Werner Busch – Die Künstleranekdote

‘Anekdote’ meint wörtlich das ‘Nicht-Herausgegebene’, das bewusst Zurückgehaltene. Sie ist also nicht eine öffentliche, sondern eher eine private und intime Mitteilung, nicht eine allgemeine Aussage, sondern ein geheimes Bekenntnis, nicht eine Norm-, sondern eine Gegendarstellung. In diesem Sinne gehört die Anekdote eher zur Biografik als zu einer Geschichtsdarstellung.

Mit Biografischem befasst sich die Künstleranekdote im 18. Jahrhundert – Thema und Inhalt des neuen Werks von Werner Busch (u.a. «Das sentimentalische Bild»). Die Anekdote beschreibt «den geglückten unmittelbaren Naturzugriff des Künstlers» (8), ganz in der Tradition von Plinius. Zugleich jedoch steht sie im Wandel einer Geschichtsauffassung, die sich im 18. Jahrhundert ablöst vom ‘Exemplum’, hin zu einer Geschichtsschreibung, die von einem Studium der Quellen ausgeht. Darstellung und Beschreibung von geschichtlichen Ereignissen sind in der Folge konstruierbar, der Wahrheitsgehalt der historischen Erkenntnis ist relativiert. (8)

Die Anekdote ist also ein kleines Stück Dichtung und Wahrheit, das sich historischer Daten bedient, nur um etwas Richtiges und Wahres über die Person in ihrer Zeit auszusagen. (23)

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Buchempfehlung: Zeitsprünge – Basler Geschichte in Kürze

Das Historische Museum Basel feierte im letzten Jahr sein 125-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass wurde die gleichnamige Ausstellung mit vielen eindrücklichen Exponaten eröffnet.

Aber das Buch ist nicht nur Begleiter dieser Ausstellung, sondern ein ganz besonderes Werk für Alle an Basels Geschichte Interessierten.

Das Besondere ist die Art der Präsentation. In beeindruckenden Bildern auf jeder Seite und angenehm kurz gehaltenen Beschreibungen wird die Geschichte unserer Stadt in Schlaglichtern, im Überblick von frühen menschlichen Spuren bis in die heutige Zeit, dargestellt.

„Zeitsprünge“ ist kein Geschichtsbuch im herkömmlichen Sinne, es verfolgt keine chronologische Abfolge. Der Schwerpunkt liegt, nach kurzen Rückblicken auf die ferne Vergangenheit, eher auf der jüngeren Zeit, der politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, und städtebaulichen Entwicklung unserer Stadt während der letzten zwei Jahrhunderte. Kurz gefasst, spannend und aufschlussreich!

Esther Stich, Hofstetten, 02.10.2020

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Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds.

In einer langsam voranschreitenden Erzählung schildert Melitta Breznik die letzten Tage ihrer Mutter: Vom Zerfall des Körpers, den inneren Kämpfen von Mutter und Tochter, aber auch vom immer wieder aufblitzenden Schalk der Sterbenden sowie vom gemeinsamen Erinnern an ein gutes als auch schlechtes Früher. Stimmungsvoll fängt Breznik die Szenerie ein und wird dem Thema mehr als gerecht. Die Lektüre vermittelt sachte die zunehmende Langsamkeit und Schwäche des Körpers, die sich bemerkbar machen. Genauso wie dem physischen wird auch dem psychischen Aspekt gedacht. Ängste, Gewissensbisse und Stress, die nur allzu gut nachvollziehbar sind, werden eindrucksvoll geschildert. Und dennoch kippt das Ganze nie in etwas Effekthascherisches. Die Wirkung ist auch so gegeben. Die vermittelte ruhige Art und Weise ist es schliesslich, die am Ende der Lektüre dazu führen kann, dass trotz des schweren Themas etwas Gutes bleibt: Trost.

Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds. Luchterhand 2020.

