Amia Srinivasan „Das Recht auf Sex“

Amia Srinivasan: Das Recht auf Sex. Feminismus im 21. Jahrhundert
Klett-Cotta Verlag 2022

Eine Rezension von Julia Rüegger

Eine derzeit vielbeachtete Neuerscheinung ist „Das Recht auf Sex. Feminismus im 21. Jahrhundert“ der 1984 geborenen Philosophin Amia Srinivasan. Seit 2020 hat Srinivasan als bisher jüngste Person, erste Frau und erste nicht-weisse Person den renommierten Chichele-Lehrstuhl für Politik- und Gesellschaftstheorie an der Oxford University inne. Die Essaysammlung „Das Recht auf Sex“ ist ihr Debüt – und dafür, dass Srinivasan erst relativ spät zur feministischen Theorie gefunden hat, eine Textsammlung, die es knochentief in sich hat.

Obwohl Titel und besonders Untertitel des Buches grosse Erwartungen wecken, geht es inhaltlich (zum Glück) nicht um den Zehn-Punkte-Plan für einen zukünftigen Feminismus, sondern um eine hellwache und sehr kluge Bestandsaufnahme aktueller feministischer Debatten, deren Prägung durch verschiedene Schulen und historische Umstände sowie um deren kritische Revision heute. Dabei widmet sich Srinivasan mit Vorliebe Themen, die Feminist*innen seit jeher spalten und gesellschaftlich polarisieren: zum Beispiel der Pornografie und der Frage nach der Kriminalisierung oder Legalisierung von Prostitution. Dabei zeigt sie auf, wieso gerade diese alten Streitthemen noch immer von Gewicht sind: nicht obwohl, sondern weil es auf sie keine leichten Antworten gibt. Aber auch neuerer Phänome wie der rassistischen, frauen- und transfeindlichen Incel-Bewegung und der fortgeschriebenen Rassifizierung in Dating-Apps nimmt sich Srinivasan in ihrer ganzen Abgründigkeit an und wird nicht müde, auf die Paradoxien hinzuweisen, die sich bei genauerem Hinschauen immer schmerzlicher zeigen.  

So fragt Srinivasan im Essay „Die Politik des Begehrens“ danach, wie politisch geformt unser Begehren ist, und ob es wirklich emanzipiert ist, individuelles Begehren aus einer liberalen Haltung heraus als rein persönliche Angelegenheit zu verstehen, oder ob es nicht doch darum gehen könnte und sollte, das eigene Begehren einer politischen Kritik zu unterziehen um nicht blind die herrschenden Begehrensnormen zu reproduzieren.

Einem ähnlich komplexen Thema widmet sich der Text „Warum man nicht mit seinen Studierenden schlafen sollte“, in dem Srinivasan Einblick gibt in die teils bizarren, teils haarsträubenden Debatten darüber, ob akademische Lehre erotisch sein darf (oder sogar soll) und ob sexuelle Handlungen zwischen Lehrenden und Studierenden verboten gehören oder nicht. Eine Frage, die besonders im US-amerikanischen Sprachraum, wo in den letzten Jahrzehnten zunehmend gesetzliche Regelungen etabliert wurden, von grosser Brisanz ist. Auch hier weicht Srinivasan der Komplexität des Phänomens nicht aus, seziert vielmehr die verschiedenen Machtinteressen, ideologischen Vereinnahmungen und problematischen Freiheitsverständnisse, die sich in ihm niederschlagen – und zeigt auf, warum auch ein einvernehmliches Verhältnis systematisch Schäden anrichten kann, besonders zu Lasten von (nicht-weissen) Frauen*.

Im Essay „Sex, Karzeralismus, Kapitalismus“ schliesslich zeigt Srinivasan auf, wie oft gesetzliche Massnahmen zum Verbot oder zur Einschränkung von Prostitution gerade jenen Sexarbeiter*innen am meisten schaden, die aufgrund ihrer Armut, ihrer Hautfarbe oder ihres Aufenthaltsstatus ohnehin massiver Diskriminierung und existenzieller Bedrohung ausgesetzt sind.

