Ingeborg Bachmann und Max Frisch: Der Briefwechsel

«Wir haben es nicht gut gemacht.»

Am 21. November ist er erschienen – der von der literarischen Öffentlichkeit lange erwartete Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Auf über 1000 Seiten erhalten wir Einblick in die private Korrespondenz der beiden Sprachvirtuos*innen. Es ist eine der berühmtesten Liebesgeschichten der deutschsprachigen Literatur.

Ihre erste Begegnung und sogleich auch der Beginn ihrer Liebesbeziehung fand im Juli 1958 in Paris statt, es kam zu Episoden des Zusammenlebens in Zürich, in Uetikon am See, in Rom. Auf das Krisenjahr 1959 folgte eine offene Beziehung. Max Frisch wünschte sich zweitweise ein Bekenntnis schwarz auf weiss, eine Ehe; Ingeborg Bachmann schrieb, sie wolle „einfach leben in einer Wolke von Zärtlichkeit“.

Das fragmentarische Bild der Beziehung zwischen Bachmann und Frisch, das sich beim Lesen der umfangreichen, aber nicht vollständigen Sammlung an Briefen ergibt, zeigt eine abgründige Liebesgeschichte mit vielen Kipp- und Wendepunkten sowie zahlreichen Nebenfiguren. Es ist ein ständiges Pendeln zwischen Sehnsucht und Vorwurf, zwischen vehementer Liebesbekundung und kühler Distanz. Zwischen Zugewandtheit, Zuneigung und Zärtlichkeit und kleinen Sticheleien, die weh tun und immer mehr zu offenen Verletzungen werden.

Zu Beginn des Jahres 1964 kam es zum endgültigen Bruch, Ingeborg Bachmann forderte Max Frisch dazu auf, ihr alle an ihn gerichteten Briefe zurückzugeben. Ihre Bitte wurde nicht erfüllt. Max Frisch versicherte ihr jedoch, vor einer Publikation der Korrespondenz brauche sie sich nicht zu fürchten.

Knapp 60 Jahre später kommt es nun zur Veröffentlichung. Ist das okay? Die 1973 verstorbene Ingeborg Bachmann hätte die Frage damals mit „nein“ beantwortet. Ihre Geschwister gaben jedoch nun das Einverständnis und die von Max Frisch testamentarisch festgelegte 20-jährige Sperrfrist lief bereits 2011 ab. Dürfen wir diese sehr privaten Briefe lesen? Es bleibt ein gewisses Dilemma. Auf jeden Fall ist zu wünschen, dass die Leser*innen auf vorschnelles Urteilen verzichten und diesen Briefwechsel möglichst achtsam und vertrauensvoll lesen.

Die Edition des Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch ist zugleich Teil der Ingeborg-Bachmann-Gesamtausgabe. Den Titel liefert ein Zitat von Max Frisch. Entstanden ist die Publikation als Kooperation zwischen dem Max-Frisch-Archiv Zürich und der Ingeborg-Bachmann-Forschungsstelle im Literaturarchiv Salzburg. Herausgeber*innen sind Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle und Barbara Wiedemann.

Wir empfehlen sehr die ausführliche Rezension, die der Literaturkritiker Daniel Graf für die Zeitschrift „Republik“ geschrieben hat.

Thomas Stangl, Anne Weber: Über gute und böse Literatur

Eine Rezension von Julia Rüegger

„Warum ist gute – grosse – Literatur […] oft näher an der schlechten, misslungenen als an der soliden, perfekten, routinierten?“ S. 5

Welche Risiken geht man ein, wenn man über Figuren schreibt, die tatsächlich existiert haben?

Gibt es Geschichten, die nichts verfälschen?

Was hat „rücksichtslose Personenbearbeitung“ mit „Lebendigschreiben“ zu tun? S. 154

Beginnt das Fälschen schon beim Konstruieren eines Textes?

„Kann es Literatur geben, die naiv gelesen schlecht ist und raffiniert gelesen gut?“ S. 31

„Ist es nicht schrecklich, einen Schriftsteller zum Kind, Bruder oder Ex-Mann zu haben und von ihm in einen Roman gesteckt zu werden? “ S. 76

„Ist es […] überhaupt wünschenswert, erzählt zu werden, möchte ich der Gegenstand einer Biografie sein?“ S. 78

Gibt es eine Moral des Verschweigens?

„Was muss die Fiktion können, damit sie nicht enttäuscht, weniger ist als die Wirklichkeit, sondern mehr?“ S. 150

Und kann nicht auch die moralische Haltung eines Autors, einer Autorin zur Eitelkeit verkommen?

Diese und viele weitere tiefschürfende Fragen werfen Thomas Stangl und Anne Weber, zwei deutschsprachige Autor:innen, in ihrer Emailkorrespondenz auf. Beide wurden in den 1960er-Jahren geboren und setzen sich durch die Stoff- und Perspektivenwahl ihrer Werke regelmässig ethischen wie auch ästhetischen Herausforderungen aus. Zwischen 2014 und 2020 haben sie sich in zwei separaten Mailwechseln mit den Grenzgängen ihres Schreibens auseinandergesetzt und das weite, aber auch diffuse Feld zwischen Aufrichtigkeit und Schamlosigkeit ausgelotet.

