Patrik Svensson – Das Evangelium der Aale

Hanser, München, 2020

Diese sehr persönlich geprägte Geschichte des Aals versammelt vier verschiedene Umgangsweisen mit ‚Naturgeschichte‘.

(1) Eine autobiografische: Die Beziehung des Autors zum Vater erschliesst ihm die Beziehung zum Aal und der Natur, der Natur am Ort seines Vaters. Und umgekehrt bestimmt dann seine intensive Beschäftigung mit der Geschichte des Aals die Beziehung zum Vater.

(2) Eine historische: Alle Quellen einer wissenschaftlichen und literarischen Beschäftigung mit dem Aal, von Aristoteles über Freud und Günter Grass zu Boris Vian, sind erwähnt und ausführlich beschrieben; sie tragen wesentlich zur Geschichte des Aals bei.

(3) Eine philosophische: Der Philosoph Thomas Nagel verneint ein identifizierendes Bewusstsein zweier verschiedener Wesen. Ich kann mir erklären, wie ein anderes Wesen wahrnimmt, aber unmöglich vorstellen wie das ist und sich anfühlt. Insofern kann der Aal für den Menschen auch immer etwas Geheimnisvolles bewahren.

(4) Eine anthropomorphische: Im Gegensatz zu Thomas Nagel versuchte die Wissenschaftlerin Rachel Carson eine Methode, die eher der Fabel und dem Märchen eignen, eine Art Verpersönlichung des anderen Wesens. Nicht der analytische Verstand, sondern eine vermenschlichende Einbildungskraft ermöglicht, IN den Aal hineinzudenken und dann aus ihm die Welt wahrzunehmen – ihm näher zu kommen.

Die Erfahrungen und Erlebnisse des Aalbiografen Patrik Svensson gingen hingegen stets ins Gegenteilige. Je näher er dem Aal gekommen zu sein glaubte, desto mehr hat sich der Aal entzogen, solange, bis der Autor selbst ihn schliesslich ins Unerforschliche ziehen liess.

Aktuell er- und verhärtet sich diese Tendenz zur Tatsache. Der Aal stirbt aus und entschwindet (uns).

Der Titel des Buchs indes weist auf eine noch andere Geschichte – gleichsam auf eine geheime und mögliche Wiederkunft des Aals. Und es sind der Ton und der Stil dieser anderen Geschichte, in denen uns Patrik Svensson mit dem Aal vertrauter macht.

Lisa Taddeo, Three Women – Drei Frauen

Aus dem Amerikanischen von Maria Hummitzsch. Piper 2020, 416 Seiten

Lisa Taddeo erzählt in ihrem Roman die Geschichten der drei Frauen Sloane, Lina und Maggie: Um sich selbst und ihren Mann zu befriedigen, geht Sloane mit anderen Männern ins Bett und filmt sich dabei. Lina löst sich aus ihrer leidenschaftslosen Ehe mit Ed, um sich in eine heisse Affäre mit ihrer Jugendliebe Aidan zu stürzen. Maggie verliebt sich als Siebzehnjährige in ihren High-School-Lehrer Aaron Knodel, der mit ihr ein Verhältnis beginnt. Vier Jahre später zeigt sie ihn an wegen Verführung Minderjähriger – und der «Lehrer des Jahres» wird in allen Anklagepunkten freigesprochen.

Ganz ehrlich: Zeitweise würde man das Buch gerne weglegen, weil die Erzählungen nichts auslassen und teilweise tieftraurig und abscheulich sind. Und doch fesseln die Worte Taddeos ganz ungemein. Ihr ist es gelungen, in ihren Kapiteln drei ganz unterschiedliche Erzählstile zu gestalten, so gelingt es einem noch besser, sich in die Frauen hineinzuversetzen.

Nochmals: Nein, das sind keine angenehmen Geschichten zum Lesen, und doch zeigen sie auf erschreckende Weise exemplarisch auf, wie sehr das weibliche Begehren und die Sexualität dieser drei Frauen geprägt ist von ihren Biografien, den damit verbundenen Abhängigkeiten und der Bewertung der Gesellschaft – und zwar gleichermassen von Männern wie von Frauen!

Das Buch wurde seit seinem Erscheinen sehr kontrovers diskutiert: Manchen war es nicht divers genug (keine homoerotische Beziehung), für manche nicht feministisch genug (2x Klitoris, 23x Penis), für manche bedeutete es gar ein Rückschritt in Sachen Emanzipation. Ich persönlich finde, dass es ein wichtiges Buch ist. Es ist ein Weckruf, ein Zeichen, dass in Sachen Gleichstellung und Solidarität unter Frauen tatsächlich noch einiges zu tun ist. Besonders erschreckend ist vielleicht, dass Sloane, Lina und Maggie vor allem von anderen Frauen für ihr Begehren verurteilt und nicht gesehen werden. Taddeo schreibt im Epilog: «Selbst wenn Frauen Gehör finden, müssen es die richtigen Frauen sein, damit man ihnen zuhört. Weisse Frauen. Reiche Frauen. Schöne Frauen. Junge Frauen. Am besten all das in einem.» Und: «Wir dürfen sagen: Wir wollen vögeln, wen wir wollen. Wir dürfen aber nicht sagen: Und wir glauben, dass uns das glücklich macht.» Ja, das ist unbequem. Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken!