Es handelt sich bei diesen Essays also nicht um eine spritzige popfeministische Lektüre, die mal eben so nebenbei gelesen und verdaut werden kann. Und das liegt nicht darin begründet, dass Srinivasan umständlich oder verklausuliert schreiben würde, sondern eben darin, dass sich die Essays jene Zonen auf dem feministischen Kampfplatz vorknöpfen, die unangenehm, verworren, moralisch höchst aufgeladen und politisch (seit Jahrzehnten) umstritten sind. Zudem basieren die Essays, die von Srinivasans enormer Belesenheit in feministischer Theoriebildung zeugen, auf einer intensiven Recherche, die historische Argumentationslinien und Narrative ebenso aufgreift wie aktuelle Zahlen und Studien.

Nach der Lektüre brummt einer*m der Kopf, und auf die Frage, wie ein reflektierter, progressiver und intersektionaler Feminismus im 21. Jahrhundert aussehen könnte, hat man keine klare Antwort erhalten, sondern vielmehr Orientierungshilfen dafür, in welche Richtung es weiter zu arbeiten, zu denken, lehren, lieben und kämpfen gilt, um den Weg zu mehr Gleichberechtigung für alle Menschen zu bereiten (und welche Fallstricke dabei zu vermeiden sind). Dies ist, angesichts der Komplexität der behandelten Themen, schon ein grosser Verdienst – und zeugt insbesondere auch von Srinivasans Befund, dass „eine wirklich inkludierende Politik […] eine unbequeme Politik ohne Geborgenheit [ist].“

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Ibrahima Balde, Amets Arzallus „Kleiner Bruder“

Ibrahima Balde, Amets Arzallus: Kleiner Bruder. Die Geschichte meiner Suche. Suhrkamp Verlag Berlin 2021.

Eine Rezension von Rahel Locher aus der Wochenzeitung WOZ

Reise gelungen, Suche missglückt

Nach zwei Monaten in der libyschen Hafenstadt Sabrata hat Ibrahima noch immer keine Spur seines kleinen Bruders Alhassane gefunden. Niemand scheint diesen im Lager von Baba Hassan gesehen zu haben. Dabei hatte Alhassane beim letzten Telefongespräch erzählt, er warte dort auf die Gelegenheit, das Meer zu überqueren. Baba Hassan ist eines der Flüchtlingslager an der libyschen Küste, wo Hunderte Menschen darauf warten, ein «Programm» zu kaufen – die riskante Überfahrt im Schlauchboot auf die 300 Kilometer entfernte italienische Insel Lampedusa.

Ibrahima hat innerlich bereits aufgegeben, als er auf dem Rückweg von der Moschee die Wahrheit erfährt, die ihm lange niemand zu sagen wagte: Alhassane hat «naufrage» erlitten – das überfüllte Boot ist auf dem Meer gekentert. Zurück im Lager legt sich Ibrahima auf ein paar Kartons, schlägt erst auf sie ein – und beginnt dann, die schreckliche Nachricht anzuzweifeln. 144 Menschen seien an Bord gewesen. Aber das kann nicht sein, so viele Menschen passen auf kein Schlauchboot. Doch als er nachfragt, heisst es: «In Libyen passen auch 180 Menschen auf ein Schlauchboot, ça c’est tout à fait normal.»

Lieber nicht im Dunkeln erzählen

Im Buch «Kleiner Bruder» erzählt der 1994 im westafrikanischen Guinea geborene Ibrahima Balde seine Lebensgeschichte. Er beschreibt das Aufwachsen in Guinea, wie er sich nach dem Tod des Vaters als ältestes männliches Familienmitglied verantwortlich für den Bruder fühlt, selbst aber nicht im Dorf bleiben kann und deswegen von Alhassanes Aufbruch erst einige Wochen später erfährt. Im Hauptteil des Buchs schildert er die Erlebnisse an den verschiedenen Stationen auf der Route über Mali und Algerien nach Libyen und benennt in einer einfachen, direkten Sprache den Schrecken einer Reise, die so viele junge Menschen aus Westafrika auf sich nehmen. Wenige Zeilen deuten auf das Leben in Europa hin, wo Ibrahima landet, obwohl er lieber in Guinea als Lkw-Fahrer arbeiten würde.