Während der erste, kürzere Mailwechsel sich um die eher klassische Frage nach Kriterien für gute Literatur und deren moralischen Unterbau dreht, liegt der Schwerpunkt im zweiten Mailwechsel auf dem Umgang mit literarischen Figuren. Genauer: auf dem Umgang mit Figuren, wenn diese auf reale Personen zurückgehen, die entweder – wie bei den Expeditionsreisenden in Stangls Roman „Der einzige Ort“ – seit langer Zeit tot sind, oder – wie bei der von Anne Weber in „Annette, ein Heldinnenepos“ porträtierten Résistance-Kämpferin Anne Beaumanoir – noch leben. Dass aus dieser Betrachtung der eigenen Arbeiten keine Nabelschau erwächst, hat auch damit zu tun, dass Stangl und Weber eine Reihe anderer Autor:innen in ihre Reflexion miteinbeziehen und ihre Lektüren von Pierre Michon und Marguerite Duras, Jonathan Littell und Peter Handke, Franz Kafka und Ursula Krechel kontrovers verhandeln. 

Wer aufgrund des Email-Genres einen süffigen Ton erwartet, wird vielleicht enttäuscht oder ratlos sein: Man sieht es dem Text nicht sofort an, dass er es vor allem als Fragenkatalog in sich hat. So gerät das Zwiegespräch zwischendurch etwas verkopft. Dennoch stecken die beiden Korrespondenzen voller starker und origineller Einsichten, gerade auch wenn das Gespräch aktuelle Themen wie Identitätspolitik oder Autofiktion berührt, sich diesen aber aus einem ungewohnten Winkel nähert. Am spannendsten und schönsten wird die Lektüre jedoch da, wo Stangl und Weber aus dem manchmal etwas zu rigide verfolgten selbstauferlegten Fragekatalog ausbrechen: da, wo sie einander widersprechen; wo sie zugeben, dass ihre eigenen Positionen immer wieder ins Wanken geraten; sie aber zugleich sehr präzise Worte finden, um all die Spannungen nachzuzeichnen, die den Schreibprozess zwischen künstlerischem Risiko und ethischem Anspruch ausmachen. Oder auch da, wo sie sich allen Zweifeln zum Trotz zu (vorläufigen) Bekenntnissen hinreissen lassen, die dann zum Beispiel so klingen:

„[…] dass die Form ihr Eigenleben hat, macht nicht nur gute Literatur aus, es macht auch jede Literatur angreifbar.“ S. 33

– Letzteres gilt wohl auch für diese im besten Sinne unruhig bleibende Korrespondenz.

Thomas Stangl, Anne Weber: Über gute und böse Literatur. Korrespondenz über das Schreiben. Matthes & Seitz 2022.

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Felix Philipp Ingold

Anlässlich seines 80. Geburtstags haben wir eine Auswahl an Büchern des vielfach ausgezeichneten Autoren, Publizisten und Übersetzers Felix Philipp Ingold zusammengestellt, der seinerzeit in Basel studiert hatte.

Auch sein neuestes Werk, der Essayband «Denken im Abseits» ist in der Buchhandlung Labyrinth eingetroffen. Gerne teilen wir hier unsere Rezension mit Ihnen:

Felix Philipp Ingold: Denken im Abseits. Privatphilosophien der Moderne. Klagenfurt und Graz: Ritter, 2022.

Felix Philipp Ingold hat eine Anthologie vorgelegt mit etwa zwei Dutzend Portraits von Philosophen, die ausserhalb der Universität als «Selbstdenker» eine eigene Philosophie entwickelt haben. «Privat» heisst hier unbeugsam und eigensinnig, unabhängig von der «schul- und traditionsbildenden Grossmacht der klassischen Philosophie», dabei aber durchaus auf Veröffentlichung zielend. Die Autoren müssen sich nicht unbedingt selber als Philosophen bezeichnet haben, sondern mit den letzten Fragen umgegangen sein, wie etwa Franz Hohler, Hugo Ball und Edmond Jabès. Darüber hinaus sind die meisten der Vorgestellten weitgehend unbekannt oder vergessen; wir begegnen also nicht zum wiederholten Mal Nietzsche oder Blanchot, Cioran oder Walter Benjamin, sondern Benjamin Fondane, Anatol Rapoport, Albert O. Hirschmann und dem famosen Manlio Sgalambro. Am ehesten kennt man Siegfried Kracauer, Fritz Mauthner und Michail Bachtin – aber der Bruder des letzteren, Nicholas Bakhtin, ist unbekannt geblieben.  

Das Buch wird eingeleitet von einem ausführlichen Vorwort, das die Ziele und Grenzen der Unternehmung erläutert. Dort wird auch begründet, warum neben all den Männern keine einzige Autorin präsentiert wird. Das Ganze ist die Prosa eines nun achtzigjährigen Lyrikers, Romanciers und Philologen. Sie ist ebenso dicht wie klar, nie überladen, sondern bleibt durchgängig – sit venia verbo – süffig.