Michael Hampe: Die Wildnis, die Seele, das Nichts. Über das wirkliche Leben

Hanser

Die Welt befindet sich im Ausnahmezustand. Draussen herrscht Chaos, die Versorgungslage ist prekär, die Zukunft ungewiss. Aaron Fisch, Verleger und Liebhaber der schönen Künste und des guten Essens, sitzt in seinem Haus fest, die Vorratskammer hat er in weiser Voraussicht mit Nahrungsmitteln vollgestopft. Nun versucht er sich an einer Biographie über seinen verstorbenen Freund und Dichter Moritz Brandt. Dabei kann er auf die Hilfe seiner intelligenten Computersoftware Kagami zählen. Sie hat nicht nur Zugriff auf ein enzyklopädisches Archiv, sondern auch auf Brandts Nachlass, bestehend aus Tagebucheinträgen, Notizen und drei ausführlichen philosophischen Essays.

Die oft sehr ausgreifenden Dialoge zwischen Aaron und Kagami werden von den drei Themen angestossen, die sowohl dem Buch als auch den drei Essays von Brandt den Titel geben. In unterschiedlichen Phasen seines Lebens hat sich Brandt ausführlich mit der Wildnis, der Seele und dem Nichts auseinandergesetzt. Von Hampe im Nachwort als «philosophischen Roman» bezeichnet, verbindet das Buch geschickt Erzählung und reflektierte Vertiefung. Da sind beispielsweise Tagebuchnotizen Brandts aus der Zeit, als er in Cambridge bei der berühmten Philosophin Dorothy Cavendish studiert. In Gegenüberstellung mit Notaten Cavendishs und den Essays ergeben diese ein detailreiches Bild der beteiligten Charaktere und machen Dringlichkeit und Triebkräfte der jeweiligen Denkwege nachvollziehbar.

Im Verlauf des Buches wird mehr und mehr klar, dass Brandts Schreiben von der Frage nach dem wirklichen Leben motiviert war. Was versprechen sich Menschen von der Konfrontation mit der Wildnis? Welchen Ursprungs ist die Vorstellung einer Seele? Wie geht man mit der Unausweichlichkeit des Todes um? Hinter all diesen Fragen steckt das Bedürfnis sich zu verändern und die Vorstellung, es müsste so etwas wie ein echtes, authentisches Leben geben. Doch – so eine implizite These Hampes – genau dieses Bedürfnis hält uns oft davon ab, unser wirkliches Leben zu meistern. Denn, so die ebenso implizite These: Unsere Gedankenausflüge sind immer in der uns umgebenden Welt und unserem Charakter verankert.

Hampes Buch ist unterhaltsam und ernst zugleich. Und obwohl philosophische Positionierung und Wertung weitgehend in die Figuren gelegt wird, offenbaren sich bei der Lektüre doch gewisse Ansichten über Philosophie oder zumindest deren akademische Formen. So zeigt sich der Konflikt unvereinbarer Positionen – der Kampfplatz endloser Streitigkeiten – als scheinbar grundlegende Konstellation philosophischer Auseinandersetzung. Oder wie Brandt in einem seiner Essays sagt: «Philosophie wird da interessant, wo es um unvereinbare Grundvoraussetzungen des Denkens, Handelns und Bewertens geht. Denn genau an solchen Stellen gerät sie an die Grenzen der Argumentation.» Die argumentativ abgestützte Behauptung kann hier nichts mehr beitragen.

Ein ähnlicher Gedanke findet sich bereits in vorangegangenen Büchern Hampes; so etwa im systematischer angelegten «Die Lehren der Philosophie – Eine Kritik». In Abgrenzung zu einer doktrinären Philosophie, wie sie an den Universitäten verbreitet ist, wird dort eine narrative Philosophie vorgeschlagen. Hampes neues Buch ist in dieser Hinsicht eine gelungene Probe aufs Exempel. Gelungen auch deshalb, weil der allzu menschliche Drang nach Vereindeutigung ebenfalls zu seinem Recht kommt. Denn selbst wenn, wie Aaron Fisch nahelegt, der Chor daraus entspringender (Selbst-)Behauptungen meist einem Jahrmarkt der Eitelkeiten gleichkommt, so scheint doch klar, dass das nicht zwingend so sein müsste.

