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Labyrinth

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Kenah Cusanit: Senatore Cappelli

von Ralf Neubauer

Ein weizenblondes Minibuch im Reclamformat aus der Reihe Naturkunden von Matthes & Seitz. Denn zunächst geht es um Weizenunverträglichkeiten: „Gegen Weizen sind viele Menschen allergisch, gegen Dinkel offenbar nicht. Obwohl die Inhaltsstoffe, aus denen Weizen besteht, mit den Inhaltsstoffen, aus denen Dinkel besteht, nahezu übereinstimmen. Wie kann das sein? Das kann doch eigentlich nicht sein.“ (4)

Diesem Widerspruch wird nachgegangen, und das Thema wird seziert anhand eines Papiers des deutschen Bundesinstituts für Risikoforschung (BfR), dessen bodenlose Schlampigkeit offengelegt wird.

Das ist aber erst der Auftakt zu einem von Italiensehnsucht durchtränkten Bewusstseinsstrom, dazu, schreibend „möglichst schnell wieder über die Alpen zu gelangen“, voller – wörtlich zu nehmender – Anhaltspunkte und Umschwünge. Es gibt einen Spaziergang durchs Zentrum Roms, Filmbilder werden erinnert, Weisheiten eines anscheinend tatsächlich weisen Großvaters blitzen auf, der Getreidekontext verzweigt sich ins Physiologisch-Medizinische, bis hinein in überraschende Perspektiven auf Architektur, Mythologie und Religion. Weitere Motive kommen aus einer großen Aufmerksamkeit für Sprache – und für deren Erosion, etwa wenn historische Listen von Weizensortennamen in Italien und Deutschland aussagekräftig nebeneinandergestellt werden.

Überhaupt –– diese souveräne Sprache, diese raffinierte Konstruktion! Sie verwebt und verstrebt das alles zu einem gültig zusammenhängenden Ganzen, ist tiefschürfend und dabei leichtfüssig, persönlich und dabei nicht privat, in langen raumgreifenden Sätzen, die eine wissenschaftliche Faktenlage konzis zusammenfassen; im knappen Kommentieren der eigenen Erkenntnisinteressen; im treffenden Detail.

„Offenbar hat das Ausmaß der gebrochenen Dimension oder der Grad der fraktalen Komplexität etwas mit dem Grad der Lebendigkeit zu tun.“ (34) Dieser Satz über das menschliche Herz, gegen Ende des Textes, lässt sich auch lesen als die konstruktive Maxime, der dieser Essay folgt. Wenn man sich seinem Schwung überlässt und einfach erst einmal über Stock und Stein liest, ist alles abenteuerlich unübersichtlich, wie in einem Wimmelbild; aber beim Umdrehen der Steine und Stöcke treten faszinierende Dinge hervor. Und weil dieses kurze Stück großer Literatur – 38 Seiten mit vielen Bildern – so lebendig ist, senkt es sich besonders eindrucksvoll ein in den Bewusstseinsstrom der Leser*in.

Kenah Cusanit hat Archäologie, Afrikanistik, Ethnologie und altorientalische Philologie studiert und als Wissenschaftsjournalistin gearbeitet. Für Senatore Cappelli erhielt sie den Deutschen Preis für Nature Writing vom Verlag Matthes & Seitz Berlin in Kooperation mit dem deutschen Umweltbundesamt und der Stiftung Kunst und Natur. Die Jury schrieb: „Ein temporeicher, ganz und gar gegenwärtiger Text, der die Grenzen dessen, was Nature Writing sein kann, auf staunenswerte Weise erweitert.“ (Wikipedia)

Im 2019 hat Kenah Cusanit einen Roman veröffentlicht, Babel, der ebenfalls große Literatur ist.

Kenah Cusanit: Senatore Capelli, hrsg. von Judith Schalansky, Matthes & Seitz 2025.

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