Patrik Svensson – Das Evangelium der Aale

Hanser, München, 2020

Diese sehr persönlich geprägte Geschichte des Aals versammelt vier verschiedene Umgangsweisen mit ‚Naturgeschichte‘.

(1) Eine autobiografische: Die Beziehung des Autors zum Vater erschliesst ihm die Beziehung zum Aal und der Natur, der Natur am Ort seines Vaters. Und umgekehrt bestimmt dann seine intensive Beschäftigung mit der Geschichte des Aals die Beziehung zum Vater.

(2) Eine historische: Alle Quellen einer wissenschaftlichen und literarischen Beschäftigung mit dem Aal, von Aristoteles über Freud und Günter Grass zu Boris Vian, sind erwähnt und ausführlich beschrieben; sie tragen wesentlich zur Geschichte des Aals bei.

(3) Eine philosophische: Der Philosoph Thomas Nagel verneint ein identifizierendes Bewusstsein zweier verschiedener Wesen. Ich kann mir erklären, wie ein anderes Wesen wahrnimmt, aber unmöglich vorstellen wie das ist und sich anfühlt. Insofern kann der Aal für den Menschen auch immer etwas Geheimnisvolles bewahren.

(4) Eine anthropomorphische: Im Gegensatz zu Thomas Nagel versuchte die Wissenschaftlerin Rachel Carson eine Methode, die eher der Fabel und dem Märchen eignen, eine Art Verpersönlichung des anderen Wesens. Nicht der analytische Verstand, sondern eine vermenschlichende Einbildungskraft ermöglicht, IN den Aal hineinzudenken und dann aus ihm die Welt wahrzunehmen – ihm näher zu kommen.

Die Erfahrungen und Erlebnisse des Aalbiografen Patrik Svensson gingen hingegen stets ins Gegenteilige. Je näher er dem Aal gekommen zu sein glaubte, desto mehr hat sich der Aal entzogen, solange, bis der Autor selbst ihn schliesslich ins Unerforschliche ziehen liess.

Aktuell er- und verhärtet sich diese Tendenz zur Tatsache. Der Aal stirbt aus und entschwindet (uns).

Der Titel des Buchs indes weist auf eine noch andere Geschichte – gleichsam auf eine geheime und mögliche Wiederkunft des Aals. Und es sind der Ton und der Stil dieser anderen Geschichte, in denen uns Patrik Svensson mit dem Aal vertrauter macht.

Lisa Taddeo, Three Women – Drei Frauen

Aus dem Amerikanischen von Maria Hummitzsch. Piper 2020, 416 Seiten

Lisa Taddeo erzählt in ihrem Roman die Geschichten der drei Frauen Sloane, Lina und Maggie: Um sich selbst und ihren Mann zu befriedigen, geht Sloane mit anderen Männern ins Bett und filmt sich dabei. Lina löst sich aus ihrer leidenschaftslosen Ehe mit Ed, um sich in eine heisse Affäre mit ihrer Jugendliebe Aidan zu stürzen. Maggie verliebt sich als Siebzehnjährige in ihren High-School-Lehrer Aaron Knodel, der mit ihr ein Verhältnis beginnt. Vier Jahre später zeigt sie ihn an wegen Verführung Minderjähriger – und der «Lehrer des Jahres» wird in allen Anklagepunkten freigesprochen.

Ganz ehrlich: Zeitweise würde man das Buch gerne weglegen, weil die Erzählungen nichts auslassen und teilweise tieftraurig und abscheulich sind. Und doch fesseln die Worte Taddeos ganz ungemein. Ihr ist es gelungen, in ihren Kapiteln drei ganz unterschiedliche Erzählstile zu gestalten, so gelingt es einem noch besser, sich in die Frauen hineinzuversetzen.