Debüt: Schöner als überall

Kristin Höller: Schöner als überall. Suhrkamp Nova 2019

Dieses Buch über unseren Webshop bestellen

Die Autorin der Rezension: Annina Afshari

«… wieso sollte ich mir eine Landschaft ansehen, wenn ich auch in ein Gesicht schauen kann?»
Noah und Martin sind auf dem Land aufgewachsen, eigentlich in einem Vorort, nicht richtig Stadt, nicht richtig Land, dafür stündlich ein Zug in beide Richtungen, eine Tankstelle und ein Bauernhof – aber nicht, wie man sich einen Bauernhof vorstellt, sondern eckig und mit viel Beton. Die Idylle wird von den Bewohner_innen der Reihenhaussiedlung trotzdem hochgehalten, denn: wo könnte es schöner sein als zuhause? Seit die beiden Freunde vor zwei Jahren nach München zogen, sind sie selten zurückgekehrt. Als sie allerdings eines Nachts diesen Speer der Münchner Athene – in einer betrunkenen Kletteraktion aus Versehen abgebrochen – entsorgen wollen, fahren sie intuitiv ins Dorf ihrer Eltern.
Dort ist alles wie immer, und während sich Noah bereitwillig wieder in dieses Gefüge aus Nestwärme und Fassadenspiel gibt, entdeckt Martin, dessen Gedankenstrom wir im Roman folgen, überall Erinnerungen an Mugo, seine erste grosse Liebe. Mugo, die immer einen Schritt voraus war und voller Wut auf die Welt, die sich damals auch Martin zu eigen gemacht hat.

«Ich habe mir oft gedacht, Noah geht mit einer Unbedarftheit durch die Welt, die kann man nur haben, wenn man eine Regendusche im Badezimmer hat.»
Obwohl sich Martin noch gut an den Ekel erinnert, mit dem er auf die, von Kristin Höller hyperrealistisch modellierte, mittelständische Reinlichkeit, die wohlgeordnete Kleinstadtfäulnis, geblickt hatte, als er selbst noch da wohnte, hat er doch eine unbestimmte Sehnsucht nach dieser Vergangenheit, denn nie war er weniger allein. Doch jetzt will alles nicht mehr so recht klappen: Mugo will nicht mehr in die von ihm zugeschriebene Heldinnenrolle passen, zwischen seiner Welt und jener seiner Eltern klafft eine unüberwindliche Lücke und sein bester Freund Noah befremdet ihn zusehends.

«Die versuchen doch auch nur irgendwie glücklich zu sein.»
Es ist manche Unbeholfenheit zu spüren zwischen den Menschen und gleichzeitig gibt es da eine Wärme, die sich eben in den unbedarften Gesten ausdrückt. Es ist beeindruckend, wie es Kristin Höller gelingt, diese flüchtigen Momente sprachlich zu binden.
Wir begleiten Martin in einem Lernprozess, in dem er sich zum ersten Mal seine wirklich eigene Meinung bildet in dem Raum, der sich zwischen den beiden Positionen von Mugo und Noah auftut. Ein kurzer aber emotionaler Aufstieg zu dem Punkt, an dem Martin, der sich meistens in erster Linie nach seinen Beziehungspersonen gerichtet hat, sagen kann: «Ich habe mich jetzt selber.»

«… dass alles, jede Mutter, jede Situation wirr ist und komplex wie ein unlösbares Puzzle, bei dem von Anfang an ein Teil fehlt»
Kristin Höller zeichnet in ihrem gelungenen Debüt ein Bild davon, wie schwierig es ist, sich gegenseitig zu verstehen, und wie unumgänglich es manchmal ist, loszulassen. Wie wichtig es ist, nicht nur ein Auge, sondern auch ausreichend Verständnis für die menschlichen Widersprüche zu entwickeln. Es ist eine feine Hommage an die Menschen, die eben seit immer zu einem gehören, auch wenn man sie irgendwann zurücklässt – an die Zuneigung und Liebe, die jenseits geteilter Meinungen und Realitäten steht. Mögen Handlung und Figuren manchmal gar harmlos scheinen, so ist das doch das Besondere an Martins Erzählweise, die umsichtige Versöhnlichkeit mit der er die verschiedenen Menschen betrachtet, auch wenn ihre Lebensentwürfe und Pläne für ihn selber zu eng sind.
Schöner als überall sticht durch die präzise Beobachtungsgabe der Autorin und ihr feines Gespür für die kleinen zwischenmenschlichen Gesten und die ihnen innewohnende Komik (und Tragik) hervor.
Dieser Roman ist all jenen zu empfehlen, die vom Dorf sind – und wir sind irgendwie alle vom Dorf.

Nur einmal

Kathleen Collins:  Nur einmal, Storys, Aus dem Amerikanischen von Autor Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg, Kampa Verlag 2018.

Dieses Buch über unseren Webshop erwerben.

Die Autorin der Rezension: Annina Afshari

«Entweder man will etwas, oder man will es nicht. Begründungen sind wie Lächeln, Mann, sinnloses Getue»
Kathleen Collins ist nicht die erste Frau, die bisher in der Kanonbildung übergangen wurde. Es ist umso wichtiger, dass ihre Storys nun übersetzt und endlich auf deutsch veröffentlicht wurden.
Kathleen Collins wurde 1942 in New Jersey geboren. 1962 schloss sie sich dem SNCC (Student Nonviolent Coordinating Committee) an. Später studierte sie Filmgeschichte an der Sorbonne. Ab 1974 hatte Collins eine Professur am City College of New York inne und war nebst ihrer literarischen Arbeit auch als Regisseurin tätig.
In «Nur einmal» sind Storys versammelt, die Kathleen Collins 1988 bei ihrem frühen Tod zurückgelassen hat. Davon wurde zu Lebzeiten Collins’ nur eine einzige veröffentlicht und dies, wie es im Nachwort zur Ausgabe heisst, in «einem obskuren Literaturmagazin». Weder ihre literarischen noch ihre cineastischen Werke fanden Beachtung, bis 2016 endlich die Storys erschienen und Collins’ Spielfilm «Losing Ground» (aus dem Jahre 1982) erstmals in die Kinos kam.

