Warum sollte uns das Gespenst der Anarchie nicht erschrecken, sondern befreien? Die renommierte italienische Philosophin Donatella Di Cesare deckt einen jahrhundertealten blinden Fleck auf: Die Demokratie ist mit der Anarchie durch ein unauflösliches Band verbunden. In Zeiten autoritärer Wenden, in denen Demokratie durch Abschottung verteidigt werden soll, blickt sie zurück zu den griechischen Ursprüngen der Polis: »Weder befehlen noch befohlen werden« ist das Siegel der Demokratie, die Fahne der anarchischen Freiheit.
Matthes&Seitz 2026
Und aus gegenwärtigem Anlass:
„Heute erleben wir zunehmend eine Politik der Homogenisierung. Partizipation nimmt ab, während die Logik der Zugehörigkeit immer stärker wird. Demokratie wird oft nur noch als Identität verstanden: als Zugehörigkeit zu einem angeblich homogenen Volk, das sich kulturell, national oder sogar ethnisch definiert. In diesem Kontext erscheint jede innere Differenz sofort als Bedrohung. Dissens gilt nicht mehr als demokratische Kraft, sondern als Gefahr für die Ordnung.“ (Di Cesae im Interview. Philosophie Magazin 29.05)