Nochmals: Nein, das sind keine angenehmen Geschichten zum Lesen, und doch zeigen sie auf erschreckende Weise exemplarisch auf, wie sehr das weibliche Begehren und die Sexualität dieser drei Frauen geprägt ist von ihren Biografien, den damit verbundenen Abhängigkeiten und der Bewertung der Gesellschaft – und zwar gleichermassen von Männern wie von Frauen!

Das Buch wurde seit seinem Erscheinen sehr kontrovers diskutiert: Manchen war es nicht divers genug (keine homoerotische Beziehung), für manche nicht feministisch genug (2x Klitoris, 23x Penis), für manche bedeutete es gar ein Rückschritt in Sachen Emanzipation. Ich persönlich finde, dass es ein wichtiges Buch ist. Es ist ein Weckruf, ein Zeichen, dass in Sachen Gleichstellung und Solidarität unter Frauen tatsächlich noch einiges zu tun ist. Besonders erschreckend ist vielleicht, dass Sloane, Lina und Maggie vor allem von anderen Frauen für ihr Begehren verurteilt und nicht gesehen werden. Taddeo schreibt im Epilog: «Selbst wenn Frauen Gehör finden, müssen es die richtigen Frauen sein, damit man ihnen zuhört. Weisse Frauen. Reiche Frauen. Schöne Frauen. Junge Frauen. Am besten all das in einem.» Und: «Wir dürfen sagen: Wir wollen vögeln, wen wir wollen. Wir dürfen aber nicht sagen: Und wir glauben, dass uns das glücklich macht.» Ja, das ist unbequem. Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken!

Michael Hampe: Die Wildnis, die Seele, das Nichts. Über das wirkliche Leben

Hanser

Die Welt befindet sich im Ausnahmezustand. Draussen herrscht Chaos, die Versorgungslage ist prekär, die Zukunft ungewiss. Aaron Fisch, Verleger und Liebhaber der schönen Künste und des guten Essens, sitzt in seinem Haus fest, die Vorratskammer hat er in weiser Voraussicht mit Nahrungsmitteln vollgestopft. Nun versucht er sich an einer Biographie über seinen verstorbenen Freund und Dichter Moritz Brandt. Dabei kann er auf die Hilfe seiner intelligenten Computersoftware Kagami zählen. Sie hat nicht nur Zugriff auf ein enzyklopädisches Archiv, sondern auch auf Brandts Nachlass, bestehend aus Tagebucheinträgen, Notizen und drei ausführlichen philosophischen Essays.

Die oft sehr ausgreifenden Dialoge zwischen Aaron und Kagami werden von den drei Themen angestossen, die sowohl dem Buch als auch den drei Essays von Brandt den Titel geben. In unterschiedlichen Phasen seines Lebens hat sich Brandt ausführlich mit der Wildnis, der Seele und dem Nichts auseinandergesetzt. Von Hampe im Nachwort als «philosophischen Roman» bezeichnet, verbindet das Buch geschickt Erzählung und reflektierte Vertiefung. Da sind beispielsweise Tagebuchnotizen Brandts aus der Zeit, als er in Cambridge bei der berühmten Philosophin Dorothy Cavendish studiert. In Gegenüberstellung mit Notaten Cavendishs und den Essays ergeben diese ein detailreiches Bild der beteiligten Charaktere und machen Dringlichkeit und Triebkräfte der jeweiligen Denkwege nachvollziehbar.

Im Verlauf des Buches wird mehr und mehr klar, dass Brandts Schreiben von der Frage nach dem wirklichen Leben motiviert war. Was versprechen sich Menschen von der Konfrontation mit der Wildnis? Welchen Ursprungs ist die Vorstellung einer Seele? Wie geht man mit der Unausweichlichkeit des Todes um? Hinter all diesen Fragen steckt das Bedürfnis sich zu verändern und die Vorstellung, es müsste so etwas wie ein echtes, authentisches Leben geben. Doch – so eine implizite These Hampes – genau dieses Bedürfnis hält uns oft davon ab, unser wirkliches Leben zu meistern. Denn, so die ebenso implizite These: Unsere Gedankenausflüge sind immer in der uns umgebenden Welt und unserem Charakter verankert.

