Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein

Der Roman «Im Menschen muss alles herrlich sein» von Sasha Marianna Salzmann erzählt von der Suche nach Gemeinsamkeit, Liebe und Identität in Umbruchzeiten. Dabei treffen die Perspektiven zweier Mütter und ihrer Töchter aufeinander. Am längsten und zunächst chronologisch bleibt die Erzählstimme bei Lena, später wird der Roman – durch eine grossartig zusammengefügte Montage – um drei weitere Perspektiven ergänzt.

Zu den wenigen sorglosen Momenten gehören die Sommer, die Lena Anfang der 1970er Jahre bei ihrer Grossmutter in der Haselnusssiedlung in Sotschi verbringt. Hier hat Lena einen Wohlfühlort, ein Zimmer für sich allein, und eine wichtige Aufgabe: mit Grossmutter Haselnüsse zu verkaufen.

Später ersetzen die Eltern die Ferien bei Grossmutter kurzerhand durch das Pionierlager «Kleiner Adler». Wütend und betrübt über diese Entscheidung begegnet Lena dann Aljona mit den zwiebelgoldgelben Augen. Gemeinsam lernen die beiden, sich dem Kollektiv möglichst zu entziehen, und sie geniessen die kleinen Freiheiten, die man sich als Aussenseiter*in erlauben kann. Zwischen Lena und Aljona entsteht eine innige Zuneigung und Verbundenheit. Nach Jahren wird Lena erfahren, dass sich die Spuren ihrer Freundin in der Zwangspsychiatrie verloren haben.

Feinfühlig und präzise spürt Sasha Marianna Salzmann den Lebensrealitäten der letzten zwei Jahrzehnte sowjetischer Herrschaft in der heutigen Ostukraine nach: das Gefühl der Beengtheit, das beim generationsübergreifenden Zusammenwohnen in einer winzigen Plattenbauwohnung entsteht; die Zermürbung durch das stundenlange Schlangestehen früh am Morgen; die schmerzhafte Erkenntnis, dass die beachtlichen Summen an Bestechungsgeldern überhaupt nichts bewirkt hatten.

«Fleischwolfzeit» nennt Lena das, was in den Jahren der Perestrojka um sie herum geschieht. Immer mehr Menschen leben in sichtbarer Armut. Auf ihrem Arbeitsweg sieht Lena, wie unter der Brücke täglich mehr Pappkartonsiedlungen entstehen. Gleichzeitig stellen andere ihren Reichtum extravagant zur Schau. Die Korruption, die Lena einst so wütend und ohnmächtig gemacht hat, holt sie wieder ein. Nun ist sie diejenige, der unauffällig Fellhandschuhe, Bernsteingemälde oder Umschläge mit Geldscheinen zugesteckt werden. Sie kann sich nicht entziehen, zu sehr hat die Gesellschaft Bestechung verinnerlicht.

«Im Menschen muss alles herrlich sein» – das sind in Fiktion verpackte Alltagserfahrungen, wobei die Autor*in die Mikroebene von Geschichte und Gegenwart auslotet. Grundlage des Romans bilden Erfahrungsberichte von Frauen, die im Gebiet der heutigen Ostukraine aufgewachsen und später als sogenannte «Kontingentflüchtlinge» nach Deutschland gekommen sind. Sasha Marianna Salzmann hat sie interviewt, ihnen zugehört, und mit ihren Stimmen entstanden die sorgfältig herausgearbeiteten Romanfiguren.

Nicht zuletzt ruft der Roman an einigen Stellen in Erinnerung, dass die Ostukraine sich nun seit zehn Jahren im Krieg befindet. Die Städte und Orte der Kindheit von Lena und Tatjana haben massivst gelitten. Aktuell befinden sich Gorlowka und Mariupol unter russischem Besatzungsregime.

Die Gewalt, die sich in die einzelnen Biographien des Romans eingeschrieben hat, stammt aus einer anderen Zeit. Es sind individuelle und kollektive Traumata, die an einigen Stellen durchdrücken, beispielsweise die Erinnerung an den Holodomor, den lange totgeschwiegenen Hungerkrieg Stalins. Die gesamten Ernten, alles Korn und Vieh wurden gewaltsam nach Moskau abtransportiert, und die Menschen vor Ort verhungerten. Anderswo kommen die Verachtung und Gewalt zur Sprache, der schwangere und gebärende Frauen in sowjetischen Spitälern ausgesetzt waren. «Ein bisschen so wie bei allen» benennt eine Frau ihre eigene Erfahrung, als sie ihrer schwangeren Tochter zum ersten Mal davon erzählt.

Eine besondere Stärke des Romans ist die empathische und treffende Darstellung von Mütter-Töchter-Beziehungen. Sasha Marianna Salzmann beschreibt, wie Mütter ihre Töchter lieben und was sie alles für sie tun würden. Auch die Töchter möchten von ihren Müttern gesehen und geliebt werden. Doch sie schauen aneinander vorbei und finden nicht die Worte, um Gemeinsamkeit wiederherzustellen. Diese Sprachlosigkeit zwischen den Generationen ist dort besonders stark, wo die Töchter eine komplett andere Sozialisierung als die Mütter erfahren haben.

Mit Lenas Tochter Edi betritt eine zaghafte Draufgängerin und queere Berlinerin die Bühne. Sie versucht, ihr Leben in geordnete Bahnen zu bringen und Journalistin zu werden. Sie liest gerade Oksana Sabuschkos Buch «Feldstudien über ukrainischen Sex» und macht sich Gedanken, wie sie sich der Geburtstagsfeier ihrer Mutter – eine glanzvolle Fete in der jüdischen Community von Jena – möglichst entziehen kann. Schliesslich werden dann auf dieser Party die Wege der vier Frauen zusammenführen, deren Biographien Sasha Marianna Salzmann mit sprachlicher Brillanz und erzählerischer Genauigkeit verwebt. Die Bilder sind atmosphärisch spürbar und die einzelnen Szenen und Dialoge grossartig aufgebaut und leicht nachzuempfinden. Es ist ein bisschen wie mit der Giraffe des georgischen Künstlers Niko Pirosmani: Auch wenn wir etwas nicht gesehen haben, können wir uns ein Bild davon machen.

Eine Rezension von Luzia Böni

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Lena Andersson: Der gewöhnliche Mensch

Rezension von Julia Rüegger

Der Titel ist Programm: Ragnar Johansson ist ein durch und durch gewöhnlicher Mensch, und das bedeutet vor allem: einer, der sich Mühe gibt, gewöhnlich zu sein und ja nicht zu viel vom Leben zu erwarten. Denn: «Von Grösse zu träumen, hiess, das Normale für untauglich zu erklären, und das wollte er nicht.» (26) Geboren wurde er sieben Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in einem kleinen Vorort von Stockholm, wo er im Schoss des nationalen «Volksheims» zu einem soliden Bürger herangezogen wird. Und «Volksheim» (auf Schwedisch folkhemmet) bezeichnet als politische Metapher des schwedischen Wohlfahrtsstaates weit mehr als nur ein Regierungssystem: Es benennt eine ganze Ära und mit ihr das Versprechen, der schwedischen Gesellschaft durch eine Mischung von Leistungsdenken und Gemeinwohl, Fleiß und Rationalität in einen Zustand glückseliger Modernität zu verhelfen, die dem Leben seiner BürgerInnen umfassend Sinn und Struktur verleiht.

Ragnar geht in diesem Glauben voll und ganz auf. Er verwehrt sich dagegen, das Kutschereigeschäft des Vaters zu übernehmen, das seiner Meinung nach bald der Vergangenheit angehören wird, und wird Werklehrer an einer neugegründeten Schule. Kurz darauf trifft er Elisabeth, «knapp über dreissig, psychisch stabil und von unabhängigem Wesen» (67), die im ländlichen Norrbotten aufwuchs und in der Schule dazu angehalten wurde, Standardschwedisch zu sprechen. Sie wird trotz Einnahme der Pille schwanger, und so kommen kurz nacheinander Erik und Elsa zur Welt, die Ragnar im vollen Einklang mit seinen Werten zu erziehen versucht. Da passt es äusserst gut, dass die junge Familie bald in eine Neubausiedlung umziehen kann, die als Wohnraum der Zukunft und Inkarnation des Volksheims gepriesen wird: «Hier sollte die neue Zeit beginnen, leuchtend und strahlend.» (93) Neben kommunalen Sport- und Spielplätzen gab es allerlei «kommunale Räumlichkeiten, in denen man sich treffen konnte, um sich im demokratischen Prozedere zu üben und gleichzeitig Spass zu haben.» (92)

In dieser neuen Welt angekommen, dem Ballast der Vergangenheit enthoben, kann sich Ragnar ganz dem Sport widmen und seiner emphatischen Idee davon, was Moderne, Staat und ein gelingendes Leben bedeuten. Während sich der heranwachsende Sohn den Prinzipien des Vaters bald zu entziehen beginnt, versucht die Tochter als begnadete Skirennläuferin beinahe zwanghaft, ihrem Vater zu gefallen und seiner Leistungserwartung zu entsprechen. So vergehen Jahre, in denen Vater und Tochter jede freie Stunde beim Training oder einem Wettkampf in der schwedischen Provinz verbringen – bis zu dem Tag, an dem Olof Palme, der Premierminister und Garant des sozialdemokratischen Volksheim-Idylls, ermordet wird. Diese Tragödie, die ganz Europa erschütterte, markiert auch für Ragnars eigenes Leben eine Zeitenwende. Insgeheim wünscht er sich, wie seine Frau zuhause zu bleiben und das Staatsbegräbnis im Fernsehen mitzuverfolgen, anstatt auf einen weiteren anonymen Wettkampf zu fahren. Von nun an beginnt seine Prinzipientreue zu bröckeln, und als Elsa kurz darauf verkündet, mit dem Sport aufzuhören, scheint ihm das den Todesstoss zu versetzen. «Wenn er sich innerlich nicht so leer gefühlt hätte, hätte er geweint, aber das hätte ein lebendiges Herz verlangt, und seines schien tot.» (255)

Als Elsa sich mit Haut und Haar der Welt der Literatur und Philosophie zuwendet, fürchtet Ragnar, dass sie in «befremdliche Schichten» (262) aufsteigen könnte und fühlt sich zunehmend nutzlos und allein. Aber vielleicht hat es genau diese Desillusionierung gebraucht, damit Ragnar selbst noch einmal aus seinem zum Panzer gewordenen Weltverständnis ausbrechen kann. Er scheint zu erkennen, dass er sich jetzt als alternder Mann noch einmal selbst modernisieren muss, und das heisst vor allem: in seinen Werten und Gewohnheiten flexibler zu werden. Bei einer Schulfahrt in Paris kommt er einer Lehrerkollegin näher, geht eine Weile mit ihr fremd und trennt sich dann offiziell von Elisabeth, für die das Ende dieser eher zweckhaften Ehe wohl auch keinen Untergang bedeutet.