Die Essays sind zwischen zehn und zwanzig Seiten lang und werden jeweils mit einer schwarzweissen Portraitphotographie eröffnet; sie «sollen die Problem- und Formenvielfalt selbsttätigen Philosophierens  vor Augen führen» und «sind so angelegt, dass Biographie und Werk der Autoren in konsequenter Engführung dargestellt und in ihrer jeweils spezifischen Wechselbeziehung erhellt werden». Das gelingt in vollem Umfang. Schlüsselstellen werden ausführlich zitiert und präzise kommentiert, historische Kontexte – immer wieder die grausamen Wirren der Weltkriege – werden aufgerufen, Beziehungen zu anderen Autoren und Künstlern genannt, und dem etwas kleiner gedruckten Block mit bibliographischen Hinweisen jeweils am Ende der Stücke ist zu entnehmen, dass Ingold zu manchen dieser Autoren bereits vor Jahrzehnten wissenschaftlich publiziert hat. Also wird aus der Fülle der Werkkenntnis heraus immer auch interpretiert, präzise spekuliert und schlussendlich wohlbegründet gewürdigt – und manchmal auch lehrreich geurteilt. Ingold findet zuverlässig eine Perspektive, aus der auch noch so Abseitiges fruchtbar betrachtet werden kann. 

Die Essays sind zwischen zehn und zwanzig Seiten lang und werden jeweils mit einer schwarzweissen Portraitphotographie eröffnet; sie «sollen die Problem- und Formenvielfalt selbsttätigen Philosophierens  vor Augen führen» und «sind so angelegt, dass Biographie und Werk der Autoren in konsequenter Engführung dargestellt und in ihrer jeweils spezifischen Wechselbeziehung erhellt werden». Das gelingt in vollem Umfang. Schlüsselstellen werden ausführlich zitiert und präzise kommentiert, historische Kontexte – immer wieder die grausamen Wirren der Weltkriege – werden aufgerufen, Beziehungen zu anderen Autoren und Künstlern genannt, und dem etwas kleiner gedruckten Block mit bibliographischen Hinweisen jeweils am Ende der Stücke ist zu entnehmen, dass Ingold zu manchen dieser Autoren bereits vor Jahrzehnten wissenschaftlich publiziert hat.

Also wird aus der Fülle der Werkkenntnis heraus immer auch interpretiert, präzise spekuliert und schlussendlich wohlbegründet gewürdigt – und manchmal auch lehrreich geurteilt. Ingold findet zuverlässig eine Perspektive, aus der auch noch so Abseitiges fruchtbar betrachtet werden kann. 

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Viele andere Werke von Felix Philipp Ingold warten im hinteren Schaufenster des Labyrinths auf Leser*innenschaft.

Amia Srinivasan „Das Recht auf Sex“

Eine Rezension von Julia Rüegger

Eine derzeit vielbeachtete Neuerscheinung ist „Das Recht auf Sex. Feminismus im 21. Jahrhundert“ der 1984 geborenen Philosophin Amia Srinivasan. Seit 2020 hat Srinivasan als bisher jüngste Person, erste Frau und erste nicht-weisse Person den renommierten Chichele-Lehrstuhl für Politik- und Gesellschaftstheorie an der Oxford University inne. Die Essaysammlung „Das Recht auf Sex“ ist ihr Debüt – und dafür, dass Srinivasan erst relativ spät zur feministischen Theorie gefunden hat, eine Textsammlung, die es knochentief in sich hat.

Obwohl Titel und besonders Untertitel des Buches grosse Erwartungen wecken, geht es inhaltlich (zum Glück) nicht um den Zehn-Punkte-Plan für einen zukünftigen Feminismus, sondern um eine hellwache und sehr kluge Bestandsaufnahme aktueller feministischer Debatten, deren Prägung durch verschiedene Schulen und historische Umstände sowie um deren kritische Revision heute. Dabei widmet sich Srinivasan mit Vorliebe Themen, die Feminist*innen seit jeher spalten und gesellschaftlich polarisieren: zum Beispiel der Pornografie und der Frage nach der Kriminalisierung oder Legalisierung von Prostitution. Dabei zeigt sie auf, wieso gerade diese alten Streitthemen noch immer von Gewicht sind: nicht obwohl, sondern weil es auf sie keine leichten Antworten gibt. Aber auch neuerer Phänome wie der rassistischen, frauen- und transfeindlichen Incel-Bewegung und der fortgeschriebenen Rassifizierung in Dating-Apps nimmt sich Srinivasan in ihrer ganzen Abgründigkeit an und wird nicht müde, auf die Paradoxien hinzuweisen, die sich bei genauerem Hinschauen immer schmerzlicher zeigen.  

So fragt Srinivasan im Essay „Die Politik des Begehrens“ danach, wie politisch geformt unser Begehren ist, und ob es wirklich emanzipiert ist, individuelles Begehren aus einer liberalen Haltung heraus als rein persönliche Angelegenheit zu verstehen, oder ob es nicht doch darum gehen könnte und sollte, das eigene Begehren einer politischen Kritik zu unterziehen um nicht blind die herrschenden Begehrensnormen zu reproduzieren.