Hampes Buch ist unterhaltsam und ernst zugleich. Und obwohl philosophische Positionierung und Wertung weitgehend in die Figuren gelegt wird, offenbaren sich bei der Lektüre doch gewisse Ansichten über Philosophie oder zumindest deren akademische Formen. So zeigt sich der Konflikt unvereinbarer Positionen – der Kampfplatz endloser Streitigkeiten – als scheinbar grundlegende Konstellation philosophischer Auseinandersetzung. Oder wie Brandt in einem seiner Essays sagt: «Philosophie wird da interessant, wo es um unvereinbare Grundvoraussetzungen des Denkens, Handelns und Bewertens geht. Denn genau an solchen Stellen gerät sie an die Grenzen der Argumentation.» Die argumentativ abgestützte Behauptung kann hier nichts mehr beitragen.

Ein ähnlicher Gedanke findet sich bereits in vorangegangenen Büchern Hampes; so etwa im systematischer angelegten «Die Lehren der Philosophie – Eine Kritik». In Abgrenzung zu einer doktrinären Philosophie, wie sie an den Universitäten verbreitet ist, wird dort eine narrative Philosophie vorgeschlagen. Hampes neues Buch ist in dieser Hinsicht eine gelungene Probe aufs Exempel. Gelungen auch deshalb, weil der allzu menschliche Drang nach Vereindeutigung ebenfalls zu seinem Recht kommt. Denn selbst wenn, wie Aaron Fisch nahelegt, der Chor daraus entspringender (Selbst-)Behauptungen meist einem Jahrmarkt der Eitelkeiten gleichkommt, so scheint doch klar, dass das nicht zwingend so sein müsste.

Debüt: Schöner als überall

Kristin Höller: Schöner als überall. Suhrkamp Nova 2019

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Die Autorin der Rezension: Annina Afshari

«… wieso sollte ich mir eine Landschaft ansehen, wenn ich auch in ein Gesicht schauen kann?»
Noah und Martin sind auf dem Land aufgewachsen, eigentlich in einem Vorort, nicht richtig Stadt, nicht richtig Land, dafür stündlich ein Zug in beide Richtungen, eine Tankstelle und ein Bauernhof – aber nicht, wie man sich einen Bauernhof vorstellt, sondern eckig und mit viel Beton. Die Idylle wird von den Bewohner_innen der Reihenhaussiedlung trotzdem hochgehalten, denn: wo könnte es schöner sein als zuhause? Seit die beiden Freunde vor zwei Jahren nach München zogen, sind sie selten zurückgekehrt. Als sie allerdings eines Nachts diesen Speer der Münchner Athene – in einer betrunkenen Kletteraktion aus Versehen abgebrochen – entsorgen wollen, fahren sie intuitiv ins Dorf ihrer Eltern.
Dort ist alles wie immer, und während sich Noah bereitwillig wieder in dieses Gefüge aus Nestwärme und Fassadenspiel gibt, entdeckt Martin, dessen Gedankenstrom wir im Roman folgen, überall Erinnerungen an Mugo, seine erste grosse Liebe. Mugo, die immer einen Schritt voraus war und voller Wut auf die Welt, die sich damals auch Martin zu eigen gemacht hat.

«Ich habe mir oft gedacht, Noah geht mit einer Unbedarftheit durch die Welt, die kann man nur haben, wenn man eine Regendusche im Badezimmer hat.»
Obwohl sich Martin noch gut an den Ekel erinnert, mit dem er auf die, von Kristin Höller hyperrealistisch modellierte, mittelständische Reinlichkeit, die wohlgeordnete Kleinstadtfäulnis, geblickt hatte, als er selbst noch da wohnte, hat er doch eine unbestimmte Sehnsucht nach dieser Vergangenheit, denn nie war er weniger allein. Doch jetzt will alles nicht mehr so recht klappen: Mugo will nicht mehr in die von ihm zugeschriebene Heldinnenrolle passen, zwischen seiner Welt und jener seiner Eltern klafft eine unüberwindliche Lücke und sein bester Freund Noah befremdet ihn zusehends.

