Chris Kraus „Aliens & Anorexie“

Aliens & Anorexie, Chris Kraus, Matthes & Seitz Verlag Berlin 2021

Eine Rezension von Chaim Howald:

Eine Frau begibt sich in Mitten eines psychedelischen Strudels von Zitaten auf die Suche nach Menschlichkeit und Weiblichkeit, nach weiblicher Identität in Kunst und Gesellschaft, sowie künstlerischer Identität. In ihrem Innersten zerrüttet durch Liebe und Unterwerfung, Entgrenzung und Entfremdung bleiben zuletzt existentielle Fragen nach der Abhängigkeit von Körperlichkeit und Geist.

«Eigentlich ist alles schon einmal gesagt worden (…)» wird die Frau oft auch zitiert, mit deren verfremdeten Aussagen es der Autorin bereits auf den ersten Seiten gelingt, mich aus der Reserve zu locken. Im Vertrauen darauf, wie viel davon sie sich zu eigen machen kann, erscheint dieses Buch als eine augenzwinkernde Reaktion, frei nach Kirby Ferguson (Everything is a Remix): «Kreativität ist nicht Magie. Sie passiert dann, wenn gewöhnliche Instrumente der Reflektion auf Bestehendes angewandt werden. Die Grundoperationen der Kreativität sind: Zitieren [Kopieren], Transformieren und Kombinieren.»

Mit diesen Werkzeugen nähert Kraus sich hier drei Frauen und ihren Körpern über ihr Verhalten und ihre Sozialisierung. Sie zeigt auf wie politisch das Private auch heute noch ist und mokiert sich gleichzeitig en-passant über beinahe jeden klassischen Erklärungsansatz für irgendetwas. Dabei streut sie punktgenau, vorerst zufällig – ja bisweilen absurd – zusammengestellt Zitate von Form und Inhalt ein. So kann mich kaum erstaunen, dass ich das vierte «Sample» der eingangs erwähnten Frau, Ulrike Meinhof, innerlich plötzlich mit der Stimme des MCs der Gruppe Freundeskreis lese und mich der Refrain ihres 1997er Titels «Cross the Tracks» während der weiteren Lektüre nicht mehr loslassen will. In meinem Kopf findet ein multimedialer Remix statt – und es zeichnet sich bereits eine der ganz grossen Stärken dieser Chimaira eines zumindest vordergründig stark autobiographisch angehauchten, psychologisierenden, feministischen Essay-Brief-Romans ab: Die völlige in Besitznahme meiner Gedankenwelt mittels gezielter Reizüberflutung.

So wird durch die – anfangs verwirrende und durchaus immer wieder etwas anstrengende, stets aber stringente – Verflechtung der verschiedenen Erzählebenen und ihrer jeweiligen dazu gehörenden -techniken fassbar gemacht, was Worte in der Regel kaum zu transportieren vermögen: Das Psychedelische.

Die Rahmenhandlung begleitet Chris Kraus beim Scheitern als Filmvermarkterin, als Regisseurin, in ihrer Beziehung, in erratisch – unerfüllter lesbischer Liebe und weit darüber hinaus – in etwas, was aber nicht so sehr ein Strudel in den Abgrund, als einer in die völlige Selbstentfremdung ist, an dessen Ende Unmengen der Erkenntnis zu warten scheinen.

Mit dieser Selbstentfremdung als Grundlage wird schliesslich der dritte und letzte Strang bearbeitet: Das Leben, Wirken und Verhungern der Simone Weil. Wie bereits zuvor wird auch hier durch einen unglaublichen Detailreichtum ein sehr plastisches Bild der Porträtierten geschaffen – nur wird dieses umgehend mit z.T. gewagten Thesen dekonstruiert und anschliessend das Aufstellen solcher Thesen generell in Frage gestellt.

All dies hat sicherlich das Potential grandios im Chaos unterzugehen. Wenn es das nicht tut, ist dies drei Faktoren zu verdanken: Dem immensen Wissens der Autorin, ihrem Mut, scheinbar Unpassendes zu einer Komposition zu arrangieren und einer gehörigen Portion Chutzpe, Fachpersonen so verschiedener Disziplinen, wie Kunstgeschichte, Philosophie, Psychologie und Medizin einen Teil ihrer Expertise abzusprechen, dies mit einem anarchisch-feministischen Argument zu begründen und gleichzeitig mit dem Feminismus dasselbe zu tun – selbstverständlich (oder zumindest hoffentlich…) mit einem grossen Augenzwinkern.

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