Einem ähnlich komplexen Thema widmet sich der Text „Warum man nicht mit seinen Studierenden schlafen sollte“, in dem Srinivasan Einblick gibt in die teils bizarren, teils haarsträubenden Debatten darüber, ob akademische Lehre erotisch sein darf (oder sogar soll) und ob sexuelle Handlungen zwischen Lehrenden und Studierenden verboten gehören oder nicht. Eine Frage, die besonders im US-amerikanischen Sprachraum, wo in den letzten Jahrzehnten zunehmend gesetzliche Regelungen etabliert wurden, von grosser Brisanz ist. Auch hier weicht Srinivasan der Komplexität des Phänomens nicht aus, seziert vielmehr die verschiedenen Machtinteressen, ideologischen Vereinnahmungen und problematischen Freiheitsverständnisse, die sich in ihm niederschlagen – und zeigt auf, warum auch ein einvernehmliches Verhältnis systematisch Schäden anrichten kann, besonders zu Lasten von (nicht-weissen) Frauen*.

Im Essay „Sex, Karzeralismus, Kapitalismus“ schliesslich zeigt Srinivasan auf, wie oft gesetzliche Massnahmen zum Verbot oder zur Einschränkung von Prostitution gerade jenen Sexarbeiter*innen am meisten schaden, die aufgrund ihrer Armut, ihrer Hautfarbe oder ihres Aufenthaltsstatus ohnehin massiver Diskriminierung und existenzieller Bedrohung ausgesetzt sind.

Es handelt sich bei diesen Essays also nicht um eine spritzige popfeministische Lektüre, die mal eben so nebenbei gelesen und verdaut werden kann. Und das liegt nicht darin begründet, dass Srinivasan umständlich oder verklausuliert schreiben würde, sondern eben darin, dass sich die Essays jene Zonen auf dem feministischen Kampfplatz vorknöpfen, die unangenehm, verworren, moralisch höchst aufgeladen und politisch (seit Jahrzehnten) umstritten sind. Zudem basieren die Essays, die von Srinivasans enormer Belesenheit in feministischer Theoriebildung zeugen, auf einer intensiven Recherche, die historische Argumentationslinien und Narrative ebenso aufgreift wie aktuelle Zahlen und Studien.

Nach der Lektüre brummt einer*m der Kopf, und auf die Frage, wie ein reflektierter, progressiver und intersektionaler Feminismus im 21. Jahrhundert aussehen könnte, hat man keine klare Antwort erhalten, sondern vielmehr Orientierungshilfen dafür, in welche Richtung es weiter zu arbeiten, zu denken, lehren, lieben und kämpfen gilt, um den Weg zu mehr Gleichberechtigung für alle Menschen zu bereiten (und welche Fallstricke dabei zu vermeiden sind). Dies ist, angesichts der Komplexität der behandelten Themen, schon ein grosser Verdienst – und zeugt insbesondere auch von Srinivasans Befund, dass „eine wirklich inkludierende Politik […] eine unbequeme Politik ohne Geborgenheit [ist].“

Amia Srinivasan: Das Recht auf Sex. Feminismus im 21. Jahrhundert
Klett-Cotta Verlag 2022

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Ibrahima Balde, Amets Arzallus „Kleiner Bruder“

Eine Rezension von Rahel Locher aus der Wochenzeitung WOZ

Reise gelungen, Suche missglückt

Nach zwei Monaten in der libyschen Hafenstadt Sabrata hat Ibrahima noch immer keine Spur seines kleinen Bruders Alhassane gefunden. Niemand scheint diesen im Lager von Baba Hassan gesehen zu haben. Dabei hatte Alhassane beim letzten Telefongespräch erzählt, er warte dort auf die Gelegenheit, das Meer zu überqueren. Baba Hassan ist eines der Flüchtlingslager an der libyschen Küste, wo Hunderte Menschen darauf warten, ein «Programm» zu kaufen – die riskante Überfahrt im Schlauchboot auf die 300 Kilometer entfernte italienische Insel Lampedusa.

Ibrahima hat innerlich bereits aufgegeben, als er auf dem Rückweg von der Moschee die Wahrheit erfährt, die ihm lange niemand zu sagen wagte: Alhassane hat «naufrage» erlitten – das überfüllte Boot ist auf dem Meer gekentert. Zurück im Lager legt sich Ibrahima auf ein paar Kartons, schlägt erst auf sie ein – und beginnt dann, die schreckliche Nachricht anzuzweifeln. 144 Menschen seien an Bord gewesen. Aber das kann nicht sein, so viele Menschen passen auf kein Schlauchboot. Doch als er nachfragt, heisst es: «In Libyen passen auch 180 Menschen auf ein Schlauchboot, ça c’est tout à fait normal.»

Lieber nicht im Dunkeln erzählen

Im Buch «Kleiner Bruder» erzählt der 1994 im westafrikanischen Guinea geborene Ibrahima Balde seine Lebensgeschichte. Er beschreibt das Aufwachsen in Guinea, wie er sich nach dem Tod des Vaters als ältestes männliches Familienmitglied verantwortlich für den Bruder fühlt, selbst aber nicht im Dorf bleiben kann und deswegen von Alhassanes Aufbruch erst einige Wochen später erfährt. Im Hauptteil des Buchs schildert er die Erlebnisse an den verschiedenen Stationen auf der Route über Mali und Algerien nach Libyen und benennt in einer einfachen, direkten Sprache den Schrecken einer Reise, die so viele junge Menschen aus Westafrika auf sich nehmen. Wenige Zeilen deuten auf das Leben in Europa hin, wo Ibrahima landet, obwohl er lieber in Guinea als Lkw-Fahrer arbeiten würde.