«Die versuchen doch auch nur irgendwie glücklich zu sein.»
Es ist manche Unbeholfenheit zu spüren zwischen den Menschen und gleichzeitig gibt es da eine Wärme, die sich eben in den unbedarften Gesten ausdrückt. Es ist beeindruckend, wie es Kristin Höller gelingt, diese flüchtigen Momente sprachlich zu binden.
Wir begleiten Martin in einem Lernprozess, in dem er sich zum ersten Mal seine wirklich eigene Meinung bildet in dem Raum, der sich zwischen den beiden Positionen von Mugo und Noah auftut. Ein kurzer aber emotionaler Aufstieg zu dem Punkt, an dem Martin, der sich meistens in erster Linie nach seinen Beziehungspersonen gerichtet hat, sagen kann: «Ich habe mich jetzt selber.»

«… dass alles, jede Mutter, jede Situation wirr ist und komplex wie ein unlösbares Puzzle, bei dem von Anfang an ein Teil fehlt»
Kristin Höller zeichnet in ihrem gelungenen Debüt ein Bild davon, wie schwierig es ist, sich gegenseitig zu verstehen, und wie unumgänglich es manchmal ist, loszulassen. Wie wichtig es ist, nicht nur ein Auge, sondern auch ausreichend Verständnis für die menschlichen Widersprüche zu entwickeln. Es ist eine feine Hommage an die Menschen, die eben seit immer zu einem gehören, auch wenn man sie irgendwann zurücklässt – an die Zuneigung und Liebe, die jenseits geteilter Meinungen und Realitäten steht. Mögen Handlung und Figuren manchmal gar harmlos scheinen, so ist das doch das Besondere an Martins Erzählweise, die umsichtige Versöhnlichkeit mit der er die verschiedenen Menschen betrachtet, auch wenn ihre Lebensentwürfe und Pläne für ihn selber zu eng sind.
Schöner als überall sticht durch die präzise Beobachtungsgabe der Autorin und ihr feines Gespür für die kleinen zwischenmenschlichen Gesten und die ihnen innewohnende Komik (und Tragik) hervor.
Dieser Roman ist all jenen zu empfehlen, die vom Dorf sind – und wir sind irgendwie alle vom Dorf.

Nur einmal

Kathleen Collins:  Nur einmal, Storys, Aus dem Amerikanischen von Autor Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg, Kampa Verlag 2018.

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Die Autorin der Rezension: Annina Afshari

«Entweder man will etwas, oder man will es nicht. Begründungen sind wie Lächeln, Mann, sinnloses Getue»
Kathleen Collins ist nicht die erste Frau, die bisher in der Kanonbildung übergangen wurde. Es ist umso wichtiger, dass ihre Storys nun übersetzt und endlich auf deutsch veröffentlicht wurden.
Kathleen Collins wurde 1942 in New Jersey geboren. 1962 schloss sie sich dem SNCC (Student Nonviolent Coordinating Committee) an. Später studierte sie Filmgeschichte an der Sorbonne. Ab 1974 hatte Collins eine Professur am City College of New York inne und war nebst ihrer literarischen Arbeit auch als Regisseurin tätig.
In «Nur einmal» sind Storys versammelt, die Kathleen Collins 1988 bei ihrem frühen Tod zurückgelassen hat. Davon wurde zu Lebzeiten Collins’ nur eine einzige veröffentlicht und dies, wie es im Nachwort zur Ausgabe heisst, in «einem obskuren Literaturmagazin». Weder ihre literarischen noch ihre cineastischen Werke fanden Beachtung, bis 2016 endlich die Storys erschienen und Collins’ Spielfilm «Losing Ground» (aus dem Jahre 1982) erstmals in die Kinos kam.

