Ibrahima Balde, Amets Arzallus „Kleiner Bruder“

Ibrahima Balde, Amets Arzallus: Kleiner Bruder. Die Geschichte meiner Suche. Suhrkamp Verlag Berlin 2021.

Eine Rezension von Rahel Locher aus der Wochenzeitung WOZ

Reise gelungen, Suche missglückt

Nach zwei Monaten in der libyschen Hafenstadt Sabrata hat Ibrahima noch immer keine Spur seines kleinen Bruders Alhassane gefunden. Niemand scheint diesen im Lager von Baba Hassan gesehen zu haben. Dabei hatte Alhassane beim letzten Telefongespräch erzählt, er warte dort auf die Gelegenheit, das Meer zu überqueren. Baba Hassan ist eines der Flüchtlingslager an der libyschen Küste, wo Hunderte Menschen darauf warten, ein «Programm» zu kaufen – die riskante Überfahrt im Schlauchboot auf die 300 Kilometer entfernte italienische Insel Lampedusa.

Ibrahima hat innerlich bereits aufgegeben, als er auf dem Rückweg von der Moschee die Wahrheit erfährt, die ihm lange niemand zu sagen wagte: Alhassane hat «naufrage» erlitten – das überfüllte Boot ist auf dem Meer gekentert. Zurück im Lager legt sich Ibrahima auf ein paar Kartons, schlägt erst auf sie ein – und beginnt dann, die schreckliche Nachricht anzuzweifeln. 144 Menschen seien an Bord gewesen. Aber das kann nicht sein, so viele Menschen passen auf kein Schlauchboot. Doch als er nachfragt, heisst es: «In Libyen passen auch 180 Menschen auf ein Schlauchboot, ça c’est tout à fait normal.»

Lieber nicht im Dunkeln erzählen

Im Buch «Kleiner Bruder» erzählt der 1994 im westafrikanischen Guinea geborene Ibrahima Balde seine Lebensgeschichte. Er beschreibt das Aufwachsen in Guinea, wie er sich nach dem Tod des Vaters als ältestes männliches Familienmitglied verantwortlich für den Bruder fühlt, selbst aber nicht im Dorf bleiben kann und deswegen von Alhassanes Aufbruch erst einige Wochen später erfährt. Im Hauptteil des Buchs schildert er die Erlebnisse an den verschiedenen Stationen auf der Route über Mali und Algerien nach Libyen und benennt in einer einfachen, direkten Sprache den Schrecken einer Reise, die so viele junge Menschen aus Westafrika auf sich nehmen. Wenige Zeilen deuten auf das Leben in Europa hin, wo Ibrahima landet, obwohl er lieber in Guinea als Lkw-Fahrer arbeiten würde.

Bei besonders schlimmen Erfahrungen spricht Ibrahima Balde das Gegenüber direkt mit «du» an. Er richtet sich damit an den baskischen Dichter Amets Arzallus, der seine Erzählung in kurzen, prägnanten Sätzen niedergeschrieben hat und dabei nahe an der gesprochenen Sprache geblieben ist. Balde begegnet Arzallus in der baskischen Kleinstadt Irun, wo er schliesslich einen Asylantrag stellt. Durch das Du gewinnt die Erzählung an Unmittelbarkeit, als sässe man selbst neben Balde und hörte seine berührende Geschichte. Etwa, wie er in Libyen in die Fänge eines Menschenhändlers gerät: «Dann hob er seine Guba und zeigte mir die Kalaschnikow. Ja, genau so. Die Guba ist eine lange Weste, die Männer tragen sie. Was eine Kalaschnikow ist, weisst du ja.»

Was danach geschieht, davon möchte Ibrahima lieber nicht im Dunkeln erzählen: «Du bist jetzt hier und hörst zu, aber ich bin dort, es steckt in meinem Körper, und wenn ich davon rede, erlebe ich alles noch einmal.» Ein wichtiges Thema in «Kleiner Bruder»: Wie umgehen mit der erfahrenen Gewalt, den erlebten Schmerzen, den auf dem Weg zurückgelassenen Toten? Wie mit den Jahren in Ländern, wo das eigene Leben nichts wert ist? Wie weiterleben mit der Gewissheit, dass Alhassane ertrunken ist? So wie es Ibrahima selbst eine Zeit lang nicht mehr kümmert, ob er in Libyen mit einer Kalaschnikow erschossen wird, begegnet er auf der ganzen Fluchtroute Menschen, die aufgegeben haben; die zum Beispiel in den Wäldern an der marokkanischen Küste beim Warten auf ein «Programm» zwar vor der Polizei, aber nicht vor ihrer eigenen Geschichte davonlaufen können. Eine Geschichte, über die sie nicht sprechen, die aber in ihren Augen zu erahnen ist.

Etwas Neues in den Schrank stellen

Ibrahima selbst gelingt es mit der Unterstützung eines Freundes, wieder etwas Lebensmut zu schöpfen. Gemeinsam schleppen sie in Libyen Ziegel, bis Ibrahima nach Algerien zurückkehrt. Die Veränderung ist unübersehbar: Die Zeit in Libyen hat den gesprächigen und humorvollen Ibrahima verstummen lassen; frühere Bekannte erklären ihn für verrückt. Lange dauert es, bis er mehr Boden unter den Füssen findet – und schliesslich in Irun sein erschütterndes Zeugnis ablegt.

Auch dort beschäftigen ihn die furchtbaren Bilder und Erfahrungen. «Der Kopf ist wie ein Schrank, und um etwas aus dem Schrank herauszuholen, musst du eine andere Sache hineinstellen. Aber ich mache nichts, während sie hier über mein Asyl entscheiden.» Ibrahima wird daran gehindert, sich eine Zukunft zu erschliessen, und verharrt in erzwungener Untätigkeit. Diese teilt er mit vielen anderen Geflüchteten in Europa, deren Asylprozesse sich über Jahre hinziehen, ohne dass sie die Möglichkeit hätten, zu arbeiten, zu lernen, an der Gesellschaft teilzuhaben – und so auch einfacher über das Erlittene hinwegzukommen. Ibrahima klagt nicht an, aber er findet klare, kraftvolle Worte, um die entwürdigenden und oft tödlichen Bedingungen aufzuzeigen, denen Schutzsuchende ausgesetzt sind – Bedingungen, die gerade im Fall Libyen von der europäischen Migrationspolitik mitkreiert werden.