Bei besonders schlimmen Erfahrungen spricht Ibrahima Balde das Gegenüber direkt mit «du» an. Er richtet sich damit an den baskischen Dichter Amets Arzallus, der seine Erzählung in kurzen, prägnanten Sätzen niedergeschrieben hat und dabei nahe an der gesprochenen Sprache geblieben ist. Balde begegnet Arzallus in der baskischen Kleinstadt Irun, wo er schliesslich einen Asylantrag stellt. Durch das Du gewinnt die Erzählung an Unmittelbarkeit, als sässe man selbst neben Balde und hörte seine berührende Geschichte. Etwa, wie er in Libyen in die Fänge eines Menschenhändlers gerät: «Dann hob er seine Guba und zeigte mir die Kalaschnikow. Ja, genau so. Die Guba ist eine lange Weste, die Männer tragen sie. Was eine Kalaschnikow ist, weisst du ja.»

Was danach geschieht, davon möchte Ibrahima lieber nicht im Dunkeln erzählen: «Du bist jetzt hier und hörst zu, aber ich bin dort, es steckt in meinem Körper, und wenn ich davon rede, erlebe ich alles noch einmal.» Ein wichtiges Thema in «Kleiner Bruder»: Wie umgehen mit der erfahrenen Gewalt, den erlebten Schmerzen, den auf dem Weg zurückgelassenen Toten? Wie mit den Jahren in Ländern, wo das eigene Leben nichts wert ist? Wie weiterleben mit der Gewissheit, dass Alhassane ertrunken ist? So wie es Ibrahima selbst eine Zeit lang nicht mehr kümmert, ob er in Libyen mit einer Kalaschnikow erschossen wird, begegnet er auf der ganzen Fluchtroute Menschen, die aufgegeben haben; die zum Beispiel in den Wäldern an der marokkanischen Küste beim Warten auf ein «Programm» zwar vor der Polizei, aber nicht vor ihrer eigenen Geschichte davonlaufen können. Eine Geschichte, über die sie nicht sprechen, die aber in ihren Augen zu erahnen ist.

Etwas Neues in den Schrank stellen

Ibrahima selbst gelingt es mit der Unterstützung eines Freundes, wieder etwas Lebensmut zu schöpfen. Gemeinsam schleppen sie in Libyen Ziegel, bis Ibrahima nach Algerien zurückkehrt. Die Veränderung ist unübersehbar: Die Zeit in Libyen hat den gesprächigen und humorvollen Ibrahima verstummen lassen; frühere Bekannte erklären ihn für verrückt. Lange dauert es, bis er mehr Boden unter den Füssen findet – und schliesslich in Irun sein erschütterndes Zeugnis ablegt.

Auch dort beschäftigen ihn die furchtbaren Bilder und Erfahrungen. «Der Kopf ist wie ein Schrank, und um etwas aus dem Schrank herauszuholen, musst du eine andere Sache hineinstellen. Aber ich mache nichts, während sie hier über mein Asyl entscheiden.» Ibrahima wird daran gehindert, sich eine Zukunft zu erschliessen, und verharrt in erzwungener Untätigkeit. Diese teilt er mit vielen anderen Geflüchteten in Europa, deren Asylprozesse sich über Jahre hinziehen, ohne dass sie die Möglichkeit hätten, zu arbeiten, zu lernen, an der Gesellschaft teilzuhaben – und so auch einfacher über das Erlittene hinwegzukommen. Ibrahima klagt nicht an, aber er findet klare, kraftvolle Worte, um die entwürdigenden und oft tödlichen Bedingungen aufzuzeigen, denen Schutzsuchende ausgesetzt sind – Bedingungen, die gerade im Fall Libyen von der europäischen Migrationspolitik mitkreiert werden.

Chris Kraus „Aliens & Anorexie“

Aliens & Anorexie, Chris Kraus, Matthes & Seitz Verlag Berlin 2021

Eine Rezension von Chaim Howald:

Eine Frau begibt sich in Mitten eines psychedelischen Strudels von Zitaten auf die Suche nach Menschlichkeit und Weiblichkeit, nach weiblicher Identität in Kunst und Gesellschaft, sowie künstlerischer Identität. In ihrem Innersten zerrüttet durch Liebe und Unterwerfung, Entgrenzung und Entfremdung bleiben zuletzt existentielle Fragen nach der Abhängigkeit von Körperlichkeit und Geist.