Zuletzt stirbt Mutter Svea, der an einem Herbsttag zwei Jahre vor Ende des 20. Jahrhunderts der Tod als «vorteilhafte Alternative» (281) erscheint. Mit ihr endet ein Jahrhundert voller Kriege und Traumata, aber auch ein Jahrhundert, in dem Schweden den Wohlfahrtsstaat bekam und Ragnar glauben konnte, Teil einer realen gesellschaftlichen Utopie zu sein (und eines Tages Vater einer Olympia-Siegerin).  Zwar hat Elsa gerade erfolgreich ihre Dissertation in Linguistik abgeschlossen, doch davon versteht Ragnar nicht das Geringste und weiss bei der Abschlussfeier auch nicht so recht, wohin mit sich. Aber immerhin: Er erkennt, dass Elsa ihren Weg gehen wird, in eine Zukunft, von der er nur noch einen kleinen Teil erleben wird.

Auch ich wusste beim Lesen streckenweise nicht so recht, wohin mit der Geschichte von diesem gewöhnlichen Menschen. Erzählt uns Andersson mit Ragnar die Geschichte einer Epoche, die in ihm nur personifiziert wird, oder doch eher die Geschichte eines Individuums, das zur befremdlichen bis tragischen Überidentifikation mit der damaligen Mentalität neigt? Oder will die Autorin ausleuchten, wie jemand altert, dessen Welt sich nicht in der vorgesehenen Richtung entwickelt, und der sich auf seine alten Tage zwischen Ratlosigkeit, Verwunderung und Scham neu erfinden muss? Oder ist der Roman der Abgesang auf eine Zeit, in der der Glaube an ein besseres Leben, an gute Bildung und Aufstiegschancen für alle noch mehrheitsfähig war?

Trotz guter Unterhaltung liess mich die Lektüre etwas ratlos zurück. Es fällt mir schwer, ein Porträt mehrerer Jahrzehnte zu lesen, ohne nach Anzeichen brodelnder Krisenherde Ausschau zu halten, wie sie uns heute auf Schritt und Tritt begleiten. Vielleicht aber wollte Andersson genau diese Empfindung heraufbeschwören und den Kontrast aufzeigen, der sich zwischen jener Zeit, in der man glauben konnte, es werde schon alles gut ausgehen, und unserer polarisierten, krisengeschüttelten Gegenwart aufgetan hat.

Zwar hätte ich von der Journalistin Andersson, die eine ausgewiesene Kritikerin ihres Landes ist, einen schärferen, dezidierter politischen Roman erwartet und gehofft, durch die Lektüre ein klareres Gefühl dafür zu bekommen, was das Volksheim für weniger privilegierte Menschen als Ragnar bedeutet hat, z.B. für Menschen, die dem Leistungsimperativ nicht ohne weiteres entsprechen konnten oder die in jenen Jahren nach Schweden migrierten und dort auf Fremdenfeindlichkeit stiessen (weshalb selbst der moderate Ragnar bei der Schulleitung dafür plädiert, die aufgenommenen Asylsuchenden besser aufs gesamte Land zu verteilen). Vielleicht müsste ich aber auch selbst Schwedin sein, um zu verstehen, dass in dem Roman doch mehr Schärfe und Doppelbödigkeit verborgen sind, als ich erkenne.

Lesenswert ist die Bekanntschaft mit dem «gewöhnlichen Menschen» und die Lektüre all der treffenden Situationsbeschreibungen und minutiös geschilderten inneren Vorgänge allemal. Nicht zuletzt deshalb, weil sich das Porträt einer Gesellschaft, die sich eine Zeitlang um Optimismus und sozialen Fortschrittsglauben versammeln konnte, trotz aller Differenzen auch auf andere westeuropäische Länder übertragen lässt – zumal auf ein Land wie die Schweiz, das ja ebenfalls seine Ragnars hat(te), auch wenn sie hierzulande eher Ueli oder Peter heissen.

Rezension von Julia Rüegger

Basel, 12.03.24

Ode an die neue Reihe «rororo Entdeckungen»

Der Bücher-Frühling und -Herbst sind mit Blick auf literarische Werke aufregende Jahreszeiten und meine Vorfreude auf ungewöhnliche, frische, berührende und tiefe Geschichten und Sachbücher ist gross. Gleichzeitig ist die Flut der Neuerscheinungen überwältigend und die Vorfreude wird oft von einem Gefühl der Überforderung und des Verpassens begleitet. Mir stellen sich deswegen folgende Fragen: 

  • Wie liest Du, liebe*r Leser*in, und an was oder wem orientierst Du Dich bei der Auswahl Deiner Lektüre?
  • Was für einen Lese-Rhythmus hast Du?
  • Liest Du in die Vergangenheit hinein oder orientierst Du Dich an Neuerscheinungen?
  • Musst/Willst Du im Gespräch bleiben, vielleicht sogar darüber schreiben und berichten können, kuratierst Du ein Literatur-Festival oder ist es Dir ein Bedürfnis, in der literarischen Welt à jour zu bleiben?
  • Hält Dich ein Lesekreis auf Trab und dirigiert dieser Dir die zu erlesenden Bücher?

Ein interessanter Weg und mein liebstes Rezept, um neue Bücher von Autor*innen zu entdecken, ist das Zuhören. Freund*innen zuhören, die ein feines Gespür dafür haben, was ich gerne lese und die so von einem Buch erzählen, dass mich die Leselust packt. Diese schöne Sehnsucht, sich einen Text erschliessen zu wollen. Persönliche Empfehlungen erschaffen eine Leselinie, die oft achronologisch funktioniert und ein munteres Mäandrieren im Jetzt und in der Vergangenheit bedeuten kann. Ebenso gerne höre ich Menschen auf Sozialen Medien zu, wie beispielsweise auf der Plattform Instagram, die sich dem Entdecken von Werken von Autorinnen und unabhängigen, kreativen, kleinen und wagemutigen Verlagen verschrieben haben. Diese Menschen kenne ich nicht persönlich, doch schätze ich ihr Wissen und ihre Erfahrung. 

Eine solche Person ist Nicole Seifert, die Du womöglich kennst, wenn Du das Buch FRAUEN LITERATUR (2021) gelesen hast oder ihr auf Instagram folgst (@nachtundtag.blog). Sie ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, gelernte Verlagsbuchhändlerin und arbeitet als Übersetzerin und Autorin. 

Neben den kurzweiligen, einladenden Besprechungen, die sie auf Instagram mit der Öffentlichkeit teilt, kuratiert Nicole Seifert zusammen mit Magda Birkmann die Reihe rororo Entdeckungen bei Rohwolt, die sich vergessenen Autorinnen widmet. Autorinnen des letzten Jahrhunderts, die aus dem literarischen Kanon gefallen bzw. nie aufgenommen worden sind und dadurch schnell in Vergessenheit gerieten. Ihre Werke sind heute, wenn überhaupt, nur noch antiquarisch erhältlich. Nicole Seifert und Magda Birkmann nennen diese vergessenen Bücher und Autorinnen «die gute Nachricht», denn durch sie gibt es sehr vieles zum Wiederentdecken.

Magda Birkmann ist Buchhändlerin in der Buchhandlung Ocelot in Berlin und freiberufliche Literaturvermittlerin. In diesem Jahr 2024 ist sie Teil der Jury der Akademie Deutscher Buchpreis, die den prestigeträchtigen Deutschen Buchpreis verleiht. 

Im September 2023 erschienen die ersten drei Bücher der rororo Entdeckungen, von denen ich hier zwei vorstelle. Neben «Freundliche junge Damen» von Mary Renault, einem modernen Klassiker und frühen Beispiel für Literatur mit LGBTQ-Thema, gehören «Ein Mädchen mit Prokura» von Christa Anita Brück (Erstveröffentlichung 1932) sowie «Eine Tochter Harlems» von Louise Meriwether (Erstveröffentlichung 1970) zur Reihe.