Bei besonders schlimmen Erfahrungen spricht Ibrahima Balde das Gegenüber direkt mit «du» an. Er richtet sich damit an den baskischen Dichter Amets Arzallus, der seine Erzählung in kurzen, prägnanten Sätzen niedergeschrieben hat und dabei nahe an der gesprochenen Sprache geblieben ist. Balde begegnet Arzallus in der baskischen Kleinstadt Irun, wo er schliesslich einen Asylantrag stellt. Durch das Du gewinnt die Erzählung an Unmittelbarkeit, als sässe man selbst neben Balde und hörte seine berührende Geschichte. Etwa, wie er in Libyen in die Fänge eines Menschenhändlers gerät: «Dann hob er seine Guba und zeigte mir die Kalaschnikow. Ja, genau so. Die Guba ist eine lange Weste, die Männer tragen sie. Was eine Kalaschnikow ist, weisst du ja.»

Was danach geschieht, davon möchte Ibrahima lieber nicht im Dunkeln erzählen: «Du bist jetzt hier und hörst zu, aber ich bin dort, es steckt in meinem Körper, und wenn ich davon rede, erlebe ich alles noch einmal.» Ein wichtiges Thema in «Kleiner Bruder»: Wie umgehen mit der erfahrenen Gewalt, den erlebten Schmerzen, den auf dem Weg zurückgelassenen Toten? Wie mit den Jahren in Ländern, wo das eigene Leben nichts wert ist? Wie weiterleben mit der Gewissheit, dass Alhassane ertrunken ist? So wie es Ibrahima selbst eine Zeit lang nicht mehr kümmert, ob er in Libyen mit einer Kalaschnikow erschossen wird, begegnet er auf der ganzen Fluchtroute Menschen, die aufgegeben haben; die zum Beispiel in den Wäldern an der marokkanischen Küste beim Warten auf ein «Programm» zwar vor der Polizei, aber nicht vor ihrer eigenen Geschichte davonlaufen können. Eine Geschichte, über die sie nicht sprechen, die aber in ihren Augen zu erahnen ist.

Etwas Neues in den Schrank stellen

Ibrahima selbst gelingt es mit der Unterstützung eines Freundes, wieder etwas Lebensmut zu schöpfen. Gemeinsam schleppen sie in Libyen Ziegel, bis Ibrahima nach Algerien zurückkehrt. Die Veränderung ist unübersehbar: Die Zeit in Libyen hat den gesprächigen und humorvollen Ibrahima verstummen lassen; frühere Bekannte erklären ihn für verrückt. Lange dauert es, bis er mehr Boden unter den Füssen findet – und schliesslich in Irun sein erschütterndes Zeugnis ablegt.

Auch dort beschäftigen ihn die furchtbaren Bilder und Erfahrungen. «Der Kopf ist wie ein Schrank, und um etwas aus dem Schrank herauszuholen, musst du eine andere Sache hineinstellen. Aber ich mache nichts, während sie hier über mein Asyl entscheiden.» Ibrahima wird daran gehindert, sich eine Zukunft zu erschliessen, und verharrt in erzwungener Untätigkeit. Diese teilt er mit vielen anderen Geflüchteten in Europa, deren Asylprozesse sich über Jahre hinziehen, ohne dass sie die Möglichkeit hätten, zu arbeiten, zu lernen, an der Gesellschaft teilzuhaben – und so auch einfacher über das Erlittene hinwegzukommen. Ibrahima klagt nicht an, aber er findet klare, kraftvolle Worte, um die entwürdigenden und oft tödlichen Bedingungen aufzuzeigen, denen Schutzsuchende ausgesetzt sind – Bedingungen, die gerade im Fall Libyen von der europäischen Migrationspolitik mitkreiert werden.

Ibrahima Balde, Amets Arzallus: Kleiner Bruder. Die Geschichte meiner Suche. Suhrkamp Verlag Berlin 2021.

Chris Kraus „Aliens & Anorexie“

Eine Rezension von Chaim Howald:

Eine Frau begibt sich in Mitten eines psychedelischen Strudels von Zitaten auf die Suche nach Menschlichkeit und Weiblichkeit, nach weiblicher Identität in Kunst und Gesellschaft, sowie künstlerischer Identität. In ihrem Innersten zerrüttet durch Liebe und Unterwerfung, Entgrenzung und Entfremdung bleiben zuletzt existentielle Fragen nach der Abhängigkeit von Körperlichkeit und Geist.

«Eigentlich ist alles schon einmal gesagt worden (…)» wird die Frau oft auch zitiert, mit deren verfremdeten Aussagen es der Autorin bereits auf den ersten Seiten gelingt, mich aus der Reserve zu locken. Im Vertrauen darauf, wie viel davon sie sich zu eigen machen kann, erscheint dieses Buch als eine augenzwinkernde Reaktion, frei nach Kirby Ferguson (Everything is a Remix): «Kreativität ist nicht Magie. Sie passiert dann, wenn gewöhnliche Instrumente der Reflektion auf Bestehendes angewandt werden. Die Grundoperationen der Kreativität sind: Zitieren [Kopieren], Transformieren und Kombinieren.»