«Eigentlich ist alles schon einmal gesagt worden (…)» wird die Frau oft auch zitiert, mit deren verfremdeten Aussagen es der Autorin bereits auf den ersten Seiten gelingt, mich aus der Reserve zu locken. Im Vertrauen darauf, wie viel davon sie sich zu eigen machen kann, erscheint dieses Buch als eine augenzwinkernde Reaktion, frei nach Kirby Ferguson (Everything is a Remix): «Kreativität ist nicht Magie. Sie passiert dann, wenn gewöhnliche Instrumente der Reflektion auf Bestehendes angewandt werden. Die Grundoperationen der Kreativität sind: Zitieren [Kopieren], Transformieren und Kombinieren.»

Mit diesen Werkzeugen nähert Kraus sich hier drei Frauen und ihren Körpern über ihr Verhalten und ihre Sozialisierung. Sie zeigt auf wie politisch das Private auch heute noch ist und mokiert sich gleichzeitig en-passant über beinahe jeden klassischen Erklärungsansatz für irgendetwas. Dabei streut sie punktgenau, vorerst zufällig – ja bisweilen absurd – zusammengestellt Zitate von Form und Inhalt ein. So kann mich kaum erstaunen, dass ich das vierte «Sample» der eingangs erwähnten Frau, Ulrike Meinhof, innerlich plötzlich mit der Stimme des MCs der Gruppe Freundeskreis lese und mich der Refrain ihres 1997er Titels «Cross the Tracks» während der weiteren Lektüre nicht mehr loslassen will. In meinem Kopf findet ein multimedialer Remix statt – und es zeichnet sich bereits eine der ganz grossen Stärken dieser Chimaira eines zumindest vordergründig stark autobiographisch angehauchten, psychologisierenden, feministischen Essay-Brief-Romans ab: Die völlige in Besitznahme meiner Gedankenwelt mittels gezielter Reizüberflutung.

So wird durch die – anfangs verwirrende und durchaus immer wieder etwas anstrengende, stets aber stringente – Verflechtung der verschiedenen Erzählebenen und ihrer jeweiligen dazu gehörenden -techniken fassbar gemacht, was Worte in der Regel kaum zu transportieren vermögen: Das Psychedelische.

Die Rahmenhandlung begleitet Chris Kraus beim Scheitern als Filmvermarkterin, als Regisseurin, in ihrer Beziehung, in erratisch – unerfüllter lesbischer Liebe und weit darüber hinaus – in etwas, was aber nicht so sehr ein Strudel in den Abgrund, als einer in die völlige Selbstentfremdung ist, an dessen Ende Unmengen der Erkenntnis zu warten scheinen.

Mit dieser Selbstentfremdung als Grundlage wird schliesslich der dritte und letzte Strang bearbeitet: Das Leben, Wirken und Verhungern der Simone Weil. Wie bereits zuvor wird auch hier durch einen unglaublichen Detailreichtum ein sehr plastisches Bild der Porträtierten geschaffen – nur wird dieses umgehend mit z.T. gewagten Thesen dekonstruiert und anschliessend das Aufstellen solcher Thesen generell in Frage gestellt.

All dies hat sicherlich das Potential grandios im Chaos unterzugehen. Wenn es das nicht tut, ist dies drei Faktoren zu verdanken: Dem immensen Wissens der Autorin, ihrem Mut, scheinbar Unpassendes zu einer Komposition zu arrangieren und einer gehörigen Portion Chutzpe, Fachpersonen so verschiedener Disziplinen, wie Kunstgeschichte, Philosophie, Psychologie und Medizin einen Teil ihrer Expertise abzusprechen, dies mit einem anarchisch-feministischen Argument zu begründen und gleichzeitig mit dem Feminismus dasselbe zu tun – selbstverständlich (oder zumindest hoffentlich…) mit einem grossen Augenzwinkern.

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Es herrscht Krieg gegen die Ukraine – trotzdem lesen?

Auch im Labyrinth sind wir betroffen und sprachlos angesichts der Tatsache, dass die Bevölkerung in der Ukraine täglich tiefer in eine Spirale der Gewalt gezogen wird. Es gibt diesen vergeblichen Wunsch, die Weltuhr gemeinsam ein Stück zurückzudrehen, um vielleicht doch noch zu verhindern, was bereits passiert ist. Der Krieg, der seit dem 24. Februar 2022 die gesamte Bevölkerung der Ukraine erfasst hat, findet in der Ostukraine bereits seit acht Jahren statt. Das Repertoire an Desinformation und Faktenverdrehung, durch das dieser Krieg legitimiert wird, hat sich Putin während seiner über 20-jährigen Regierungszeit angeeignet. Das Vorgehen der russischen Truppen gegen die Zivilbevölkerung hat eine Vorgeschichte – in den Kriegen in Syrien, Georgien, Tschetschenien, Afghanistan.