Christa Anita Brück: Ein Mädchen mit Prokura

In Christa Anita Brücks «Ein Mädchen mit Prokura» taucht man ins Berlin der 1930er-Jahre ein. Thea Iken ist Prokuristin in der Bank Brüggemann und besitzt daher in ihrem Betrieb die erteilte handelsrechtliche Vollmacht (die sogenannte Prokura), um alle Arten von Rechtsgeschäften vorzunehmen. Thea Iken ist eine faszinierende, emanzipierte Figur, die sich höchst loyal zu ihrem Arbeitgeber verhält, immer als Erste die Bank betritt und diese als Letzte verlässt und trotz bissigem Sexismus vonseiten ihrer Arbeitskolleg*innen sowie anstrengendem Tagesgeschäft kühlen Kopf bewahrt. Die aufkommende Bankenkrise 1931 stresst die Angestellten und Christa Anita Brück versteht es, die nervösen Vibrationen und Ängste der einzelnen Figuren mit feinen, schnellen Strichen nachzuzeichnen. Dem Sog, der sich im Roman rasch entwickelt, kann man sich nur schwer entziehen. Als es in der Bank zu einem Mord kommt und Thea Iken als Hauptverdächtige gilt, wird die Neugier umso stärker, denn man möchte unbedingt erfahren, wie sich dieser Mord zugetragen hat. Die Sprache Brücks ist stark in der Gegenwart von Thea Ikens Realität zu verordnen: sie schreibt klar, schmissig, schwungvoll und verwebt dialektale Färbung gekonnt mit Standardsprache, die Dialoge sind trocken und pointiert humorvoll. Wark, ein Börsenmakler und Mitarbeiter Ikens mit einer beinahe prophetischen Nase für die Kurs-Entwicklung, wird von Brück folgendermassen beschrieben: 

«Er besitzt ausgesprochen sadistische Neigungen, dieser Wark, eine gehörige Portion Eitelkeit und Grosstuerei. Er weidet sich an der Qual seiner Opfer. Er ist sich seiner Bedeutung sehr wohl bewusst und gibt seine Weisheiten nur pfennigweise ab. Eine Handbewegung, ein Achselzucken, ein Blick an die Decke, und er reisst die Herzen hin und her zwischen Furcht und Erleichterung, Hoffnung und Entsetzen. Er spannt sie, foltert sie, erlöst sie von ihrem Druck, um sie aufs Neue zu erschrecken, zu verstören, herablassend lächelnd halbwegs wieder zu beschwichtigen.» (S. 50-51)

Thea Iken, deren Figur immer eine gewisse Zurückhaltung und etwas Geheimnisvolles ausstrahlt, behält auch während den Untersuchungen der Staatsanwaltschaft eindrücklich Haltung, was Brück wie folgt beschreibt: «Sie stellt sich vors Fenster, und ein schwarzes Schattengeviert bringt das Gitter auf ihr Gesicht. Ihr Haar ist verwühlt, ihr Kopf dröhnt vor Schmerzen. Sie friert, sie weint, sie ist schwach, mein Gott, sie ist schwach. Sie hat sechs Monate durchgehalten mit beispielloser Energie, jetzt, einen Tag zu früh, bricht sie zusammen. Morgen darf sie sich fallen lassen, morgen, nicht heute. Aber sie kann es nicht hindern, sie fühlt sich stürzen ins Bodenlose.» (S. 192)

Die Beschreibung ihrer Untersuchungshaft ist mit Blick auf Autorinnen wie beispielsweise Emmy Hennings, Margarethe Böhne oder Else Jerusalem, die sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts mit den Themen Gefängnis (und Sexarbeit) auseinandergesetzt haben, aufschlussreich und relevant. Ähnlich wie bei Hennings, deren Protagonistin im Roman «Gefängnis» (1919) über viele Seiten hin einen inneren Monolog führt und ihre Situation sowie gesamte Existenz in Frage stellt, sind Reflexion und grosse Verzweiflung auch bei Thea Iken zu beobachten.

Das Nachwort von Magda Birkmann bietet informativen Kontext zum Roman und seiner Autorin. Birkmann weist auf die autobiographischen Erfahrungen von Christa Jaab hin, die unter dem Pseudonym Christa Anita Brück mehrere Romane veröffentlichte und den Fokus auf die prekäre Lebenssituationen und Arbeitsbedingungen weiblicher Angestellten legte. Kritisch beleuchtet Birkmann Brücks Schrifstellerinnenkarriere während des Nationalsozialismus wie auch danach.


Louise Meriwether: Eine Tochter Harlems

Ebenfalls in den 1930er-Jahren spielt der Roman «Eine Tochter Harlems» von Louise Meriwether, der in einem heissen Sommer in New York situiert ist. Meriwethers erster Roman ist beeindruckend auf inhaltlicher sowie sprachlicher Ebene und erlaubt einen Blick und ein Sich-Hineinversetzen in das Leben und in die desolate Lage der Schwarzen Bevölkerung Harlems sowie den USA zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. Hauptfigur ist die 12-jährige Francie, die mit ihren Eltern und beiden Brüdern Sterling und James Junior in einer kleinen Wohnung in der Fifth Avenue lebt. Francies Vater arbeitet als Number Runner im illegalen Lotteriegeschäft und ihre Mutter putzt jeweils nachmittags. Weil das Geld nirgends hinreicht, stellt die Mutter heimlich einen Antrag bei der Fürsorge und gesteht dies anschliessend ihrem Mann: 

«Daddy sprang überraschend schnell auf die Füsse. Die Muskeln an seinem Hals zogen sich zusammen, und er klappte den Mund auf, aber da kam nichts raus. Er sah aus wie erwürgt.
Mutter jammerte, als würde es ihr wehtun, ihn so zu sehen. ‘Dein Stolz wird diese Kinder nicht satt machen’, sagte sie leise.» (S. 104-105)

Im Vorwort schreibt James Baldwin voller Lob über Louise Meriwethers Roman und ist sich nicht sicher, ob das Leben in Harlem schon einmal aus der Perspektive eines schwarzen Mädchens beschrieben wurde. Baldwin schreibt: «Das Herzstück dieses Buches, das ihm seine eigentliche Wucht verleiht, bildet die immer stärker werdende Einsicht eines Kindes, dass es zu den Opfern einer kollektiven Vergewaltigung zählt, denn Geschichte wird, und das gilt ganz besonders auf dem schwarz-weissen Kampfplatz, nicht in der Vergangenheit geschrieben, sondern in der Gegenwart.» (S. 9-10)

Die Protagonistin Francie nimmt die Lesenden ohne viel Brimborium in ihr enges Zuhause mit: zusammen mit ihr stürzt man in Eile die Feuertreppe hoch, rennt durch das Prostituiertenviertel auf dem Weg zur Schule, versucht Gangs zu umgehen, schleicht sich ins Kino und erfährt immer wieder sexuelle Übergriffe, die ganz nebenbei geschehen. Francie scheint ein wenig naiv zu sein und oft ist sie von grosser Angst begleitet, dass ihr Daddy nicht mehr zurückkehrt oder einem ihrer Brüder etwas zustösst, doch gleichzeitig ist diese Naivität noch ihr grösster Schutz, bevor sie zur Frau wird. Als sie das erste Mal ihre Periode bekommt, schreit sie nach ihrer Mutter, die ihr ein abgerissenes Stück Laken und zwei Sicherheitsnadeln bringt. Sie befestigt ihr die Einlage am Unterhemd und folgender Dialog entfaltet sich: 

«’Francie, das heisst, du wirst erwachsen.’
‘Ja, Mutter.’ Ich guckte sie an und wartete.
Unsere Blicke trafen sich. ‘Das heisst …’ Sie zögerte.
Dann sah sie weg und sagte mit zackiger Stimme: ‘Das heisst, lass keine Jungs Blödsinn mit dir machen.’
‘Ja, Mutter.’
[…]
Dann war sie weg, und ich verstand nicht mehr über meine Periode als vorher.» (S. 108-9) 

Meriwethers Sprache ist wirkungsvoll und ihre leise, nachdrückliche Art, Francies Alltag zu erzählen, führt dazu, dass man sie über Jahre lesend begleiten möchte. Ein sehr eindrücklicher Roman und wunderbar stimmig übersetzt von Andrea O’Brien. Birkmann erzählt im Nachwort mehr zu Louise Meriwether und ihrem politischen Schreiben und Leben. Eine wichtige Autorin, deren Werk wir uns annähern sollten und die sich selbst als «Autorin, passionierte Aktivistin und Peacenik» (S. 300) bezeichnet.


Rororo Entdeckungen bedeutet achronologisches Lesen, bedeutet, neue alte Literatur von Autorinnen zu entdecken. Im Mai 2024 dürfen wir uns auf drei weitere, neue alte Romane freuen, die Magda Birkmann und Nicole Seifert sorgfältig kuratiert und mit klugen Nachwörtern versehen haben: 

  • «Familienglück» von Laurie Colwin, übersetzt von Sabine Längsfeld, das ein funkelndes Lesevergnügen rund um Familie, Liebe und Freiheit verspricht.
  • «Tagebuch einer Mutter» von Liesbet Dill, ein Roman über Mutterschaft und über Lebensentwürfe von Frauen.
  • «Zauberhafte Aussichten» von Stella Benson, übersetzt von Marie Isabel Matthews-Schlinzig, ein mit Ironie und Scharfblick tief beeindruckendes Werk der literarischen Moderne, in dem eine junge Frau während des Ersten Weltkriegs unter zauberhaften und mysteriösen Umständen zu ihrer eigenen Identität findet.

Passend dazu möchte ich euch das neuste Buch von Nicole Seifert empfehlen: «Einige Herren sagten etwas dazu». Die Autorinnen der Gruppe 47, erschienen im Februar 2024 im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Es handelt sich um ein wunderbar recherchiertes Sachbuch, das beim Lesen viel Wut und Empörung und Staunen auslöst und Autorinnen vorstellt, die an einer oder mehreren Tagungen der Gruppe 47 teilgenommen haben und von denen wir heute unfassbar wenig bis nichts wissen. Unglaublich informativ und lesenswert!

Basel, Februar 2024

Anaïs Steiner

Miranda Fricker: Epistemische Ungerechtigkeit

Rezension von Julia Rüegger

Was passiert, wenn Vorurteile uns davon abhalten, unserem Gegenüber unvoreingenommen zu begegnen und seinen Aussagen grundsätzlich Glauben zu schenken? Was macht es mit mächtigen oder mit marginalisierten Personen, wenn keine Sprache und noch nicht einmal ein soziales Sensorium für Phänomene wie sexualisierte Gewalt oder psychische Erkrankungen besteht? Und wie wirken sich diese epistemischen Ungerechtigkeiten auf die persönliche Entwicklung von Individuen, auf unser soziales Miteinander und unsere Wissenspraktiken aus?

