draussen herrscht Chaos, die Versorgungslage ist prekär, die Zukunft ungewiss. Aaron Fisch, Verleger und Liebhaber der schönen Künste und des guten Essens, sitzt in seinem Haus fest, die Vorratskammer hat er in weiser Voraussicht mit Nahrungsmitteln vollgestopft. Nun versucht er sich an einer Biographie über seinen verstorbenen Freund und Dichter Moritz Brandt. Dabei kann er auf die Hilfe seiner intelligenten Computersoftware Kagami zählen. Sie hat nicht nur Zugriff auf ein enzyklopädisches Archiv, sondern auch auf Brandts Nachlass, bestehend aus Tagebucheinträgen, Notizen und drei ausführlichen philosophischen Essays.

Die oft sehr ausgreifenden Dialoge zwischen Aaron und Kagami werden von den drei Themen angestossen, die sowohl dem Buch als auch den drei Essays von Brandt den Titel geben. In unterschiedlichen Phasen seines Lebens hat sich Brandt ausführlich mit der Wildnis, der Seele und dem Nichts auseinandergesetzt. Von Hampe im Nachwort als «philosophischen Roman» bezeichnet, verbindet das Buch geschickt Erzählung und reflektierte Vertiefung. Da sind beispielsweise Tagebuchnotizen Brandts aus der Zeit, als er in Cambridge bei der berühmten Philosophin Dorothy Cavendish studiert. In Gegenüberstellung mit Notaten Cavendishs und den Essays ergeben diese ein detailreiches Bild der beteiligten Charaktere und machen Dringlichkeit und Triebkräfte der jeweiligen Denkwege nachvollziehbar.

Im Verlauf des Buches wird mehr und mehr klar, dass Brandts Schreiben von der Frage nach dem wirklichen Leben motiviert war. Was versprechen sich Menschen von der Konfrontation mit der Wildnis? Welchen Ursprungs ist die Vorstellung einer Seele? Wie geht man mit der Unausweichlichkeit des Todes um? Hinter all diesen Fragen steckt das Bedürfnis sich zu verändern und die Vorstellung, es müsste so etwas wie ein echtes, authentisches Leben geben. Doch – so eine implizite These Hampes – genau dieses Bedürfnis hält uns oft davon ab, unser wirkliches Leben zu meistern. Denn, so die ebenso implizite These: Unsere Gedankenausflüge sind immer in der uns umgebenden Welt und unserem Charakter verankert.

Hampes Buch ist unterhaltsam und ernst zugleich. Und obwohl philosophische Positionierung und Wertung weitgehend in die Figuren gelegt wird, offenbaren sich bei der Lektüre doch gewisse Ansichten über Philosophie oder zumindest deren akademische Formen. So zeigt sich der Konflikt unvereinbarer Positionen – der Kampfplatz endloser Streitigkeiten – als scheinbar grundlegende Konstellation philosophischer Auseinandersetzung. Oder wie Brandt in einem seiner Essays sagt: «Philosophie wird da interessant, wo es um unvereinbare Grundvoraussetzungen des Denkens, Handelns und Bewertens geht. Denn genau an solchen Stellen gerät sie an die Grenzen der Argumentation.» Die argumentativ abgestützte Behauptung kann hier nichts mehr beitragen.

Ein ähnlicher Gedanke findet sich bereits in vorangegangenen Büchern Hampes; so etwa im systematischer angelegten «Die Lehren der Philosophie – Eine Kritik». In Abgrenzung zu einer doktrinären Philosophie, wie sie an den Universitäten verbreitet ist, wird dort eine narrative Philosophie vorgeschlagen. Hampes neues Buch ist in dieser Hinsicht eine gelungene Probe aufs Exempel. Gelungen auch deshalb, weil der allzu menschliche Drang nach Vereindeutigung ebenfalls zu seinem Recht kommt. Denn selbst wenn, wie Aaron Fisch nahelegt, der Chor daraus entspringender (Selbst-)Behauptungen meist einem Jahrmarkt der Eitelkeiten gleichkommt, so scheint doch klar, dass das nicht zwingend so sein müsste.

Mensch und Massnahme – zur aktuellen ausserordentlichen Situation

Woher nehmen sich die aktuellen Massnahmen das Recht, mehr Recht zu haben als das geltende normative Recht und mehr Recht zu haben als die unveräusserlichen Menschenrechte.

Unser aktuelles Schaufenster soll Anregung sein für die in der nächsten Zeit notwendigen Diskurse zu den Massnahmen der ausserordentlichen Situation.

Das Buch von Jonas Heller, der in Basel Philosophie studiert und in Frankfurt promoviert hat, ist aus seiner Doktorarbeit entstanden und vor zwei Jahren (2018) beim Velbrück Verlag erschienen. Seine Thesen sind nicht nur aktuell, sondern grundlegend, um das Spektrum der jetzt notwendig werdenden Diskurse abzudecken.

Die beiden Grundpfeiler dieser Arbeit bestehen aus den «zwei zentralen Phänomenen der modernen rechtsstaatlichen Ordnung»: Ausnahmezustand und Menschenrechte. Ihr Verhältnis bildet ein «unvereinbarer Widerstreit», denn „sobald Ausnahmezustände erklärt [, werden] staatlich oder zwischenstaatlich garantierte Rechte eingeschränkt oder ausgesetzt […].“  Beide behaupten, dass sie grundlegend seien für die rechtsstaatliche Ordnung, die Menschenrechte, insofern mit ihrer Verwirklichung der Zweck der rechtsstaatlichen Ordnung zu erreichen, der Ausnahmezustand, insofern er das absolute Mittel zur Herstellung der rechtsstaatlichen Ordnung ist. «Ohne dieses Fundament [fehlt der demokratisch-rechtsstaatlichen Ordnung] entweder das Mittel oder sie verfehlt ihren Zweck.»