«Es gehörte zu den schöneren Momenten, als ich begriff, dass kein Mensch den Qualen der Einsamkeit entkommt.»
Collins’ Texte sind bisweilen gnadenlos ehrlich, es ist hier eine Autorin am Werk, die sich nicht vor den menschlichen Abgründen scheut. Viele der Texte lassen einen autobiographischen Bezug vermuten, legen dabei aber auch offen, wie persönliche Geschichten immer mit den politischen Umständen verwoben sind. Die Bürgerrechtsbewegung, der Kampf gegen Rassismus und Segregation, sind dauernd präsent – prallen dabei aber nicht nur auf den Widerstand weisser Rassisten, sondern auch auf die als konservativ-ängstlich beschriebene Stimmung einer Schwarzen Mittelschicht. Kathleen Collins Literatur entzieht sich einer zu schlichten Lesart und wehrt sich gegen allzu platte Er- oder Bekenntnisse.

«Er fuhr mit ihr zu ihren Eltern nach New Jersey, wo sie ihm im Garten die Rosen ihres Vaters zeigte… ihm ihre Kindheit zeigte und alles, was pikste und wehtat und schwer zu verzeihen war.»
Die Geschichten sind gleichzeitig geprägt von einer starken Sehnsucht nach einer «echten» Liebe, immer neue Anläufe bringen immer neue Formen von Hindernissen und Enttäuschungen hervor. Liebe, die sich an der rauhen Oberfläche elterlicher Engstirnigkeit zerschrammt, an den gesellschaftlichen Verhältnissen seine Unmöglichkeit erprobt, an plumpem Narzissmus scheitert oder ganz profan in einer Lichtregie-Anweisung der Autorin langsam ausgedimmt wird. Ein Vokabular des Scheiterns und zugleich eine immer wieder vor Kraft strotzende Sprache, ein energisches Aufschwingen zu den Höhepunkten, in ihrer ganzen Vergänglichkeit.

«Eine Zeitlang verstanden sich die Menschen. Innerhalb des «Eine Zeitlang verstanden sich die Menschen. Innerhalb des Schmelztiegels. Innerhalb des Schmelztiegels.»
Kathleen Collins’ Storys entwickeln innert kürzester Zeit einen starken Sog, sie sind literarisch so klug und pointiert arrangiert, dass beim Lesen bisweilen eine ungeahnte Mischung an Gefühlen evoziert wird. Es ist ein sehr dialogisches Erzählen, in dem wir viele Gespräche von Figuren mitverfolgen können, ebenso oft fühlt der/die Leser_in sich jedoch selbst hineingezogen in das Gespräch, das sich über die Kontinente, über die Zeit hinweg auftut. Wer bereit ist, diesen Stimmen zuzuhören, kann dabei nicht nur einiges über die Vergangenheit, sondern auch viel für die Zukunft lernen.

Buchempfehlung zum Frauenstreik 14. Juni 2019

Virginie Despentes: King Kong Theorie. Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer und Claudia Steinitz. Kiepenheuer & Witsch 2018, 148 Seiten.

Diesen Titel über unseren Webshop bestellen.

Autorin der Rezension: Natalie Widmer

Am 14. Juni 2019 findet in der Schweiz der zweite nationale Frauenstreik statt. Die Forderungen von heute decken sich grösstenteils mit den Forderungen von 1991: Frau streikt gegen Lohnungleichheit, Diskriminierung, sexuelle Belästigung und die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit. Es ist viel Unmut da, und zwar zu Recht!

Unmut, oder besser Wut oder Aggression findet sich auch in Virginie Despentes‘ autobiografischem Essay King Kong Theorie. Die französische Skandalautorin, im deutschsprachigen Raum vor allem bekannt seit ihrem Debütroman Baise-moi (2002), schreibt in ihrer feministischen Streitschrift gegen die Beschränkung des Menschen (sei er weiblich, männlich oder non-binär), gesellschaftlich definierte Geschlechter- und Rollenklischees an. In den verschiedenen Kapiteln berichtet Despentes unter der Schirmherrschaft feministischer Vorkämpferinnen wie Virginia Woolf, Angela Davis, Gail Pheterson, Annie Sprinkle und Simone de Beauvoir sprachgewaltig und sehr direkt über ihre eigenen traumatischen Erfahrungen mit sexueller Gewalt (Despentes wurde mit 17 vergewaltigt), Prostitution und Pornografie. Sie schreibt darin stark gegen die von der Gesellschaft an sie herangetragene (stumme) Opferrolle an und plädiert für einen selbstbestimmten und selbstbewussten Umgang mit dem Erlebten. Gerade für Leserinnen, die selber ähnliche Erfahrungen machen mussten, ist dieses Buch ein echter Befreiungsschlag, und für alle anderen Menschen, die sich mit der hochaktuellen Thematik beschäftigen, ein sehr kluger, aufwühlender Text.