Mit diesen Werkzeugen nähert Kraus sich hier drei Frauen und ihren Körpern über ihr Verhalten und ihre Sozialisierung. Sie zeigt auf wie politisch das Private auch heute noch ist und mokiert sich gleichzeitig en-passant über beinahe jeden klassischen Erklärungsansatz für irgendetwas. Dabei streut sie punktgenau, vorerst zufällig – ja bisweilen absurd – zusammengestellt Zitate von Form und Inhalt ein. So kann mich kaum erstaunen, dass ich das vierte «Sample» der eingangs erwähnten Frau, Ulrike Meinhof, innerlich plötzlich mit der Stimme des MCs der Gruppe Freundeskreis lese und mich der Refrain ihres 1997er Titels «Cross the Tracks» während der weiteren Lektüre nicht mehr loslassen will. In meinem Kopf findet ein multimedialer Remix statt – und es zeichnet sich bereits eine der ganz grossen Stärken dieser Chimaira eines zumindest vordergründig stark autobiographisch angehauchten, psychologisierenden, feministischen Essay-Brief-Romans ab: Die völlige in Besitznahme meiner Gedankenwelt mittels gezielter Reizüberflutung.

So wird durch die – anfangs verwirrende und durchaus immer wieder etwas anstrengende, stets aber stringente – Verflechtung der verschiedenen Erzählebenen und ihrer jeweiligen dazu gehörenden -techniken fassbar gemacht, was Worte in der Regel kaum zu transportieren vermögen: Das Psychedelische.

Die Rahmenhandlung begleitet Chris Kraus beim Scheitern als Filmvermarkterin, als Regisseurin, in ihrer Beziehung, in erratisch – unerfüllter lesbischer Liebe und weit darüber hinaus – in etwas, was aber nicht so sehr ein Strudel in den Abgrund, als einer in die völlige Selbstentfremdung ist, an dessen Ende Unmengen der Erkenntnis zu warten scheinen.

Mit dieser Selbstentfremdung als Grundlage wird schliesslich der dritte und letzte Strang bearbeitet: Das Leben, Wirken und Verhungern der Simone Weil. Wie bereits zuvor wird auch hier durch einen unglaublichen Detailreichtum ein sehr plastisches Bild der Porträtierten geschaffen – nur wird dieses umgehend mit z.T. gewagten Thesen dekonstruiert und anschliessend das Aufstellen solcher Thesen generell in Frage gestellt.

All dies hat sicherlich das Potential grandios im Chaos unterzugehen. Wenn es das nicht tut, ist dies drei Faktoren zu verdanken: Dem immensen Wissens der Autorin, ihrem Mut, scheinbar Unpassendes zu einer Komposition zu arrangieren und einer gehörigen Portion Chutzpe, Fachpersonen so verschiedener Disziplinen, wie Kunstgeschichte, Philosophie, Psychologie und Medizin einen Teil ihrer Expertise abzusprechen, dies mit einem anarchisch-feministischen Argument zu begründen und gleichzeitig mit dem Feminismus dasselbe zu tun – selbstverständlich (oder zumindest hoffentlich…) mit einem grossen Augenzwinkern.

Aliens & Anorexie, Chris Kraus, Matthes & Seitz Verlag Berlin 2021.

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Es herrscht Krieg gegen die Ukraine – trotzdem lesen?

Auch im Labyrinth sind wir betroffen und sprachlos angesichts der Tatsache, dass die Bevölkerung in der Ukraine täglich tiefer in eine Spirale der Gewalt gezogen wird. Es gibt diesen vergeblichen Wunsch, die Weltuhr gemeinsam ein Stück zurückzudrehen, um vielleicht doch noch zu verhindern, was bereits passiert ist. Der Krieg, der seit dem 24. Februar 2022 die gesamte Bevölkerung der Ukraine erfasst hat, findet in der Ostukraine bereits seit acht Jahren statt. Das Repertoire an Desinformation und Faktenverdrehung, durch das dieser Krieg legitimiert wird, hat sich Putin während seiner über 20-jährigen Regierungszeit angeeignet. Das Vorgehen der russischen Truppen gegen die Zivilbevölkerung hat eine Vorgeschichte – in den Kriegen in Syrien, Georgien, Tschetschenien, Afghanistan.

Vielleicht ist es hilfreich, ein Buch ukrainischer Autor*innen in die Hand zu nehmen. Nicht, um sich dem Schrecken der Gegenwart zu entziehen, sondern um diesen besser zu verstehen. Viele Schriftsteller*innen in der Ukraine erzählen in ihren Texten, wovon sonst kaum berichtet wird. Sie schreiben auch dann, wenn die mediale Aufmerksamkeit wieder nachgelassen hat. Gerade in diesen Tagen, in denen es so schwer fällt, Worte zu finden und sich zu äussern, tun es einige von ihnen doch. Viele ihrer Bücher sind übersetzt und es tut gut, sie zu lesen. Es tut gut, wenn sich in dieser aufgehitzten Zeit der lauten Slogans und eindeutigen Wahrheiten zwischen zwei Buchdeckeln ein vielstimmiger Raum öffnet. Ein Raum, in dem unterschiedliche Erfahrungen und Wahrnehmungen nebeneinander Platz finden.