Vielleicht ist es hilfreich, ein Buch ukrainischer Autor*innen in die Hand zu nehmen. Nicht, um sich dem Schrecken der Gegenwart zu entziehen, sondern um diesen besser zu verstehen. Viele Schriftsteller*innen in der Ukraine erzählen in ihren Texten, wovon sonst kaum berichtet wird. Sie schreiben auch dann, wenn die mediale Aufmerksamkeit wieder nachgelassen hat. Gerade in diesen Tagen, in denen es so schwer fällt, Worte zu finden und sich zu äussern, tun es einige von ihnen doch. Viele ihrer Bücher sind übersetzt und es tut gut, sie zu lesen. Es tut gut, wenn sich in dieser aufgehitzten Zeit der lauten Slogans und eindeutigen Wahrheiten zwischen zwei Buchdeckeln ein vielstimmiger Raum öffnet. Ein Raum, in dem unterschiedliche Erfahrungen und Wahrnehmungen nebeneinander Platz finden.

Vielseitige und bedeutsame Stimmen gegen den Krieg gibt es auch unter den Schriftsteller*innen in Russland, wo der Krieg nicht mehr Krieg genannt werden darf. Beispielsweise Ljudmila Ulitzkaja, Lev Rubinstein und Vladimir Sorokin. Die Ukraine und Russland sind durch unzählige Familien- und Beziehungsgeschichten miteinander verwoben. Doch der Angriffskrieg der russischen Armee gegen die Ukraine hat eine Kluft zwischen die Menschen geschlagen, die wohl nicht wieder zu überbrücken ist. Wie jeder bewaffnete Konflikt ebnet auch dieser Krieg das Feld für allzu feste Zuschreibungen und Pauschalisierungen. Auch wir, die wir den Schrecken aus Entfernung betrachten, versuchen uns zu orientieren. Wenn die Ukrainer*innen auf der einen und die Russ*innen auf der anderen Seite stehen, mag es übersichtlicher wirken. Doch eine solche Schubladisierung ist mit Blick in die Zukunft nicht nur gefährlich, sie verdeckt auch klar das Wesen dieses Krieges. Die Übersetzerin Iryna Herasimovich betont, dass der Kampf gegen Putins Angriffs­krieg in der Ukraine, die oppositionellen Stimmen in Russland sowie der Widerstand in Belarus Glieder ein und derselben Kette sind.

So sieht es auch das Labyrinth. Wir möchten bewusst Autor*innen aus der Ukraine, aus Russland und aus Belarus berücksichtigen und haben in diesem Sinne eine Auswahl an Büchern zusammengestellt, die sich zu lesen lohnt. Die Auswahl ist nicht abgeschlossen. Wenn Sie von einem passenden Titel gehört oder ihn bereits gelesen haben, ergänzen wir unsere Auswahl gerne. Wenn Sie eine Solidaritätsveranstaltung rund um den Krieg gegen die Ukraine planen und gerne einen Büchertisch vor Ort hätten, nehmen Sie mit uns Kontakt auf.

Bild: „Nein zum Krieg!“; aus dem Telegramchat „Feminists against war“.

Zur Auswahl

Levin Westermann „farbe komma dunkel“

Für seinen 2019 erschienenen Gedichtband «bezüglich der schatten» erhielt Levin Westermann den Schweizer Literaturpreis 2021. «farbe komma dunkel» ist 2021 bei Matthes & Seitz erschienen: ein hundertseitiges Langgedicht in durchgängiger Kleinschreibung ohne Interpunktion. – Aber bitte lesen Sie diese Rezension dennoch weiter. Die einzelnen Sätze sind in ihre Kola unterteilt, und diese sind auf der Seite zentriert, so dass die einzelnen Wörter wirklich grosses Gewicht bekommen. Gegliedert ist das Ganze durch das tagaus-tagein markierende «und dann/geht die sonne wieder unter/und dann/geht die sonne wieder auf».