«Es gehörte zu den schöneren Momenten, als ich begriff, dass kein Mensch den Qualen der Einsamkeit entkommt.»
Collins’ Texte sind bisweilen gnadenlos ehrlich, es ist hier eine Autorin am Werk, die sich nicht vor den menschlichen Abgründen scheut. Viele der Texte lassen einen autobiographischen Bezug vermuten, legen dabei aber auch offen, wie persönliche Geschichten immer mit den politischen Umständen verwoben sind. Die Bürgerrechtsbewegung, der Kampf gegen Rassismus und Segregation, sind dauernd präsent – prallen dabei aber nicht nur auf den Widerstand weisser Rassisten, sondern auch auf die als konservativ-ängstlich beschriebene Stimmung einer Schwarzen Mittelschicht. Kathleen Collins Literatur entzieht sich einer zu schlichten Lesart und wehrt sich gegen allzu platte Er- oder Bekenntnisse.

«Er fuhr mit ihr zu ihren Eltern nach New Jersey, wo sie ihm im Garten die Rosen ihres Vaters zeigte… ihm ihre Kindheit zeigte und alles, was pikste und wehtat und schwer zu verzeihen war.»
Die Geschichten sind gleichzeitig geprägt von einer starken Sehnsucht nach einer «echten» Liebe, immer neue Anläufe bringen immer neue Formen von Hindernissen und Enttäuschungen hervor. Liebe, die sich an der rauhen Oberfläche elterlicher Engstirnigkeit zerschrammt, an den gesellschaftlichen Verhältnissen seine Unmöglichkeit erprobt, an plumpem Narzissmus scheitert oder ganz profan in einer Lichtregie-Anweisung der Autorin langsam ausgedimmt wird. Ein Vokabular des Scheiterns und zugleich eine immer wieder vor Kraft strotzende Sprache, ein energisches Aufschwingen zu den Höhepunkten, in ihrer ganzen Vergänglichkeit.

«Eine Zeitlang verstanden sich die Menschen. Innerhalb des «Eine Zeitlang verstanden sich die Menschen. Innerhalb des Schmelztiegels. Innerhalb des Schmelztiegels.»
Kathleen Collins’ Storys entwickeln innert kürzester Zeit einen starken Sog, sie sind literarisch so klug und pointiert arrangiert, dass beim Lesen bisweilen eine ungeahnte Mischung an Gefühlen evoziert wird. Es ist ein sehr dialogisches Erzählen, in dem wir viele Gespräche von Figuren mitverfolgen können, ebenso oft fühlt der/die Leser_in sich jedoch selbst hineingezogen in das Gespräch, das sich über die Kontinente, über die Zeit hinweg auftut. Wer bereit ist, diesen Stimmen zuzuhören, kann dabei nicht nur einiges über die Vergangenheit, sondern auch viel für die Zukunft lernen.

Buchempfehlung zum Frauenstreik 14. Juni 2019

Virginie Despentes: King Kong Theorie. Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer und Claudia Steinitz. Kiepenheuer & Witsch 2018, 148 Seiten.

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Autorin der Rezension: Natalie Widmer

Am 14. Juni 2019 findet in der Schweiz der zweite nationale Frauenstreik statt. Die Forderungen von heute decken sich grösstenteils mit den Forderungen von 1991: Frau streikt gegen Lohnungleichheit, Diskriminierung, sexuelle Belästigung und die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit. Es ist viel Unmut da, und zwar zu Recht!