Ihr 2006 auf Französisch erschienener Text hat bis heute nichts an Kraft und Aktualität verloren, ganz im Gegenteil! Die neue Übersetzung von Barbara Heber-Schärer und Claudia Steinitz – Letztere hat auch die Vernon-Subutex-Trilogie der Autorin ins Deutsche übertragen – schafft es eindrücklich, die starke Emotionalität des Textes direkt zu übermitteln. Despentes‘ Wut wirkt niemals aufgesetzt oder gekünstelt, sondern sehr überzeugend und ansteckend.

Ich kann dich hören

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören
Wagenbach Verlag 2019

Diesen Titel über unserem Webshop erwerben:
https://shop.buchhandlung-labyrinth.ch/catalogue/ich-kann-dich-horen_13574792/

Der Zauber des Zuhörens

Drohendes Verstummen
Die Welt des angehenden Cellisten Osman Engels gerät aus den Fugen, als sein Vater einen schweren Unfall erleidet und sich arbeitslos meldet. Osmans Tante Elide holt den Sohn deswegen von Hamburg zurück nach Essen, wo er den Dämonen seiner Kindheit in einer zerrütteten Familie begegnet, in der die Mutter davonlief und der Vater, ebenfalls Musiker, sich von seinen Söhnen weg in den Beruf flüchtete. Osmans Tante gab damals ihren Lebenstraum für ihn und seinen Bruder auf und zog die beiden gross. Eine Mauer des Schweigens und des Unglücks trennte die Familienmitglieder voneinander: Elide resignierte, die Söhne gingen so weit weg wie möglich, einer nach Kanada, der andere in eine Hamburger WG und in die Musik, auch der Kontakt zum Vater brach ab. In Hamburg kämpft Osman weiterhin mit Schweigen und Einsamkeit; ihm, dessen Verbindung zur Familie schon lange brach liegt, entgleitet nun auch der Draht zur Musik sowie zu seiner Mitbewohnerin, für die er Gefühle hegt, die er nicht in Worte fassen kann. Eines Tages findet Osman im Zug ein Diktiergerät, auf dem die spezielle Geschwisterbeziehung zwischen Ella und Jo aufgezeichnet ist.

Vom Schweigen zum Dialog
Der Roman setzt an der Stelle ein, an der verschiedene Figuren gegen ihre Situation rebellieren und damit Bewegung in ihr Leben und die gesamte Personenkonstellation um sie herum bringen. So lebt Elide endlich wieder ihr eigenes Leben, zieht nach Paris und stellt Osmans Vater damit unsanft auf dessen eigene Beine. Auch Osmans Mitbewohnerin ergreift unbeholfen die Initiative und bringt ihn in Zugzwang. Er weicht jedoch aus, arbeitet sich vergeblich an seinem Cello ab, bleibt frustriert und stumm und flüchtet zu Ellas Stimme im Diktiergerät. Diese hat Gespräche mit ihrer gehörlosen Schwester, Jo, auf Band gespielt. Auch Jo befindet sich in einem Emanzipationsprozess, dem Ella bloss hilflos zusehen kann. In Ella findet Osman endlich jemanden, der er sich nicht entziehen kann. Er ist völlig in ihrem Bann, muss ihre Gespräche mit Jo immer wieder anhören. Schliesslich beginnt er, auch sich selber und den Menschen um ihn herum wieder zuzuhören. Mit dem Gehör kommen auch Musikalität und Sprache zurück, und Osman schafft es, seine Vergangenheit