Dazwischen wird in Spurenelementen ein durchaus banaler Alltag auf dem Land geschildert: Ein lyrisches Ich sitzt in einem Wintergarten, hat ein Hüftproblem, kann deswegen nicht joggen, und beobachtet Schafe, Hühner, ein Pferd, einen Pfau, liest Zeitung, kriegt Weltschmerz und möchte schreien, macht sich Sorgen um den Verbleib einer Katze, reflektiert zwischendurch auf erinnerte, kursiv gestellte Zeilen aus Gedichten anderer. Die mangelnde körperliche Bewegung führt zu immer stärkeren Ohnmachtsgefühlen, «und der kopf ist ein wrack / weil bewegungslos / erstarrt […] und was mich rettet sind die bücher / ist die sprache und ihr klang».

Das klingt nach spröder, betroffenheitspflichtiger Lektüre – aber es liest sich unwiderstehlich leicht, entwickelt einen Sog, die Beobachtungen sind wunderbar genau und dabei schlicht, und das Ganze ist hochmusikalisch, fast alles wird eingeknüpft in ein Netz von Leitmotiven und durchzieht ein grosses Klagelied über die «reflexive Ohnmacht» (so hat der englische Kulturtheoretiker Mark Fisher das Gefühl bezeichnet, dass es in die falsche Richtung geht, aber kein Ausweg in Sicht ist, weil alles so verstrickt ist). Sämtliche Mittel sind so eingesetzt, dass der Eindruck von Authentizität entsteht – und grosse Kunst macht ja dann doch froh, auch wenn sie bitter schmeckt. Wenn man Passagen laut liest (das sollte man ja bei Gedichten immer probieren) und sich dabei dem Rhythmus überlässt, blitzt stellenweise auch Humor auf. Nichts ist hier monoton, alles treibt auf einen Umschlagspunkt zu, an dem sich auch der Titel einlöst. Und die Zitate sind fast durchgehend so eindrucksvoll, dass man Lust bekommt, den dreissig (!) verschiedenen Autor:innen (bis anhin kannte ich davon nur fünf) nachzuspüren und sie zu entdecken, wie zum Beispiel die famose Annie Dillard, von der auch das Motto stammt. Am Schluss des Buches sind sie alle aufgeführt.       

Der schöne Pappband ist solide fadengeheftet, was ich sehr mag, denn ich bin fasziniert, trage ihn oft auf mir und lese immer wieder darin – für mich ist dies das Buch der Stunde.

Levin Westermann „farbe komma dunkel“. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2021

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Kathrin Röggla „Ausreden“

Kathrin Röggla schreibt so, dass man sie laufend zitieren könnte und zu zitieren wünschte. Ihr Sprechen, Schreiben, Denken sprudelt, unablässig, in Einem fort. Denken/Ordnen sagt Perec. – Kontinuierlich weiterlesen, antwortet Rögglas Text, dann stellt sich Ordnung her.

Am Anfang war das Ausreden-Lassen, sein Medium war ein demokratischer Bus (7). Aber auch beim Ausreden-Lassen gibt es Hindernisse, die unterbrechen. Diese sind Kritik und Gegenargument. Doch bevor überhaupt ein Gegenüber sich mit seiner Gegenrede manifestiert, ist diese als innere Mehrsprachigkeit bereits manifest – und du selbst unterbrichst Deine Rede.

An einem andern Anfang hat sich beim Sprechen-Wollen ein Medium – der Computer – dazwischen geschoben, das dazu da ist, die Bedingung zu kommunizieren zu gewährleisten. Doch dann treten technische Pannen auf. Die Autorin, die Sprechende gerät mit ihm in Konflikt. Und muss sich mit dem Medium beschäftigen.

Aber eigentlich war am Anfang die Frage gestellt worden, was ‘mich [= Röggla] zum Schreiben bringe’. Die Frage endet mit der Erkenntnis, «dass eigentlich niemand etwas zu Ende formulieren kann.» (12) Gibt es überhaupt beim Kommunizieren ein Hören und Verstehen? Oder gibt es nur Kommunikationsstrategien?