Unmut, oder besser Wut oder Aggression findet sich auch in Virginie Despentes‘ autobiografischem Essay King Kong Theorie. Die französische Skandalautorin, im deutschsprachigen Raum vor allem bekannt seit ihrem Debütroman Baise-moi (2002), schreibt in ihrer feministischen Streitschrift gegen die Beschränkung des Menschen (sei er weiblich, männlich oder non-binär), gesellschaftlich definierte Geschlechter- und Rollenklischees an. In den verschiedenen Kapiteln berichtet Despentes unter der Schirmherrschaft feministischer Vorkämpferinnen wie Virginia Woolf, Angela Davis, Gail Pheterson, Annie Sprinkle und Simone de Beauvoir sprachgewaltig und sehr direkt über ihre eigenen traumatischen Erfahrungen mit sexueller Gewalt (Despentes wurde mit 17 vergewaltigt), Prostitution und Pornografie. Sie schreibt darin stark gegen die von der Gesellschaft an sie herangetragene (stumme) Opferrolle an und plädiert für einen selbstbestimmten und selbstbewussten Umgang mit dem Erlebten. Gerade für Leserinnen, die selber ähnliche Erfahrungen machen mussten, ist dieses Buch ein echter Befreiungsschlag, und für alle anderen Menschen, die sich mit der hochaktuellen Thematik beschäftigen, ein sehr kluger, aufwühlender Text.

Ihr 2006 auf Französisch erschienener Text hat bis heute nichts an Kraft und Aktualität verloren, ganz im Gegenteil! Die neue Übersetzung von Barbara Heber-Schärer und Claudia Steinitz – Letztere hat auch die Vernon-Subutex-Trilogie der Autorin ins Deutsche übertragen – schafft es eindrücklich, die starke Emotionalität des Textes direkt zu übermitteln. Despentes‘ Wut wirkt niemals aufgesetzt oder gekünstelt, sondern sehr überzeugend und ansteckend.

Ich kann dich hören

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören
Wagenbach Verlag 2019

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Der Zauber des Zuhörens

Drohendes Verstummen
Die Welt des angehenden Cellisten Osman Engels gerät aus den Fugen, als sein Vater einen schweren Unfall erleidet und sich arbeitslos meldet. Osmans Tante Elide holt den Sohn deswegen von Hamburg zurück nach Essen, wo er den Dämonen seiner Kindheit in einer zerrütteten Familie begegnet, in der die Mutter davonlief und der Vater, ebenfalls Musiker, sich von seinen Söhnen weg in den Beruf flüchtete. Osmans Tante gab damals ihren Lebenstraum für ihn und seinen Bruder auf und zog die beiden gross. Eine Mauer des Schweigens und des Unglücks trennte die Familienmitglieder voneinander: Elide resignierte, die Söhne gingen so weit weg wie möglich, einer nach Kanada, der andere in eine Hamburger WG und in die Musik, auch der Kontakt zum Vater brach ab. In Hamburg kämpft Osman weiterhin mit Schweigen und Einsamkeit; ihm, dessen Verbindung zur Familie schon lange brach liegt, entgleitet nun auch der Draht zur Musik sowie zu seiner Mitbewohnerin, für die er Gefühle hegt, die er nicht in Worte fassen kann. Eines Tages findet Osman im Zug ein Diktiergerät, auf dem die spezielle Geschwisterbeziehung zwischen Ella und Jo aufgezeichnet ist.

Vom Schweigen zum Dialog
Der Roman setzt an der Stelle ein, an der verschiedene Figuren gegen ihre Situation rebellieren und damit Bewegung in ihr Leben und die gesamte Personenkonstellation um sie herum bringen. So lebt Elide endlich wieder ihr eigenes Leben, zieht nach Paris und stellt Osmans Vater damit unsanft auf dessen eigene Beine. Auch Osmans Mitbewohnerin ergreift unbeholfen die Initiative und bringt ihn in Zugzwang. Er weicht jedoch aus, arbeitet sich vergeblich an seinem Cello ab, bleibt frustriert und stumm und flüchtet zu Ellas Stimme im Diktiergerät. Diese hat Gespräche mit ihrer gehörlosen Schwester, Jo, auf Band gespielt. Auch Jo befindet sich in einem Emanzipationsprozess, dem Ella bloss hilflos zusehen kann. In Ella findet Osman endlich jemanden, der er sich nicht entziehen kann. Er ist völlig in ihrem Bann, muss ihre Gespräche mit Jo immer wieder anhören. Schliesslich beginnt er, auch sich selber und den Menschen um ihn herum wieder zuzuhören. Mit dem Gehör kommen auch Musikalität und Sprache zurück, und Osman schafft es, seine Vergangenheit