Kommunikation als Lebenselixier
Die 1991 geborene Katharina Mevissen, die für ihren Roman 2016 das Bremer Autorenstipendium erhielt, legt eine feinfühlige und intime Reportage vor über Menschen, die mitsamt ihrer jeweiligen Sprache nicht nur ihre Mitmenschen, sondern auch sich selbst aus den Augen verlieren und um diese Beziehungen ringen. Die Autorin versteht es meisterhaft, sowohl Sprachlosigkeit als auch verschiedene Ausdrucksformen – Deutsch, Türkisch, Musik, Geräusch – in ihren Text zu bringen. Den Soundtrack zum Buch, sowie Übersetzungen der Türkischen Passagen, sind dem Roman als Anhang beigefügt, es empfiehlt sich, die angegebene Musik beim Lesen auch zu hören. 
Jeder Figur gibt Mevissen eine ganz eigene Stimme, an der sie deren Charakterentwicklungen zeigt. Zu Beginn des Buches leiden alle Figuren spürbar an Kommunikationsproblemen, die nach und nach aufgelöst werden. So beginnt Elide, neben Osman die zweite Ich-Erzählerin, plötzlich wieder Türkisch statt ihrem fehlerhaften, spät im Leben gelernten Deutsch zu sprechen, als sie beschliesst, ihr Leben zu ändern. Suat hingegen lässt Mevissen nur widerwillig und in unfertigen Sätzen sprechen, genauso wie von seinen Mitmenschen scheint er sich von der Sprache jeweils auf halbem Weg zurückzuziehen. Erst sehr spät kommt er überhaupt zu Wort. Auch Osman kann sich zu Beginn des Romans vor allem durch die Musik ausdrücken, deren Sprache er ausgeliefert ist und in der sich sein Gemüt wohl oder übel zeigt. Osmans Worte hingegen sind ungelenk, fehl an Platz, seine Zerrissenheit zwischen verschiedenen sozialen Milieus und seine Unerfahrenheit gegenüber tiefen emotionalen Beziehungen scheinen durch. Zum vielleicht ein wenig kitschigen Ende der Erzählung hin findet sich Osman aber doch in der Musik wie auch in seiner nun flüssigen und fröhlicheren Sprache zurecht. Die kommunikativ wohl interessanteste Figur ist jedoch die gehörlose Jo, die nur als abwesende Gesprächspartnerin Teil der Geschichte ist. Ihre Worte finden sich einmal aus Osmans Perspektive, der nur Geräusche und Silben wahrnimmt, unterlegt mit Ellas Kommentaren, die mit Jo streitet. Am Ende des Buches wird dieselbe Passage aus Ellas Sicht beschrieben und erhält mit ihrer Übersetzung Sinn. Der Autorin, die sich im Literaturprojekt «Poesie Handverlesen» für gebärdensprachliche Literatur einsetzt, gelingt mit den Schwestern Ella und Jo eine eindrückliche Darstellung der nicht-lautlichen Sprache und der umso intensiveren Kommunikation.   
«Ich kann dich hören» ist ein kurzes, kunstvoll komponiertes Büchlein. Es hinterlässt trotz seiner leisen Worte einen bleibenden Eindruck und erinnert das Lesepublikum daran, wie schön das Leben sein kann, wenn man es teilt, wenn man miteinander in Verbindung steht und füreinander da ist.

Am Seil

Erich Hackl: Am Seil. Eine Heldengeschichte.
Diogenes 2018

Diesen Titel über unserem Webshop erwerben:
https://shop.buchhandlung-labyrinth.ch/catalogue/am-seil_11261748/

Die Erzählung Erick Hackls erinnert an Anne Franks Schicksal. Wie letztere in Amsterdam, so verstecken sich Lucia und ihre Mutter Regina Steinig in Wien während der für Juden lebensbedrohlichen Phase des Nationalsozialismus in der Werkstatt eines Freundes. Dieser Freund – Reinhold Duschka – und sein selbstloses und für ihn selbstverständliches Schutzgewähren geben dem Buch den Untertitel «Heldengeschichte». Für Aussenstehende mag diese Zuschreibung der Heldentat durchaus zutreffen, Duschka aber, der für seine Hilfe auch von Yad Vashem ausgezeichnet wird, sieht das gar nicht so. Für ihn ist es völlig klar, seiner Freundin und deren Tochter Unterschlupf zu gewähren.

Die Bedrückung, die die in der Werkstatt Eingesperrten aushalten müssen, die ständige Angst, entdeckt werden zu können, kommen durchaus zum Tragen, hätten aber der Eindringlichkeit halber noch deutlicher gezeichnet werden dürfen. So bleibt eher eine leise Ahnung davon, wie sich Regina und Lucia sowie unzählige andere verstecke Juden gefühlt haben müssen. Sehr schön gelungen ist aber diesbezüglich jene Szene, die eines der wenigen Male schildert, während denen die Versteckten – hier die Tochter Lucia – nach draussen kommen. Reinhold und Lucia machen einen kleinen Ausflug auf den oberhalb der Stadt gelegenen Cobenzl. Da rennt Lucia eine halbe Stunde lang hin und her, ein Zeichen der Freude darüber, wieder mal draussen sein zu dürfen. Die Begeisterung ist so gross, dass Lucia nicht anders kann, als eben dieser durch Hin- und Herlaufen Ausdruck zu verleihen. Hackl evoziert nicht nur ein starkes Bild, sondern vermittelt die Freude durch den blossen Beschrieb von Bewegung und kann so die Gefühle Lucias eindrucksvoll widergeben, vermutlich sogar überzeugender, als wenn er bloss geschrieben hätten, dass sich Lucia unglaublich über diese kurze Freiheit freuen würde. Obwohl Hackl für den Beschrieb dieses Vorgangs Worte bemüht, kommt er hier sozusagen ohne Worte aus.

Der Titel der Geschichte «Am Seil» beschreibt die Erzählung in ihrem wesentlichen Kern. Nicht nur greift er die Tatsache auf, dass Duschka passionierter Bergsteiger ist, sondern umschreibt auch das Verhältnis, das während des Versteckens zwischen Helfer und Versteckten besteht. Lucia und Regina sind auf Duschka essentiell angewiesen, hängen sozusagen an seinem Seil – die einzige Sicherheit, die sie haben –  und bilden mit ihm eine dem Bergsteigen analoge Seilschaft: Vertrauen, Verlässlichkeit, Abhängigkeit und Sicherheit zählen sowohl für Gipfelstürmer als auch für die in der Werkstatt Untergebrachten und deren Behüter.

Die Erzählung beruht auf wahren Begebenheiten und ist so oder ganz ähnlich wirklich vorgefallen. Ein weiterer von Erich Hackl literarisierter Tatsachenbericht, dieses Mal über einen Helden, der keiner sein wollte.