Vielseitige und bedeutsame Stimmen gegen den Krieg gibt es auch unter den Schriftsteller*innen in Russland, wo der Krieg nicht mehr Krieg genannt werden darf. Beispielsweise Ljudmila Ulitzkaja, Lev Rubinstein und Vladimir Sorokin. Die Ukraine und Russland sind durch unzählige Familien- und Beziehungsgeschichten miteinander verwoben. Doch der Angriffskrieg der russischen Armee gegen die Ukraine hat eine Kluft zwischen die Menschen geschlagen, die wohl nicht wieder zu überbrücken ist. Wie jeder bewaffnete Konflikt ebnet auch dieser Krieg das Feld für allzu feste Zuschreibungen und Pauschalisierungen. Auch wir, die wir den Schrecken aus Entfernung betrachten, versuchen uns zu orientieren. Wenn die Ukrainer*innen auf der einen und die Russ*innen auf der anderen Seite stehen, mag es übersichtlicher wirken. Doch eine solche Schubladisierung ist mit Blick in die Zukunft nicht nur gefährlich, sie verdeckt auch klar das Wesen dieses Krieges. Die Übersetzerin Iryna Herasimovich betont, dass der Kampf gegen Putins Angriffs­krieg in der Ukraine, die oppositionellen Stimmen in Russland sowie der Widerstand in Belarus Glieder ein und derselben Kette sind.

So sieht es auch das Labyrinth. Wir möchten bewusst Autor*innen aus der Ukraine, aus Russland und aus Belarus berücksichtigen und haben in diesem Sinne eine Auswahl an Büchern zusammengestellt, die sich zu lesen lohnt. Die Auswahl ist nicht abgeschlossen. Wenn Sie von einem passenden Titel gehört oder ihn bereits gelesen haben, ergänzen wir unsere Auswahl gerne. Wenn Sie eine Solidaritätsveranstaltung rund um den Krieg gegen die Ukraine planen und gerne einen Büchertisch vor Ort hätten, nehmen Sie mit uns Kontakt auf.

Bild: „Nein zum Krieg!“; aus dem Telegramchat „Feminists against war“.

Zur Auswahl

Levin Westermann „farbe komma dunkel“

Für seinen 2019 erschienenen Gedichtband «bezüglich der schatten» erhielt Levin Westermann den Schweizer Literaturpreis 2021. «farbe komma dunkel» ist 2021 bei Matthes & Seitz erschienen: ein hundertseitiges Langgedicht in durchgängiger Kleinschreibung ohne Interpunktion. – Aber bitte lesen Sie diese Rezension dennoch weiter. Die einzelnen Sätze sind in ihre Kola unterteilt, und diese sind auf der Seite zentriert, so dass die einzelnen Wörter wirklich grosses Gewicht bekommen. Gegliedert ist das Ganze durch das tagaus-tagein markierende «und dann/geht die sonne wieder unter/und dann/geht die sonne wieder auf».

Dazwischen wird in Spurenelementen ein durchaus banaler Alltag auf dem Land geschildert: Ein lyrisches Ich sitzt in einem Wintergarten, hat ein Hüftproblem, kann deswegen nicht joggen, und beobachtet Schafe, Hühner, ein Pferd, einen Pfau, liest Zeitung, kriegt Weltschmerz und möchte schreien, macht sich Sorgen um den Verbleib einer Katze, reflektiert zwischendurch auf erinnerte, kursiv gestellte Zeilen aus Gedichten anderer. Die mangelnde körperliche Bewegung führt zu immer stärkeren Ohnmachtsgefühlen, «und der kopf ist ein wrack / weil bewegungslos / erstarrt […] und was mich rettet sind die bücher / ist die sprache und ihr klang».

Das klingt nach spröder, betroffenheitspflichtiger Lektüre – aber es liest sich unwiderstehlich leicht, entwickelt einen Sog, die Beobachtungen sind wunderbar genau und dabei schlicht, und das Ganze ist hochmusikalisch, fast alles wird eingeknüpft in ein Netz von Leitmotiven und durchzieht ein grosses Klagelied über die «reflexive Ohnmacht» (so hat der englische Kulturtheoretiker Mark Fisher das Gefühl bezeichnet, dass es in die falsche Richtung geht, aber kein Ausweg in Sicht ist, weil alles so verstrickt ist). Sämtliche Mittel sind so eingesetzt, dass der Eindruck von Authentizität entsteht – und grosse Kunst macht ja dann doch froh, auch wenn sie bitter schmeckt. Wenn man Passagen laut liest (das sollte man ja bei Gedichten immer probieren) und sich dabei dem Rhythmus überlässt, blitzt stellenweise auch Humor auf. Nichts ist hier monoton, alles treibt auf einen Umschlagspunkt zu, an dem sich auch der Titel einlöst. Und die Zitate sind fast durchgehend so eindrucksvoll, dass man Lust bekommt, den dreissig (!) verschiedenen Autor:innen (bis anhin kannte ich davon nur fünf) nachzuspüren und sie zu entdecken, wie zum Beispiel die famose Annie Dillard, von der auch das Motto stammt. Am Schluss des Buches sind sie alle aufgeführt.       

Der schöne Pappband ist solide fadengeheftet, was ich sehr mag, denn ich bin fasziniert, trage ihn oft auf mir und lese immer wieder darin – für mich ist dies das Buch der Stunde.