Im Weiteren analysiert Kathrin Röggla das rechtsextreme Denken und dessen strategischen Umgang mit Sprache und zeigt auf, wie durch kontinuierliche einfache Rückfragen ein immer grösserer Anteil an Sprecheinheiten dazu gewonnen würde und mit diesen überhaupt Terrain gewonnen werde. Und zwar, indem ES (das rechtsextreme Denken) schliesslich Sprechen und schreiben verbietet resp. uniformiert. Dieser Kommunikation verweigert sich Die Literatur und begibt sich in den Status der Unterbrechung, im Bewusstsein, dass «noch die einfachste Form der Narration geprägt [ist] von der Abgründigkeit, dass alles anders sein könnte.» (44)

Kathrin Röggla: Ausreden. – Droschl Verlag, Wien 2022

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Franz Kafka / Guy Davenport „Die Aeroplane in Brescia“

Eine wunderbare – mehrfache – Stilstudie über ein frühes Event in der Geschichte der Aviatik. – Kafkas Text nimmt einen Zeitungsbericht zum Ausgangspunkt, Davenport’s Text hingegen denjenigen von Kafka, der Übersetzer-Kommentator übernimmt diesen Flugmodus und schreibt ein exquisites Stück ‘aviatische Literatur (-geschichte)’.

Kafkas Text hat zwei Anfänge. Der erste startet mit einem Zeitungsbericht, doch der Bericht ist nur Anlass, als Beobachter entlassen zu werden und selbst in das Geschehen aufzubrechen. Beim zweiten ist er in Brescia, am Ort des grossen Ereignisses angekommen und bricht auf zur abenteuerlichen Fahrt zum Flugfeld. «Eine künstliche Einöde ist hier geschaffen worden […].“ (13) Trotz des Gemenges an Besuchern und Fahrzeugen, trotz der Dichte an Situationen, Signalen, Bewegungen und Lärm scheint die Szenerie diese Leere aufgenommen zu haben und ohne Staffage auszukommen, ausser vielleicht den vorgelagerten  Hangars, «die mit ihren zusammengezogenen Vorhängen dastehen wie geschlossene Bühnen wandernder Komödianten.» (12) Diese eigentümliche Szenerie scheint selbst die Bedingung zu sein, dass sie, durch eine geheimnisvolle ‘union’ mit den Flugzeugen, selbst Teil des Flugs wird. So wie der Mensch Teil der Maschine ist, ist die Szenerie Teil der Bewegung. Wir befinden uns gleichsam in einer späten Ära des Futurismus.

Nichts anderes geschieht mit Kafkas Text im Weiterschreiben von Davenport. Er wird in mehreren Elementen aufgenommen, Kafka selbst zur Spielfigur. Damit gewinnt der Text von Davenport, aviatisch gesprochen, eine Höhe, die wohl dem Imaginären gebührt. Gemäss dem kongenialen Kommentar des Übersetzers überfliegt der Text von Davenport auch die Ereignisse, die auf Kafkas Text folgen. Im Zweiten Weltkrieg werden Flugzeuge und Flieger nicht zur staunenswerten Bewunderung der Bevölkerung eingesetzt, sondern zu vernichtenden Angriffen auf Städte. Der scheinbar gleichgültige Überflug hat vermutlich mit dem Land zu tun, «in dem man Zenos Bewegung verstehen konnte. Die monotone Gleichförmigkeit Italiens liess an die Einzelbilder eines Films denken», der eine andere «Kontinuität der Dinge» herstellt und gewährt, Bilder, die beiläufig und weit unten vorbeiziehen. (42,43,51)

Die Aeroplane in Brescia. – Engeler Verlag, Schupfart 2021

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Narthex – Die Philosophie der Apokalypse

«Narthex – Heft für radikales Denken» ist eine ein- bis zweimal im Jahr erscheinende philosophische Zeitschrift, herausgegeben von der HARP, der Halkyonischen Assoziation für Radikale Philosophie in Leipzig. Narthex ist das altgriechische Wort für den Riesenfenchel, der als ausgezeichneter Flammenträger galt und mit dem Prometheus der Sage nach das Feuer von den Göttern geraubt hat, um es den Menschen zu bringen.

Das aktuelle Heft widmet sich dem Begriff der Apokalypse und der Konjunktur, die er zurzeit hat.