Dostojewskij. Eine Biographie.

Andreas Guski: Dostojewskij. Eine Biographie.
C.H. Beck 2018

Andreas Guski, emeritierter Basler Slawistik-Professor, lässt in seiner dicht und elegant geschriebenen Biographie den grossen russischen Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski wiederaufleben. Er versucht diesen mit nüchternem Blick aus seiner Zeit heraus zu begreifen und jeglichen Formen der Verklärung entgegenzuwirken. Wie Guski im Vorwort schreibt, wird die Figur Dostojewskijs gerade jetzt von erstarkenden völkischen und orthodoxen Kräften in Russland wiederentdeckt. Nach der Lektüre der Biographie muss man zunächst eingestehen: keine gänzlich abwegige Bezugnahme. Guski macht jedoch klar, dass Dostojewskij ein Meister der Provokation war und es liebte, seine Thesen bis aufs Äusserste zuzuspitzen. Im Gegenzug hatte er auch keinerlei Hemmungen, umstandslos von vorgängig formulierten Thesen abzurücken oder ihnen völlig gegenläufige entgegenzuhalten. Dies zeigt sich in den dichten und präzisen Textinterpretationen Guskis, welche den Zugang zum Inhalt einzelner Erzählungen erleichtern und darüber hinaus reich an erhellenden Einblicken in die Schreib- und Gestaltungstechniken Dostojewskijs sind. Das Resultat ist eine gelungene Mischung aus Biographie und Exegese, die sogar bekennenden Fans blinde Flecken der Verklärung vorzuhalten vermag.

Das Schlüsselereignis

1821 geboren, landet Dostojewskij nach dem Tod seiner Mutter im Internat; er ist dreizehn Jahre alt. Bald darauf beginnt er die Ausbildung zum Leutnant an der militärischen Ingenieursschule. Vom Militärischen hält er nicht viel und widmet sich in dieser Zeit der Literatur. 1844 bittet er schliesslich um die Entlassung aus dem Staatsdienst. Nur ein Jahr später verhilft ihm sein Briefroman «Arme Leute» zum literarischen Senkrechtstart. Um 1848, inmitten der Wirren der europäischen Revolutionsjahre, schliesst sich Dostojewskij den «Petraschewzen» an, einem vom französischen Frühsozialisten Charles Fourier inspirierten revolutionären Zirkel. Im Jahr darauf werden Dostojewskij und einige weitere Mitglieder verhaftet und zum Tode durch Erschiessen verurteilt. Am 22. Dezember 1849 wird er in einer vom Zaren inszenierten Scheinhinrichtung zum Schafott geführt und wenige Augenblicke vor dem Schiessbefehl begnadigt. Das Urteil lautet nun vier Jahre Arbeitslager und weitere sechs Jahre sibirisches Exil. Dieses erschütternde Erlebnis wird zum Schlüsselereignis seines Lebens. Dostojewskij selbst beschreibt es als «Wiedergeburt» und Guski sieht darin nicht zuletzt auch eine Wende «vom linken Westler zum orthodoxen Slawophilen, vom Intellektuellen zum Volksfreund, vom Revolutionär zum Nationalkonservativen».

Die vier Jahre Arbeitslager in Sibirien gleichen einem Abstieg in die Hölle. Dostojewskij bringt die schrecklichen Zustände später in seinen «Aufzeichnungen aus dem Totenhaus» zu Papier. Die sechs Jahre Exil verbringt er als Soldat in der Garnisonsstadt Semipalatinsk. Auch dank eines Schreibens an die Zarin – über weite Strecken ein Musterbeispiel der Anbiederung – erlangt er schliesslich 1857 das Publikationsrecht wieder und kann nun damit beginnen, die vielen in der Zwischenzeit entstandenen Erzählungen zu veröffentlichen. Mit seinem Bruder gründet er die Zeitschrift «Die Zeit», in der von nun an seine Texte erscheinen. In den 1860er-Jahren, einer Phase gesellschaftlicher Öffnung im Russland des 19. Jahrhunderts – Abschaffung der Leibeigenschaft, Lockerung der Zensur –, trifft das Magazin den konservativen Nerv der Zeit. Insbesondere das Credo der «Bodenständigkeit», einen Kompromiss zwischen Slawophilen und Westlern anstrebend, verschafft den Brüdern Dostojewskij viele Leser*innen und Abonnent*innen.

Europa und die Spielsucht

1862 begibt sich Dostojewskij auf seine erste Europareise. Seine Empfindungen und Einsichten hält er in «Winternotizen über Sommereindrücke» fest. Die Schilderung von Städten wie Berlin, Paris und London zur Zeit der Weltausstellung sind eindrückliche Beispiele seines literarischen Könnens. Vor allem aber sind sie Vorboten der von nun an in seinem Werk stets präsenten Kritik an Kapitalismus, bürgerlicher Gesellschaft, Fortschrittsglauben und moderner Konsumgesellschaft. Dem Träumen vom gesichtslosen «universalen Allgemeinmenschen», das er sowohl Kapitalisten wie Sozialisten anlastet, stellt er die Bedeutung historischer, ja völkischer Verankerung entgegen; dem materialistischen Denken, die Fähigkeit des Einzelnen, sich aus eigener Kraft zu ändern. Auf diese Weise begegnet er dem von ihm als Gefahr erkannten, aufklärerischen Denkens westlicher Prägung entspringenden Nihilismus.