Kommunikation als Lebenselixier
Die 1991 geborene Katharina Mevissen, die für ihren Roman 2016 das Bremer Autorenstipendium erhielt, legt eine feinfühlige und intime Reportage vor über Menschen, die mitsamt ihrer jeweiligen Sprache nicht nur ihre Mitmenschen, sondern auch sich selbst aus den Augen verlieren und um diese Beziehungen ringen. Die Autorin versteht es meisterhaft, sowohl Sprachlosigkeit als auch verschiedene Ausdrucksformen – Deutsch, Türkisch, Musik, Geräusch – in ihren Text zu bringen. Den Soundtrack zum Buch, sowie Übersetzungen der Türkischen Passagen, sind dem Roman als Anhang beigefügt, es empfiehlt sich, die angegebene Musik beim Lesen auch zu hören. 
Jeder Figur gibt Mevissen eine ganz eigene Stimme, an der sie deren Charakterentwicklungen zeigt. Zu Beginn des Buches leiden alle Figuren spürbar an Kommunikationsproblemen, die nach und nach aufgelöst werden. So beginnt Elide, neben Osman die zweite Ich-Erzählerin, plötzlich wieder Türkisch statt ihrem fehlerhaften, spät im Leben gelernten Deutsch zu sprechen, als sie beschliesst, ihr Leben zu ändern. Suat hingegen lässt Mevissen nur widerwillig und in unfertigen Sätzen sprechen, genauso wie von seinen Mitmenschen scheint er sich von der Sprache jeweils auf halbem Weg zurückzuziehen. Erst sehr spät kommt er überhaupt zu Wort. Auch Osman kann sich zu Beginn des Romans vor allem durch die Musik ausdrücken, deren Sprache er ausgeliefert ist und in der sich sein Gemüt wohl oder übel zeigt. Osmans Worte hingegen sind ungelenk, fehl an Platz, seine Zerrissenheit zwischen verschiedenen sozialen Milieus und seine Unerfahrenheit gegenüber tiefen emotionalen Beziehungen scheinen durch. Zum vielleicht ein wenig kitschigen Ende der Erzählung hin findet sich Osman aber doch in der Musik wie auch in seiner nun flüssigen und fröhlicheren Sprache zurecht. Die kommunikativ wohl interessanteste Figur ist jedoch die gehörlose Jo, die nur als abwesende Gesprächspartnerin Teil der Geschichte ist. Ihre Worte finden sich einmal aus Osmans Perspektive, der nur Geräusche und Silben wahrnimmt, unterlegt mit Ellas Kommentaren, die mit Jo streitet. Am Ende des Buches wird dieselbe Passage aus Ellas Sicht beschrieben und erhält mit ihrer Übersetzung Sinn. Der Autorin, die sich im Literaturprojekt «Poesie Handverlesen» für gebärdensprachliche Literatur einsetzt, gelingt mit den Schwestern Ella und Jo eine eindrückliche Darstellung der nicht-lautlichen Sprache und der umso intensiveren Kommunikation.   
«Ich kann dich hören» ist ein kurzes, kunstvoll komponiertes Büchlein. Es hinterlässt trotz seiner leisen Worte einen bleibenden Eindruck und erinnert das Lesepublikum daran, wie schön das Leben sein kann, wenn man es teilt, wenn man miteinander in Verbindung steht und füreinander da ist.