Diese ebenso komplexen wie hochpolitischen Fragen thematisiert Miranda Fricker in ihrem Buch »Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und die Ethik des Wissens», das bereits 2007 auf Englisch erschien, doch erst jetzt von Antje Korsmeier ins Deutsche übersetzt wurde. Es bietet grundlegende Analysen an der Schnittstelle von Ethik und Erkenntnistheorie, gepaart mit der Einsicht, dass unser Wissen und unsere Urteilsbildung nie nur das Abbild neutraler Informationsbeschaffung sind, sondern eingebettet in hochgradig soziale und politische Situationen, die von vielschichtigen Machtverhältnissen und vorurteilsgeleiteten Stereotypen durchzogen sind. Dass uns diese Gedanken inzwischen nicht mehr ganz neu erscheinen, ist auch Frickers theoretischer Arbeit zu verdanken.Der Philosophin ging es von Anfang an darum, Ansätze feministischer Kritik in das eher konservative Feld der Erkenntnisphilosophie einzubringen und blinde Flecken in der Theoriebildung anzusprechen, wie Fricker im Vorwort zur deutschen Ausgabe schreibt: «Es war […] meine eigene rastlose Enttäuschung von der Disziplin der Philosophie, die den Anstoss zu diesem Buch gab, sowie mein Bedürfnis, diese Enttäuschung zu verstehen: Ich wollte zeigen, dass es zumindest eine glaubwürdige Theorie faktischen Wissens gibt, bei der Fragen von Macht, von sozialer Identität und von Vorurteilen im Zentrum stehen.» (16)

An zahlreichen Beispielen, die Fricker oftmals aus literarischen Texten oder Filmszenen bezieht, die sie einem detektivischen Close Reading unterzieht, zeigt sie im ersten, längeren Teil des Buches auf, dass Zeugnisungerechtigkeit (testimonial injustice) dann auftritt, wenn einer Sprecherin aufgrund von Vorurteilen auf Seiten der Zuhörerin nicht so viel Glauben geschenkt wird, wie es ohne diese Vorurteile der Fall wäre – kurz, wenn «ein Glaubwürdigkeitsdefizit aufgrund von Identitätsvorurteilen» (27) auftritt. Dieses Beispiel erläutert Fricker anhand einer Szene aus dem Spielfilm «Der talentierte Mister Ripley», in der Herbert Greenleaf, der Vater des ermordeten Dickie, seine Beinahe-Schwiegertochter Marge mit einer abschätzigen Bemerkung zum Schweigen bringt, als diese ihren Verdacht äussert, dass der gemeinsame Freund Tom Ripley der Mörder sei: «Marge, es gibt weibliche Intuition, und es gibt Fakten.» (33)

Aus Frickers Perspektive stellt Greenleafs Reaktion für Marge einerseits eine Ungerechtigkeit dar, die sie als wissendes Subjekt betrifft und damit zugleich in ihrem Menschsein herabsetzt: «Jegliches epistemische Unrecht verletzt jemanden in seiner Eigenschaft als Wissenssubjekt und damit in einer Eigenschaft, die für den Wert des Menschen wesentlich ist.» (28) Sind solche Situationen der Zeugnisungerechtigkeit anhaltend und systematisch, untergraben sie nicht nur das Selbstbewusstsein einer Person, sondern stellen laut Fricker gar eine Form der Unterdrückung dar. (92) Neben dem umfassenden Schaden, der für die betroffene Person entsteht, stellt Zeugnisungerechtigkeit aber auch ein allgemeineres Problem beim Versuch kompetenter Wissensbildung und Wahrheitsfindung dar. Denn wenn gewisse epistemische Ressourcen aufgrund von Vorurteilen auf Seiten der Zuhörer:innen nicht in angemessener Weise Gehör finden und dadurch die wahrhaftige Einschätzung einer Situation verunmöglicht wird, entsteht daraus mitunter eine fatale Verzerrung von Tatsachen, in deren Folge sich bestehende Machtverhältnisse und Ungerechtigkeiten wiederum reproduzieren können.

Als Antwort auf diese ebenso komplexe wie alltägliche Gemengelage aus asymmetrisch verteilten Glaubwürdigkeitsökonomien und der grundsätzlichen «epistemischen Schuldbeladenheit» von Vorurteilen plädiert Fricker nicht primär für gesellschaftliche Transformation, sondern für die Entwicklung bestimmter epistemischer Tugenden wie der Zeugnissensibilität, die Zeugnisgerechtigkeit auf individueller Ebene herstellen sollen. Die Tugend der Zeugnisgerechtigkeit als «Fähigkeit, mittels derer der Einfluss identitätsbezogener Vorurteile auf das Glaubwürdigkeitsurteil der Zuhörerin bemerkt und korrigiert werden kann» (29), kann Zeugnisungerechtigkeit zwar nicht ganz abschaffen, sie aber immerhin deutlich eindämmen, so Frickers Hoffnung. 

Im zweiten, sehr viel kürzeren Teil des Buches erläutert Fricker, was sie unter der zweiten Sorte epistemischer Ungerechtigkeit, der «hermeneutischen Ungerechtigkeit» (hermeneutic injustice) versteht. Anders als die Zeugnisungerechtigkeit, die bestimmten Sprecher:innen aufgrund von Vorurteilen in spezifischen Situationen keine oder nur mangelhafte Glaubwürdigkeit zuerkennt, entsteht hermeneutische Ungerechtigkeit aufgrund einer «Lücke in den kollektiven hermeneutischen Ressourcen», einem «Mangel unserer geteilten Werkzeuge, mit denen wir gesellschaftliche Vollzüge deuten». (30) Mehrere Jahre vor Beginn der MeToo-Debatte erläutert Fricker in diesem Kapitel, wieso gerade der Fall von sexueller Belästigung lange Zeit von betroffenen Personen nicht erkannt und schon gar nicht sinnhaft gedeutet und als Belästigung benannt werden konnte – und als Folge davon auch nicht kritisiert und verurteilt werden konnte, weil es schlicht und einfach kein kollektives Bewusstsein von dieser Form des Unrechts gab. Aus solchen «hermeneutischen Lücken» (218) entsteht aber offensichtlich nicht für alle das gleiche epistemische Unrecht: vielmehr ermöglicht hermeneutische Ungerechtigkeit für einige Personengruppen einen strukturellen Vorteil und Machtzuwachs, während sie andere Personen (zusätzlich) marginalisiert und entmachtet; sie im Verstehen ihrer Erfahrungen einschränkt und schlimmstenfalls zu einer vollkommenen Ohnmacht gegenüber der eigenen Lebenssituation führt.

Auch wenn die hermeneutische Ungerechtigkeit nicht von Einzelpersonen begangen wird, tritt sie in der Regel in Gesprächen zwischen Einzelpersonen zutage. Die Tugend der hermeneutischen Gerechtigkeit, die Fricker hierfür in Anschlag bringt, setzt demnach auch in diesen Situationen an und erfordert eine «proaktive und gesellschaftliche bewusstere Art des Zuhörens» (234), in der das, was gesagt wird, ebenso wichtig ist wie das, was nicht oder nur undeutlich gesagt werden kann. Und auch wenn eine solch ethisch-intellektuelle Tugend zunächst nur in einzelnen Sprechsituationen zum Einsatz käme, könne sie auf lange Sicht zu gesellschaftlichem und politischem Wandel beitragen, der auf die Abschaffung bestimmter hermeneutischer Ungerechtigkeiten zielt.

Dass Fricker hier und an einigen anderen Stellen zumindest kurz auf die gesellschaftlichen und politischen Dimensionen eingeht, die den weiteren Rahmen für die Ursachen und Wirkungsweisen epistemischer Ungerechtigkeit bilden, ist beruhigend. Trotz der ausführlichen Erläuterung der vorgeschlagen Tugenden bleibt es nämlich fraglich, wie sinnvoll es ist, so stark auf individuell tugendhafte Zuhörer:innen zu setzen, die mittels Achtsamkeit und Reflexion eigenständig in der Lage sein sollten, historisch-kulturell bedingte Vorurteilsstrukturen spontan zu hinterfragen und strukturelle Schieflagen oder gar hermeneutische Lücken durch bewussteres Zuhören einfach auszugleichen.

Es wäre daher wünschenswert gewesen, dass Fricker genauer ausgeführt hätte, was es für demokratische Institutionen, für Politik, Bildung, Medien und die Rechtsprechung bedeuten könnte, diesen epistemischen Ungerechtigkeiten und ihren individuellen wie kollektiven Schäden verstärkt Rechnung zu tragen, anstatt sich allein auf die Tugendhaftigkeit von Einzelpersonen zu fokussieren. Auch Frickers Gebrauch von Beispielen fällt nicht immer überzeugend aus, und wenn sie in der Einleitung davon schreibt, sie wolle verstehen, wie unser epistemisches Verhalten «sowohl rationaler als auch gerechter werden könnte» (26), kommen schon mal Zweifel auf, ob der Begriff der Rationalität in diesem Kontext wirklich so unbeschadet zu gebrauchen ist. Zudem mutet es seltsam an, dass im ganzen Buch das Wort «intersektional» kein einziges Mal auftaucht, obwohl Fricker viel davon schreibt, wie bestimmte (race, class- oder genderbezogene) Identitätskonstruktionen mit sozialen, epistemischen und materiellen Ungleichheiten zusammenwirken. Und dass das wichtige Thema der hermeneutischen Ungerechtigkeit gerade mal einen Fünftel der gesamten Buchlänge ausmacht, ist schade und nicht ganz nachvollziehbar.

Dennoch ist Frickers Buch eine beachtliche Leistung. Mit der Rede von Zeugnisungerechtigkeit, hermeneutischer Ungerechtigkeit und epistemischer Ungerechtigkeit prägt Fricker Begriffe, die im kritischen Diskurs selbst eine hermeneutische Lücke schliessen und die uns zeigen, wieso epistemisches und soziales Unrecht aufs Engste miteinander verbunden sind. Damit leistet Fricker zumindest auf der Ebene der Problemanalyse einen fundamentalen Beitrag sowohl zur Erkenntnisphilosophie als auch zu politischer Philosophie und Ethik, und nicht zuletzt zu gesellschaftlichen Debatten darüber, wer worüber sprechen kann; wem wir aus welchen Gründen nicht nur zuzuhören, sondern auch zu glauben bereit sind – und wem wir diese grundlegende Form der Anerkennung verweigern.

Miranda Fricker: Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und die Ethik des WIssens. C. H. Beck, München 2023.