Das Pathos der Radikalität wird durchaus eingelöst in den sechzehn Artikeln, die den Begriff einkreisen und ihn naturwisssenschaftlich (Klimawandel), kulturwissenschaftlich, philosophisch wie auch theologisch – aus Sicht des Christentums und auch des Islam – beleuchten. Die Artikel sind nicht zu lang, prägnant und präzise geschrieben und informieren substanziell. Das Heft ist ansprechend und zugleich seriös gestaltet, mit einer klaren Trennung von Abbildungen und Text, was den hochwertigen Bildern sehr zugute kommt. Das Ganze ist weit entfernt von der so verbreiteten Häppchenkultur. Das Labyrinth ist eine von zwei Verkaufsstellen in der Schweiz.

Der nachfolgende Link führt auf die Webseite der HARP und bietet weitere Informationen: 

Lettre International

Nr. 135: Politische Korrektheit, Zensur und Boykott

LI ist immer zu empfehlen. Im zuletzt erschienen Heft möchte ich auf den Aufsatz von Marcus Quent aufmerksam machen, der das Verhältnis Jugend und Philosophie reflektiert. Er geht von Adorno aus, der die Philosophie als eine «Sache der Jugend» bezeichnet hat. Sicher können dabei Widerstand und Abstand zum Bestehenden, Gegebenen angeführt werden, doch vielmehr geht es Adorno darum, dass diese a priori vorausgesetzt sind. Das Denken markiert in seiner kritischen Stossrichtung eine «ursprüngliche Distanz», indem es «über die Wirklichkeit, wie sie ist, hinausschiesst». Mit dem Überschuss des Gedankens hört der Mensch nicht auf sich zu revoltieren. Und er bewahrt den Elan, sich nicht zu resignieren, aus dem Abstand, den das Denken schafft. Dieser Satz formt einen Chiasmus. Derselbe Elan kann von zwei verschiedenen Standpunkten beansprucht werden. Sowohl der alte Weise wie der jugendliche Revoltierer gehen von einem Abstand zum Ist-Zustand aus. «Was ist, ist mehr, als was es ist» wird dadurch relativiert – der Verdacht kommt auf, es bestehe zwischen den beiden (Alter und Jugend) eine Komplizenschaft – und zugleich hat die Philosophie aus diesem Mehr ihr Axiom geformt.

Umberto Eco «Verschwörungen – Eine Suche nach Mustern»

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Die Aufsätze, die die vorliegende Ausgabe versammelt, sind bereits in anderen Büchern von Eco publiziert. Sie wurden hier aus aktuellem Anlass und leicht überarbeitet neu zusammengestellt. Sie bilden zudem ein Grundthema für sein Werk.

Eine Suche nach Mustern für die Erklärung eines ungreifbaren Phänomens will nicht den Schlüssel geben, eine scheinbar unwiderlegbare Behauptung zu dementieren, sondern im aufgeklärten Sinn eine Erklärung finden, die dazu beiträgt, das ungreifbare Phänomen auf regelrechte Distanz zu halten – also mindestens auf eine Säbellänge.

Dazu nimmt Eco einerseits Karl Popper’s Überlegungen zum Verschwörungssyndrom, andererseits ein literatur- und erkenntnistheoretisches Experiment zum Verhältnis Faktisch – Fiktional, Wahrheit – Falschheit, Realität – Lüge zu Hilfe.

Das Experiment zeigt eine spannende und zugleich gefährliche Vermengung von Faktischem und Fiktionalem, die auch keinem Logiker erlaubt zu verneinen, dass eine Tatsache existiert resp. eine Aussage wahr sei. (S.58) Es gibt also eine Art negativer Seinsanspruch, der zu erschreckenden Realitäten führen kann resp. schon geführt hat («Protokolle der Weisen von Zion»).

Popper leitet aus der Sozialgeschichte her, dass Verschwörungstheorien «ein typisches Ergebnis der Verweltlichung eines religiösen Aberglaubens» sind und vor allem dann mächtig werden, «wenn Menschen an die Macht kommen, die an die Verschwörungstheorie glauben.» (S. 12,13)

Eco ist ein zu leidenschaftlicher Romanautor UND Wissenschaftler, um nicht selbst mit solchen Instrumenten umzugehen und Texte herzustellen/herstellen zu lassen («Wie ich Umberto Eco umgebracht habe»), die mit diesem faktisch-fiktionalen Konstrukt spielen. Schliesslich hilft gerade das Spiel, «in die Erfahrung der Gegenwart wie der Vergangenheit eine Ordnung zu bringen.» (S.56)