Levin Westermann „farbe komma dunkel“. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2021

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Kathrin Röggla „Ausreden“

Kathrin Röggla schreibt so, dass man sie laufend zitieren könnte und zu zitieren wünschte. Ihr Sprechen, Schreiben, Denken sprudelt, unablässig, in Einem fort. Denken/Ordnen sagt Perec. – Kontinuierlich weiterlesen, antwortet Rögglas Text, dann stellt sich Ordnung her.

Am Anfang war das Ausreden-Lassen, sein Medium war ein demokratischer Bus (7). Aber auch beim Ausreden-Lassen gibt es Hindernisse, die unterbrechen. Diese sind Kritik und Gegenargument. Doch bevor überhaupt ein Gegenüber sich mit seiner Gegenrede manifestiert, ist diese als innere Mehrsprachigkeit bereits manifest – und du selbst unterbrichst Deine Rede.

An einem andern Anfang hat sich beim Sprechen-Wollen ein Medium – der Computer – dazwischen geschoben, das dazu da ist, die Bedingung zu kommunizieren zu gewährleisten. Doch dann treten technische Pannen auf. Die Autorin, die Sprechende gerät mit ihm in Konflikt. Und muss sich mit dem Medium beschäftigen.

Aber eigentlich war am Anfang die Frage gestellt worden, was ‘mich [= Röggla] zum Schreiben bringe’. Die Frage endet mit der Erkenntnis, «dass eigentlich niemand etwas zu Ende formulieren kann.» (12) Gibt es überhaupt beim Kommunizieren ein Hören und Verstehen? Oder gibt es nur Kommunikationsstrategien?

Im Weiteren analysiert Kathrin Röggla das rechtsextreme Denken und dessen strategischen Umgang mit Sprache und zeigt auf, wie durch kontinuierliche einfache Rückfragen ein immer grösserer Anteil an Sprecheinheiten dazu gewonnen würde und mit diesen überhaupt Terrain gewonnen werde. Und zwar, indem ES (das rechtsextreme Denken) schliesslich Sprechen und schreiben verbietet resp. uniformiert. Dieser Kommunikation verweigert sich Die Literatur und begibt sich in den Status der Unterbrechung, im Bewusstsein, dass «noch die einfachste Form der Narration geprägt [ist] von der Abgründigkeit, dass alles anders sein könnte.» (44)

Kathrin Röggla: Ausreden. – Droschl Verlag, Wien 2022

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Franz Kafka / Guy Davenport „Die Aeroplane in Brescia“

Eine wunderbare – mehrfache – Stilstudie über ein frühes Event in der Geschichte der Aviatik. – Kafkas Text nimmt einen Zeitungsbericht zum Ausgangspunkt, Davenport’s Text hingegen denjenigen von Kafka, der Übersetzer-Kommentator übernimmt diesen Flugmodus und schreibt ein exquisites Stück ‘aviatische Literatur (-geschichte)’.

Kafkas Text hat zwei Anfänge. Der erste startet mit einem Zeitungsbericht, doch der Bericht ist nur Anlass, als Beobachter entlassen zu werden und selbst in das Geschehen aufzubrechen. Beim zweiten ist er in Brescia, am Ort des grossen Ereignisses angekommen und bricht auf zur abenteuerlichen Fahrt zum Flugfeld. «Eine künstliche Einöde ist hier geschaffen worden […].“ (13) Trotz des Gemenges an Besuchern und Fahrzeugen, trotz der Dichte an Situationen, Signalen, Bewegungen und Lärm scheint die Szenerie diese Leere aufgenommen zu haben und ohne Staffage auszukommen, ausser vielleicht den vorgelagerten  Hangars, «die mit ihren zusammengezogenen Vorhängen dastehen wie geschlossene Bühnen wandernder Komödianten.» (12) Diese eigentümliche Szenerie scheint selbst die Bedingung zu sein, dass sie, durch eine geheimnisvolle ‘union’ mit den Flugzeugen, selbst Teil des Flugs wird. So wie der Mensch Teil der Maschine ist, ist die Szenerie Teil der Bewegung. Wir befinden uns gleichsam in einer späten Ära des Futurismus.

Nichts anderes geschieht mit Kafkas Text im Weiterschreiben von Davenport. Er wird in mehreren Elementen aufgenommen, Kafka selbst zur Spielfigur. Damit gewinnt der Text von Davenport, aviatisch gesprochen, eine Höhe, die wohl dem Imaginären gebührt. Gemäss dem kongenialen Kommentar des Übersetzers überfliegt der Text von Davenport auch die Ereignisse, die auf Kafkas Text folgen. Im Zweiten Weltkrieg werden Flugzeuge und Flieger nicht zur staunenswerten Bewunderung der Bevölkerung eingesetzt, sondern zu vernichtenden Angriffen auf Städte. Der scheinbar gleichgültige Überflug hat vermutlich mit dem Land zu tun, «in dem man Zenos Bewegung verstehen konnte. Die monotone Gleichförmigkeit Italiens liess an die Einzelbilder eines Films denken», der eine andere «Kontinuität der Dinge» herstellt und gewährt, Bilder, die beiläufig und weit unten vorbeiziehen. (42,43,51)

Die Aeroplane in Brescia. – Engeler Verlag, Schupfart 2021

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