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Sinthujan Varatharajah: an alle orte, die hinter uns liegen

Eine Rezension von Jonas Rippstein

In an alle orte, die hinter uns liegen geht Sinthujan Varatharajah der Frage nach, ob der Kolonialismus jemals zu einem Ende kam. Die schnelle Antwort: Nein. Scharfsinnig erkundet der*die Autor*in einerseits die eigene Familiengeschichte, die mit einer prägenden Fluchterfahrung verbunden ist und andererseits die Kolonialgeschichte und die mit ihr verbundenen eurozentristischen Wahrnehmungen und Denkweisen, welche aufgedeckt, ins Wanken gebracht und neugedacht werden, um den Leser*innen anschaulich aufzuzeigen, dass die Spuren des Kolonialismus bis in die Gegenwart reichen.  

Schon auf den ersten Seiten zeigt sich eine Besonderheit des Buches: Es erscheint nicht wirklich wie ein reines Sachbuch, auch nicht wie ein Roman, manchmal jedoch wie ein Tagebuch, obschon es dies auch nicht sein möchte. Dies hängt unter anderem mit dem Anfang (und dem Ende) zusammen: Im Prolog beschriebt Varatharajah in einer poetischen, pointierten Sprache seine*ihre Gedanken während einer U-Bahn-Fahrt in Berlin. Es kommt zu einer Gedankenkaskade über das eigene Sein der*des Autors*in, die wie folgt beginnt: „Wenn ich denke, dann bewege ich. Wenn ich denke, dann erinnere ich. Und gleichzeitig vergesse ich. Ich denke, um zu bewegen, um zu erinnern, um zu vergessen. Ich denke, um mich zu bewegen, weg von diesem Ort, von diesem Leben.“ Die Erzählstimme reflektiert im Prolog über unzählige Themen und verwebt diese mit autobiographischen Erfahrungen und der Weltgeschichte: Hieraus entsteht eine Schreibpraxis, die sich durch das ganze Werk zieht. Es ist die Rede von kolonialer Gewalt, von der westlichen Wahrnehmung der Welt, vom Krieg gegen Tiere oder von Tempelglocken, die von ihm*ihr gehört und zu einer Metapher für die Verbrechen der Europäer*innen werden: „Ich denke an das Echo dieser Glocken, das bis in unsere Gegenwart nachhallt. / Sie läuten noch immer.“

Dieses Echo, dieses Läuten der Vergangenheit bis in die Gegenwart, hört Varatharajah unzählige Male in feinsinnigen Beobachtungen. Gleich zu Beginn, im Kapitel „zur kamera“, zeigt der*die Autor*in auf, wie die Kamera als vermeintlich harmlose Apparatur ihren Teil zur gewaltsamen Unterdrückung in den Kolonien beitrug. Dabei gelingt es Varatharajah mithilfe der Theorien unzähliger Vordenker*innen aufzuzeigen, wie durch die Fotokamera koloniale Gewalt ermöglicht, durchgesetzt und legitimiert wurde: „Auch wenn die Lebewesen, ob Menschen oder Tiere, beim Ablichten keinen offensichtlichen Schaden davontrugen, so wurde ihnen dennoch mit und in diesem Akt etwas unwiderruflich genommen. Auch wenn es nicht unbedingt ihr Leben war, so wurde ihr Anrecht auf ihr eigenes Abbild und damit ein Teil ihrer selbst genommen. Sie waren nach dem Ablichten gewissermaßen nicht mehr dieselben Menschen, die sie vor dem Auslösen der Kamera waren.“ Den Theorien Varatharajahs zufolge werden die Abgelichteten in diesem Kontext zu Bildern, die um die Welt reisen und sich in den Köpfen der Menschen festsetzen, unter anderem in Form von Stereotypen. Die Gewalt der Bilder sei anders als die Gewalt von Kanonen, obschon sie beide einen Schaden hinterlassen: Eine Waffe zerfleischt den Körper, die Kamera hingegen frisst sich in die Seele, und „[hinterlässt] leere Hüllen, die ihrer Wesen beraubt wurden.“

Nebst der Kritik an der Kolonialfotografie und dem damit verbunden eurozentristischen Blick erzählt der*die Autor*in eine Familiengeschichte, die mit dem Vater beginnt, der in den Achtzigerjahren aus Sri Lanka nach Deutschland flüchtet, nachdem anti-tamilische Ressentiments im Inselstaat entfacht werden und die singhalesische Regierung mit Gewalt gegen Tamil*innen vorgeht. Mit dabei hat dieser eine japanische Kamera, mit welcher er sein neues Leben mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern dokumentiert. Dies ist ein entscheidender Moment, denn nun wird die Macht des Visuellen umgedreht. Varatharajah schreibt hierzu über den eigenen Vater: „Mit der Kamera konnte er, der aus der Peripherie der Inselgeografie stammte, er, der vom Rande der Gesellschaft kam, sich selbst zentrieren und eine neue Geschichte schreiben. Für ihn und die Menschen in seinem unmittelbaren sozialen Umfeld fing damit eine neue Zeit an. Eine Zeit, in der ihre Erinnerungen nicht nur in Wörtern, Gedanken, Gefühlen und Prägungen am Körper weiterlebten, sondern auch als materielle Abbilder.“ Zentral für die Ausführungen Varatharajahs ist weiterhin ein Bild, das der Vater von der Mutter schoss, worauf sie von hinten vor einem Elefantengehege zu sehen ist. Hiervon ausgehend schreibt Varatharajah eine Kolonialgeschichte, die aufzeigt, wie die heutige europäische Gesellschaft mit ihrer eigenen gewaltsamen Vergangenheit verbunden ist. Es ist beispielsweise die Rede von Zoos, von innovativen Erfindungen oder von geografischen Namensgebungen. Varatharajah gelingt es, das Erzählte zu dekonstruieren und zu sezieren, um schliesslich eurozentristische Perspektiven aufzuspüren und sie den Leser*innen aufzuzeigen.

Das Buch endet mit einem Epilog, der im selben Stil wie der Prolog daherkommt. Die Gedankenkaskade geht weiter, und der*die Autor*in erkennt, dass das Denken, das Erinnern und das Vergessen wohl nie ein Ende finden werden. „Ich sehe nur meine eigenen Spuren“, erkennt Varatharajah abschliessend. Es ist ein Abschluss, der die Endlosigkeit der Thematik einfängt, und den Leser*innen abermals ins Bewusstsein ruft, dass die Beobachtung von (Kolonial-)Geschichte immer einer Spurensuche gleicht, die glücklicherweise in Büchern wie an alle orte, die hinter uns liegen eingefangen und thematisiert wird.

an alle orte, die hinter uns liegen ist ein starkes Buch, das mit einer gehaltvollen Kraft die Leser*innenschaft dazu zu bewegen vermag, die eigene Perspektive auf die Welt zu hinterfragen, seien es die grossen, geschichtlichen Zusammenhänge oder die Erzählungen von einfachen Dingen wie Alltagsgegenständen. Varatharajah lädt die Leser*innen zudem ohne Zwang und ohne dogmatisches Denken ein, seinem*ihrem Blick zu folgen. Wer das Buch nach dem Fertiglesen beiseite legt, kann erkennen, wie sich die eigene Sicht nach der Lektüre wandelt, wie sich Perspektiven verschieben, und die eigenen Spuren ersichtlich werden.  

Toni Morrison: Rezitativ

Zwei Mädchen, eines schwarz, eines weiss, aus schwierigen familiären Verhältnissen werden von der staatlichen Fürsorge für einige Monate in ein Kinderheim eingewiesen, in dem sonst hauptsächlich Waisenkinder sind. Sie werden in dasselbe Zimmer eingeteilt, lernen sich kennen und respektieren und – da sie sich von den anderen Kindern deutlich unterscheiden und wie nicht dazugehören – sie lernen zusammenzuhalten.

In ihrem weiteren Leben treffen sie sich mehrmals wieder, jedes Mal rein zufällig, es sind beliebige Zusammentreffen, ohne Bedeutung und nachfolgende Verpflichtung. Bei fast jeder Begegnung rückt die Erinnerung an ihre gemeinsame kurze Zeit im Kinderheim in den Mittelpunkt, und vor allem die Szene mit Maggie. An Maggie machen sie die Erfahrung vom ‚inneren Menschen‘: „[…] dass darinnen noch jemand war […]. (12) Diese Szene prägt ihre Begegnungen, ihr Leben und schliesslich ihre Haltung (ethos). Ihre Haltung einander gegenüber soll wieder jene nicht hinterfragbare Offenheit erreichen, die bei ihrer ersten Begegnung so grundlegend gewesen ist.

Das Rezitativ ist ein Sprechgesang, der Übergang von einer Arie zur nächsten, der Handlung ist oder Haltungen und Meinungen kundtut, ein Streitgespräch, das Spannung erzeugt und auf die Folter spannt. – Das Rezitativ ist weder Sprechen noch Singen, diese formale Unentschiedenheit wird für Toni Morrison’s Schreiben wesentlich.

Handelt es sich bei der Wahl um Werte und Vorstellungen, die eine Sache oder eine Person positiv oder negativ bestimmen oder charakterisieren (was bestimmt jemanden als ‚schwarz‘ oder ‚weiss‘?), so besteht bei der Entscheidung eine Freiheit, die im Falle dieser Geschichte die andere Person ohne Vorurteile anerkennt.

Das umfassend erhellende Nachwort von Zadie Smith betont, dass Toni Morrison’s Kunst des Schreibens in einer minutiösen Durcharbeitung ihres Tests bestehe, nichts dem Zufall überlassen werde und Reden und Beschreibungen auselaboriert seien. (48) Dann aber wird „Rezitativ“ zu einer Herausforderung an die Leserschaft, bei sich selbst Werte und Vorstellungen, sprich: Vorurteile offen zu legen und sich einzugestehen. Dieser Text ist ein kreatives und methodisches Experiment, mit den eigenen Vorurteilen aufzuräumen.