Gleichzeitig erliegt er den Reizen Europas. Während er unglücklich verliebt seiner verehrten Polina nachreist, macht er Bekanntschaft mit den in Europa legalen Spielbanken. Dostojewskij, ebenso leidenschaftlicher wie erfolgloser Spieler, wird von da an und bis kurz vor seinem Tode von Schulden und Gläubigern verfolgt. Er bezieht jeweils Vorschüsse, die er dann in Form von Druckbögen auf Termin zurückzahlen muss. Das Geld ist zu diesem Zeitpunkt meist bereits ausgegeben oder verspielt. So entstehen unter enormem Zeitdruck die Bücher «Aufzeichnungen aus dem Kellerloch», «Der Spieler» sowie «Schuld und Sühne». Bei der Niederschrift von «Der Spieler» – er hat drei Wochen Zeit dafür! – hilft ihm seine zukünftige Frau Anna Snitkina.

Gleich nach der Hochzeit im Jahr 1867 verlassen sie zusammen erneut die russische Heimat. Der vierjährige Europaaufenthalt wird zu einer eigentümlichen Mischung aus Hochzeitsreise und Flucht vor den Gläubigern, aus exzessivem Schreiben und verheerenden Ausflügen an den Spieltisch. Dank gütiger Mithilfe Annas entsagt Dostojewskij schliesslich dem Glückspiel und die mittlerweile dreiköpfige Familie kehrt nach Russland zurück. Er arbeitet für slawophile Magazine, nimmt immer öfter und dezidiert zu aktuellen politischen Themen Stellung und bringt seine letzten beiden Romane zu Papier. 1880 hält er die berühmt gewordene Puschkin-Rede, in welcher er diesen als Erwecker des russischen Selbstbewusstseins deutet und als gleichsam völkischen wie universellen Dichter preist. Im Anschluss wird er von der Menge als Prophet gefeiert und stirbt auf dem Höhepunkt seines Ruhmes wenige Monate später in seiner Petersburger Wohnung.

Munin oder Chaos im Kopf

Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf.
S. Fischer 2018

Eine Auftragsarbeit über den dreissigjährigen Krieg, die in der Bekanntschaft mit dem Tagebuch von Peter Hagendorf mündet. Ein nachbarschaftlicher Kleinkrieg über eine „verhaltensauffällige“ Frau, die auf dem Balkon ihre Gesangsübungsstunden (Sopran) abhält. Eine Begegnung mit einer einbeinigen Krähe, die die Protagonistin in nächtlich-philosophische Gespräche über Gott und die Welt verwickelt. Das sind die drei Handlungsstränge, deren Geschichten zunehmend zu Parameter, Gleichnis und Konstante werden für die Antriebe zu Kriegen, aber auch für ein anderes Verstehen von Wesen und Vernunft des Menschen.

Die Arbeit über den dreissigjährigen Krieg betrachtet im Besonderen die Vorkriegszeit, das Tagebuch des ehemaligen Müllersohns Peter Hagendorf, der zum Söldner wurde, weil er die Mühle seines Vaters nicht erben konnte und das Schicksal von Herzog Christian, mit dem die Protagonistin durch das Schlachtenepos von Annette von Droste-Hülshoff bekannt wurde. Aufgrund dieser drei Quellen kann die Protagonistin am besten in die Motivationen von Kriegen Einsicht gewinnen; immer weniger erkennt sie diese in politischen und religiösen Machtstrukturen und immer mehr in existentiellen Grundzügen und solchen des Menschenwesens. In den Gesprächen mit der Krähe findet der Erkenntnisvorgang indes seinen eigentlichen Austragungsort. Natürlich sind es einerseits Aggression (Feindbilder), Ehrgeiz (Machtansprüche, Landnahme) und Fanatismus (religiöser, politischer, ideologischer), die zu Kriegen führen. Andererseits jedoch bewirken Begehren und Mangel an existentiellen Ansprüchen, Betrug an und Herrschaft über das einzelne Leben und schliesslich die Zugrundelegung der menschlichen Unvollkommenheit resp. die Schaffung eines Gottes mächtige und unbeherrschbare Antriebe für aggressive, ehrgeizige und fanatische Handlungen.

Die Krähe begleitet seit Menschengedenken die Geschichte des Menschen, vor allem ist sie als aufmerksame Beobachterin präsent in Kriegen und im Alltag. Munin, die Krähe, steht für dieses Menschheitsgedenken und spricht von dessen Geschichten. Sie setzt dem Gott der Menschen das Gesetz entgegen und der Vernunft die Co-Existenz von Wesen und Existenz. – Es obliegt indes (dem Willen) der Protagonistin, dieser Stimme Gehör zu schenken. – Nun hat Monika Maron aus diesen Gesprächen mit der Krähe einen Roman geschrieben.