Das Buch macht es sich zur Aufgabe, aus der genaueren Analyse ihres Gegensatzes vielmehr die Komplementarität der beiden rechtlichen Phänomene herauszuarbeiten. Seine kritische Frage lautet, «inwieweit das emanzipatorische Potential der Menschenrechte durch die Komplementarität mit dem Ausnahmezustand blockiert wird.»

Hausarrest und Blockierung unserer Freiheiten erleben wir aktuell durch staatlich verordnete Massnahmen, die in ihrer jeweiligen Ausübung und Durchsetzung europa- und weltweit auch den jeweiligen demokratischen Gehalt der Rechtsstaaten demonstrieren.

Katya Apekina: Je tiefer das Wasser

Der Roman handelt von einem mittelmässigen Autor autobiografischer Romane: Ich resp. mein Leben kommen in all meinen Büchern vor, aber natürlich bin Ich NICHT der Protagonist.  Die Beschreibungen und Charakterisierungen werden von allen als Verrat empfunden. Ein betroffener Jugendfreund beschuldigt ihn gar des «emotionalen Vampirismus». Doch umgekehrt ermöglicht gerade dieser das Aufbrechen und Eindringen in tiefere Schichten einer Familiengeschichte, die symptomatisch steht für die Mentalität einer amerikanischen Generation, die im Rassenhass und -wahn gross geworden ist.

Der Roman besteht aus Stimmen, aus tagebuchartigen Kundgebungen, die vor allem im ersten Teil sehr genau und authentisch aus der jeweiligen persönlichen und zeitlichen Perspektive wiedergegeben sind. Im zweiten Teil bleiben die Stimmen zwar persönlich, werden jedoch zeitlich ausgreifender, werden reflexiv und erinnernd.

Nach dem Selbstmordversuch der Mutter [1997] sind die beiden Töchter aus dem  Süden zu ihrem Vater nach New York gekommen. Die Mutter befindet sich in einer Nervenheilklinik. Der Vater hat die Familie vor Jahren verlassen [1985], was die ältere Tochter, jetzt 16jährig, ihm nicht verziehen hat. Obwohl der Vater nun alles für das Wohl seiner Töchter tut, kann er nicht verhindern, dass die ältere zurückgeht.

Im ersten Teil sind die Konturen der Figuren noch gewahrt, obgleich mit dem Selbstmordversuch der Mutter schon ihre Auflösung in Gang gesetzt worden ist. Und je weiter diese fortschreitet, desto klarer wird, dass diese Entgrenzung des Ich, der Identität, die conditio der Personen ist. Verursacht wird diese mit der Fiktionalisierung durch die autobiografischen Romane des Vaters. Die Übergriffe des Vaters erfolgten stets mit dem Schreibstift.

Mit dem zweiten und den folgenden Teilen entsteht der neue Roman des Protagonisten-Autors und mit ihm eine gesteigerte Vereinnahmung der jüngeren Tochter. Immer mehr übernimmt sie die Rolle ihrer Mutter. Sie kann ihre Identität beinah beliebig mit derjenigen ihrer Mutter auswechseln, um in dieser Rolle weiterhin die Muse für den Vater-Autor und seinen Roman sein zu können. Doch wie sie behauptet, ihre Identität wechseln zu können, bleibt unklar, ob ihre Vorstellungen nicht bereits Wahnvorstellungen sind.

Diese Zone der Entgrenzung des Ich ist und bleibt sehr komplex. Und nicht messbar ist beim autobiografischen Roman auch die Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität messbar. Ihre Klammer besteht aus den beiden Positionen: (i) Die Andern erkennen sich wieder in den Romanen, (ii) die Romane entstehen nur dank der innigen Beziehung des Autors zu seiner Frau. Doch für den Autor gibt es in dieser Beziehung eine Quelle, die etwas Anderes ist als autobiografischer Stoff. Sie ermöglicht sein Schreiben – und schliesslich: sie konsumiert sein Schreiben. Der Roman ist dann nur das positive Produkt aus dieser Konsumation.

Der Schreibprozess hat den Autor in seiner Macht (‘er muss schreiben’) und in der Folge zieht er alle mitbetroffenen Leben in den Prozess hinein – und in die fiktive Welt. Sie werden für ihre Fiktionalisierung vereinnahmt. Sie dienen dem gelingenden Schreiben des Autors, dem gelingenden Entstehen des Buchs.

Damit legt die Fiktionalisierung die Grundlage zur Psychose, zur Selbstentfremdung und Selbstzerstörung. Doch umgekehrt gilt auch: die Selbstzerstörung ist der Ausweg aus der selbstentfremdenden Psychose.

Am Grunde dieses psychotischen Schreibprozesses stehen die Zeit und das Erleben des Rassenhasses und -wahns. Wie ist Mentalitätsbildung aufgrund solcher Erlebnisse möglich? Und wie sind Werte wie ‘Familie’, ‘Ehrfurcht’, ‘Treue’, ‘Verantwortung’ etc. möglich? – Sie sind möglich, das beweist das Leben des Jugendfreundes des Protagonisten-Autors. – Angesichts dieser Wahrheit wird der Verrat, den die Fiktionalisierung begeht, zu einem Verrat an sich selbst, also an der Literatur, und in eigener Sache.