Toni Morrison: Rezitativ. Rowohlt, Hamburg 2023

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Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus

Eine Rezension von Julia Rüegger

Jeder Text ist präzise geschliffen wie eine Murmel, in deren Innenleben sich verschiedene Orte und Zeiten durchdringen; von der Kindheit der Grossmutter, die überleben musste, „während die anderen rundherum qualvoll starben“ über den tristen Alltag in der Sowjetzeit bis zur Majdan-Revolution 2013/14 und zur Gegenwart des Krieges, die dem Band eine traurige Aktualität verleiht. Zusammen spannen die Texte ein Netz vom früheren Ostgalizien über westukrainische Provinzen, nach Jalta ans Schwarze Meer und in die sibirischen Straflager, bevölkert von Vorfahrinnen und Zeitgenossen, unter denen sich so unterschiedliche Figuren wie der Zionist und Esperanto-Erfinder Lejzer Zamenhof und ein namenloser Ukrainer antreffen, der „für den Krieg zu alt [ist], für Demenz zu jung.“

Die Autorin dieser geschichtsträchtigen und oft tragischen Murmeln, Tanja Maljartschuk, wurde 1983 in Iwano-Frankiwsk in der Ukraine geboren; in derselben Stadt wie die Schriftsteller-Legende Juri Andruchowytsch. 2011 emigrierte sie nach Wien und veröffentlichte bisher die zwei vielgepriesenen Romane Blauwal der Erinnerung und Biografie eines zufälligen Wunders. Das 2022 erschienene Buch Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus versammelt nun 21 Texte, die die Autorin zwischen 2014 und 2022 geschrieben hat; in der Zeit zwischen der Annexion der Krim, dem (Euro-)Majdan-Aufstand und dem Beginn von Putins Angriffskrieg im Februar letzten Jahres. Ein Jahrzehnt, dessen Ereignishaftigkeit und Tragik für eine ganze Epoche ausreicht.

Wie in ihren Romanen eröffnen Maljartschuks Essays aus diesem zerrissenen Jahrzehnt eine Kartografie der ukrainischen Seele, ihrer Sehnsüchte und ihrer Traumata. Voller eindringlicher Bilder, persönlicher Anekdoten und scharfsinniger Reflexionen erzählt sie davon, was es bedeutet, wenn die Psyche eines Landes durch die historischen Umstände zu einem Borderline-Fall wird, und was es heisst, verstehen und erinnern zu wollen, was lange Zeit vor der eigenen Geburt geschehen und unter unzähligen Schichten von Terror und Verdrängung begraben ist. So lesen wir schon auf der ersten Seite: „Mein Urgrossvater hat im Ersten Weltkrieg gekämpft, aber ich weiss nicht, gegen wen. Zwanzig Jahre später hat sein Sohn im Zweiten Weltkrieg gekämpft, aber ich weiss nicht, gegen wen.“ Ähnlich wie der ukrainisch-deutschen Autor*in Sasha Marianna Salzmann geht es nämlich auch Maljartschuk darum, sich von der Scham angesichts der eigenen Herkunftsgeschichte nicht ersticken zu lassen; jener Scham, die die Täter und ihre Nachfahr*innen ebenso befällt und lähmt wie die Opfer. So lautet eine der wiederkehrenden Fragen im Buch:  „Wie kann man der Generation, die in der Sowjetunion geboren und sozialisiert wurde, helfen, die eigenen Geschichten ohne Scham zu erzählen?“ – auf die sogleich die skeptische Nachfrage folgt, ob „wir diese Geschichten überhaupt hören [wollen]“.


Es gibt Texte, zum Beispiel „Erinnerungen an das Sinnliche“, die sich wie ein Fotoalbum mitsamt der Negative lesen. Auf wenigen Seiten lassen sie längst verstorbene Charaktere und vergangene Landschaften wiederauferstehen, bergen Knochen zerstörter jüdischer Grabstätten oder die buchstäblich hinter Fassaden verborgenen Fresken eines mittelalterlichen katholischen Klosters in Kyjiw, das von der russischen Kaiserin Katharina der Grossen aufgelöst und in ein Irrenhaus umfunktioniert wurde. Andere Texte bringen die Schrecken des Stalinismus ins Gedächtnis zurück und illustrieren Maljartschuks Einsicht, dass der Kommunismus entgegen aller Hoffnungen und Beteuerungen kaum ehrenhafte Heldengestalten hervorbrachte, sondern vor allem Menschen, die dazu gezwungen wurden, gewissenlos zu sein. So etwa, wenn sie im Text „Schlummernde Schande des Kommunismus“ an Hryhir Tjutjunnyk erinnert, einen Autor „rührender Erzählungen über Bauern und Kinder“, der zwar nicht zu den gerade mal dreissig Dissidenten des damaligen ukrainischen Literaturbetriebs gehörte, aber so bitterarm war, dass er seine Texte auf dem Fenstersims schreiben musste, und der sich eines Abends im Jahr 1980 in seiner Toilette erhängte. Er ist nur einer von vielen ukrainischen Literat*innen, an die sich heute kaum noch jemand erinnert.

Auch in der Gegenwart spürt Maljartschuk (west- und osteuropäische) Orte und Szenen auf, an denen die Wunden des 20. Jahrhunderts und seiner totalitären Systeme wie Heimsuchungen brennen. So gesteht die Autorin, die beim Zusammenbruch der Sowjetunion gerade mal neun Jahre alt war, dass sie zusammenzuckt, wenn sie in der Frankfurter Allee in Berlin die Spuren des Kommunismus auch ausserhalb der Ukraine entdeckt. Sie beschreibt den schmerzhaften Wunsch vieler Ukrainer*innen nach Zugehörigkeit zu Europa und ihre Verbitterung, als 2004 gleich zehn Länder, die sich grösstenteils im ehemaligen Einflussbereich der Sowjetunion befunden hatten – unter anderem Polen und Ungarn –, in die Europäische Union aufgenommen wurden, die Ukraine aber nicht. Und sie fragt, ob die Traumata, die für den heutigen Zustand der Ukraine verantwortlich sind, nicht eigentlich allgemeineuropäische Traumata sind und die Ukraine das Unterbewusstsein Westeuropas bildet.

Fast zwangsläufig kulminieren die immer wieder düster aufblitzenden Vorahnungen im kurzen Text „Anno Belli“, dem Text über den Kriegsausbruch im Februar vor einem Jahr, mit dem über Nacht eine neue Zeitrechnung begann: „Alles, was davor geschah, wird ausschliesslich als Vorkriegszeit bezeichnet, weit entfernt, in einem anderen Leben, in einer anderen Welt.“ Die Zäsur, die die Nacht der Invasion markiert, ist umso bitterer und bedrohlicher, da sie für die Autorin mit der Ahnung einhergeht, „dass das gerade Geschehene meine und die Zukunft meiner Landsleute für sehr lange bestimmen wird, dass wir, wenn wir es überleben, uns Jahrzehnte damit werden beschäftigen müssen.“

Dabei ist die Gegenwart des Krieges schwer genug auszuhalten, selbst aus der sicheren Distanz von Wien: Maljartschuk hält die Internetseite, auf der man alle Luftalarmausbrüche in Echtzeit verfolgen kann, nun konstant offen, und mitten in der Nacht schreibt ihr ihre Kindheitsfreundin Natalka SMS mit der Aufforderung, sofort und intensiv für ihren Ehemann an der Front zu beten. Derweil reist ihre Nichte Sofia mit dem Zug von Wien in die Ukraine, um ihren Vater zu besuchen, der es nicht übers Herz bringt, das Haus, an dem er sein Leben lang gebaut hat, zu verlassen, um sich selbst in Sicherheit zu bringen.

Kein Wunder, fragt sich Maljartschuk, wie sie in dieser Zeit noch Schriftstellerin sein kann, wie sie es anstellen könnte, schreibend „in dieser Realität bleiben zu dürfen“, in der ihre fast siebzigjährige Mutter nach einem Schutzbunker googelt, in der sie durch Österreich, Deutschland und die Schweiz fährt und an etwa fünfzig „Kriegsauftritte[n]“ teilnimmt, bis sie völlig ausgebrannt ist. Und in der sie dennoch weiterschreibt.

Die vielleicht beeindruckendste Leistung dieser Essays ist daher auch, dass sie beides zugleich schaffen: uns teilhaben zu lassen an der ukrainischen (und damit auch der europäischen) Geschichte, die abwechslungsweise stillsteht, rast, sich über Nacht verkehrt – und uns dennoch immer wieder ein kurzes Aufatmen zu verschaffen: wenn wir die Usambaraveilchen der Mutter der Autorin vor uns sehen, während im Baumarkt Flugblätter mit der Anleitung zum Packen eines Fluchtkoffers verteilt werden, oder wenn die Autorin zufällig herausfindet, dass viele der fremd klingenden Worte in der Sprache ihrer Eltern in Wirklichkeit jiddische Worte sind, die wie Schmuggelware einen Weg durch die Zeit gefunden haben, die so viele ihrer Sprecher*innen ausgelöscht hat.

Und so liegt, bei aller Furcht vor den vergangenen Zeiten, ihren Abgründen und Katastrophen, auch ein Schimmer Hoffnung darin, zurückzuschauen, zumindest für einen Moment wie den, als Maljartschuk im Text „Beten und Schimpfen“ an die Aufbruchszeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erinnert: Damals, als die kleine westukrainische Provinzstadt Iwano-Frankiwsk zu einem Mekka der ukrainischen Avantgarde-Literatur wurde, zu jenem Karneval, „der auf den Ruinen der Sowjetunion begonnen hatte und über die frisch unabhängigen und durchaus tristen Neunzigerjahre hinweg dauerte“, und deren Protagonist*innen, einschliesslich Andruchowytsch, sie Jahre später bei der Revolution der Würde auf dem Majdan wiedertrifft.

Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus. Kiepenheuer & Witsch 2022.

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Dieter Henrich: Furcht ist nicht in der Liebe

Die menschliche Liebe gründet im UnbedingtenZu Dieter Henrichs Furcht ist nicht in der Liebe

von Benedikt Koller

Seine letzte Schrift widmete Dieter Henrich der Liebe. In seiner philosophischen Auslegung eines Satzes des Evangelisten Johannes zeigt er, wie sich durch eine Analyse des Selbstbewusstseins ein rein rationales Verstehen menschlicher Liebe gewinnen lässt. Doch diese Liebe bleibt ein Geschenk, begründen lässt sie sich nicht – weil sie ihren Grund wie das Selbstbewusstsein im Unbedingten hat.

»Furcht ist nicht in der Liebe.« Diesen Satz aus dem ersten Brief des Johannes ließ der damals dreißigjährige Dieter Henrich 1957 in den Grabstein seiner verstorbenen Mutter meißeln. Seither hat die Sentenz den deutschen Philosophen nicht mehr losgelassen. Nun, 65 Jahre später und kurz vor seinem eigenen Tod am 17. Dezember 2022, ist eine Schrift erschienen, in der Henrich den Satz philosophisch auslegt. Es ist das letzte Buch dieses wirkmächtigen Denkers geworden.

In dem 70-seitigen Bändchen beleuchtet der christlich erzogene und theologisch versierte Henrich nicht bloß die Bedeutung des Satzes im Kontext von Johannes’ Gotteslehre. Vielmehr versucht er mittels eines philosophischen Verfahrens für den Satz eine Bedeutung zu erschließen, »die in allgemeiner menschlicher Erfahrung bewährbar ist«. Denn der Satz weise »auf eine Erfahrung hin, die in jeder Liebe […] gemacht werden kann«. Henrich will mit seiner Auslegung des Satzes also das Geheimnis menschlicher Liebeserfahrung ergründen, wohingegen Johannes’ Satz im christlichen Lehrzusammenhang primär als eine Aussage über die eigentümliche Kraft der Gottesliebe verstanden wird.

Henrichs Verfahren ist philosophisch, da es die Geltung des Satzes sola ratione und damit ohne den Rückgriff auf christliche Glaubensvoraussetzungen erweisen will. Denn letztere würden von Nicht-Gläubigen schlichtweg zurückgewiesen. Wer wie Henrich auch säkulare Menschen von der Evidenz des Satzes überzeugen möchte, dass in der Liebe keine Furcht sei, muss dies allein mit rationalen Argumenten zuwege bringen.

Nachdem er zunächst verschiedene Auslegungsmöglichkeiten der johanneischen Aussage anführt, deren Unvereinbarkeit aufzeigt und damit die »Komplexion der Problemlage« konzediert, legt Henrich »in der lockeren Form einer Skizze« seine eigene philosophische Betrachtung dieses höchst ausdeutungsfähigen Satzes aus dem Johannesevangelium dar.

Bezeugt nicht allein schon die Erfahrung liebender Menschen die Evidenz von Johannes’ Satz? In der Innigkeit zweier Liebender scheint die Furcht vor den Widerfahrnissen des Daseins einstweilen abwesend, die Sorge um die Selbsterhaltung – zumindest vorübergehend – in den Hintergrund gerückt. Einer der möglichen Einwände gegen die Furchtlosigkeit in der Liebe lautet darauf, dass doch gerade aus der Liebe selbst eine neue Furcht erwachse: die Furcht um die geliebte Person, die als verletzliches Wesen jederzeit den Gefährdungen des Lebens ausgesetzt bleibt. Henrich gibt zwar zu, dass vollständige Furchtfreiheit den Menschen nicht versprochen werden kann. Doch im Folgenden sollen »weiter ausgreifende philosophische Überlegungen ganz anderer Art« zeigen, dass »die Furchtlosigkeit in der Liebe« und also die menschliche Liebeserfahrung selbst von den vorgebrachten Einwänden gar nicht getroffen wird. Denn jene Einwände verkennen die Eigenart der Liebe und ihre Singularität unter den menschlichen Erfahrungen.

Nur: Wie lässt sich die Eigenart der menschlichen Liebeserfahrung adäquat bestimmen? Laut Henrich eben durch jene »Überlegungen ganz anderer Art«, die »der Philosophie als solcher zugänglich sind«. Henrich zufolge haben diese Überlegungen ihren Platz »im Fundierungsbereich der Ethik und damit zugleich in der Grenzregion der Vernunft, für die der Titel ›Metaphysik‹ umzuwidmen gewesen ist«. Und so plausibilisiert Henrich sodann mittels metaphysischer Überlegungen, dass »die Liebe auch im Forum der endlichen Rationalität etwas ganz anderes bedeuten kann als ein intensives Gefühl und das Grundmuster einer sozialen Verhaltensweise der Menschen«. Wie sonst müssen wir die menschliche Liebe also verstehen?

Das Besondere an Henrichs metaphysischem Argumentationsgang besteht nun darin, dass er zeigt, wie sich ein rein rationales Verstehen der menschlichen Liebeserfahrung aus einer Analyse des Selbstbewusstseins gewinnen lässt. Denn für jegliches Verstehen – und somit auch für das Verstehen der menschlichen Liebeserfahrung – sei das Selbstbewusstsein »der unhintergehbare Ausgangspunkt«, insofern endliche Subjekte, die wir Menschen sind, allererst durch ihr Selbstbewusstsein ausgezeichnet sind. Henrich fasst dieses Wissen von sich selbst, das jeglichem Wissen von Gehalten vorausgesetzt ist, als eine gegebene Faktizität auf – im Sinne einer eingesetzten Aktivität, über die endliche Subjekte immer schon verfügen. Das seiner selbst bewusste Subjekt ist somit weder der Urheber seines Selbstbewusstseins, noch entsteht dieses erst im Umgang mit anderen Subjekten. Und da dieses Wissen von sich selbst eine Faktizität darstellt, die von nirgends hergeleitet werden kann, vermag sich das selbstbewusste Subjekt seinen eigenen Ursprung oder Grund auch nicht durchsichtig zu machen. Letzterer ist ihm schlechthin vorausgesetzt. Oder in anderen Worten: Das seiner selbst bewusste Subjekt ist endlich, weil es seinen Grund in einem anderen hat – dem Unbedingten. Eben diese Eigenschaft, nicht sein eigener Grund zu sein und diesen darum auch nicht mit den Mitteln des (endlichen) Bewusstseins verstehen zu können, ist denn auch das Kennzeichen von Endlichkeit.

Das solcherart endliche Subjekt ist sich in seiner eingesetzten Aktivität seiner bewusst, bleibt jedoch nicht allein auf sich bezogen. Es ist überdies dazu disponiert, ein Bewusstsein von Gehalten auszuprägen, wobei dem Selbstbewusstsein hierbei eine Orientierungsfunktion zukommt. Anders ausgedrückt: Endliche Subjekte gehen auf Sachgehalte in der Welt und sind damit offen für andere ihrer selbst bewusste Subjekte, mit denen sie Umgang pflegen. So führen Menschen ein bewusstes Leben, deren Subjekt sie sind. In ihrem Lebensvollzug navigiert ihr Selbstbewusstsein sie durch die von ihnen bewusst erlebte Welt und befestigt sie in ihrer Subjektstellung.

Die Verfassung seines Selbstbewusstseins, nämlich dass es sich über seinen Ursprung notwendig unsicher sein muss, impliziert allerdings, dass ein endliches Subjekt sich auch seiner Orientierung im bewussten Leben nie vollends gewiss sein kann. Kurzum: Menschen bleiben stets unsicher und gefährdet. Doch ihre Offenheit Sachgehalten und Subjekten gegenüber ermöglicht es ihnen, mit anderen Personen eine vertiefte Verbindung einzugehen, die durch gegenseitiges Interesse, wechselseitige Hilfe, Zuwendung und die Anerkennung des Gegenübers als Subjekt seiner eigenen Lebensführung geprägt ist. Eine solche zur Lebensform sich ausprägende Verbindung zwischen Menschen nennt Henrich »reife Liebe«. In ihr erfahren Liebende zusammen eine »Befestigung ihrer Subjektstellung« und ihrer »Weise der Bemühung um Orientierung«. Henrich schreibt: »Die Liebe […] hat die singuläre Eigenschaft, dass die Sorgen des Alltags und vor der Zukunft ihre bedrängende Realität verlieren.« In ihr bilden Liebende ein gemeinsames »Bewusstsein eines Erhobenseins aus alltäglicher Bedrohung und von einem Geschehen, das in einem Unbedingten fundiert ist.«

Selbstredend bleiben endliche Subjekte auch in reifer Liebe verletzliche Menschen und als solche stets den Unwägbarkeiten des Lebens ausgesetzt. Doch so, wie das Selbstbewusstsein den Menschen eine Orientierung im bewussten Leben ermöglicht und sie so in ihrem Selbstsein stabilisiert, so befestigt auch die Liebeserfahrung zweier oder mehrerer Menschen ihre Subjektstellung. Denn in reifer Liebe bestätigen und anerkennen sich Menschen als das, was sie sind: selbstbewusste endliche Subjekte, die nicht ihr eigener Grund sind. Dieses wechselseitige Anerkennungsgeschehen erfahren sie gleichsam als eine »Verankerung« ihres notwendig unsicheren Selbst, indem sie gemeinsam die Überzeugung machen, »in einem Grund, der unverbrüchlich, weil Unbedingtem zugehörig, verwurzelt zu sein.« Kurzum: Sie erfahren die Liebe selber als ein Geschehen des Unbedingten. Henrich schreibt sogar, dass das Unbedingte als Grund im Vollzug der Endlichkeit (als Liebesgeschehen) wirklich wird.

Die Furchtlosigkeit in der Liebe herrscht insofern, als Menschen in dieser eigenartigsten aller humanen Erfahrungen gewahr werden, dass die Liebe ebenso ein vom Unbedingten herrührendes Geschenk (ein Gegebenes) ist wie das unhintergehbare Selbstbewusstsein, das sie als endliche Subjekte grundlegend konstituiert. Daher zeitige die menschliche Liebeserfahrung denn auch das Gefühl der Dankbarkeit, wie Henrich schreibt. So erfahren Menschen in der reifen Liebe ihre Zugehörigkeit zum Unbedingten, das ihnen zwar nicht durchsichtig werden kann, und doch sowohl der annehmbare Grund ihres Selbstbewusstseins als auch ihrer Liebe ist.

Zur Person:

Das für Subjekte fundamentale Selbstbewusstsein war so etwas wie Dieter Henrichs Lebensthema. Der 1927 in Marburg geborene und später in Berlin, Heidelberg und München lehrende Philosophie-Professor avancierte nach seiner Habilitation 1956 über Kants praktische Philosophie schnell zu einem der einflussreichsten Interpreten der klassischen deutschen Philosophie. Er, der trotz intensivster Beschäftigung mit Hegels Systemphilosophie zeit seines Lebens Kantianer geblieben ist, nutzte das metaphysische Denken selbst dann noch zur ständigen Neuaneignung und -interpretation der nachkantischen Philosophie, als Habermas’ Diktum von der Notwendigkeit »nachmetaphysischen Denkens« längst zur vorherrschenden akademischen Praxis geworden war. Ob er nun über Kants Sittenlehre (Selbstbewusstsein und Sittlichkeit, 1956) oder Fichtes ursprüngliche Einsicht (1967) schrieb, die Gemeinsamkeiten im Denken Hölderlins und Hegels herausstellte (Hegel im Kontext, 1971; Der Grund im Bewusstsein, 1992) oder die Summe seiner Theorie der Subjektivität zog (Denken und Selbstsein, 2007), stets suchte er nach dem Grund von Bewusstsein und Selbstbewusstsein, von Subjektivität und Wissen. Dabei verdeutlichte er immer wieder von Neuem, dass diese Grundbegriffe der menschlichen Erkenntnis ihren Grund nicht in einem Endlichen haben können, sondern im Unbedingten, dem Absoluten wurzeln. Und so bleibt der am 17. Dezember 2022 im Alter von 95 Jahren verstorbene Dieter Henrich als einer von wenigen großen metaphysischen Denkern in einer angeblich nachmetaphysischen Welt in Erinnerung.

Dieter Henrich: Furcht ist nicht in der Liebe. Philosophische Betrachtungen zu einem Satz des Evangelisten Johannes. Klostermann Verlag: Frankfurt am Main 2022.

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Ingeborg Bachmann und Max Frisch: Der Briefwechsel

«Wir haben es nicht gut gemacht.»

Am 21. November ist er erschienen – der von der literarischen Öffentlichkeit lange erwartete Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Auf über 1000 Seiten erhalten wir Einblick in die private Korrespondenz der beiden Sprachvirtuos*innen. Es ist eine der berühmtesten Liebesgeschichten der deutschsprachigen Literatur.

Ihre erste Begegnung und sogleich auch der Beginn ihrer Liebesbeziehung fand im Juli 1958 in Paris statt, es kam zu Episoden des Zusammenlebens in Zürich, in Uetikon am See, in Rom. Auf das Krisenjahr 1959 folgte eine offene Beziehung. Max Frisch wünschte sich zweitweise ein Bekenntnis schwarz auf weiss, eine Ehe; Ingeborg Bachmann schrieb, sie wolle „einfach leben in einer Wolke von Zärtlichkeit“.

Das fragmentarische Bild der Beziehung zwischen Bachmann und Frisch, das sich beim Lesen der umfangreichen, aber nicht vollständigen Sammlung an Briefen ergibt, zeigt eine abgründige Liebesgeschichte mit vielen Kipp- und Wendepunkten sowie zahlreichen Nebenfiguren. Es ist ein ständiges Pendeln zwischen Sehnsucht und Vorwurf, zwischen vehementer Liebesbekundung und kühler Distanz. Zwischen Zugewandtheit, Zuneigung und Zärtlichkeit und kleinen Sticheleien, die weh tun und immer mehr zu offenen Verletzungen werden.

Zu Beginn des Jahres 1964 kam es zum endgültigen Bruch, Ingeborg Bachmann forderte Max Frisch dazu auf, ihr alle an ihn gerichteten Briefe zurückzugeben. Ihre Bitte wurde nicht erfüllt. Max Frisch versicherte ihr jedoch, vor einer Publikation der Korrespondenz brauche sie sich nicht zu fürchten.

Knapp 60 Jahre später kommt es nun zur Veröffentlichung. Ist das okay? Die 1973 verstorbene Ingeborg Bachmann hätte die Frage damals mit „nein“ beantwortet. Ihre Geschwister gaben jedoch nun das Einverständnis und die von Max Frisch testamentarisch festgelegte 20-jährige Sperrfrist lief bereits 2011 ab. Dürfen wir diese sehr privaten Briefe lesen? Es bleibt ein gewisses Dilemma. Auf jeden Fall ist zu wünschen, dass die Leser*innen auf vorschnelles Urteilen verzichten und diesen Briefwechsel möglichst achtsam und vertrauensvoll lesen.

Die Edition des Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch ist zugleich Teil der Ingeborg-Bachmann-Gesamtausgabe. Den Titel liefert ein Zitat von Max Frisch. Entstanden ist die Publikation als Kooperation zwischen dem Max-Frisch-Archiv Zürich und der Ingeborg-Bachmann-Forschungsstelle im Literaturarchiv Salzburg. Herausgeber*innen sind Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle und Barbara Wiedemann.

Wir empfehlen sehr die ausführliche Rezension, die der Literaturkritiker Daniel Graf für die Zeitschrift „Republik“ geschrieben hat.

Thomas Stangl, Anne Weber: Über gute und böse Literatur

Eine Rezension von Julia Rüegger

„Warum ist gute – grosse – Literatur […] oft näher an der schlechten, misslungenen als an der soliden, perfekten, routinierten?“ S. 5

Welche Risiken geht man ein, wenn man über Figuren schreibt, die tatsächlich existiert haben?

Gibt es Geschichten, die nichts verfälschen?

Was hat „rücksichtslose Personenbearbeitung“ mit „Lebendigschreiben“ zu tun? S. 154

Beginnt das Fälschen schon beim Konstruieren eines Textes?

„Kann es Literatur geben, die naiv gelesen schlecht ist und raffiniert gelesen gut?“ S. 31

„Ist es nicht schrecklich, einen Schriftsteller zum Kind, Bruder oder Ex-Mann zu haben und von ihm in einen Roman gesteckt zu werden? “ S. 76

„Ist es […] überhaupt wünschenswert, erzählt zu werden, möchte ich der Gegenstand einer Biografie sein?“ S. 78

Gibt es eine Moral des Verschweigens?

„Was muss die Fiktion können, damit sie nicht enttäuscht, weniger ist als die Wirklichkeit, sondern mehr?“ S. 150

Und kann nicht auch die moralische Haltung eines Autors, einer Autorin zur Eitelkeit verkommen?

Diese und viele weitere tiefschürfende Fragen werfen Thomas Stangl und Anne Weber, zwei deutschsprachige Autor:innen, in ihrer Emailkorrespondenz auf. Beide wurden in den 1960er-Jahren geboren und setzen sich durch die Stoff- und Perspektivenwahl ihrer Werke regelmässig ethischen wie auch ästhetischen Herausforderungen aus. Zwischen 2014 und 2020 haben sie sich in zwei separaten Mailwechseln mit den Grenzgängen ihres Schreibens auseinandergesetzt und das weite, aber auch diffuse Feld zwischen Aufrichtigkeit und Schamlosigkeit ausgelotet.

Während der erste, kürzere Mailwechsel sich um die eher klassische Frage nach Kriterien für gute Literatur und deren moralischen Unterbau dreht, liegt der Schwerpunkt im zweiten Mailwechsel auf dem Umgang mit literarischen Figuren. Genauer: auf dem Umgang mit Figuren, wenn diese auf reale Personen zurückgehen, die entweder – wie bei den Expeditionsreisenden in Stangls Roman „Der einzige Ort“ – seit langer Zeit tot sind, oder – wie bei der von Anne Weber in „Annette, ein Heldinnenepos“ porträtierten Résistance-Kämpferin Anne Beaumanoir – noch leben. Dass aus dieser Betrachtung der eigenen Arbeiten keine Nabelschau erwächst, hat auch damit zu tun, dass Stangl und Weber eine Reihe anderer Autor:innen in ihre Reflexion miteinbeziehen und ihre Lektüren von Pierre Michon und Marguerite Duras, Jonathan Littell und Peter Handke, Franz Kafka und Ursula Krechel kontrovers verhandeln. 

Wer aufgrund des Email-Genres einen süffigen Ton erwartet, wird vielleicht enttäuscht oder ratlos sein: Man sieht es dem Text nicht sofort an, dass er es vor allem als Fragenkatalog in sich hat. So gerät das Zwiegespräch zwischendurch etwas verkopft. Dennoch stecken die beiden Korrespondenzen voller starker und origineller Einsichten, gerade auch wenn das Gespräch aktuelle Themen wie Identitätspolitik oder Autofiktion berührt, sich diesen aber aus einem ungewohnten Winkel nähert. Am spannendsten und schönsten wird die Lektüre jedoch da, wo Stangl und Weber aus dem manchmal etwas zu rigide verfolgten selbstauferlegten Fragekatalog ausbrechen: da, wo sie einander widersprechen; wo sie zugeben, dass ihre eigenen Positionen immer wieder ins Wanken geraten; sie aber zugleich sehr präzise Worte finden, um all die Spannungen nachzuzeichnen, die den Schreibprozess zwischen künstlerischem Risiko und ethischem Anspruch ausmachen. Oder auch da, wo sie sich allen Zweifeln zum Trotz zu (vorläufigen) Bekenntnissen hinreissen lassen, die dann zum Beispiel so klingen:

„[…] dass die Form ihr Eigenleben hat, macht nicht nur gute Literatur aus, es macht auch jede Literatur angreifbar.“ S. 33

– Letzteres gilt wohl auch für diese im besten Sinne unruhig bleibende Korrespondenz.

Thomas Stangl, Anne Weber: Über gute und böse Literatur. Korrespondenz über das Schreiben. Matthes & Seitz 2022.

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